BIOGRAFIE eines Reisenden

158 verschiedene Länder wurden über 1800 x bereist!


Mit der MS HANSEATIC für viele Wochen und Monate in der ANTARKTIS

DIESE GESCHICHTE – IST MEINE GESCHICHTE

DIE MEIN KOMPLETT SPÄTERES LEBEN VERÄNDERN SOLLTE 

UND SIE BEGINNT AM 

5. OKTOBER 1994 

IN EINER GRAZER SEITENGASSE

 

MS. HANSEATIC

121 TAGE


5.10.1994 - GRAZ

Auf dem Weg zum Hofkeller auf einer Straße in Graz, erfuhr ich von Herrn Springer, dem Küchenchef, der immer wieder für Hanseatic Cruise tätig war, von einer aufregenden Möglichkeit. Ganz beiläufig, fast wie eine kleine Nachricht unter Freunden, informierte er mich, dass auf der Hanseatic dringend ein Maitre-d gesucht wurde. Ohne zu zögern, fügte er hinzu: „Du wärst der Richtige dafür.“ Diese Worte klangen wie eine unumstößliche Wahrheit, die sofort meine Aufmerksamkeit fesselte. Mehr…

​HIER NOCH EINE KURZE ANFANGSBESCHREIBUNG DER MS HANSEATIC: 

Im zweiten Jahr nach der Indienststellung präsentiert Hanseatic ein Kreuzfahrtkonzept für den anspruchsvollen Reisenden von heute.

Großzügiger Komfort und persönlicher Service prägen die Atmosphäre an Bord der Hanseatic und schaffen ein Gefühl der Behaglichkeit.

Eine Erfahre deutsche Schiffsleitung und modernste Technologie ermöglichen faszinierende, zum Teil völlig neu ausgearbeitete Routen.

Entwickelt wurde die Hanseatic auf der renomierten finnischen Rauma Werft, die bekannt ist für den Bau besonders leistungsfähiger Schiffe. Die Erkenntnisse und Erfahrungen weltweit führender Veranstalter von Kreuzfahrten wurden bei der Konzeption umgesetzt – unaufdringliche Elegants verbindet sich mit gediegenem Ambiente und fortschrittlicher Bauweise zu einem Schiff der Extraklasse.

RUNDGANG AUF DER HANSEATIC

Die Hanseatic liegt im zunehmend beliebter werdenden Trend zum Reisen im kleinen Kreis – exklusiv, persönlich, individuell, mit selten mehr wie 150 Gästen an Bord. Warmes Holz, viel Licht und Messing in Kombination mit harmonisch abgestimmten Farben.

Das Hotelpersonal kommt aus aller Herren Länder, unaufdringlich und zuvorkommend werden sie verwöhnt. Dem hohen Servicestandard entsprechend sind die Trinkgelder gleich im Reisepreis eingeschlossen.

Im Elegantem Restaurant mit Panoramafenstern, in dem sie ihren Platz und die Zeit, zu der sie Speisen wünschen selbst bestimmen, trifft man sich am Abend zum niveauvollen Dinner. Anschliessend erwartet sie in der Explorer Lounge Musik und ein zwar kleines aber anspruchsvolles Unterhaltungsprogramm.

Alternativ bietet die Observations Lounge kultiviertes Ambiente und einen kaum zu übertreffenden Rundumblick.

Während des Tages erwartet sie in der Columbus Lounge Frühstück und Mittagsbuffet in ungezwungener Atmosphäre. Aktive Betätigungsmöglichkeiten finden sie im großzügig gestalteten Fitneßzentrum mit Sauna, Massage, Whirlpool, sowie auf dem Sonnendeck mit Aussenpool. Die Umfangreiche Bibliothek sowie ein technisch hervorragend ausgestatteter Vortragsraum ergänzen das Angebot ebenso wie Boutique und Friseursalon, eigenes Spielfilmprogramm und selbstverständlich ein Hospital – nichts fehlt, was sie auf der Hanseatic erwarten dürfen.

Damals kostete der Tag an Bord ca. ÖS 100.000!

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Die Position des Maitre-d auf der Hanseatic war weit mehr als nur ein Job – sie war die absolut rechte Hand des Hotelmanagers. Ein hoher Posten, der nicht nur Verantwortung trug, sondern auch eine Schlüsselrolle im täglichen Betrieb an Bord spielte. Der Maitre-d war derjenige, der die Gästeerfahrung maßgeblich prägte und dafür sorgte, dass der Service reibungslos und auf höchstem Niveau ablief. Es war eine Rolle, die ein perfektes Zusammenspiel von Führung, Aufmerksamkeit und Organisation erforderte.

Herr Springer, der die Hanseatic bestens kannte, hatte keinerlei Zweifel an meiner Eignung für diese Herausforderung. Für ihn war es klar: Diese Position war wie geschaffen für mich. Ein großes Kompliment, das mich nachdenklich stimmte und die Tür zu einer neuen, spannenden beruflichen Reise öffnete.

8.10.1994 - LEIBNITZ        

Heute führte ich mein erstes Telefonat mit Hanseatic Cruise in Hamburg, genauer gesagt mit Herrn Bernsteiner. Bereits drei Tage später fand ich mich in der Hansestadt zu einem Vorstellungsgespräch ein. Schon bei meiner Ankunft spürte ich, dass es sich um eine besondere Gelegenheit handelte. Wie ich vor Ort erfuhr, hatten sich bereits drei andere Bewerber für diese Position vorgestellt – eine Konkurrenzsituation, die ich nicht unterschätzte.

Das Gespräch verlief, aus meiner Sicht, ausgezeichnet, obwohl ich keinerlei Erfahrung im Bereich der Schifffahrt vorzuweisen hatte. Was jedoch für mich sprach, war mein außergewöhnlich erfolgreicher beruflicher Werdegang, der mich bereits in der Hotelbranche zu einer festen Größe gemacht hatte.

In diesem Moment war ich von einer Selbstsicherheit erfüllt, die aus tiefster Überzeugung resultierte: Ich wusste, dass ich zu den Besten meiner Branche gehörte. Diese Überzeugung ließ ich auch gegenüber Herrn Bernsteiner keinen Moment lang unklar. Mit Nachdruck erklärte ich ihm, dass meine Motivation, ein Schiff zu betreten, keineswegs in der bloßen Aussicht bestand, die Welt zu bereisen. Vielmehr ging es mir darum, der Welt zu zeigen, dass ich in der Hotelindustrie zur absoluten Elite gehöre.

Dieser innere Antrieb, meine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen und neue Maßstäbe zu setzen, war es, der mich beflügelte und jede Herausforderung willkommen hieß.

10.10.1994 - OBERVOGAU

Heute kam endlich die lang ersehnte Nachricht aus Hamburg: Ich werde der neue Maître d’ auf der Hanseatic, dem exklusivsten 5-Sterne-Schiff der Welt. Dieses legendäre Schiff, das die entlegensten Winkel unseres Planeten bereist, ist nicht nur ein Meisterwerk der Schifffahrt, sondern auch ein Synonym für Luxus und Exklusivität. An Bord geht es nicht nur um erstklassigen Service, sondern um eine einzigartige Erfahrung für eine Klientel, die ausschließlich aus Multimillionären besteht.

Die Vorstellung, auf diesem außergewöhnlichen Schiff zu arbeiten, erfüllt mich mit Stolz – und zugleich mit Ehrfurcht. Es ist nicht nur eine berufliche Herausforderung, sondern eine Gelegenheit, mich auf höchstem Niveau zu beweisen. Die Verantwortung, die mit dieser Position einhergeht, ist enorm. Als Maître d’ wird es meine Aufgabe sein, den Gästen ein Erlebnis zu bieten, das ihre Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern übertrifft.

Es ist eine Ehre, diese Aufgabe zu übernehmen, und ich bin mehr als bereit, die Herausforderungen anzunehmen, die sich mir bieten. Dieses neue Kapitel verspricht nicht nur berufliche Erfüllung, sondern auch eine Reise in eine Welt des Luxus, die ich so bisher nur erträumt habe.

18.10.1994 - OBERVOGAU           

Nach einigem Hin und Her kam heute der Vorvertrag von Hanseatic Cruises – endlich! Damit ist alles fixiert und besiegelt: Ich werde Österreich verlassen, um ein neues Kapitel meines Lebens zu beginnen. Es fühlt sich an wie ein Aufbruch ins Ungewisse, aber zugleich wie die Verwirklichung eines Traums.

20.10.1994 - OBERVOGAU

Der heutige Tag war emotional aufwühlend. Meine damalige Freundin war schockiert, als sie von meinem baldigen Aufbruch erfuhr, und brach in Tränen aus. Die Überraschung war groß, vielleicht zu groß, um die Situation in diesem Moment verarbeiten zu können. Besonders schwer fiel mir der Abschied von meinem treuen. Rauhaardackel Sammy, der momentan sehr krank ist. Ich hoffe inständig, dass er sich erholt und ohne mich klarkommt.

21.10.1994 – ERSTE REISE: MIAMI / CARACAS  

Um 10:00 Uhr morgens saßen wir in der Nähe des Hard Rock Cafés an der Pier, viele Stunden wartend wir, ein kleiner Teil der neuen Crew wie Sünder auf Erlösung. Die Spannung lag in der Luft, und dann war er da: ein kleiner Punkt am Horizont, der immer größer wurde. Schließlich schob sich die stolze Silhouette der Hanseatic in den Hafen von Miami – ein majestätischer Anblick, der mich in seinen Bann zog. Doch auch die Hanseatic hatte Verspätung, was den hektischen Start meiner ersten Reise nur noch chaotischer machte.

Während um mich herum Kollegen ihre Bekannten und Freunde auf dem Schiff erkannten und sich freudig zuwinkten, stand ich allein an der Pier. Kein vertrautes Gesicht, niemand, der auf mich wartete. Dennoch war der Moment, als die Gangway das erste Mal für mich heruntergelassen wurde, ein historischer Augenblick in meinem Leben.

Kaum an Bord, herrschte sofort geschäftige Hektik. Irgendjemand nahm mir meinen Koffer ab und rief nur: „Den findest du später irgendwo!“ Ungefähr 30 Leute stellten sich mir vor, einer nach dem anderen, bis ich kaum noch wusste, wie mir geschah. Noch bevor ich meine Eindrücke sortieren konnte, fuhr ein Sattelschlepper vor. Man warf mir einen Blaumann zu und erklärte, dass wir stundenlang einen Container entladen mussten. Verschwitzt und erschöpft erhielt ich vorerst eine Ersatzkabine – bescheiden, aber ausreichend und der Koffer war auch da.

Dann lernte ich Kerstin kennen, die derzeitige Maître d’ an Bord. Sie machte von Anfang an einen strengen, beinahe militärischen Eindruck. Ich spürte sofort, dass das Leben an Bord Disziplin und Durchhaltevermögen fordern würde.

22.10.1994 – CAYO LEVANTADO / DOMINIKANISCHE REPUBLIK

Um 7:00 Uhr morgens wurde ich aus dem Schlaf gerissen – der Weckruf hallte durch die Kabine: „Stand Up!“ Der Tag begann, und draußen prasselte der Regen unaufhörlich gegen die Fenster. Die tropischen, warmen Winde und die Sonne, die man sich auf einer Karibikinsel erhoffte, waren heute einfach nicht da. Stattdessen verbrachte ich den ganzen Tag drinnen, ohne auch nur einen Schritt an die frische Luft zu setzen. Ich tauchte tief in intensive Schulungen ein, die weit mehr forderten, als ich mir je vorgestellt hatte.

Das Leben als Maître d’ auf einem Schiff war eine völlig andere Welt, als ich sie mir aus meiner Erfahrung als Maitre im Hotel vorstellte. Hier war ich nicht einfach ein „Chef“, der das Service-Team koordinierte und auf das Wohl der Gäste achtete. Nein, ich war der Dirigent eines riesigen Orchesters, das aus einer Vielzahl von kleinen, spezialisierten Teams bestand – von den Kellnern bis hin zu den Küche- und Rezeptionsteams. Jedes Team hatte seine eigene Rolle, seine eigene Verantwortung. Doch alle mussten wir zusammenarbeiten, wie die Zahnräder eines fein abgestimmten Uhrwerks. Und als Maître d’ lag die Verantwortung, dieses System am Laufen zu halten, jetzt in meinen Händen.

Es war eine enorme Herausforderung, aber auch eine unglaubliche Chance. Die letzten Stunden und die intensiven Schulungen brachten mir viel mehr bei, als ich mir erhofft hatte. Hier, an diesem Ort, lernte ich, was es wirklich bedeutet, Verantwortung zu tragen und wie man auf einem so komplexen und dynamischen Schiff sicherstellt, dass alles reibungslos funktioniert.

24.10.1994 – VIRGIN GORDA / BRITISCHE JUNGFRAUENINSELN

 Der Morgen begann wieder um 7:00 Uhr mit dem Weckruf. Kurz darauf gab es neue Anweisungen am Computer – keine Minute war ungenutzt. Am Vormittag kreuzten wir durch die Sir Francis Drake Passage, eine atemberaubende Szenerie, die meine Gedanken für einen Moment abschweifen ließ.

Zum Lunch war heute jeder Steward besonders eifrig, denn alle wollten so schnell wie möglich fertig werden. Wir ankerten in einer kleinen Bucht bei Virgin Gorda, umgeben von unzähligen Inselchen mit schneeweißen Stränden – eine Kulisse wie aus einem Traum.

Nur zwei Stewards blieben an Bord, während der Rest an Land ging. Auch ich nutzte die Gelegenheit für meinen allerersten Landausflug. Ich tauchte in die karibischen Gewässer ein, während die Hanseatic majestätisch im Hintergrund lag. Der Moment war magisch, und ich fühlte mich überwältigt von der Schönheit dieser Szene.

In diesem Augenblick wurde mir klar, dass ich die richtige Entscheidung getroffen hatte, ein Leben auf dem Meer zu beginnen. Jeder Zweifel wich einer tiefen Zufriedenheit und einer Vorfreude auf das, was noch kommen würde.

25.10.1994 – BASSETERRE / ST. KITTS

 Heute begrüßte uns die Karibik von ihrer schönsten Seite: strahlender Sonnenschein, azurblauer Himmel und eine leichte Brise, die durch mein Bürofenster wehte. Der Blick auf die Pier und unsere Gangway war wie aus einem Reisemagazin. Vor dem Schiff spielte eine karibische Band lebhafte Rhythmen, während T-Shirt-Händler und Souvenirverkäufer ihre Stände aufbauten. Acht Stunden lang beobachtete ich fasziniert dieses bunte Treiben, während die Welt an der Hanseatic vorbeizog.

Am Vormittag war ich mit den Sitzplänen der Gäste beschäftigt – eine Aufgabe, die mehr Fingerspitzengefühl erforderte, als man denken würde. Die richtige Balance zwischen Vorlieben, Abneigungen und gelegentlich absurden Sonderwünschen zu finden, war beinahe eine Kunst. Anschließend schrieb ich mein erstes Crewzeugnis, eine kleine, aber bedeutsame Aufgabe.

Um 15:30 Uhr gönnte ich mir eine Stunde Landgang. Direkt vor dem Schiff entdeckte ich eine Telefonzelle und wollte zuhause anrufen, doch leider war keine Verbindung nach Österreich möglich. Nach einigen Versuchen erreichte ich schließlich meine Eltern. Ihre Stimme zu hören, rührte mich zutiefst, besonders als ich erfuhr, wie schlecht es Sammy meinem Hund ging. Die Sorge um meinen treuen Begleiter zerrte an meinen Nerven. 

Nach dem Telefonat entschloss ich mich, meinen Kopf freizubekommen, und marschierte etwa fünf Kilometer entlang der Bucht bis hinein nach Basseterre. Die Stadt war eine charmante Mischung aus britischem Kolonialstil und karibischem Flair. Rosa gestrichene Häuser, gepflegte Straßen und eine entspannte Atmosphäre prägten das Bild. Sehenswert war es, doch nichts, das mich nachhaltig beeindruckte. In einer kleinen Kneipe gönnte ich mir ein Bier – allerdings zu einem stolzen Preis von 65 Schilling. Die Karibik war also nicht nur paradiesisch, sondern auch teuer.

Am Abend kehrte der gewohnte Arbeitsrhythmus zurück. Die Gäste an Bord waren eine Herausforderung für sich. Eine Dame beschwerte sich wiederholt, dass ihr Steak nicht „englisch“ genug sei, obwohl es jedes Mal perfekt zubereitet war. Eine andere kam mit einem detaillierten Diätplan für die nächsten Tage, akribisch in sieben Sprachen verfasst – eine Demonstration ihrer weltgewandten Ansprüche.

Dann war da noch der „nette“ Doktor, der uns im Voraus ein Fax geschickt hatte. Darin forderte er, nicht mit „Doofmännern“ an einem Tisch sitzen zu müssen. Als ob wir die Gäste vorab einem IQ-Test unterziehen könnten! Ironischerweise hätte er selbst dabei wohl kaum bestanden, so absurd war seine Forderung.

Pro Abend höre ich mir gut drei Stunden solcher Geschichten an – eine Mischung aus skurrilem Theater und psychologischer Herausforderung. Doch um 23:00 Uhr, endlich Feierabend, gönnte ich mir mein drittes Beck’s und setzte meinen Walkman auf. Die Musik war mein Anker in der Hektik dieses ungewöhnlichen Lebens, dass ich inzwischen lieben lernte.

26.10.1994 – PORT DE FRANCE / MARTINIQUE

Der Tag beginnt mit einem vertrauten Ritual: Ich wache auf, eile zum Fenster und sehe, wie wir gerade in den Hafen von Martinique einlaufen. Die Sonne glitzert auf dem Wasser, und vor mir breitet sich das Panorama von Port de France aus – ein tropisches Postkartenmotiv, wie aus dem Reisekatalog.

Der Vormittag vergeht in einem Wirbel von Aktivitäten, doch pünktlich um 14:10 Uhr bin ich bereit für einen kurzen Landgang. Die Hanseatic liegt majestätisch an der Pier, und direkt neben uns thront die Windward – ein wahres Ungetüm von einem Schiff, das unseren eleganten Luxusliner wie ein Schmuckstück erscheinen lässt.

Ein Taxi bringt mich in die Stadt, doch die Zeit ist knapp. Eine Stunde bleibt mir, um die Atmosphäre aufzusaugen und ein paar Besorgungen zu machen. Ich kaufe ein typisches Martinique-T-Shirt – leuchtend bunt und mit tropischen Mustern verziert –, einen Film für meine Kamera und ein Buch. Alles hier ist unverschämt teuer, aber die kurze Flucht aus der Routine an Bord ist unbezahlbar.

27.10.1994 – GEORGETOWN / BARBADOS

Noch vor Sonnenaufgang erreichen wir Georgetown, die Hauptstadt von Barbados. Die goldenen Strahlen des Morgens brechen durch die Wolken, und ich fühle mich für einen Moment wie in einem karibischen Gemälde. Doch dieser Tag bringt mehr als nur Postkartenidylle – es ist ein Wendepunkt für mich.

Während der Landgang für mich heute ausfällt, da mein Chef unbedingt von Bord will, liegt der Fokus auf einer viel wichtigeren Entwicklung: Ich übernehme offiziell die Führung der Crew. Meine Probezeit ist vorbei, und mit Kerstin, der militärischen Maitre-d, die heute das Schiff verlässt, beginnt für mich ein neues Kapitel.

Ich sehe Kerstin am Pier stehen, ihre Augen voller Tränen, während sie ihrer geliebten Hanseatic nachwinkt. Doch während sie Abschied nimmt, spüre ich Erleichterung. Ihr Führungsstil war für mich in jeder Hinsicht unakzeptabel – strikt, kompromisslos und geprägt von einem Umgangston, der weder der Crew noch den Gästen gerecht wurde. Ich hingegen bin ein anderes Naturell. Mein Ansatz basiert auf Respekt, Diplomatie und einer klaren, aber menschlichen Kommunikation.

Ob die Firma diesen Stil akzeptieren wird? Das liegt nicht in meiner Hand. Doch eines weiß ich: Ich werde mich nicht verbiegen. Sollte meine Art, das Team zu leiten, nicht den Erwartungen entsprechen, werde ich gehen – wie viele andere vor mir. Diese Firma ist bekannt dafür, beim Kündigen effizient zu sein. Doch in meiner momentanen Lebenssituation berührt mich das wenig.

Auch Kerstins Rückkehr nach ihrem Urlaub steht in den Sternen. Es hängt davon ab, wie meine Arbeit und mein Führungsstil bei den Gästen ankommen. Die sogenannten „Ratings“, die Bewertungen der Gäste, sind hier das Maß aller Dinge. Sie entscheiden nicht nur über meinen Verbleib, sondern auch über die Frage, ob ich nach meinen drei bis vier geplanten Monaten auf der Hanseatic weitermachen darf – vielleicht sogar auf die Bremen wechsle.

Die kommenden Wochen werden eine Prüfung sein. Doch während ich an Deck stehe und das sanfte Wiegen der Wellen beobachte, spüre ich Entschlossenheit. Dies ist meine Chance, meinen Weg zu gehen, und ich bin bereit, alles zu geben.

 

28.10.1994 – GRENADA / ST. GEORGE’S

Heute begann der Tag voller Vorfreude. Wir trafen eine Stunde früher in St. George’s ein, als geplant – eine willkommene Überraschung, denn ich hoffte auf einen kurzen Landgang. Vom Schiff aus wirkte die Stadt wie ein Traum: verwinkelte, verträumte Gassen, ein idyllisches Hafenbecken, und die berühmten Strände, die wie aus einem Reisekatalog schienen. Doch meine Euphorie hielt nicht lange.

Einige Stunden später wurde klar, dass mein Chef sich erneut von Bord geschlichen hatte, während ich zurückblieb. Es war ein bitterer Moment, in dem ich mich wie der letzte Idiot fühlte. Während die Gäste von einem Ausflug in den Urwald schwärmten und beim Dinner begeistert ihre Eindrücke schilderten, stand ich bei der ungeliebten Teatime beinahe allein da – kaum 20 Gäste erschienen. Ein trauriger Kontrast zu den lebendigen Erzählungen des Tages.

Doch es gab auch einen Lichtblick: Heute konnte ich endlich meine richtige Kabine beziehen, Nummer 555. Ich hatte es mir hier gemütlich gemacht, die Basics standen bereit – ein Fernseher, ein Kühlschrank, Dusche und WC, alles in einwandfreiem Zustand. Für mich war das ein kleiner Luxus, den ich zu schätzen wusste. Getränke stapelte ich kistenweise, und so richtete ich mir mein kleines Refugium ein. Trotz allem begann ich, mich hier heimisch zu fühlen, und mir wurde klar: Ich würde mir dieses Leben schon biegen – irgendwie.

29.10.1994 – TRINIDAD / PORT OF SPAIN

Mit hohen Erwartungen erreichten wir gegen Mittag Port of Spain, doch schon auf den ersten Blick war klar, dass dies kein karibischer Traum werden würde. Der Hafen präsentierte sich als eine Art postapokalyptisches Schauspiel, halb versunkene Schiffe, verrostete Wracks und eine Atmosphäre, die eher an ein verfallenes Testgelände für Torpedos erinnerte.

Dennoch bekam ich nach dem Dinner 35 Minuten Zeit für einen kurzen Landgang, nicht viel, aber besser als nichts. Leider offenbarte sich die Stadt als ebenso trostlos wie der Hafen. Sehenswürdigkeiten? Fehlanzeige. Also beschränkte ich mich darauf, meinen mittlerweile traditionellen Insel-Anstecker zu kaufen, eine kleine Erinnerung an diesen unscheinbaren Ort.

Kaum war ich auf dem Rückweg, begann es auch noch in Strömen zu regnen. Patschnass erreichte ich wieder das Schiff, froh, dem tristen Ambiente entkommen zu sein. Es war einer dieser Tage, an denen man einfach den Kopf schüttelt und weiterzieht – in der Hoffnung, dass der nächste Hafen mehr zu bieten hat.

30.10.1994 – ORINOCO / VENEZUELA

Der Tag begann mit Ärger. Kaum war ich um 7:00 Uhr auf den Beinen, musste ich feststellen, dass das Frühstücksbuffet nicht nach meinen Anweisungen aufgebaut worden war. Ein erneuter Punkt auf der langen Liste der Dinge, die ich immer wieder korrigieren musste. Hinzu kam, dass die Crew nach dem gestrigen karibischen Dinner die geliehenen Kostüme nicht zurückgebracht hatte, alles blieb an mir hängen. Ich wusste, dass solche kleinen Fehler im Laufe der Zeit zum gewohnten Ärgernis werden würden, doch heute schien der Stress besonders groß.

Als ob das nicht genug gewesen wäre, kam heute auch meine neue Uniform per Post aus Deutschland. Doch statt der erhofften Perfektion fühlte ich mich eher wie ein frisch geschlüpfter Vogel, der in der viel zu engen Eierschale steckte. Alles war mindestens eine Nummer zu klein, die Ärmel zu kurz, der Kragen zu eng. Es war ein unangenehmes Gefühl, doch ich wusste, dass ich mich damit arrangieren musste – auch wenn es nicht der Start war, den ich mir gewünscht hatte.

Trotz des chaotischen Beginns entwickelte sich der Tag zu einem der eindrucksvollsten meiner bisherigen Reise. Wir segelten den Orinoco hinauf, 150 nautische Meilen tief ins Herz dieses gewaltigen, braunen Stroms. Der Fluss war so breit und ruhig, dass wir nur etwa einmal pro Stunde ein kleines einheimisches Boot sahen, das an uns vorbeigleitete. Die Stille war fast surreal, ein faszinierendes Gefühl von Abgeschiedenheit und Ursprünglichkeit.

Unser Bordhubschrauber startete und erkundete die überschwemmte Urwaldregion, in der 400 Quadratkilometer Regenwald unter Wasser standen. Die atemberaubenden Aufnahmen aus der Luft brachten uns wertvolle Informationen und ermöglichten es uns, mit den Zodiacs in diese unberührte Landschaft vorzudringen. Wir glitten durch das Dickicht der überfluteten Wälder, während herunterhängende Äste uns zur Vorsicht mahnte und das Labyrinth aus Wasserwegen und üppiger Vegetation uns immer wieder neue Wunder offenbarte.

Der wahre Höhepunkt des Tages kam jedoch mit dem Sonnenuntergang. Als wir zum Schiff zurückkehrten, tauchte die Szenerie in ein fast unwirkliches, goldenes Licht. Der Dschungel erwachte zum Leben, während die Stimmen der nachtaktiven Tiere, die tagsüber verborgen geblieben waren, die Stille füllten. Es war ein überwältigendes Erlebnis – eine perfekte Harmonie aus Licht, Klang und der ungezähmten Natur. Dieser Moment, der in seiner Schönheit fast unbeschreiblich war, schenkte mir die Kraft, die Herausforderungen meines anspruchsvollen Jobs unter moralisch schwierigen Umständen zu bewältigen. Die unermüdliche Ruhe des Orinoco und die eindrucksvolle Wildnis des Regenwaldes erinnerten mich daran, dass selbst inmitten von Chaos und Stress immer noch Platz für Momente von purer, ungezähmter Schönheit und Inspiration bleibt.

31.10.1994 – GUAYANA / ORINOCO / VENEZUELA

Heute begann ich den Tag mit einer Prise Optimismus. Von nun an läuft die Zeit rückwärts, der letzte Abschnitt meiner Reise hat begonnen, und das Ziel, wieder daheim zu sein, rückt näher. Der Grund warum ab heute die Zeit retour läuft oder besser gesagt laufen sollte ist, ich bin ja eigentlich nur die Vertretung während Kerstin auf Urlaub ist. Ich fuhr aber als Greenhorn jede Reise mit wesentlich besseren Ratings wie Kerstin. Wenn die Vorgabe der Firma stimmt dann darf sie eigentlich nicht mehr zurückkommen und ich muss meinen 6 Monatsvertrag durchfahren und es gäbe sogar die rechtliche Möglichkeit der Firma meinen Vertrag um weitere Wochen zu verlängern falls nötig, aber daran mag ich momentan überhaupt noch nicht denken.

Wir fuhren tiefer den Orinoco hinauf, bis in die Mitte des Kontinents, in die Nähe von Guyana – ein Ort, der weniger für seine Schönheit als für das berüchtigte Drogenpulver bekannt ist. An Land schaffte ich es nicht, aber eine Stunde an Deck reichte aus, um mich wieder fit zu fühlen.

Mein Deckboy hatte sich meiner Uniform angenommen und sie so umgenäht, dass sie jetzt zumindest einigermaßen passte. Doch bei 34 Grad und einer Luftfeuchtigkeit von 100 Prozent wäre eine Badehose ohnehin die bessere Wahl gewesen. Die tropische Hitze und die überwältigende Natur faszinierten mich so sehr, dass ich mir vorstellte, eines Tages privat hierher zurückzukehren. Riesige Flüsse, dichter Urwald, weiße Strände und gigantische Wasserfälle, Venezuela bietet Bilder, die man so schnell nicht vergisst.

Was meinen Job betrifft, fühle ich mich mittlerweile gut eingearbeitet. Ich organisiere den gesamten Servicebereich des Schiffs, von den Restaurants über die Bars bis hin zu den Aktivitäten an Land. Fast täglich stehen besondere Events auf dem Programm, von Golfturnieren bis zu Beachpartys im Orinoco. Auch die Wünsche, Beschwerden und Anregungen der Gäste landen allesamt auf meinem Tisch. Es ist ein turbulentes Leben, das mich oft an die Geschichten aus der TV-Serie Traumschiff erinnert. Die zwischenmenschlichen Dramen und skurrilen Geschichten der Gäste könnten ein eigenes Drehbuch füllen.

Und der Orinoco selbst? Er bleibt faszinierend. Gewaltig, braun und umrahmt von sanften Hügeln und Bergen, die bis zum Horizont reichen. Wenn die Sonne untergeht, verwandelt sich die Landschaft in ein Spektakel aus Orange und Gold – ein Naturschauspiel, das man nur einmal im Leben erlebt.

01.11.1994 – AUF SEE / ORINOCO RÜCKFAHRT

Die Nacht verbrachten wir auf dem Orinoco, und die beeindruckende Weite des Flusses wurde langsam von der offenen See abgelöst, als wir uns dem Delta näherten. Die Aussicht auf eine Rückkehr ins Meer war gleichermaßen beruhigend wie symbolisch – der Orinoco hatte uns mit seiner Wildheit und Schönheit beeindruckt, doch jetzt wartete die nächste Etappe.

Mein Tag begann früh, und die wenigen freien Minuten, die ich mir am Nachmittag auf dem Vordeck gönnte, fühlten sich wie ein kleines Geschenk an. Dort tankte ich etwas Sonne – eine willkommene Vorbereitung für das Tragen meiner neuen weißen Galauniform. Diese Uniform, die frisch aus Deutschland eingetroffen war, saß endlich halbwegs ordentlich, nachdem der Deckboy sie notdürftig angepasst hatte.

Die freundlichen Kommentare der Gäste zu meinem Erscheinungsbild – scheinbar jeder der 150 Passagiere gratulierte mir – waren eine angenehme Abwechslung und brachten ein bisschen Leichtigkeit in den sonst so fordernden Arbeitsalltag. Dennoch: Nach dem Dinner verschwand ich wieder in meinem Büro, wo ich bis in die frühen Morgenstunden mit den endlosen Aufgaben beschäftigt war. 18-Stunden-Tage fühlten sich hier inzwischen wie die Norm an. 

02.11.1994 – ISLA MARGARITA / VENEZUELA

Nach den intensiven Tagen am Orinoco war die Isla Margarita wie ein kleiner Sprung zurück in die Zivilisation – oder zumindest fast. Die Hanseatic legte in der Nähe eines langen, schneeweißen Sandstrandes an, der von Palmen gesäumt war. Schon beim ersten Blick spürte ich, dass heute ein entspannterer Tag werden könnte, auch wenn das Wort "Entspannung" in meinem Job eher selten vorkommt.

Am Vormittag arbeitete ich noch an den Tagesplänen der Gäste und klärte einige organisatorische Details für das Dinner am Abend. Als ich schließlich Zeit fand, für eine Stunde an Land zu gehen, genoss ich die tropische Atmosphäre der Insel. Ich schlenderte durch kleine Straßen, vorbei an bunten Häuschen und Straßenhändlern, die alles von frischen Kokosnüssen bis zu handgeschnitzten Souvenirs anboten.

Natürlich durfte auch heute ein typisches Mitbringsel nicht fehlen – ein weiterer Anstecker für meine Sammlung. Die Isla Margarita war zwar wunderschön, aber die Preise für Touristen schienen direkt aus einem Wucher-Handbuch zu stammen. Trotzdem gönnte ich mir ein kühles Getränk in einer kleinen Strandbar und beobachtete die Fischer, die ihre Boote an Land zogen.

Zurück an Bord stand ein karibisches Themenabendessen auf dem Plan. Die Gäste schienen begeistert von den frisch zubereiteten Meeresfrüchten und der tropischen Dekoration, aber wie immer gab es auch einige Sonderwünsche, die mich zum Schmunzeln brachten. Eine ältere Dame fragte mich, ob wir denn Mango-Sorbet ohne Mango anbieten könnten – schließlich habe sie eine Allergie, wolle aber den Geschmack nicht verpassen.

03.11.1994 – ISLA DE ROQUES / VENEZUELA

Dieser Tag hätte so wunderschön sein können. Schon am Morgen lagen wir in einer Bucht, die Postkartenmotiven in nichts nachstand. Die Isla de Roques, eine Inselkette, die an die Malediven erinnert, bot kristallklares Wasser, weiße Strände und eine nahezu paradiesische Ruhe. Doch während die Gäste diese Idylle genossen, fühlte sich mein Tag an wie ein Spießrutenlauf.

Von 7 Uhr morgens bis 1 Uhr nachts war ich im Dauereinsatz. Ob Tea Time, Beach Party oder die endlosen organisatorischen Aufgaben, alles schien über meinen Schreibtisch laufen zu müssen. Mein Frust stieg im Laufe des Tages stetig, und selbst die traumhafte Kulisse konnte daran wenig ändern.

Ein kleiner Trost war, dass meine erste Reise heute zu Ende ging. Morgen startete eine neue Fahrt, und mit ihr kam die Hoffnung auf eine frische Dynamik und vielleicht den ein oder anderen Moment der Entspannung – oder zumindest ein Hauch weniger Chaos.

03.11.1994 – 2. REISEBEGINN: CARACAS / VENEZUELA

Mit einem frischen Start begann heute meine zweite Reise. Am Abend legten wir von Caracas aus ab, doch der Nachmittag hielt für mich eine unerwartete Überraschung bereit: drei Stunden Freizeit am Stück. So etwas war bisher ein seltener Luxus.

Gemeinsam mit Martina, unserem resoluten Schankmädchen, und André, dem immer gut gelaunten Barkeeper, schnappte ich mir ein Taxi, um Caracas zu erkunden. Die Fahrt zog sich länger als gedacht – fast eine Stunde dauerte es, bis wir endlich die quirlige Millionenstadt erreichten. Caracas, ein Synonym für Südamerika, präsentierte sich uns in all seiner Widersprüchlichkeit.

Die stickige Luft, der salzige Hauch des nahen Meeres und der Anblick eines Häusermeers, das zwischen „alt“ und „noch älter“ oszillierte, schufen eine eigenartige Atmosphäre. Zwar reihten sich im Zentrum auch einige Wolkenkratzer aneinander, doch ein wirklich beeindruckender Anblick blieb aus. Caracas war vor allem lebendig – und laut.

Während unseres kurzen Aufenthalts entdeckte ich, dass Schuhe hier zu ausgesprochen günstigen Preisen angeboten wurden. Eine wahre Entdeckung für jemanden, der ständig auf den Beinen ist. Doch meine kleine Shopping-Ausbeute bestand letztlich aus zwei Ray-Ban-Sonnenbrillen für nur 80 Schilling – ein Schnäppchen, dem ich nicht widerstehen konnte.

Nach einer kleinen Stärkung bei McDonald’s, die meinen Hunger stillte und meinen Wunsch nach etwas Vertrautem erfüllte, war unser Ausflug auch schon wieder vorbei. 500 Schilling für das Taxi, und wir waren zurück am Hafen. Dennoch war dieser Ausflug jeden Cent wert, und ich war begeistert von Caracas und gesamt Venezuela.

AN BORD

Mit 80 Europäern und 30 Amerikanern, darunter auch Prinz und Prinzessin Kitykajara von Thailand, war die Gästeliste dieser Reise durchaus erlesen. Doch bevor der Alltag an Bord wieder in vollem Umfang losging, stand das übliche Ritual an: Das Ende einer Reise bedeutete Generalreinigung und eine Komplettinventur für das gesamte Schiff.

Was sich wie ein einfacher Begriff liest, bedeutet für uns an Bord vor allem eines: 18 Stunden Arbeit – minutiös und ohne Pause. Doch der Gedanke, dass mit jeder neuen Reise auch neue Erfahrungen und Geschichten warten, half mir, den Tag durchzustehen.

04.11.1994 – BONAIRE / KRALENDIJK / ABC-ISLANDS

Um Punkt 10 Uhr morgens legten wir im Hafen von Bonaire an, dessen kristallklares Wasser in atemberaubenden Türkistönen schimmerte. Solch reines und unberührtes Wasser hatte ich bisher selten gesehen – ein wahres Paradies. Die ABC-Inseln, wie Aruba, Bonaire und Curaçao liebevoll genannt werden, zeichneten sich durch ihre makellose Sauberkeit aus, die mich sofort beeindruckte.

Am Nachmittag unternahm ich einen Spaziergang durch die charmante Stadt Kralendijk. Mit meiner frisch gebügelten weißen Uniform fühlte ich mich fast ein wenig stolz, durch die ruhigen Gassen zu schreiten. Es war einer jener Momente, in denen die Welt für einen Augenblick perfekt erschien.

05.11.1994 – ARUBA / ORANJESTAD / ABC-ISLANDS

Aruba, ebenso bezaubernd wie Bonaire, begrüßte uns mit einer Postkartenidylle. Wir lagen im Hafenbecken von Oranjestad, dessen Wasser genauso klar und sauber war wie das von Bonaire. Neben uns thronte die mächtige Crystal Harmony – ein wahres Kreuzfahrtmonstrum, das unsere kleine, exklusive Hanseatic fast wie ein Beiboot wirken ließ. Doch der Schein trügt: So beeindruckend die Crystal Harmony auch aussah, die Hanseatic war in puncto Luxus und Exklusivität deutlich überlegen – und kostspieliger.

Nachmittags erkundete ich die Stadt, deren bunte Häuser mit ihren fröhlichen Farben und sympathischen Fassaden mich in ihren Bann zogen. Die Vorstellung, hier Urlaub zu machen, gefiel mir ausgesprochen gut. Ich überlegte kurz, mir eine neue Breitling-Uhr zu kaufen, doch trotz zollfreier Preise waren die Angebote noch immer ein wenig zu teuer.

06.11.1994 – SANTA MARTA / KOLUMBIEN

Der Hafen von Santa Marta bot ein völlig anderes Bild. Statt türkisfarbenem Wasser und malerischer Kulisse erwartete uns ein chaotisches Sammelsurium aus rostigen Schiffen und marodem Hafeninventar. Doch das Hinterland hatte einen eigenen rauen Charme: tropisch bewachsene Gebirgszüge erstreckten sich bis an den Horizont, während schwere Regenwolken tief in die Baumwipfel hinabzogen.

Noch bevor wir an Land gingen, wurden wir vor möglichen Überfällen gewarnt. Leider bewahrheiteten sich diese Sorgen, denn einige unserer Gäste wurden tatsächlich Opfer von Taschendieben und Kleinkriminellen. Die Straßen waren eng, voller Polizisten und vermittelten den Eindruck, als sei man mitten in einem düsteren Drogenmafiafilm gelandet. Santa Marta wirkte wie eine Mischung aus mexikanischem Western und chaotischem Saustall.

Trotz all dessen fand ich einen besonderen Schatz: eine kunstvolle Tonmaske, die mich sofort an die alten Abbildungen in Erich von Dänikens Büchern erinnerte. Sie wurde zu einem kleinen Lichtblick in einer Stadt, die mich ansonsten eher mit gemischten Gefühlen zurückließ.

07.11.1994 – SAN BLAS ISLAND / PANAMA

An diesem Tag segelten wir bei etwas starker Bewölkung durch den Mayflower Channel, einen malerischen Meereskanal, der parallel zur südamerikanischen Küste verläuft. Der Kanal war etwa einen Kilometer breit und von vielen kleinen Inseln gesäumt, was dem gesamten Gebiet einen fast unberührten, natürlichen Charme verlieh.

Als wir beim Indianerdorf San Blas ankamen, ging ich an Land. Die Einheimischen dort beeindruckten mich mit ihren einzigartigen Stickereien, die ich mir nicht entgehen lassen konnte. Es war faszinierend, wie die traditionellen Handwerkskünste noch heute lebendig sind und von den Dorfbewohnern mit Stolz weitergegeben werden. Ich kaufte einige der kunstvollen Stücke als Erinnerungsstücke – ein wahrer Schatz aus dieser Region.

08.11.1994 – PANAMA / PANAMAKANAL

Der Tag begann früh für mich: Bereits um 5:00 Uhr stand ich auf. Es war noch dunkel, und das Schiff war ruhig, aber der Tag versprach, etwas ganz Besonderes zu werden. Zum Glück gab es zunächst nicht viel Arbeit, sodass ich mich ganz auf das Schauspiel meiner ersten Durchfahrt durch den Panamakanal konzentrieren konnte. Es war ein Erlebnis, das mich sowohl sprachlos als auch voller Bewunderung zurückließ.

Die Reise durch den Panamakanal dauerte ganze acht Stunden, in denen wir durch die verschiedenen Staustufen des Kanals navigierten. Diese gewaltige Ingenieursleistung, die so viele Jahrhunderte der Entdeckung, Planung und Schaffung überdauert hatte, war ein wahrhaft einmaliges Erlebnis. Je weiter wir vordrangen, desto mehr staunte ich über die immense Präzision, mit der das System von Schleusen und Wasserständen operiert. Überall war das Gefühl von Geschichte und Fortschritt spürbar.

Besonders aufregend war der Abschnitt, als wir plötzlich bemerkten, dass wir von einem US-Atom-U-Boot begleitet wurden. Es fuhr viele Stunden lang neben uns durch den Kanal, eine merkwürdige, fast unheimliche Präsenz. Rund um das U-Boot patrouillierten kleine, aber blitzschnelle Militärschiffe, und in der Luft überwachten F-15-Jäger das gesamte Gebiet. Eine besondere Atmosphäre herrschte während dieses Abschnitts der Fahrt, als wir den Übergang von einem Ozean zum anderen tätigten, der Panamakanal war der Punkt, an dem zwei Welten aufeinandertrafen.

Der wahre Höhepunkt des Tages kam, als wir bei der Balboa Bridge, ankamen. Hier, an diesem ganz besonderen Punkt, trafen der Atlantische und der Pazifische Ozean aufeinander. Ich stand ganz vorne an der Bugspitze, spürte den Wind im Gesicht und blickte auf die majestätische Verbindung der beiden Ozeane. Dieser Moment, dieser Schnittpunkt der Kontinente, fühlte sich für mich fast magisch an. Es war ein Gefühl der Unendlichkeit, der Verbundenheit mit der Natur und der Weltgeschichte. Es war ein Moment, den ich nie vergessen werde.

Der 8. November 1994 wird mir daher für immer in Erinnerung bleiben – als der Tag, an dem ich den Panamakanal befuhr und den Atem der Geschichte in mir spürte. Ein Moment der absoluten Ergriffenheit und des Staunens.

09.11.1994 – AUF SEE

Der Tag auf See verstrich nicht ruhig, es gab pausenlos, sprich 16 stundenlang etwas zu tun. Der Panamakanal lag hinter uns, wir segelten weiter, und ich hatte endlich etwas Zeit, die erlebten Eindrücke auch zu verarbeiten.

10.11.1994 – COCO ISLAND / COSTA RICA

Coco Island, mit einer Länge von nur einigen Kilometern, wirkt wie aus einer anderen Epoche. Die steilen Felswände, die herabstürzenden Wasserfälle und das tiefgrüne Dschungelgewächs bilden eine beeindruckende Kulisse. Es fühlt sich fast so an, als ob man in eine unberührte Natur zurückversetzt wurde, in der die Zeit stillsteht.

Die Gewässer rund um diese Insel sind berüchtigt für ihre Hammerhaie. Zwei dieser majestätischen Tiere konnte ich sogar vom Schiff aus sehen. So erlebte ich meinen ersten Tag im Pazifik, und obwohl wir uns dem Äquator näherten, spürte ich die Luft kühler werden. Dies war der Einfluss des Humboldtstroms, der kaltes Wasser direkt aus der Antarktis bis nach Mittelamerika transportiert. Die Wassertemperatur lag bei erfrischenden 22° C – eine willkommene Abwechslung.

11.11.1994 – AUF SEE

Ein weiterer Tag auf See. Wir setzten unsere Reise fort, doch die Eindrücke vom Pazifik und der beeindruckenden Coco Island hallten noch nach.

12.11.1994 – AUF SEE

Die Weiten des Ozeans und das Gefühl der Freiheit begleiteten mich an diesem Tag. Die Zeit verging inmitten der blauen Wellen und des ständigen Rhythmus des Schiffs.

13.11.1994 – GUAYAQUIL / ECUADOR

Unser Aufenthalt in Guayaquil sollte uns 10 Tage lang begleiten, nachdem unsere ursprüngliche Route nach Galapagos aufgrund eines Vorfalls geändert wurde. Ein Torpedoboot stoppte uns, da die neue Regierung in Ecuador die Anlandungsvereinbarungen für Galapagos nicht anerkannte. Daraufhin wurden unsere VIP-Gäste nach Guayaquil geflogen und von dort aus auf kleinen Schiffen der Regierung weiter nach Galapagos gebracht.

Unsere Ankunft in Guayaquil war jedoch von Sicherheitsbedenken überschattet. Schon auf hoher See erhielten wir eine Warnung von einem anderen Schiff, dass wir im Hafen vermutlich Ziel von Diebstählen werden könnten. Die Crew wurde umgehend mit Sicherheitsinstruktionen versorgt, und es wurde uns nahegelegt, abends nicht an Land zu gehen, da Guayaquil zu dieser Zeit als eine der gefährlichsten Städte der Welt galt, mit der höchsten Mordrate weltweit.

Kaum hatten wir die Pier erreicht, gingen bereits die Alarmsirenen los. Zunächst dachte jeder, es handele sich um einen Scherz. Doch schnell wurde klar, dass ein Zodiac vom obersten Deck des Schiffs gestohlen worden war – im Wert von 350.000 Schilling. Ein riesiger Containerkran hatte es einfach vom Deck gehoben. Captain Neuhoff war außer sich vor Wut.

14.11.1994 – GUAYAQUIL / ECUADOR

Der Tag stand ganz im Zeichen des General Cleanings. Das Schiff wurde bis ins kleinste Detail gepflegt und glänzte in neuer Pracht. Am Abend jedoch ließ ich mich von der Warnung über die Stadt nicht abhalten und machte meinen ersten Ausflug in Guayaquil. Der Hafen und das umliegende Gelände wirkten extrem wild und unübersichtlich. Die Stadt selbst war viel größer, als ich erwartet hatte, und in der Nacht bestand sie hauptsächlich aus Rollbalken.

Wir begaben mich mit zwei Kollegen in verschiedene wilde Kneipen, die Atmosphäre war einzigartig und ungezügelt. Um 2:00 Uhr morgens kehrte ich schließlich wieder an Bord zurück – es war ein erlebnisreicher Abend.

15.11.1994 – GUAYAQUIL / ECUADOR

Ein weiterer Tag, an dem das Schiff erneut gereinigt und gepflegt wurde. Doch am Abend fuhren wir als Crew gemeinsam in die Stadt und fanden ein exklusives Hotel. Dort genossen wir ein fantastisches Abendessen und verbrachten einige schöne Stunden an der Bar. Diese Momente der Entspannung waren nach den anstrengenden Tagen eine willkommene Abwechslung.

16.11.1994 – GUAYAQUIL / ECUADOR

Heute Vormittag hatte die gesamte Crew frei, und ich blieb an Bord, um meine Büroarbeit zu erledigen. Während ich die Aufgaben abarbeitete, beobachtete ich das geschäftige Treiben im Hafen. Der Blick auf die Schiffe und die Umgebung bot eine kleine Pause vom Alltag. Zwischendurch nutzte ich die Gelegenheit, einige Kleinigkeiten wie T-Shirts zu kaufen – nichts Außergewöhnliches, eigentlich immer das gleiche Zeug.

Gegen Abend trafen die ersten 64 Gäste zurück von Galapagos ein, und die Routine an Bord nahm wieder ihren Lauf.

17.11.1994 – 3. NEUE REISE – GUAYAQUIL / ECUADOR / VALPARAISO

Heute war der Tag, an dem sämtliche deutschen Gäste nach Hause flogen. Doch für eine Nacht kamen 17 Amerikaner an Bord. Wir standen nach wie vor ohne Zodiac da, was uns große Probleme bereitete, da die Sicherheitsbestimmungen eine genaue Anzahl von Booten vorschrieben, um in die Antarktis fahren zu können. Der Kapitän von Harling sah sich gezwungen, ein neues Boot in Miami zu ordern – und das äußerst dringend.

Ich erinnerte mich an frühere Zeiten in Kenia wo ich schon als 18 jähriger für fast 5 Jahre in einem sehr großen Hotel gearbeitet hatte, als auch dort große Dinge gestohlen wurden, und wir immer klassische „WANTED“ Zettel aufhängten und hohe Belohnungen aussetzten, um Hinweise zu bekommen. Der Kapitän hatte mich damals für verrückt erklärt. Doch einige Tage später, gab er mir Recht und es wurden solche Zettel im Hafen verteilt, als der Diebstahl des Zodiacs zum ernsten Problem wurde da die Zeit drängte und wir bei der Weiterfahrt diese Zodiacs laut Bestimmung einfach mithaben mussten.

18.11.1994 – GUAYAQUIL / ECUADOR

Um 3:00 Uhr früh frühstückten die Amerikaner, und danach hatte ich den gesamten Tag frei. Franz und ich machten uns bereits um 8:00 Uhr auf in die Stadt, um uns tagsüber alles anzusehen. Am Nachmittag fuhren wir mit dem gleichen Taxi ca. 120 km hinaus aufs Land, aber außer einer wenig aufregenden Landschaft gab es nichts Besonderes zu sehen.

Am Abend stürzten wir uns ins Nachtleben von Guayaquil und verbrachten einige Stunden in den Bars und Discos des Nobelviertels. Unser Küchenchef, Böshönig, wollte überhaupt nicht mehr zurück. Die Straßen waren mit Wachen bewaffnet, selbst die Taxis wurden mit Gewehren bewacht. Trotzdem fühlte ich mich sicher genug, da ich zwei Messer dabei hatte. Trotz der ungewohnten Umstände kamen wir ohne Zwischenfälle zurück zur Hanseatic, und der verrückte Ausflug hatte uns allen viel Spaß gemacht.

19.11.1994 – GUAYAQUIL / ECUADOR

Bis 19:00 Uhr hatte ich erneut frei. Im Park der Leguane traf ich neue Freunde, die ich in einem örtlichen Fotoladen kennenlernte. Leider musste ich mich nach einem Anruf des Agenten rasch verabschieden und zum Schiff zurückkehren. Die Situation war folgende: In Ecuador leben viele Ex-Deutsche, und es war ziemlich sicher, dass einige von ihnen Ex-Nazis waren, die in die Wirtschaft des Landes stark involviert waren genau solch eine elitäre Gruppe aus Ecuador wollte auf der Hanseatic einen Geburtstagfeiern, was natürlich absolut nicht möglich war/wäre. Ausserdem war das Schiff voll gebucht war, nur Gäste, die tatsächlich dafür bezahlten, hatten Anspruch auf den Platz, darunter auch das thailändische Königshaus. Die Absage durch den Kapitän, den Kreuzfahrtdirektor und den Hotelmanager führte zu einer Eskalation bis hin zur Botschaft. Irgendwie gelang es diesen mächtigen, sehr dubiosen Leuten, eine Genehmigung von ganz oben zu bekommen, und sie feierten dennoch ihren Geburtstag an Bord. Zu meinem Leidwesen waren auch einige unserer guten Stewards für einen Tag nach Cito in die Hauptstadt geflogen. Ich möchte nochmals klarstellen, normal wäre die Hanseatic auf den Galapagos Inseln. Die neue Regierung akzeptierte jedoch die Abmachung die wir mit der Regierung davor getroffen nicht mehr obwohl von uns alles im voraus bezahlt wurde. Wir wurden von einem Torpedoboot gestoppt und nach Guayaquil gezwungen. Dort liegen wir nun diese Tage ohne Gäste an der Pier und warten auf deren Rückkehr.

20.11.1994 – GUAYAQUIL / ECUADOR

Die deutsche Geburtstagsfeier dauerte bis 3:00 Uhr früh. Es war mehr als offensichtlich, wer hier feierte: Diese Ex-Nazis hatten mit Gewalt auf deutschem Boden, sprich auf der Hanseatic, feiern wollen, und irgendwie hatten sie es auch geschafft.

Als ich aus dem Bürofenster sah, entdeckte ich einen Marinesoldaten, der unser Zodiac auf seinem Jeep hinter sich her zog. Hurra, der Typ hatte sogar einen unserer „WANTED“-Zettel dabei und wollte sich seine Belohnung abholen. Der Kapitän war überrascht, aber nach längerer Überredung gab er schließlich grünes Licht. Wir tauschten das Zodiac gegen Finderlohn. Doch dann stach der Soldat mit einem großen Messer in das Zodiac, sodass die Luft raus war. Und wie sich herausstellte, war kein Motor dabei. Auf dem Zettel stand, dass das Zodiac für US$ 1200.- zu haben sei, der Motor war jedoch nicht erwähnt. Nicht besonders lustig, jetzt hatten wir ein beschädigtes Zodiac ohne Motor und hatten dafür noch bezahlt. 

Am Vormittag schlenderte ich durch die Stadt und kaufte mir einen XXL-Papagei, der 1,20 Meter groß war, und wollte ihn nach Hause schicken. Doch das gestaltete sich als Katastrophe. Der Papagei kam nie in Österreich an – was mich eigentlich nicht wirklich wunderte. In dieser 2-Millionen-Stadt spielte sich das Leben auf den Straßen wie verrückt ab und die Straßen waren nach Produkten geordnet: Eine Straße für Schuhe, eine für Radios, Kosmetika usw. Leider war das meiste davon nur Ramsch und Kitsch.

Nun, da unsere Zeit in Guayaquil zu Ende ging, kann ich sagen, dass es mir hier gut gefallen hat. Niemand in der Crew hatte negative Erfahrungen gemacht, abgesehen von der Zodiac-Geschichte. Es wurde jedoch Zeit, weiterzusegeln und neue Abenteuer zu erleben, die Welt weiterhin mit ihren Schönheiten und Überraschungen zu erobern.

21.11.1994 – GUAYAQUIL / ECUADOR

Noch immer liegen wir an der Pier von Guayaquil – allein der Name beginnt, mir auf die Nerven zu gehen. Seit Tagen scheint diese Stadt unser Ankerplatz zu sein, und die Routine, die sich hier einstellt, lässt die Zeit zäh vergehen. Doch heute brachte der Gästewechsel einen Hauch von Bewegung: Die neuen Gäste aus Europa kamen an Bord. Die Einschiffung verlief ausnahmsweise reibungslos. 

Pünktlich um 18:00 Uhr lichteten wir endlich die Anker und wir segelten ab Richtung Süden, entlang des Humbolt-Stroms. Die vertraute Silhouette von Guayaquil verblasste langsam am Horizont, und mit ihr das Gefühl des Stillstands. Ein besonderer Moment war der Abschied von Kapitän von Neuhoff, der nach Hause flog und die Verantwortung über das Kommando abgab. Kapitän von Neuhoff war ein adeliger und hatte sehr gutes Benehmen, ein wahrer Gentleman das zeigte er auch täglich bei Tisch mit seinen Ehrengästen. Von Neuhoff ging nie laut mit der Crew um, er wirkte auf mich immer sehr höfflich und extrem professionell.

Offiziell übernahm Kapitän Hartvig von Harling das Ruder der Hanseatic. Mit seiner Ankunft begann ein neues Kapitel, und obwohl der Wechsel in der Führung ruhig und unspektakulär verlief, lag eine spürbare Erwartungshaltung in der Luft. Jeder an Bord wusste: Ein neuer Kapitän bringt oft subtile Veränderungen mit sich – in der Atmosphäre, in den Abläufen, manchmal auch in den Herausforderungen. Es fühlte sich fast wie ein Neuanfang. Kapitär Harling von Harkling war Norweger der perfekt akzentfrei deutsch gesprochen hat. Er war ein großer mächtiger Mann der von sich sehr eingenommen war, er sprach immer mit extrem lauter und kräftig Stimme.

22.11.1994 – AUF SEE

Der erste Captain's Table unter der Leitung von Kapitän Hartvig von Harling verlief reibungslos, und das war ein gutes Zeichen. Diese Reise hat einen besonderen Status: eine sogenannte Galareise. Das bedeutet nicht nur, dass sich besondere Gäste an Bord befinden, sondern auch, dass das Programm sowohl auf dem Schiff als auch an Land aufwändiger und exklusiver gestaltet wird. Für die Crew ist das jedoch alles andere als glamourös, es bedeutet längere Tage, mehr Verantwortung und, wie immer, weniger Schlaf.

Der Hotelmanager Pfitzer, ein Österreicher mit einer bemerkenswerten Selbstsicherheit, trägt nicht gerade zur Entspannung bei. Er tritt auf, als hätte er die Spielregeln für das gesamte Universum geschrieben. Dabei vergisst er, dass auch er nur ein Zahnrad im großen Gefüge ist. Seine Herangehensweise, Härte als Allheilmittel zu sehen, könnte ihm eines Tages zum Verhängnis werden. Vielleicht wird ihn das Leben irgendwann zwingen, einen realistischeren Blick auf die Dinge zu werfen – menschliche Größe, so scheint es, wird er jedoch wohl nie erreichen.

Ein Lichtblick dieser Reise ist zweifellos Erich von Däniken, der als prominenter Gast mit "Stuff-Status" an Bord ist. Seine Vorträge über alte Kulturen und deren mögliche Verbindungen zu außerirdischen Zivilisationen ziehen die Passagiere in ihren Bann. Heute hatte ich das Glück, mich länger mit ihm zu unterhalten. Er entpuppte sich als sympathischer, höflicher Mensch, der trotz seines Ruhms eine angenehme Bodenständigkeit bewahrt hat. Die Gäste belagern ihn förmlich mit Fragen, und er beantwortet sie geduldig, immer bereit, seine Theorien zu erklären. Seine Frau hingegen scheint mittlerweile eine gewisse Erschöpfung von diesen Diskussionen entwickelt zu haben. Manchmal steht sie während seiner Erklärungen einfach stillschweigend auf und verlässt den Raum – vielleicht ihr stiller Protest gegen die unaufhörlichen Alien-Geschichten.

Während all das um mich herum geschieht, schweifen meine Gedanken immer wieder ab. Ich denke an zu Hause, an meine Lieben und daran, wie weit ich von ihnen entfernt bin. Es ist ein bittersüßer Gedanke, der mich heute den ganzen Tag begleitet. Und dann stellt sich mir diese Frage, die immer häufiger in meinem Kopf auftaucht: Werde ich überhaupt noch einmal auf ein Schiff zurückkehren? Die Antwort scheint mir immer klarer zu werden. Wahrscheinlich nicht.

23.11.1994 – AUF SEE

Die Hanseatic ist den ganzen Tag auf See, und die Galareise läuft auf Hochtouren.

24.11.1994 – LIMA / PERU

Wir liegen heute irgendwo vor der peruanischen Küste, nur Wüste weit und breit. Dennoch dürfte das der Hafen von Lima sein so dachte ich, dass jedoch gute 150 km entfernt liegt. Unsere Gäste sind auf einem Tagesausflug mit Erich von Däniken und besuchen alte Inka-Ausgrabungen. Ich selbst fahre mit zwei Mädels und einem sehr alten, wilden Taxi in die Wüste. Die Belohnung für diesen Ausflug ist das atemberaubende Panorama, unglaubliche Berge und endlose Wüste. Unser Ziel ist eine Inkapyramide, und als wir dort ankommen, stelle ich fest, dass es hier sowohl eine Sonnen- als auch eine Mondpyramide gibt. Die Mondpyramide ist die kleinere der beiden und ich klettere sofort hinauf, schieße einige Fotos und flitze schnell zurück zum Schiff. Es war ein sehr ereignisreicher, stressiger Tag für mich.

25.11.1994 – LIMA / PERU

Heute legten wir im richtigen Hafen von Lima an, und der Kontrast zum „Nichts“ von gestern könnte kaum größer sein. Bereits beim Einlaufen sah man: Hier pulsiert das Leben, die quirlige Metropole am Pazifik zeigte ihr lebhaftes Gesicht. Doch die andere Seite von Lima, die düstere, schwang in meinen Gedanken mit, denn die Stadt gilt als die zweitgefährlichste in Südamerika. Ein Umstand, der uns an Bord oft vor Augen geführt wurde.

Trotzdem zog es mich hinaus, in Begleitung von zwölf Stewards, die für eine gewisse Sicherheit sorgten. Gemeinsam streiften wir durch die Straßen, die mich sofort überraschten: Statt Chaos und Verfall, wie man es beispielsweise in Guayaquil oft sieht, erlebte ich eine Stadt voller Leben und Charme. Farbenfrohe Gebäude, historische Plätze und freundliche Menschen – Lima zeigte sich von einer ganz anderen, beinahe einladenden Seite. Die Straßen wirkten belebt, aber nicht bedrohlich, und ich begann, meine vorgefasste Meinung zu hinterfragen.

Natürlich hatte ich meine Kreditkarte an Bord gelassen, eine Sicherheitsmaßnahme, die sich als praktisch erwies, aber auch bedeutete, dass ich nichts kaufen konnte. Doch das störte mich kaum. Die Stunden in der Stadt genoss ich in vollen Zügen, frei von Verpflichtungen und ganz in der Beobachtung des Alltags dieser faszinierenden Metropole versunken.

Die Zeit verging wie im Flug, und obwohl es nur vier Stunden waren, fühlten sie sich reich an Eindrücken und Erlebnissen an. Lima hatte mir an diesem Tag einen unerwartet schönen Einblick in seine Seele gewährt – eine Erinnerung, die ich so schnell nicht vergessen würde.

26.11.1994 – LIMA / PERU

Unser letzter Tag im Hafen von Lima war angebrochen, und eine eigenartige Melancholie schien in der Luft zu liegen. Der Trubel der Stadt, das geschäftige Treiben am Pier und die salzige Meeresbrise bildeten eine vertraute Kulisse, doch heute blieb ich an Bord. Statt mich ins Getümmel zu stürzen, zog ich mich auf das Deck zurück, wo mich eine unerwartete Ruhe umfing.

Mit cooler Musik im Ohr lehnte ich mich entspannt zurück und ließ die Gedanken treiben, während die Sonne langsam tiefer sank. Der Himmel färbte sich in einem spektakulären Farbenspiel aus Orange, Rosa und Purpur, das sich im ruhigen Wasser spiegelte. Neben mir zogen majestätische Pelikane lautlos ihre Kreise, wie eine kleine Parade, die nur für mich stattfand. Ihr Flug war so elegant und mühelos, dass ich ihnen fast neidisch nachblickte.

Fast am Horizont fiel eine imposante Steilwand direkt ins Meer. Sie wirkte wie ein stiller Wächter, der die unendliche Weite des Pazifiks überblickte. Davor schlängelte sich die legendäre Panamericana, diese magische Straße, die sich wie ein endloser Faden durch den Kontinent zieht. Der Gedanke, eines Tages selbst auf dieser Route unterwegs zu sein, nahm mehr und mehr Raum in mir ein. Es war, als würde sie mich rufen – eine Sehnsucht nach Abenteuer und Freiheit, nach dem Erleben des Unerwarteten.

Ich blieb noch lange dort sitzen, eingehüllt in die Wärme des Sonnenuntergangs und die Klänge meiner Musik. Ein Moment der Klarheit und des Träumens zugleich, der sich für immer in mein Gedächtnis einbrannte.

27.11.1994 – PARACAS / NASCA / PERU

Von Paracas aus erstreckt sich eine der faszinierendsten Landschaften Südamerikas: die berühmten Nasca-Linien, jene riesigen Geoglyphen, die durch Erich von Däniken weltbekannt wurden. Paracas selbst ist eine stille, fast unwirkliche Bucht, umgeben von nichts als endloser Wüste und kahlen, schroff aufragenden Bergen. Die Szenerie wirkt wie aus einer anderen Welt – so karg, so mystisch, dass sie sofort meine Fantasie beflügelt.

Ein besonderes Highlight der Region ist der Dreizack von Paracas, ein gigantisches, in den Fels gegrabenes Symbol, dessen Ursprung und Zweck bis heute ungeklärt sind. Es ist ein Phänomen, das Wissenschaftler seit Jahrzehnten vor Rätsel stellt. Der Dreizack trotzt allen Winden und bleibt unberührt, während die umliegende Wüste sich ständig verändert. Selbst die NASA hat sich mit diesem Mysterium befasst, doch bislang gibt es keine schlüssige Erklärung. Es ist, als hätte die Natur – oder wer auch immer – beschlossen, dieses Zeichen für die Ewigkeit zu bewahren. Ich habe mir fest vorgenommen, eines Tages hierher zurückzukehren, um die Geheimnisse dieser Region weiter zu erkunden.

Heute jedoch war einer dieser Tage, an denen mich die Pflicht an Bord schwerer wog als sonst. Während die Gäste das Abenteuer suchten und in der Region der „Außerirdischen“ unterwegs waren, blieb ich zurück – allein auf dem Schiff. Es fühlte sich an, als würde ich die faszinierendsten Momente verpassen, und zum ersten Mal wurde ich richtig wütend über meine Situation. Mit einer Mischung aus Frustration und Resignation begab ich mich aufs Sonnendeck, wohl wissend, dass ich lieber die Nasca-Linien mit eigenen Augen sehen würde.

Erich von Däniken war auch heute wieder eine Quelle der Inspiration. Seit Tagen sprechen wir miteinander, und inzwischen sind wir per Du – eine angenehme Vertrautheit, die sich zwischen uns entwickelt hat. Er ist ein wahrhaftiges Energiebündel, voller Leidenschaft für seine Theorien und immer bereit, sie mit unermüdlichem Enthusiasmus zu verteidigen. Es erstaunt mich, wie überzeugt und lebendig er über seine Forschungen spricht, als seien die Nasca-Linien ein Teil von ihm.

Er erzählte mir, dass er in seiner Jugend als Steward auf der New Amsterdam arbeitete und daher ein gutes Gespür für das Leben und die Herausforderungen der Crew hat. Seine Erlebnisse in der Region rund um die Nasca-Linien schilderte er mit einer Präzision und Begeisterung, als wäre er hier aufgewachsen. Ich lauschte ihm und konnte mir die unendlichen Weiten der Wüste und die magischen Linien fast vorstellen – und doch blieb eine leise Sehnsucht, diese Eindrücke eines Tages selbst zu erleben.

28.11.1994 – AUF SEE

Heute war ein klassischer Seetag und wie immer bedeutete das für mich einen regelrechten Marathon. Der Tag begann früh, mit dem Early Bird Breakfast in der Columbus Lounge. Kaum war dieses abgeschlossen, ging es nahtlos in das Standard-Frühstück über, das bis 11:00 Uhr andauerte. Doch von Erholung war keine Spur, denn direkt danach folgte das Mittagessen, das sich über die verschiedenen Decks erstreckte. Die Gäste genossen das, was für mich und das Team pure Organisation und Präzision bedeutete.

Kaum war das Mittagessen abgeräumt, ging es weiter mit der Tea Time, ein Highlight für die Gäste, das uns jedoch kaum eine Verschnaufpause ließ. Und natürlich wartete das Abendessen bereits, der Höhepunkt jedes Kreuzfahrttages. Doch damit war es noch lange nicht getan: Die Vorträge über die kommenden Tage fanden im Grand Salon statt, und bis zuletzt musste alles perfekt sein. Als ob das noch nicht genug gewesen wäre, schloss der Tag mit dem Mitternachts-Buffet, der krönende Abschluss für die Passagiere, aber für uns der letzte Kraftakt des Tages.

Parallel dazu mussten die Bars einwandfrei funktionieren. Die Anforderungen der Gäste wurden mit einem Lächeln erfüllt, doch dahinter steckte ein riesiger logistischer Aufwand. Zum Glück hatte ich in der Küche einen starken Verbündeten: Chef Böshönig. Sein Einsatz und seine Verlässlichkeit machten ihn zu einem Fels in der Brandung – jemand, auf den ich mich inmitten des Trubels stets verlassen konnte.

Die Büroarbeit allerdings, diese ewige Pflicht, konnte mir niemand abnehmen. Sie blieb stets mein persönlicher Berg, den ich zu erklimmen hatte. Intensiv widmete ich mich dieser Aufgabe, wann immer ein Großteil der Gäste an Land war. Doch an einem Tag wie heute, an dem alle an Bord blieben, gab es keine Chance, hier Luft zu holen.

16 Stunden später, ging ich schließlich in meine Kabine. Der Moment, in dem ich ins Bett fiel, war der einzige Augenblick des Tages, der wirklich nur mir gehörte – kurz, aber kostbar. Morgen würde alles von vorne beginnen.

29.11.1994 – ARICA / CHILE

Mein erster von insgesamt zwölf Tagen in Chile begann mit einem besonderen Ausflug für 55 unserer Gäste, die den Arica Nationalpark in den Anden besuchten. Auf 4500 Metern Höhe bot sich ihnen eine atemberaubende Landschaft, die sie bei ihrer Rückkehr wie in Trance wirken ließ. Sie schwärmten von der unberührten Natur, den majestätischen Bergen und der stillen Magie dieses besonderen Ortes.

Ich selbst hatte nur wenig Zeit und nutzte sie für einen kurzen Abstecher in die Stadt Arica. Diese wirkt wie eine typische mexikanische Wüstenstadt – staubtrocken, sonnenverbrannt und doch überraschend sauber. Die Straßen strahlen eine geordnete Ruhe aus, die in starkem Kontrast zu anderen lateinamerikanischen Städten steht. Nebenbei kaufte ich mir zwei Shorts, bevor ich eilig zurück an Bord musste. Schließlich wollte ich auf keinen Fall meine geliebte Teatime verpassen, die für mich ein kleines Ritual der Normalität und Erholung darstellt.

30.11.1994 – AUF SEE

Heute möchte ich ein paar Worte über den Hotelmanager Pfitzer verlieren, dessen Führungsstil und Persönlichkeit mich schon länger beschäftigen. Pfitzer ist ein verschlossener, unzugänglicher Mensch, der wenig Interesse daran zeigt, für die VIP-Gäste oder die Crew wirklich da zu sein. Stattdessen scheint er in seiner eigenen Welt aus Zahlen, Tabellen und Befehlen zu leben. Seine autoritäre Art erinnert mich an ein längst vergangenes Regime, und in seiner Haltung sehe ich oft eine erschreckende Strenge, die jegliches Mitgefühl vermissen lässt. Auch sein täglicher Gesichtsausdruck, war verbittert und grimmig, absolut nicht das was man sich unter einen Hotelmanager auf solch einem Schiff nur annähernd vorstellen würde.

Möglicherweise versteht er sich deshalb so gut mit der ehemaligen Maitre-d Kerstin, die ebenfalls aus Ostdeutschland stammt und inzwischen seine rechte Hand ist oder war. Auch die Chief Housekeeperin, ebenfalls aus dem Osten, scheint eine seiner engen Vertrauten zu sein. Für mich ist jedoch klar, dass diese Haltung und sein Führungsstil auf einem Schiff wie diesem fehl am Platz sind. Während er sich in einer Art autokratischem Management-Stil übt, bleibt der menschliche Aspekt völlig auf der Strecke.

Ich habe vor einigen Tagen meine Meinung dazu klar geäußert – direkt gegenüber dem Vicepräsidenten der Reederei, der sich an Bord befand. Es ist mir wichtig, dass solche Dinge nicht ungesagt bleiben. Für mich ist Pfitzer keine gute Führungskraft, und ich halte es für einen Fehler, dass die Reederei ihn so sehr unterstützt. Doch in den letzten Tagen spüre ich, dass seine Position an Bord ins Wanken gerät. Es scheint, als würde selbst der Kreuzfahrtdirektor nicht mehr uneingeschränkt hinter ihm stehen. Vielleicht bewahrheitet sich mein Eindruck, dass seine autoritäre Art ihm langfristig zum Verhängnis wird.

Ich habe jedenfalls keinerlei Hemmungen, meine Meinung zu äußern, und werde auch weiterhin klar sagen, was ich denke. Die Führung eines Schiffes verlangt nicht nur Disziplin und Organisation, sondern auch Menschlichkeit und Empathie – Eigenschaften, die ich bei Pfitzer bislang schmerzlich vermisse.

01.12.1994 – AUF SEE

An diesem Tag begleiteten uns einige hochrangige Gäste an Bord, darunter der Vicepräsident der amerikanischen Partnerreederei. Ein Amerikaner, wie er im Buche steht – mit lauter Stimme, großem Auftreten und, zu meinem Leidwesen, einer Vorliebe für dicke Zigarren. Zusammen mit einer Gruppe ebenso lautstarker Landsleute war er an Bord, um das Schiff zu inspizieren und die Grundlagen für eine mögliche Partnerschaft zu schaffen. Der hohe Besuch brachte spürbare Nervosität mit sich, doch für mich war klar: Auch hier musste Professionalität oberste Priorität haben.

Während des Abendessens im Restaurant sorgte seine Zigarre allerdings für eine regelrechte Geruchsattacke – eine Unsitte, die eigentlich den Bordregeln widersprach, da das Rauchen hier verboten war. Mit einer Mischung aus Höflichkeit und Entschlossenheit trat ich an ihn heran. „Entschuldigen Sie, Sir,“ sagte ich, „ich muss Sie bitten, mit der Zigarre bitte außerhalb des Restaurants weiterzumachen. Der Geruch ist hier für die Gäste einfach zu intensiv.“ Meine Worte waren freundlich, doch bestimmt – und dennoch spürte ich die Blicke der Crew, die förmlich „Das war zu viel!“ zu sagen schienen.

Später am Abend, nur wenige Stunden nach dieser Begegnung, ließ mich der Vicepräsident in seine Kabine rufen. Was mich dort erwartete, hätte ich nie geahnt. Mit einem breiten Grinsen gestand er mir, dass die Sache mit der Zigarre ein Test gewesen war – ein bewusster Versuch, die Reaktionen der Crew auf eine Herausforderung zu prüfen. Zu meiner Überraschung lobte er meinen Umgang mit der Situation und gratulierte mir zu meiner selbstbewussten, aber respektvollen Art.

Doch dann wechselte er das Thema. Er sprach den „offenen Krieg“ zwischen Hotelmanager Pfitzer und mir an, der ihm bereits zu Ohren gekommen war. Ohne zu zögern schilderte ich ihm meine Sicht der Dinge: was ich mir von einem Hotelmanager auf einem 5-Sterne-Plus-Schiff erwarte und welche gravierenden Mängel ich an der derzeitigen Führung feststellte. Ich erklärte, dass ich ursprünglich an Bord der Hanseatic gekommen war, um von den Besten zu lernen und nun feststellte, dass ich selbst eher die Rolle des Lehrenden übernehmen müsste.

„Dann schreiben Sie mir bitte bis morgen einen Plan mit den Punkten, die Sie an Bord verbessern würden,“ sagte er schließlich. „Zwölf konkrete Vorschläge genügen.“ Doch für mich war klar: Zwölf Punkte reichten bei weitem nicht aus. Noch am selben Abend, gegen 22:00 Uhr, klopfte ich an seine Kabinentür, nicht mit zwölf, sondern mit einem umfassenden 100-Punkte-Plan in der Hand.

Am nächsten Morgen war der Vicepräsident mehr als beeindruckt. Er las die Liste und nickte zustimmend bei jedem Punkt. „Sie haben in jeder Hinsicht recht,“ sagte er schließlich. Dann fügte er hinzu: „Ich will, dass Sie mit mir in die USA kommen. Noch bevor wir die Partnerschaft unterzeichnen, möchte ich, dass Sie so schnell wie möglich in unserer Reederei anfangen.“

Es war ein Moment, der mich mit Stolz erfüllte. Als ich spät in der Nacht endlich ins Bett fiel, wusste ich: Dieser Tag war ein voller Erfolg gewesen. Mit geschwellter Brust und einem zufriedenen Lächeln schlief ich ein, bereit für die Herausforderungen des nächsten Morgens.

02.12.1994 – ANTOFAGASTA / CHILE

Antofagasta, eine Wüstenstadt, die ihre karge Umgebung nur allzu gut widerspiegelt. Groß, aber trostlos – eine Stadt, die kaum Spuren im Gedächtnis hinterlässt. Dass ich nicht einmal ein einziges Foto machte, spricht Bände, denn normalerweise halte ich selbst die unscheinbarsten Details meiner Reisen fest. Doch an diesem Tag ließ die Stadt keine Inspiration aufkommen.

Dennoch wurde der Abend zu einem der erinnerungswürdigsten Momente dieser Reise – dank Erich von Däniken. Unsere Gespräche der letzten Tage hatten sich längst zu einer freundschaftlichen Vertrautheit entwickelt, und so verbrachten wir den Abend in ausgelassener Stimmung, begleitet von zwei Flaschen Champagner. Wir lachten, diskutierten und tauchten tief in Themen ein, die von antiken Rätseln bis zu den Eigenheiten des Lebens an Bord reichten.

Mit einem gewissen Charme und Überzeugungskraft gelang es mir, Erich für einen besonderen Plan zu gewinnen: einen exklusiven Diavortrag nur für die Crew. Dieses einmalige Ereignis fand tatsächlich statt und dauerte zwei volle Stunden. Erich nahm uns mit auf eine gedankliche Reise zu den Nasca-Linien, antiken Kulturen und deren mysteriösen Verbindungen zu außerirdischen Theorien.

Der Vortrag endete in einer lebhaften Diskussion, die ebenso hitzig wie faszinierend war. Crewmitglieder aus unterschiedlichsten Bereichen beteiligten sich, stellten Fragen und teilten ihre Gedanken. Es war beeindruckend, wie Erich es schaffte, die gesamte Crew – vom einfachen Matrosen bis zum Ingenieur – zu fesseln und eine einzigartige Atmosphäre zu schaffen.

Dieser Abend war nicht nur eine willkommene Abwechslung vom Alltag, sondern auch ein unvergessliches Erlebnis, das uns als Crew enger zusammenschweißte. Solche Momente zeigen, dass selbst auf den härtesten Reisen kleine magische Augenblicke entstehen können, die man für immer mit sich trägt.

03.12.1994 – NEUE REISE 4 – VALPARAISO – TALCAHUANO / CHILE NACH BUENOS AIRES

Der Hafen heute war alles andere als einladend – ein wahrer Albtraum für Sauberkeitsfanatiker. Die gesamte Umgebung war von Möwendreck überzogen, sodass es schwerfiel, einen sauberen Fleck zu finden. Die Landschaft erinnerte mich ein wenig an die Gegend um Neusiedl, auch wenn es dort keine Möwen gibt. Dennoch gab es eine gewisse Ähnlichkeit im rauen Charakter der Umgebung.

Die letzten Tage hatten eine spürbare Veränderung in Flora und Fauna mit sich gebracht. Das Klima wurde kühler, die Vegetation karger, und heute erlebte ich einen besonderen Moment: Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich Seelöwen! Ihre verspielte, gemütliche Art brachte mich zum Lächeln – ein kleiner Lichtblick in diesem eher tristen Hafen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit hatte ich endlich die Gelegenheit, mit zu Hause zu telefonieren. Die Freude, die Stimme meiner Liebsten zu hören, mischte sich mit einer tiefen Sehnsucht und hinterließ ein schweres Herz. Solche Momente erinnerten mich daran, wie weit entfernt ich von den Dingen war, die mir wirklich wichtig waren.

Der Tag hielt jedoch eine unerwartete Wendung bereit: Ein plötzlicher Anruf aus der Reederei brachte die Nachricht, dass Hotelmanager Pfitzer und seine Freundin das Schiff in diesem Hafen sofort verlassen mussten, offenbar nicht freiwillig. Wie ich später erfuhr, wurde Pfitzer nie wieder auf einem anderen Schiff der Reederei eingesetzt. Es schien, als hätten klare Worte und konsequentes Feedback letztlich Wirkung gezeigt. Niemand an Bord weinte den beiden eine Träne nach.

Am selben Tag kam sein Nachfolger auf die Hanseatic: Herr Salfelner, ein Landsmann aus Österreich. Er war neu bei der Reederei, und mein erster Eindruck war verhalten positiv. Ich wusste, dass er es nicht leicht haben würde, in die Fußstapfen eines Vorgängers zu treten, der in Sachen Teamführung derart versagt hatte.

Thomas Pfitzer war ein junger Mann mit klaren Strukturen, doch seine Jugend und sein Ego standen ihm im Weg. Er führte das Hotel an Bord wie eine Maschine, ohne Raum für Menschlichkeit oder Teamgeist. Was blieb, war eine toxische Atmosphäre, die mehr zerstörte, als sie aufbaute. Ich hoffte inständig, dass Salfelner ein anderer Typ Führungskraft sein würde – einer, der verstand, dass wahre Stärke in der Fähigkeit liegt, Menschen zusammenzubringen und ein gemeinsames Ziel zu verfolgen.

Die Veränderung war spürbar, und ein neuer Wind begann durch die Gänge zu wehen. Es blieb abzuwarten, ob dieser frische Ansatz tatsächlich Bestand haben würde. Doch eines war sicher: Der Tiefpunkt war erreicht, und es konnte nur besser werden

04.12.1994 – AUF SEE

Ein weiterer Tag auf See, geprägt von der immer gleichen, fordernden Routine: ein harter Arbeitstag, der keine Pause und kaum Raum für Erholung ließ. Von früh bis spät war ich im Einsatz, während der stetig auffrischende Wind die Stimmung an Bord beeinflusste.

Der Wind nahm mit jeder Stunde an Stärke zu, und selbst im Inneren des Schiffs war sein Dröhnen gegen die Außenwände nicht zu überhören. Auf den offenen Decks war an Entspannung nicht zu denken – Böen rissen an allem, was nicht fest verankert war, und das Schiff begann spürbar zu schaukeln.

Trotz der widrigen Bedingungen lief der Betrieb an Bord wie gewohnt weiter. Von den Mahlzeiten bis zu den Veranstaltungen musste alles reibungslos funktionieren, und es lag an uns, den Gästen den Eindruck zu vermitteln, dass wir auch unter diesen Umständen alles im Griff hatten.

Der Wind war nicht nur draußen zu spüren, sondern schien auch symbolisch für den Druck und die Herausforderungen zu stehen, die auf uns lasteten. Doch mit jedem Tag, an dem wir dem Sturm trotzen, wächst auch die Gewissheit, dass wir uns aufeinander verlassen können – ein Gedanke, der mich durch die langen Stunden trug.

Am Abend, als ich endlich in meine Kabine fiel, war ich erschöpft, aber auch zufrieden. Der Wind mochte toben, doch wir hielten Kurs – auf See und in unserem Alltag.

05.12.1994 – ISLA MAOCHA

Es ereignete sich nichts Besonderes heute. Wir hatten extrem starken Wellengang und zum ersten Mal richtig kaltes Wetter, trotz Sonnenschein.

06.12.1994 – PUERTO MONT / CHILE

Puerto Montt liegt im Fjordenlabyrinth von Feuerland und ist eine große, vielleicht sogar die größte Hafenstadt hier. Wir hatten die gesamte Nacht über heftigen Sturm mit 9 m hohen Wellen. Erst als wir in den frühen Morgenstunden in die Magellanstraße einfuhren, wurde es ruhiger. Zum Glück macht mir der heftige Seegang bislang nichts aus, viele meiner Kollegen sind jedoch schwer seekrank, und natürlich geht es auch vielen Gästen schlecht. In Puerto Montt hatten wir 24 Stunden lang nur Regen und dunkle Wolken um uns herum.

Wie ich heute erfuhr, hat die Reederei wohl Pitzers Freundin fristlos gekündigt, und er zog nach und ging deshalb ebenfalls flott von Bord. Vermutlich wollte die Reederei das Problem Pfitzer auf diese Weise lösen, weil sie seine Reaktion bereits vorhersehen konnten. Ich bin mir sicher, dass das so abgelaufen ist.

Was mich jedoch überraschte, war, dass Pfitzer, als er das Schiff vor einigen Tagen verlassen hatte, Krokodilstränen weinte. Ich war ebenfalls überrascht. Er und Kerstin hatten die Hanseatic beide als ihr Reich angesehen. Sie machten zwar einen guten Job, aber viel zu militärisch – es fehlte ihnen das Feingefühl für Menschen. So gesehen, kann man sagen, dass das Schicksal, sprich die Brutalität, zurückschlug.

CHILENISCHE FJORDE

Zählen zu den schönsten der Welt, wenn sie auch hinsichtlich des Bekanntheitsgrades es nicht mit norwegischen Fjorden aufnehmen können. Doch die überwältigende Schönheit der chilenischen Küste, und das Labyrinth der Buchten und Meeresarme rund um die Isla Wellington, werden uns auf dem Weg zu Magellanstraße begeistern. Feuerland präsentiert sich mit klarer Luft und subantarktischer Landschaft, die Fahrt durch den Beaglekanal mit seinen bekannten, nach europäischen Ländern benannten Gletschern, sollten wir von Deck aus verfolgen. 

Die Welt des ewigen Eises, Heerscharen von Pinguinen, tausende von Seelöwen, Robbenherden und Walfamilien erwarten uns in der Antarktis. Unsere Zodiacs ermöglichen ungewöhnliche Anlandungen. Wir dringen unter der Leitung von Experten weit in die südlichen Breiten vor und entdecken einen der letzten ursprünglichen Lebensräume unseres Planeten.

07.12.1994 – ISLA CHILEO

Chile zeigte sich heute von einer überraschend vertrauten Seite. Die Landschaft erinnerte mich an die Südsteiermark, sanfte Hügel, eine leicht melancholische Atmosphäre und ein grauer Himmel, der die Umgebung in ein gedämpftes Licht tauchte. Doch trotz dieser fast heimeligen Kulisse war der Tag alles andere als entspannt.

Die Arbeit schien kein Ende zu nehmen. Von früh bis spät war die Crew im Einsatz, und die Stimmung unter uns war spürbar angespannt. Vielleicht lag es an der Erschöpfung, die sich immer deutlicher bemerkbar machte, dabei waren wir nicht einmal in der Antarktis. Jeder erledigte seine Aufgaben, doch die Motivation schien irgendwo auf halbem Weg verloren gegangen zu sein.

In solchen Momenten wird mir immer wieder klar, wie wichtig der Zusammenhalt an Bord ist und wie schwer es manchmal fällt, diesen zu bewahren. Ein einziges freundliches Wort, ein Lächeln oder eine kurze Aufmunterung können den Unterschied machen. Doch heute war davon wenig zu spüren. Die Anspannung lag förmlich in der Luft, und es fühlte sich an, als müssten wir alle einen Sturm durchstehen, der weniger mit dem Wetter und mehr mit uns selbst zu tun hatte.

Am Abend, als ich auf dem Deck stand und den Blick über die chilenische Landschaft schweifen ließ, war ich dankbar für diesen kurzen Moment der Ruhe. Es erinnerte mich daran, dass hinter der Arbeit und den Herausforderungen eine Welt voller Schönheit und Möglichkeiten wartet – und dass wir sie nur sehen können, wenn wir uns die Zeit dafür nehmen.

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08.12.1994 – IN DEN FJORDEN VON FEUERLAND

Der Tag begann um 5:00 Uhr, und ich machte mich sofort daran, sicherzustellen, dass für die geplante Zodiacfahrt in den Fjorden alles vorbereitet war. Es war ein hektischer Morgen, und als ich die Zodiacs erreichte, stellte ich entsetzt fest, dass weder die Verpflegung noch die nötige Ausrüstung bereitgestellt worden waren. Ein klassischer Fehler, der mich sofort in Alarmbereitschaft versetzte.

Doch kaum hatte ich den ersten Schritt gemacht, hörte ich einen ohrenbetäubenden Krach, gefolgt von einem heftigen Ruck. Der ganze Schiffskörper schüttelte sich, und wir erhielten eine extrem starke Seitenneigung. Ein Geräusch von brechendem Holz, Metall und zersplitterndem Glas durchbrach das Chaos. Ich konnte förmlich spüren, wie die Schwingungen des Schiffes durch meinen Körper gingen, während das Schiff noch immer in dieser verängstigenden Neigung verharrte. Was war passiert?

Alles, was nicht fest verankert war, flog durch die Luft. Der Zustand an Bord war kaum zu fassen. Im Restaurant fand ich das Frühstücksbuffet – oder das, was davon übrig war – an der Decke klebend, während Teller, Gläser und allerlei zerbrechliche Dinge quer durch die Räume flogen. Es war, als hätte eine Naturgewalt das Schiff erfasst. Über 100 Teller lösten sich vor meinen Augen in Tausend Teile auf, begleitet von einem Durcheinander aus zerbrochenen Blumenvasen und den noch nicht gesicherten Fernsehern, die gegen die Wände knallten.

Gelassener, als es wohl zu erwarten war, blieb ich stehen und beobachtete, wie sich das Chaos entfaltete. In der Ferne, vom Funk her, kam die Erklärung: Ein kleiner, unerwartet auftauchender Felsen im Fjord hatte das Schiff zu einem schnellen Manöver gezwungen, um eine Kollision zu vermeiden. Wir hatten wirklich Glück im Unglück, denn trotz der Schäden an Bord war es nicht zu einem größeren Vorfall gekommen.

Nachdem sich die Situation beruhigt hatte, konnte das Schiff im Fjord ankern, und plötzlich erschien die gesamte Szenerie fast surreal. Der Fjord wirkte wie ein mächtiger, ruhiger Fluss, umrahmt von dichten, trüben Bergen. Das Wetter hier war unaufhörlich nass, und die Kälte kroch unter die Haut. Mit einer Temperatur von 14°C näherten wir uns langsam, aber stetig dem berüchtigten Cape Horn und dem unwirtlichen Süden – und wir alle wussten, dass dies nur der Anfang einer langen Reise durch den Nebel war.

09.12.1994 – IN DEN FJORDEN VON FEUERLAND

Diese wunderbare Landschaft wird je weiter wir in den Süden vordringen immer wilder und bizarrer. Meine Kamera möchte ich gar nicht mehr loslassen. Die Farbe der Fjorde, die heftigen Berge – einfach Natur pur und die immer kälter werdende klare Luft. An Deck tanke ich richtig Energie und bin immer wieder aufs Neue für den Job gerüstet.

10.12.1994 – IN DEN FJORDEN VON FEUERLAND

Heute segeln wir bei stürmischem Wetter entlang des berühmten Beagle Channels, einer der malerischsten, aber auch gefährlichsten Wasserstraßen der Welt. Der Wind peitscht in kräftigen Bögen über das Meer, und die Wellen schlagen hoch gegen den Schiffsrumpf. Der Beagle Channel, der sich wie ein schmaler Riss zwischen den schroffen Küsten Chiles und Argentiniens zieht, präsentiert sich in seiner rauen, wilden Schönheit.

Es fühlt sich an, als ob der Kanal selbst uns testen möchte, ob wir standhalten können. Die See ist unbarmherzig, der Himmel grau und wolkenverhangen, und der Regen fällt in steilen Strömen. Doch das Ziel vor Augen lässt uns weiter vorwärts treiben – Cape Horn und Ushuaia, das südlichste Ende der Welt, locken uns mit dem Versprechen eines einzigartigen Erlebnisses.

Die steilen Berge, die den Beagle Channel flankieren, sind in den dichten Nebel gehüllt, und die Sicht ist oft nur ein paar Meter entfernt. Aber das, was wir durch die Gischt hindurch sehen können, ist überwältigend: schroffe Felsen, die aus dem Wasser ragen, und der ständige Kampf der Natur gegen das Schiff, das sich gegen die Elemente stemmt.

Der Kurs ist gesetzt, aber es wird klar, dass wir auf einem der anspruchsvollsten Seewege der Welt unterwegs sind. Es ist eine Reise, die den Unterschied zwischen uns und den Elementen sichtbar macht. Die Gischt trifft immer wieder gegen die Fensterscheiben der Brücke, und der Wind zieht heulend durch das Schiff. Und doch, trotz der Widrigkeiten, liegt eine gewisse Faszination in der rauen Schönheit dieses Ortes.

Ushuaia ist noch einige Tage entfernt, aber der Gedanke, dem Süden näher zu kommen, lässt uns alle in gespannter Erwartung der kommenden Tage an Bord verweilen. Und irgendwann wird das Cape Horn, der "mythische Punkt", den wir alle im Visier haben, keine ferne Legende mehr sein.

 

11.12.1994 – PUNTA ARENAS / CHILE

 Der letzte chilenische Hafen. Ich nutzte die Gelegenheit, um in aller Ruhe einige alte Landkarten und Anstecker zu kaufen. Es war ein kurzer, aber angenehmer Ausflug in die Vergangenheit, und die Karten schienen für mich wie ein letzter Gruß dieser Region, bevor wir weiter in den Süden vordrangen.

Am Abend war dann die klassische Sitzplatzvergabe für die neuen, heute zugestiegenen Gäste angesetzt, ein unvergesslicher Akt der Unruhe, der wieder einmal zeigte, wie wenig oft Wohlstand mit Anstand und Manieren zu tun hat. Diese „sehr wohlhabenden“ Passagiere, die sich auf eine der exklusivsten Reisen überhaupt freuten, benahmen sich wie kleine Kinder, die um jedes Detail stritten, als ginge es um mehr als um einen einfachen Fensterplatz. Es war fast schon komisch, wie verbissen sie um diese Positionen feilschten, als ob es der Höhepunkt ihrer Reise sei, dabei war es doch der Beginn eines unvergesslichen Erlebnisses.

Ich konnte es kaum fassen, wie solche Streitereien über etwas so Banales wie Sitzplätze ihre ganze Reise vergiften konnten. Man könnte meinen, dass diese Menschen, die sich ihre Reisen leisten können, auch das nötige Maß an Klasse und Gelassenheit hätten. Doch wie so oft zeigte sich, dass Reichtum nicht automatisch ein höheres Maß an Anstand oder Gelassenheit mit sich bringt.

Inmitten der hitzigen Diskussionen stellte ich fest, dass sich diese Kindergeburtstagsmentalität immer wieder einschlich, egal wie viel Geld die Leute auf den Tisch legten. Diese Streitereien waren ein Störfaktor, den ich immer wieder erleben musste – und der die Freude an einer sonst so wunderbaren Reise trübte. Ein trauriges Beispiel dafür, wie Menschen sich selbst oft die Stimmung verderben können, noch bevor das Abenteuer überhaupt begonnen hat.

12.12.1994 – USHUAIA / ARGENTINIEN / CAPE HORN / CHILE

 Endlich Ushuaia – der südlichste Punkt der Reise und das Tor zur antarktischen Welt. Es scheint, als würde hier selten die Sonne scheinen, doch heute ist alles anders. Als wir uns dem Pier nähern, bricht die Sonne mit voller Pracht durch die grauen Wolken, und die Stadt erstrahlt in einem goldenen Licht. Ein Moment, den ich so schnell nicht vergessen werde, denn es fühlt sich wie ein seltener Glücksfall an, in dieser abgelegenen Ecke der Welt, inmitten der rauen Schönheit Patagoniens, einen solchen Anblick zu erleben.

Natürlich kann ich nicht widerstehen und flitze sofort in die Stadt, die direkt hinter dem Schiff liegt. Es ist ein Ort voller Charme, klein und überschaubar, aber voller Charakter. Die Läden wirken gemütlich, und in der kühlen, klaren Luft herrscht eine Ruhe, die für Ushuaia typisch ist. Ich stöbere durch die Straßen, kaufe mir eine Mütze, die mich vor dem eisigen Wind schützen wird, dazu die obligatorischen Anstecker für meinen Pullover und einige Ansichtskarten, die mich später an diesen besonderen Ort erinnern sollen.

Es ist eine Freude, in dieser Stadt zu sein, die das Ende der Welt zu sein scheint, und gleichzeitig ein Neuanfang. Hier, an diesem abgelegenen Punkt, an dem die Weltkarte fast endet, fühlt sich alles intensiver an – die Luft, die Landschaft, das Leben. In Ushuaia spürt man die Weite und das Abenteuer, das vor uns liegt, während die Sonne langsam hinter den fernen Gipfeln verschwindet und die Dunkelheit des Südens wieder Besitz von dieser einzigartigen Region ergreift.

13.12.1994 – AUF SEE IN ARGENTINISCHEN GEWÄSSERN

 Von Ushuaia aus segeln wir in Richtung Norden. Doch schon bald wird klar, dass die See sich nicht beruhigen wird. Im Gegenteil, sie wird immer rauer. Der Südatlantik zeigt hier seine ungezähmte Seite, und die Wellen sind ein ständiger Begleiter, die das Schiff schaukeln lassen und den Alltag an Bord zunehmend herausfordernder machen.

Die Luft fühlt sich kälter an, der Wind steifer, und obwohl die Region uns langsam wieder in den gemäßigten Bereich führt, lässt die raue See uns nicht zur Ruhe kommen. Für uns Crewmitglieder ist es ein stetiger Balanceakt, das Schiff und die Gäste sicher zu betreuen, während die Natur ihren wilden Tanz aufführt. Es ist eine Erinnerung daran, wie klein und verletzlich der Mensch inmitten dieser gewaltigen Naturgewalten doch ist.

Doch auch diese raue See hat ihren Reiz, die ungestüme Energie, die in den Wellen brodelt, die frische, salzige Luft und das ständige Rauschen des Wassers, das uns begleitet. Es ist ein Gefühl von Abenteuer und Freiheit, das sich mit jedem Wellenkamm verstärkt.

14.12.1994 – AUF SEE IN ARGENTINISCHEN GEWÄSSERN

 Heute liegt eine dichte, bedrohliche Bewölkung über dem Schiff, und der Sturm erreicht seinen Höhepunkt. Es ist der zweite heftige Sturmtag in Folge, und der Atlantik zeigt sich von seiner unbarmherzigen Seite. Der Wind peitscht mit enormer Kraft gegen das Schiff, und die Wellen türmen sich zu imposanten Wänden auf, die das Schiff hin und her werfen.

An Bord herrscht eine spürbare Anspannung. Die meisten Gäste halten sich in ihren Kabinen auf, während wir als Crew uns bemühen, das Schiff in diesem tosenden Meer sicher zu steuern. Alles scheint in ständiger Bewegung – das Rumpeln des Schiffs, das Rauschen des Windes, das Heulen der Wellen – und trotz der Übung und Routine, die wir im Umgang mit solchen Stürmen haben, bleibt die Natur doch immer ein unberechenbarer Faktor.

Es ist beeindruckend, zu beobachten, wie das Schiff sich durch die Wellen schneidet, sich gegen die Wucht des Windes stemmt, doch der Sturm hat etwas Ehrfurchtgebietendes. Man merkt die Wucht der Naturgewalten, die über uns hinwegfegen. Die Grenzen von Mensch und Technik werden in solchen Momenten besonders deutlich, und ich erinnere mich daran, wie klein wir uns angesichts dieser unbändigen Kraft der Natur fühlen.

Während draußen der Sturm tobt, suchen die Gäste Sicherheit und Geborgenheit an Bord, doch für uns Crewmitglieder ist es eine Fortsetzung der Arbeit, die uns jeden Tag in dieser rauen Umgebung fordert.

15.12.1994 – PUERTO MADRYN / ARGENTINIEN

 Heute hatten wir endlich etwas Zeit, Puerto Madryn zu erkunden, da 95% der Gäste auf einem Ganztagesausflug unterwegs waren. Der neue Hotelmanager und ich beschlossen, gemeinsam die Stadt zu besuchen.

Puerto Madryn, eine Stadt, die so isoliert und inmitten der Weite der Patagonischen Steppe liegt, hatte etwas Fast schon Unwirkliches an sich. Der Ort war quadratisch angelegt, wie aus einem Plan entworfen, und wirkte irgendwie aus der Zeit gefallen. Es schien, als ob hier die Zeit langsamer verging.

Da die meisten Geschäfte während der langen Siesta geschlossen waren, hatte ich keine Gelegenheit, etwas zu kaufen, was meine ursprünglichen Pläne durchkreuzte. Doch statt uns darüber zu ärgern, entschieden wir uns, einfach in einem der gemütlichen Straßencafés Platz zu nehmen und das ruhige Treiben um uns herum zu beobachten.

Gerade als wir uns niederließen, trafen wir Dian Roy, die Sängerin, und die Lady aus der Boutique. Sie saßen in der Nähe und genossen ihren Kaffee. Dian, mit ihrem charismatischen Lächeln und der lebhaften Persönlichkeit, erzählte von ihren Eindrücken aus den vergangenen Tagen, während die Lady aus der Boutique, immer perfekt gestylt, sich charmant in das Gespräch einbrachte.

Es war ein entspannter Moment – fernab der üblichen Hektik des Schiffsbetriebs. Puerto Madryn mag nicht viel zu bieten haben, aber der Charme des Ortes und die angenehme Gesellschaft machten den Tag besonders. Wir lachten, tauschten Geschichten aus und genossen die Stille der Stadt, die nur hin und wieder von einem leisen Windhauch durchbrochen wurde. Ein erfrischender Kontrast zu den vielen Stunden an Bord und der Arbeit, die uns täglich forderte.

16.12.1994 – AUF SEE IN ARGENTINISCHEN GEWÄSSERN

Heute segeln wir bei stürmischem Wetter entlang des berühmten Beagle Channels, einer der malerischsten, aber auch gefährlichsten Wasserstraßen der Welt. Der Wind peitscht in kräftigen Bögen über das Meer, und die Wellen schlagen hoch gegen den Schiffsrumpf. Der Beagle Channel, der sich wie ein schmaler Riss zwischen den schroffen Küsten Chiles und Argentiniens zieht, präsentiert sich in seiner rauen, wilden Schönheit.

Es fühlt sich an, als ob der Kanal selbst uns testen möchte, ob wir standhalten können. Die See ist unbarmherzig, der Himmel grau und wolkenverhangen, und der Regen fällt in steilen Strömen. Doch das Ziel vor Augen lässt uns weiter vorwärts treiben – Cape Horn und Ushuaia, das südlichste Ende der Welt, locken uns mit dem Versprechen eines einzigartigen Erlebnisses.

Die steilen Berge, die den Beagle Channel flankieren, sind in den dichten Nebel gehüllt, und die Sicht ist oft nur ein paar Meter entfernt. Aber das, was wir durch die Gischt hindurch sehen können, ist überwältigend: schroffe Felsen, die aus dem Wasser ragen, und der ständige Kampf der Natur gegen das Schiff, das sich gegen die Elemente stemmt.

Der Kurs ist gesetzt, aber es wird klar, dass wir auf einem der anspruchsvollsten Seewege der Welt unterwegs sind. Es ist eine Reise, die den Unterschied zwischen uns und den Elementen sichtbar macht. Die Gischt trifft immer wieder gegen die Fensterscheiben der Brücke, und der Wind zieht heulend durch das Schiff. Und doch, trotz der Widrigkeiten, liegt eine gewisse Faszination in der rauen Schönheit dieses Ortes.

Ushuaia ist noch einige Tage entfernt, aber der Gedanke, dem Süden näher zu kommen, lässt uns alle in gespannter Erwartung der kommenden Tage an Bord verweilen. Und irgendwann wird das Cape Horn, der "mythische Punkt", den wir alle im Visier haben, keine ferne Legende mehr sein.

17.12.1994 – MAR DEL PLATA / ARGENTINIEN

 Eine Millionenstadt mit atemberaubend weißen Stränden, die sich an der Küste erstrecken. Gestern waren wir noch weiter südlich, bei nur 15°C Außentemperatur. Heute jedoch, ein ganz anderes Bild: 32°C und Sonne pur, was sich sehr wohltuend anfühlt.

Der Arbeitstag hatte heute wieder seine gewohnte Länge von 18 Stunden. Jeder Moment war voll von Aufgaben, die keinen Raum für Ruhe ließen. Die Reise ist zu ende, daher wird erneut eine komplette Schiffsinventur gemacht. Siehe da die Stürme der letzten zeit waren sehr teuer, es wurde unglaublich viel Equipment in den verschiedenen Departments zerstört. Wir rechneten mit diesen heftigen Stürmen erst in der Antarktis aber noch nicht hier im Süden von Südamerika. Wir holten die letzten Reserve Fernseher aus unserem Locker, hunderte von neuen Tellern etc…. Gleichzeitig wurde für die nächste Ankunft in Ushuaia in 18 Tagen wenn wir aus der Antarktis zum ersten Mal zurück sind, einige Container mit Equipment bestellt in den USA bestellt.

Doch die Atmosphäre in der Stadt, die an den Stränden ihren eigenen Rhythmus hat, ließ mich in den wenigen freien Minuten für einen Moment innehalten und den Luxus der Sonne und des Meeres genießen.

 

ANTARKTIS

18. Dezember 1994 – 5. REISE / 1. ANTARKTISREISE: BUENOS AIRES / ANTARKTIS / USHUAIA

1. ANTARKTIS-REISE

Trotz des chronischen Zeitmangels, der mich stets begleitete, konnte ich es mir nicht nehmen lassen, Buenos Aires zumindest für einen kurzen Moment zu erkunden. Diese faszinierende Metropole nur aus der Entfernung des Hafens zu betrachten, wäre unvorstellbar gewesen. In den knapp 30 Minuten, die ich hatte, stürmte ich durch die Straßen und ließ mich von der Energie der Stadt mitreißen. Es war keine Zeit, Einkäufe zu tätigen, aber es brauchte nicht viel, um die lebendige Atmosphäre in mich aufzunehmen. Buenos Aires – teuer, aber voller Leben. Die spürbare Aufbruchsstimmung, die sich durch die Straßen zog, war für mich wie eine willkommene Abwechslung nach den langen Wochen der Arbeit. Besonders beeindruckt war ich von den strahlend weißen Stränden, die in der Ferne glitzerten, und den Surfern, die sich geschickt die Wellen hinabstürzten.

Doch der Aufenthalt in Buenos Aires war nur ein flimmerndes Licht in einer langen Dunkelheit. Schon am selben Tag kamen die neuen Gäste aus Europa an Bord, und für uns hieß es, sofort in den Arbeitsmodus zurückzukehren. Tischreservierungen, General Cleaning, und Inventuren in sämtlichen Bereichen des Schiffs – keine Minute blieb ungenutzt. Der hektische Betrieb war allgegenwärtig, und der Glanz der Stadt verblasste schnell, als wir uns wieder der Arbeit hingaben. Am Mittag legten wir ab, und der Kurs führte uns zurück Richtung Süden, Richtung Cape Horn – dem berüchtigten Ziel, das wir noch vor uns hatten.

Doch dann, eine unerwartete Wendung: Ein chilenisches Torpedoboot stoppte die Hanseatic.. In langen Verhandlungen wurde uns schließlich untersagt, wie geplant anzulanden. Stattdessen mussten wir uns auf einen Abstand von zwölf Seemeilen zurückziehen, während das Schiff unter strenger Beobachtung stand. Die Enttäuschung der Gäste war spürbar, aber wir, die Crew, standen hilflos dabei. Wir konnten nichts tun, außer den Plan zu ändern und unsere Route weiterzusetzen. Gegen 22:00 Uhr passierten wir schließlich das Cape Horn – allerdings nur in weiter Ferne, die Silhouette des legendären Felsen in der Dämmerung verblasste hinter uns.

Trotz der Anspannung und der Enttäuschung feierte die Crew dennoch ein kleines Fest. In der Nähe der Wasseroberfläche, im Unterdeck des Schiffs, trafen wir uns zu einer spontanen Glühweinparty. Zehn Becher Glühwein, die ich mir gönnte, konnten erstaunlicherweise kaum die gewünschte Wirkung entfalten. Vielleicht war es die Kälte, die meine Sinne abstumpfte, oder die pure Freude an diesem kurzen Moment der Gemeinschaft, der uns alle für einen Augenblick die Strapazen und den Stress des Tages vergessen ließ.

19. Dezember 1994 – AUF SEE IN RICHTUNG FALKLAND

20. Dezember 1994 – AUF SEE IN RICHTUNG FALKLAND

Die Weihnachtsreise war in vollem Gange, und mit 180 Gästen an Bord war das Schiff komplett ausgebucht. Trotz des vollen Terminkalenders gelang es mir, zwei freie Stunden für mich zu finden. Der Himmel erstrahlte in einem strahlenden Blau, doch der Wind war eisig – ideal, um etwas frische Energie zu tanken. Ich legte mich auf das Vorschiff, um diese flüchtigen Momente der Ruhe zu genießen, die mir bei der hektischen Arbeit nur selten vergönnt waren.

Doch dann ein unerwartetes Problem: Meine Kamera begann zu spinnen, der denkbar ungünstigste Moment, denn ich wollte diese unvergesslichen Eindrücke unbedingt festhalten. Hoffentlich hielt sie noch durch, dachte ich mir, während der Wind mich weiterhin herausforderte.

Die Arbeit forderte mich ebenfalls auf allen Ebenen, oft bis an meine Grenzen. Doch mit jeder neuen Herausforderung wuchs mein Wille, zu zeigen, wer hier wirklich durchhielt, wer den Weg kannte und wer sich als echter Profi behaupten konnte. Diese innere Haltung gab mir die Stärke, die ich brauchte, um den Tag zu überstehen, eine Kombination aus unerschütterlicher Zielstrebigkeit und einer gewissen Leichtigkeit, die ich mir bewahrt hatte.

Ich agierte gegenüber der Crew und den Gästen auf eine Weise, die sowohl scharf kalkuliert als auch empathisch war, eine Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche, je nachdem, was in der Situation erforderlich war. Dieser Ansatz trug Früchte: Die Bewertungen, die ich in den letzten Monaten erhalten hatte, hatten meine Vorgängerin endgültig in den Schatten gestellt. Die Firma arbeitete nach einem klaren Prinzip: Wer besser bewertet wird, bleibt – der andere kommt nicht zurück.

Ich hatte in sämtlichen Kategorien meine Vorgängerin übertroffen, was mir nicht nur einen beruflichen Triumph bescherte, sondern auch mein persönliches Vertrauen in meine Fähigkeiten stärkte. Besonders stolz machte mich, dass ich von der Crew und den Gästen gleichermaßen geschätzt wurde. Die Crew bewertete mich einmal pro Vertrag, die Gäste bei jeder Reise in mehreren Kategorien – und meine Ergebnisse sprachen für sich.

von Crew und Gästen gleichermaßen geschätzt wurde. Die Crew bewertete mich einmal pro Vertrag, die Gäste bei jeder Reise in mehreren Kategorien – und meine Ergebnisse sprachen für sich. Ein weiteres Highlight dieser Woche: Die Hanseatic wurde weltweit als drittbestes Schiff in Bezug auf die USPH-Standards (United States Public Health) ausgezeichnet. Endlich ergab das „verrückte Putzen“ – all die General Cleanings und Inventuren – einen Sinn. Die Reederei bedankte sich bei uns mit einer großartigen Party und lobenden Worten.

Für mich war es ein besonderer Erfolg, da ich zuvor nie auf einem Schiff gearbeitet hatte. Trotzdem konnte ich die anspruchsvollen Standards meistern und meine Rolle als Chief Steward hervorragend ausfüllen. Die Reederei betrachtete mich als Ausnahmetalent – nicht zuletzt wegen meiner starken Ratings und der USPH-Auszeichnung, die zu 90 % in meiner Verantwortung lag.

21. Dezember 1994 – AUF SEE IN RICHTUNG FALKLAND

Die Reise Richtung Falkland zieht sich, und während die Stunden an Bord vergehen, bin ich in Gedanken oft zuhause. Die Vorfreude, alle bald wiederzusehen, gibt mir Kraft, obwohl der Alltag an Bord nichts als Arbeit bedeutet. Das Schiff ist voll, und meine Tage fühlen sich mit ihren 18 Stunden Arbeit endlos an. Doch der Gedanke an die zuhause ist wie ein Lichtblick, der mich durch diese Zeit trägt.

22. Dezember 1994 – FALKLAND / GB

Am frühen Morgen, gegen 8:00 Uhr, werfen wir vor den Falklandinseln den Anker. Das Wetter könnte schlechter kaum sein: Tiefe Wolken verhüllen die Landschaft, und ein kalter Wind fegt über das Deck. Während die Zodiacs die ersten Gäste an Land bringen, entscheide ich mich, lieber an Bord zu bleiben und das Treiben aus der Entfernung zu beobachten.

Für unsere englischen Gäste sind die Falklands ein Stück Heimat, und ihre Begeisterung ist spürbar. Am Nachmittag schlägt das Wetter plötzlich um, die Sonne bricht durch, und wir genießen angenehme 23 Grad. Die Insel präsentiert sich in sattem Grün – ein Bild, das an die Almen der Alpen erinnert, wären da nicht die Pinguine, die mit ihrer tollpatschigen Art das gewohnte Bild stören.

Die Crew wird von einem einheimischen Farmer namens McGil eingeladen, und wir verbringen eine unvergessliche Stunde in seinem Garten. Zwischen Kaffee, Kuchen und Lachen liegen wir im Gras und genießen diesen kurzen Moment der Ruhe inmitten der Natur.

23. Dezember 1994 – PORT STANLEY / FALKLAND / GB

Port Stanley hatte ich mir als eine kleine Shopping-Oase vorgestellt, vielleicht sogar als zollfreie Zone, doch meine Erwartungen wurden schnell enttäuscht. Anstelle der erhofften Einkaufsmeile fand ich nur ein winziges Postamt vor, in dem ich seltene Ersttagsbriefe in großer Stückzahl kaufte – vielleicht werden sie eines Tages einen kleinen Wert haben, dachte ich mir.

Das Wetter zeigte erneut seine unberechenbare Seite. Ein plötzlicher Wetterumschwung zwang mich, zurück an Bord zu eilen. Unsere Tender hatten große Schwierigkeiten, die letzten Gäste sicher an Bord zu holen, als der Wind in der Bucht der Mc Gils auf 7 Beaufort auffrischte. Um 11:00 Uhr, beim Auslaufen, befanden wir uns bereits mitten in einem Sturm, und auf offener See türmten sich die Wellen bis zu zehn Metern hoch.

Doch dann erreichte mich eine Nachricht, die mich tief erschütterte: Peter Barth ist gestorben. Sofort stiegen mir die Tränen in die Augen. Peter war so jung – erst 26 Jahre alt, wenn ich mich richtig erinnere. Sein plötzlicher Tod traf mich hart, und ich nahm mir vor, in der kleinen Kirche in South Georgia für ihn zu beten, die unweit des Polarkreises liegt. Der Verlust war schwer zu begreifen.

Der Tag endete stürmisch: Während des Dinners tobten 8 Beaufort, und die Wellen erreichten 12 Meter. Das Schiff wurde erbarmungslos durchgeschüttelt, doch wir hielten durch, als Gemeinschaft und als Crew, vereint im Kampf gegen die Naturgewalten.

24. Dezember 1994 – AUF SEE RICHTUNG ANTARKTIS / HEILIGER ABEND

Heiligabend. Ich sitze allein in meiner Kabine, umhüllt von der sanften Melodie von Stille Nacht, die sich wie ein Hauch von Geborgenheit in den Raum schmiegt. Draußen tobt der Sturm mit einer Wucht von Stärke 8, die Wellen schlagen noch immer bedrohlich gegen das Schiff, hoch wie Häuser, und seit 48 Stunden schon rüttelt das unbändige Meer ohne Pause an uns. Beim Mittagessen, als die Schiffsbewegungen besonders heftig wurden, wurden Gäste regelrecht von den Stühlen gefegt. Teller, Gläser und Vasen flogen durch die Luft, und ein heilloses Durcheinander herrschte – eine Szenerie, die mir vertraut war, aber dennoch jedes Mal aufs Neue beeindruckend blieb.

Trotz der widrigen Umstände herrschte an Bord eine unerwartete, beinahe magische Atmosphäre. In der Offiziersmesse und bei der Crew leuchteten wunderschön geschmückte Christbäume, ihre Lichter flackerten im Rhythmus des Schiffsbodens, während der Crewchor Weihnachtslieder sang – eine warme, fast heilende Melodie inmitten des Sturms. Besonders berührend fand ich, wie sich die Kreuzfahrtschiffe weltweit gegenseitig Weihnachtsgrüße zuschickten. Unsere Wand war übersät mit herzlichen Botschaften von der Sea Cloud, der Norway, der Bremen, der Song of Flower und vielen anderen Schiffen. Diese Geste verband uns alle über die endlosen Ozeane hinweg. Trotz der physischen Isolation war es ein gemeinsames Feiern, das uns allen Kraft und Hoffnung gab.

An diesem Abend, dem heiligsten aller Abende, waren wir das südlichste Schiff der Welt – ein Umstand, der mich mit einem tiefen, fast ehrfürchtigen Stolz erfüllte. Doch trotz der Ehrengäste, CEOs von Esso, Mitgliedern von Königsfamilien und anderen Elitären, die in unserem Restaurant saßen, konnte nichts von dem ersetzen, was mir in diesem Moment am meisten fehlte: Familie, Liebe, Vertrautheit. Die Wärme des Zuhauses, die Nähe der Menschen, die mir am meisten bedeuteten.

An einem Ort, so extrem abgelegen, dass er fast jenseits der Vorstellungskraft lag, kam mir der Gedanke, über die wirklich wichtigen Dinge im Leben nachzudenken. Was macht einen Menschen wirklich aus? Was zählt mehr – Heldentum oder Familie? Ich dachte an die tragischen Schicksale der Entdecker, die die Antarktis durchquerten, an ihre Einsamkeit, ihre Entbehrungen und ihre verzweifelte Sehnsucht nach menschlicher Nähe. Es war dieser Zusammenhalt und die Liebe, die uns allen halfen, die extremsten Bedingungen zu überstehen.

Draußen heulte der Sturm mit einer fast animalischen Wucht, doch drinnen, in der Stille meiner Kabine, hallten die Gedanken an Familie und die Erhabenheit des Heiligen Abends nach – ein Abend der Einsamkeit, der trotz allem eine tiefe Verbindung zu dem, was wirklich zählt, schuf.

25. Dezember 1994 – AUF SEE RICHTUNG ANTARKTIS

Weihnachten an Bord. Der Sturm hat nachgelassen, doch die Ruhe hat auch ihre eigene Herausforderung. Ich bin erschöpft, die Gedanken der vergangenen Nacht haben mich lange wachgehalten, und der Bord-TV war keine Hilfe, um zur Ruhe zu kommen. Der Tag begann früh, und wie so oft lief nicht alles zu meiner Zufriedenheit. Ich fühlte mich, als würde ich endlose Kilometer durch das Treppenhaus zurücklegen, auf und ab, ständig unterwegs, um Probleme zu lösen oder den Betrieb am Laufen zu halten.

Am späten Nachmittag erreichten wir South Georgia, die Vorinsel der Antarktis. Die Lichtverhältnisse waren einfach spektakulär – die schneebedeckten Gipfel der Berge erhoben sich majestätisch aus dem tiefblauen Ozean und wurden von der tiefstehenden Sonne in ein magisches Licht getaucht.

Um 18:00 Uhr liefen wir in die verlassene Walfängerstadt Grytviken ein, eine Geisterstadt voller Geschichte. In der Bucht lagen zahlreiche halb versunkene Schiffe, deren verrostete Rümpfe von längst vergangenen Zeiten erzählen. Laut der britischen Regierung haben all diese Wracks historischen Wert, und sie verleihen der Szenerie eine gespenstische Schönheit.

26. Dezember 1994 – SOUTH GEORGIA AND THE SANDWICH ISLANDS „Grytviken“

Ein strahlender Morgen begrüßte uns in Grytviken. Die Sonne schien, und ich machte einen Spaziergang durch die rostigen und zerfallenen Gassen der alten Walfängerstadt. Doch der Ort gehörte nicht mehr den Menschen – die Königspinguine hatten ihn erobert und sich ausgebreitet, als sei dies ihre Stadt. Überall watschelten die neugierigen Vögel, die mit ihrer tollpatschigen Art jeden Besucher zum Lächeln brachten.

Am Nachmittag segelten wir zu einer nahegelegenen Inselgruppe, Heimat einer gewaltigen Kolonie von über 100.000 Königspinguinen. Es war ein unglaublicher Anblick, selbst aus der Entfernung: Der gesamte Strand und die dahinterliegenden Hügel waren von den Vögeln bedeckt. Leider konnte ich das Schiff nicht verlassen, doch die Szenerie war auch so beeindruckend.

Das Wetter war wechselhaft, und Regen setzte ein, doch am Abend wurden wir mit einem außergewöhnlichen Schauspiel belohnt: Die tiefstehende Sonne brach durch einen Wolkenspalt und ließ einen silbrigen Streifen über dem Meer und der Bergkulisse erstrahlen. Selbst unsere erfahrenen Lektoren waren von diesem Naturschauspiel begeistert – ein Moment, der uns alle staunen ließ.

27. Dezember 1994 – SOUTH GEORGIA UND DIE FJORDE

Der Tag begann früh, mit einem Sonnenaufgang um 2:30 Uhr, doch das Wetter war zunächst trostlos. Am Nachmittag änderte sich alles: Der Himmel klarte auf, und wir fuhren in einen engen, malerischen Fjord ein, dessen Ufer von steilen, über 2.000 Meter hohen Bergen gesäumt war, die direkt aus dem Ozean aufragten.

Am Ende des Fjords erwartete uns ein mächtiger Gletscher. Die Szenerie war atemberaubend, und unser Kapitän, von Harling, überraschte die Gäste mit einem besonderen Manöver: Er steuerte die Bugspitze des Schiffes so nah an den Gletscher heran, wie es noch nie zuvor gemacht wurde. Die Begeisterung an Bord war spürbar – alle waren fasziniert von der Nähe zu diesem gewaltigen Naturwunder.

Der Wettergott war uns gnädig, und die Sonne ließ den Fjord in strahlendem Licht erglänzen. Überall um uns herum war Leben: Tausende Vögel schwirrten im Vordergrund des Gletschers, während Seelöwen und Robben im Wasser spielten. Das tiefgrüne Wasser und die zahllosen Wasserfälle, die vom Gletscher ins Meer stürzten, rundeten dieses perfekte Bild ab.

Ich dachte an die Gäste, die für diese 10-tägige Reise 140.000 DM zahlten. War es das wert? Ohne Zweifel. Ein solcher Ort, eine solche Kulisse – es gibt kaum eine intensivere Erfahrung von Natur und Faszination auf diesem Planeten.

Abends, als es schon längst dunkel war – wobei Dunkelheit in der Antarktis nie völlige Finsternis bedeutet – erlebten wir ein weiteres Phänomen: Ein mächtiger silberner Streifen erschien auf Höhe des Schiffes über dem Meeresspiegel. Dieses unerklärliche Licht zog alle an Deck, selbst die Antarktisforscher und Lektoren waren sprachlos. Es war ein Moment, der uns zeigte, wie einzigartig und geheimnisvoll dieser Teil der Welt ist.

Reflexion

Mit jedem Tag in der Antarktis wird mir bewusster, dass ich mich an einem der außergewöhnlichsten Orte der Erde befinde. Diese Landschaft, die Wildnis, das Leben – es ist ein Paradies, das in seiner Schönheit und Abgeschiedenheit unvergleichlich ist. Ich habe viel gesehen in meinem Leben, vor allem in Asien und Südamerika, aber die Antarktis übertrifft alles. Sie ist das pure Wunder der Natur.

An Bord

Als Senior Officer hatte ich das Privileg, in der Offiziersmesse oder im Restaurant zu essen, eine Form der Anerkennung, die mir ermöglichte, mich in einem gewissen Luxus zu bewegen. In der Offiziersmesse war es sogar so, dass ich von meinem eigenen Butler bedient wurde. Er kümmerte sich nicht nur um das Essen, sondern erledigte auch viele andere Aufgaben, die mir das Leben erleichterten: Hemden waschen und bügeln, meine Kabine täglich reinigen, obwohl ich kaum je dort war, und all die kleinen Details, die den Job erträglicher machten. Er erledigte wirklich alles, damit ich mich voll und ganz auf meine Arbeit konzentrieren konnte.

Die „Staff“ Mitglieder, wie die gesamten Reiseleiter und der Kreuzfahrtdirektor, hatten ebenfalls privilegierten Zugang zum Restaurant. Sie hatten feste Plätze und durften immer dort speisen, aber ihnen war der Zugang zur Offiziers- oder Crewmesse verwehrt. Ihr Leben an Bord war im Grunde sehr angenehm, vor allem für die Lektoren und Künstler, die eine Art von Berühmtheit genossen. Für sie war es oft schwer, einen Unterschied zwischen ihrer Rolle und dem Leben der Gäste zu erkennen, und sie genossen viele Annehmlichkeiten. Leider war das Benehmen von „Staff“ nicht immer so, wie man es von jemandem in einer professionellen Position erwarten würde. Manchmal verhielten sie sich komplizierter und weltfremder als so mancher Gast, was die Zusammenarbeit nicht immer leicht machte.

Der Kreuzfahrtdirektor war eine sehr eigenartige Persönlichkeit, und ich pflegte nur den notwendigsten Kontakt zu ihm. Unsere Beziehung war geprägt von einer gewissen Distanz. Obwohl „Staff“ sich oft einbildete, dass sie die „Chefs“ an Bord waren, war das in Wahrheit bei weitem nicht der Fall. Sie hatten ihre eigene Position, aber sie standen weit unter den Offizieren und der Führung des Schiffs. Es gab eine klare Hierarchie, und die Arbeit als Senior Officer war in vielerlei Hinsicht ein anderes Level an Verantwortung und Einfluss.

28. Dezember 1994 – IN DER SCOTIA SEA / KURS AUF DIE SOUTH ORKNEY ISLANDS / ANTARKTIS

Heute verlief der Arbeitstag vergleichsweise angenehm, was eine willkommene Abwechslung war. Ich nutzte die Zeit, um viele Stunden am Computer zu verbringen und mein gesamtes Tagebuch umzuschreiben – ein Stück Ordnung inmitten des Chaos auf See.

Doch die Ruhe hielt nicht lange. Während ich in der Nacht noch am Computer saß, meldete sich die Natur mit aller Kraft zurück: 11 Beaufort mit 13 Meter hohen Wellen. Der Sturm ließ das Schiff erbeben, und das Chaos war perfekt. Die Gäste wurden buchstäblich von den Stühlen gefegt und lagen quer im Schiff verteilt. Es war unmöglich, aufrecht zu stehen. Unser Bordarzt hatte alle Hände voll zu tun, um die Verletzten zu versorgen.

Mich beeindruckt diese rohe Gewalt der Natur immer wieder. Ich blieb auch diesmal von Seekrankheit verschont, doch das Schiff schien beinahe gegen die Elemente zu kapitulieren. Die Wellen trafen uns steuerbord voraus, und der Schaden war erheblich. Teller flogen aus ihren gefederten Halterungen, das Restaurantfenster, hoch oben gelegen, wurde immer wieder von den heranrollenden Wassermassen überflutet. Selbst das Tippen auf der Tastatur wurde zur Herausforderung, während das Schiff von den Wellen geworfen wurde und Schreie von überall zu hören waren.

Auf hoher See kreuzten wir die World Discovery, ein legendäres Expeditionsschiff. Die Crew der Discovery kam gerade aus der Antarktis zurück – ein Beweis für die Härte und den Abenteuergeist dieses Schiffs. Einige Jahre später sollte die Discovery selbst auf spektakuläre Weise in der Antarktis sinken, ein eindrucksvoller Beweis für die unerbittliche Kraft der Natur. Das Schiff scheiterte an der Härte eines Eisbergs und sank recht flott, nur durch unglaublichen Zufall konnten alle Menschen an Bord gerettet werden.

29. Dezember 1994 – CORONATION ISLAND / SOUTH ORKNEY ISLANDS / ANTARKTIS

Es gibt eine Beschreibung, die den Geist der Antarktis perfekt einfängt:

„Man stelle sich ein Land vor, so groß wie Australien und Europa zusammen, sonniger als Kalifornien und doch kälter als ein Gefrierfach, trockener als Arabien und mit höheren Bergen als die Schweiz, aber leerer als die Sahara.“ – J.M. Dukert

Ich gebe diesem Zitat Recht – treffender kann man die Antarktis nicht beschreiben.

Um 7:00 Uhr morgens landeten wir an Coronation Island an. Uns erwartete eine atemberaubende Kulisse: eine gigantische Pinguinkolonie und dahinter ein imposanter Berg, der in den klaren Himmel ragte. Diese unberührte Natur ist ein Anblick, der einem die Sprache verschlägt.

30. Dezember 1994 – ELEPHANT ISLAND / ANTARKTIS

Der Tag begann mit einem Dämpfer. Beim morgendlichen Meeting bekam ich ordentlich Gegenwind – interne Politik und Neider machen das Leben an Bord nicht einfacher. Die lange Zeit fernab der Zivilisation erzeugt Spannungen, und die Isolation fordert ihren Tribut. Doch ich ließ mich nicht beirren und blickte stattdessen aus dem Fenster auf die 2.500 Meter hohen, schneebedeckten Berge von Elephant Island.

Die Kälte war heute besonders beißend, und ich entschied mich, an Bord zu bleiben. Durch die Fenster genoss ich die Landschaft, die sich wie ein Gemälde vor mir erstreckte. Wir nähern uns mit jedem Tag dem Südpol, und die ungewöhnlich langen Tage setzen nicht nur mir, sondern der gesamten Crew zu. Die Sonne ging erst um 23:30 Uhr unter, und unser natürlicher Rhythmus geriet völlig durcheinander.

Morgen steht der Jahreswechsel an. Die Sonne wird vermutlich erst gegen Mitternacht untergehen, und Silvester bedeutet für uns vor allem eines: Arbeit, und das bis über beide Ohren. Unsere Gäste sind anspruchsvoll, wie auf allen vorherigen Reisen, doch das gehört zu diesem exklusiven Erlebnis dazu.

Ich bin voller Energie, trotz der monatelangen Anstrengung und der wenigen Stunden Schlaf. Der Gedanke, Teil dieses Abenteuers zu sein, gibt mir Kraft. Die Antarktis ist rau, unvorhersehbar und unvergleichlich – und genau deshalb bin ich hier.

Ich hatte völlig vergessen fest zu halten, dass ich ursprünglich vor der ersten Antarktisreise aussteigen und zurück nach Hause in die Steiermark fliegen sollte. Doch das war nicht mehr möglich. Ich bekam auf jeder einzelne Reise, die ich absolvierte, deutlich bessere Ratings wie meine Vorgängerin, Kerstin, was bedeutete, dass ich nicht nur nicht zurückmusste/durfte, sondern auch, dass mein Vertrag seine volle Gültigkeit behielt. Ich musste bleiben – was bedeutete, dass ich wohl fast die gesamte Antarktissaison mitfahren würde. Die einzige Ungewissheit bestand darin, ob die Firma am Ende noch Gebrauch von einer Vertragsverlängerung machen würde, sodass ich schließlich erst in Südafrika aussteigen könnte. Aber ich würde sehen, was passierte.

Mit der Zeit wuchs in mir das Gefühl, ein fester Teil dieses großen Ganzen zu sein. Ich hatte mich eingelebt, und trotz der physischen und mentalen Herausforderungen, die eine solche Reise mit sich brachte, war ich stolz darauf, dieses einzigartige Abenteuer zu einer ganzen Saison lang erleben zu dürfen. Es war nicht nur eine berufliche Herausforderung, sondern auch eine tiefgreifende persönliche Erfahrung, die mir mehr und mehr bewusst wurde. Ich wusste jetzt schon, dass die Antarktis, mit all ihrer Wildheit und Schönheit, immer einen besonderen Platz in meiner Seele einnehmen würde.

31. Dezember 1994 – HOPE BAY / ANTARKTIS

Heute Morgen lagen wir in der atemberaubenden Hope Bay, eingerahmt von einem imposanten 2000-Meter-Berg, der stolz und mächtig in den Himmel ragt. Der Strand war von Millionen Pinguinen bevölkert, ein faszinierendes Bild, das die wilde Schönheit der Antarktis perfekt einfängt.

Um die Stimmung an Bord zu heben, ließen wir eines unserer Zodiacs zu Wasser und organisierten eine ungewöhnliche Silvesterattraktion. Unsere Crew, ausgestattet mit Überlebensanzügen, sprang ins eiskalte Wasser, erklomm eine riesige Luftbanane, und ließ sich vom Zodiac in halsbrecherischer Geschwindigkeit um das Schiff ziehen. Der Höhepunkt: Eine Champagnerflasche wurde ins Wasser geworfen, und die Jungs stießen im antarktischen Eis auf das neue Jahr an.

Nachdem die letzte Champagnerflasche im eisigen Wasser geleert war, wurde die Luftbanane zurück an Bord geholt, und unsere Crew genoss für einen kurzen Moment die ausgelassene Stimmung. Solche Aktionen waren nicht nur Unterhaltung, sondern trugen wesentlich zur Moral bei – sowohl der Gäste als auch der Besatzung. Die ständige Arbeit unter extremen Bedingungen und die Isolation verlangten allen viel ab.

Im Verlauf des Tages zogen wir durch die packende Szenerie des Antarctic Sounds. Die Stille wurde nur vom Knacken der Eisschollen und gelegentlichen Rufen der Meeresbewohner unterbrochen. Ich konnte nicht anders, als mich zu fragen, wie lange diese unberührte Welt noch in ihrer Ursprünglichkeit bestehen würde. Die Strahlen der Sonne verwandelten das Eis in ein Kaleidoskop aus Farben, ein Anblick, der selbst die abgebrühtesten Reisenden in Staunen versetzte. Das Wasser wimmelte vor Leben – Robben, Pinguine und andere Meeresbewohner tummelten sich zwischen den Eisschollen, als wären sie Teil einer antarktischen Feier.

Der Abend stand ganz im Zeichen von Silvester, doch für die Crew war es ein Tag wie jeder andere – voller Arbeit und Hingabe. Das Buffet war zwar reichhaltig, jedoch kein außergewöhnlicher Aufwand im Vergleich zu den täglichen Standards auf dieser Reise, bei uns hat jeder Tag 24 Stunden und wir haben 365 Tage Silvester an Bord. Der Kapitän hielt eine inspirierende Neujahrsansprache, und wir stießen gemeinsam auf das neue Jahr an. Doch das wahre Highlight war die Natur: Der Antarctic Sound erstrahlte gegen Mitternacht in einem unheimlichen Rosa, ein surrealer Anblick, den unsere Gäste warm eingepackt von den Außendecks aus genossen, es war eine ganz besondere Atmosphäre. Die Kälte war fast vergessen, als wir gemeinsam unter einem schier endlosen Himmel standen, der in allen möglichen Farben leuchtete. Ich konnte förmlich spüren, wie auch die anspruchsvollsten Gäste hier von der Natur in den Bann gezogen wurden. Es gab kaum Gespräche – alle waren still und genossen das Schauspiel.

Silvester in der Antarktis: Es ist nicht das Essen oder der Champagner, der diese Nacht besonders macht, sondern die einzigartige Schönheit dieser unberührten weißen Welt.

1. Januar 1995 – ANTARCTIC SOUND

Das neue Jahr begann mit einem Programm voller Herausforderungen. Unsere Pläne hingen stark von den Eisverhältnissen im Antarctic Sound ab. Wir wollten eine Anlandung auf Paulet Island versuchen und, wenn möglich, am Nachmittag am antarktischen Festland bei der Hope Bay vorbeifahren. Während andere vielleicht einen Moment Ruhe genossen hätten, war ich mit den ersten Herausforderungen des Tages konfrontiert. Die Gäste verlangten nach einem perfekten Ablauf, doch die Natur setzte ihre eigenen Maßstäbe. Die Eisverhältnisse machten unser geplantes Programm zu einem Spiel aus Geduld und Improvisation.

Das Highlight des Tages war zweifellos die zweimalige Durchfahrt durch den gigantischen Lemaire-Kanal. Die steil aufragenden Monsterberge, bedeckt mit jahrmillionenaltem Schnee und Eis, strahlten in einem beeindruckenden Blau. Der Kanal war so eng, dass es schien, als könnten wir die Berghänge mit ausgestreckten Händen berühren. Die Berge schienen förmlich zu atmen, als das Licht der tiefstehenden Sonne die Szenerie in ein nahezu magisches Blau tauchte. Es fühlte sich an, als sei diese Landschaft einem Traum entsprungen. Selbst die skeptischsten Stimmen unter den Gästen verstummten angesichts dieses Wunders.Ein Moment, der mich daran erinnerte, warum ich all die Strapazen dieser Saison auf mich nehme.

Trotz der faszinierenden Natur geriet der Alltag an Bord aus den Fugen, hinter den Kulissen kochte die Stimmung. Intrigen gegen mich machten die Runde, ein unvermeidbarer Nebeneffekt der langen Saison und der monatelangen Isolation. Die Spannungen an Bord nahmen täglich zu, die Nerven lagen blank. Heute musste ich die Entscheidung treffen, einen „Querschieber“ fristlos zu entlassen – eine unangenehme, aber notwendige Maßnahme. Der Betroffene wird am Ende der Reise in Ushuaia von Bord gehen.

Ich selbst habe seit einer Woche das Schiff nicht mehr verlassen und spüre die Anspannung. Doch die unvergesslichen Erlebnisse und die Einzigartigkeit dieser Reise lassen mich durchhalten. Die Antarktis ist nicht nur ein Ziel, sondern eine lebensverändernde Erfahrung – ein Abenteuer, das sich trotz aller Herausforderungen lohnt. Diese Momente – zwischen blau leuchtenden Eisbergen und unberührter Wildnis – machten alles erträglich. Es war, als ob die Natur mich erdete und mir die Energie gab, weiterzumachen.

Ich weiß nicht, wie viele Reisende diesen Teil der Welt in ihrer Lebenszeit sehen werden, aber ich bin dankbar, dass ich zu den wenigen gehöre, die die Antarktis hautnah erleben dürfen. Hier draußen verschwinden die Probleme des Alltags, und es bleibt nur die Ehrfurcht vor der gewaltigen Kraft der Natur.

Reflexion

Die Antarktis ist ein Ort, an dem Zeit und Raum eine andere Bedeutung haben. Hier zeigt sich die Welt von ihrer rohen, unverfälschten Seite, und es gibt keine Möglichkeit, sich davor zu verstecken. Jeder Tag bringt neue Herausforderungen, doch sie wirken fast nebensächlich, wenn man bedenkt, wo man ist.

Für mich ist diese Reise mehr als nur eine Aufgabe – sie ist eine Lektion in Demut und ein Beweis dafür, dass die größten Wunder oft in den entlegensten Winkeln der Erde liegen.

2. Januar 1995 – DECEPTION ISLAND UND JUBANY BASE

Der Tag begann spektakulär, als wir uns früh am Morgen der extrem schmalen Passage näherten, die den Zugang zu Deception Island markiert. Es ist ein surrealer Ort, ein erloschener Vulkan, dessen Krater von Meerwasser geflutet ist. Die Einfahrt durch diese Passage ist eine der heikelsten Manöver, die ein Kapitän in der Antarktis meistern muss. Die Passage ist nicht nur eng, sondern birgt auch das Wrack eines gesunkenen Schiffs in ihrer Mitte – ein ständiges Mahnmal, wie gefährlich diese Gewässer sind.

General Drill: Der Höllenlauf der Crew Kaum hatte Kapitän von Harling den Anker im Vulkankrater gelegt, ließ er die Crew zum General Drill antreten. In diesen Momenten wurde jede andere Arbeit unterbrochen – selbst die Gäste mussten warten. Der Drill begann mit Alarmtönen, die durch das gesamte Schiff hallten.

Mein Safety-Job bei diesen Übungen war nichts für schwache Nerven. Sobald der Alarm ertönte, musste ich alles stehen und liegen lassen und zum tiefsten Punkt des Schiffes laufen, weit unter die Wasserlinie. Von dort begann mein "Höllenlauf" durch das gesamte Schiff, bis hinauf zur höchsten Plattform. Auf jeder Etage musste ich überprüfen, ob Verletzte zurückgeblieben waren, ob alle Wassertüren geschlossen waren, und falls nicht, musste ich sie schließen und meinen Bereich als sicher melden.

Der Kapitän gab mir vier Minuten für diesen Parcours – eine Zeitvorgabe, die ich trotz meines Trainings nicht immer einhalten konnte. Aber es gab keine Ausreden: Der Drill wurde so lange wiederholt, bis es passte. Der körperliche und mentale Druck war enorm, und ich konnte spüren, dass auch die anderen Crewmitglieder zunehmend an ihre Grenzen stießen.

Mann-über-Bord-Training: Sekunden entscheiden Eines der herausforderndsten Elemente des Tages war das Mann-über-Bord-Training. In der Antarktis ist dies eine Übung, bei der der kleinste Fehler tödlich sein kann. Innerhalb von drei Minuten musste der "Verunglückte" gerettet sein, sonst waren die eisigen Fluten der Antarktis sein Schicksal.

Ich erinnere mich an einen Vorfall, bei dem ich, in der Hektik des Trainings, einen großen Tisch ins Wasser schleuderte, um einen Orientierungspunkt zu setzen. Der eigentliche Mann-über-Bord war kaum sichtbar, also diente der Tisch als Ziel für die Rettungsboote. Der Alarmknopf wurde gedrückt, und die Brücke musste ohne Verzögerung reagieren. Die Raketenboote, unsere schnellsten Rettungsmittel, wurden ins Wasser gelassen und navigierten auf direktem Kurs zum Opfer. Es war eine Übung, die Präzision und Schnelligkeit verlangte – und dennoch funktionierte sie selten perfekt.

Spektakel auf Deception Island und Begegnung mit Orcas Nach dem Drill hatte ich endlich einen Moment, um durchzuatmen und die Umgebung zu genießen. Im Inneren des Vulkankraters, umgeben von schneebedeckten Bergen und schwarzem Sand, war die Atmosphäre unbeschreiblich. Die Pinguine, die uns skeptisch bei unseren Übungen beobachtet hatten, schienen unser Treiben amüsiert zu kommentieren.

Später, auf dem Weg zur Jubany Base, hatten wir das Glück, eine Gruppe von 18 Orcas zu sichten. Diese majestätischen Tiere begleiteten unser Schiff eine Weile, und es war ein unvergesslicher Anblick, sie so nah zu erleben. Ich schaffte es, ein paar atemberaubende Fotos zu machen – eine Erinnerung, die ich für immer bewahren werde.

Show mit der Hanseatic: Der Tanz mit dem Eisberg Am Abend, nach einem kurzen Stopp an der argentinischen Forschungsstation Jubany Base, trafen wir auf die Explorer, ein ähnliches Expeditionsschiff (das einige Jahre nach dieser Begegnung in der Antarktis gesunken war, sämtliche Menschen konnten durch puren Zufall damals gerettet werden) wie unseres. Kurz darauf tauchte ein riesiger halbrunder Eisberg vor uns auf, und Kapitän von Harling nutzte die Gelegenheit, eine Show für die Gäste zu inszenieren.

Mit einer beeindruckenden Präzision manövrierte er die Hanseatic so, dass sie buchstäblich in den Eisberg hineinfuhr und mit der Spitze dessen inneren Rand berührte. Das türkisfarbene Wasser im Inneren des Eisbergs schimmerte wie ein natürlicher Swimmingpool, und zwei Seeleoparden spielten darin. Die Gäste waren begeistert, und auch ich war von diesem Manöver tief beeindruckt.

Trotz der spektakulären Kulisse und der unvergesslichen Begegnungen war der Tag für die Crew extrem anstrengend. Der Drill, die körperliche und mentale Belastung und der ständige Druck, die Gäste zufriedenzustellen, hinterließen Spuren. Viele von uns hatten seit Wochen kaum Schlaf, und die Anspannung war spürbar.

Der Kapitän war ein Meister seines Fachs, doch seine strengen Vorgaben und die hohen Erwartungen sorgten bei einigen Crewmitgliedern für Frustration. 

Er war komplett ein anderer Charakter wie sein Vorgänger Captain von Neuhoff, Captain Harling war nicht leise und nett er war laut und schroff, er liebte es sich selbst in Szene zu setzen.  Nicht einmal kassierte er von Gästen über die Reederei Reklamationen, nur zu gerne erklärte er am Captains-Table wie gut er ist nur das hörte nicht jeder gerne. 

Es war ein ständiger Kampf, die Moral aufrechtzuerhalten, während die Natur und die Umstände ihre Herausforderungen stellten.

Trotz allem war es ein Tag, der die extreme Balance zwischen Mensch, Maschine und Natur widerspiegelte – ein Tanz auf Messers Schneide, der die Schönheit und die Gefahren der Antarktis gleichermaßen offenbarte.

3. Januar 1995 – DIE DRAKE-PASSAGE: DAS TOR ZUR HÖLLE

Die Drake-Passage zeigte sich einmal mehr von ihrer erbarmungslosesten Seite – ein Ort, der selbst den erfahrensten Seefahrern Ehrfurcht einflößt. Diese enge Meeresstraße zwischen Kap Hoorn und der Antarktischen Halbinsel ist berüchtigt für ihre unberechenbaren Wetterbedingungen. Seit Jahrhunderten fordert sie Tribut: Stürme von ungeheurer Gewalt, Wellen von kolossaler Größe, und in ihrer Geschichte schätzungsweise mehr als 10.000 verlorene Leben.

Diesmal war es nicht anders. Der Sturm war unaufhaltsam – 11 Beaufort peitschten uns mit gnadenloser Härte entgegen. Wellen von erschreckender Größe krachten wie Bergriesen gegen den Rumpf unseres Schiffes und rollten mit solcher Wucht über das Deck, dass es regelmäßig in die Weißwasser-Gischt getaucht wurde. Es war, als würde die Natur selbst das Schiff auseinanderreißen wollen. Bei jedem Aufprall spürten wir die Masse von über 100.000 Bruttoregistertonnen erbeben, wie ein Koloss, der sich gegen die unbarmherzigen Elemente stemmt – und dabei doch unter ihren Schlägen ächzt.

Die Schäden summierten sich mit jeder Minute: zerbrochene Möbel, geflutete Gänge, lose Verankerungen. Für die Gäste war jeder Schritt ein Balanceakt zwischen Leben und Verletzung. Sie hielten sich panisch an Relingen und Geländern fest, ihre Gesichter aschfahl von Angst oder Seekrankheit. Der Schiffsarzt war im Dauereinsatz und kämpfte unermüdlich gegen Übelkeit, Verletzungen und Panikattacken.

Doch was im Sturm von außen über uns hereinbrach, spiegelte sich in gewisser Weise auch in unserer Crew wider. Wochenlange Einsätze ohne nennenswerte Pausen hatten uns ausgelaugt. Schlaf war ein kostbares Gut, das keiner von uns mehr in ausreichendem Maß genießen konnte. Die Monotonie des eisigen Meeres, der permanente Kampf gegen das Wetter und die nie endenden Arbeitsstunden hatten an uns genagt.

Es herrschte eine Stimmung der Gereiztheit und Erschöpfung. Gespräche verstummten, wo einst Lachen und Kameradschaft geherrscht hatten. Manche Crewmitglieder zogen sich völlig zurück, während andere ihre Frustration an den falschen Stellen entluden. Intrigen schlichen sich ein, Spannungen lagen wie eine unsichtbare Last auf unseren Schultern. Jeder hoffte insgeheim, dass das Ende der Reise – und das Erreichen eines sicheren Hafens – uns alle erlösen würde.

Die Drake-Passage, das Tor zur Antarktis, hatte uns wieder einmal gezeigt, warum sie mit Recht als eines der gefürchtetsten Gewässer der Welt gilt. Doch gleichzeitig war sie auch ein Prüfstein – für unsere Fähigkeiten, unseren Mut und unser Durchhaltevermögen.

4. Januar 1995 – CAPE HORN: EIN MOMENT DER FREUDE

Der nächste Tag brachte einen dringend benötigten Lichtblick: Wir erreichten Cape Horn, das mythische Ende der Welt. Dieser Ort, an dem die wilden Gewässer des Atlantiks und Pazifiks aufeinandertreffen, ist berüchtigt für seine Stürme und unberechenbaren Wetterbedingungen. Doch heute schenkte uns die Natur einen seltenen Moment: strahlend blauer Himmel, kaum Wind und eine sanfte See.

Die Möglichkeit, hier anzulanden, war ein besonderes Privileg. Viele Schiffe drehen aufgrund der Wetterbedingungen unverrichteter Dinge wieder ab. Doch heute hatten wir Glück. Gemeinsam mit drei Stewards übernahm ich den Aufbau einer improvisierten Sektbar direkt auf Cape Horn. Es war ein surreales Bild: Gäste, die in dicken Jacken und Mützen auf diesem windgepeitschten Felsen standen und ein Glas Champagner in der Hand hielten.

Ich selbst gönnte mir ebenfalls ein Gläschen zu viel, obwohl ich vor Erschöpfung kaum gerade stehen konnte. Später im Restaurant sah ich vermutlich aus wie ein müder Maikäfer – rote Wangen, glasige Augen und ein müdes Lächeln. Doch die Freude, an einem solch einzigartigen Ort gewesen zu sein, überwog alles.

Am Cape Horn zu stehen, dem südlichsten Punkt der Welt, und den Blick über die endlose Weite des Ozeans schweifen zu lassen, war ein Moment, der mich tief berührte. Nicht viele Menschen haben das Glück, hier zu sein, und erst recht nicht bei solch traumhaftem Wetter.

Diese beiden Tage waren ein Sinnbild für die Extreme dieser Reise. Während die Drake Passage uns unsere Grenzen aufzeigte, schenkte uns Cape Horn einen Moment der Ruhe und Schönheit. Die Crew blieb jedoch weiterhin unter immensem Druck. Der ständige Wechsel zwischen Euphorie und Erschöpfung, zwischen Naturgewalt und magischen Momenten, machte diese Reise zu einer der intensivsten Erfahrungen meines Lebens.

5. Januar 1995 – USHUAIA / ANTARKTIS / USHUAIA: 

6. Dezember 1994 – 6. REISE / 2. ANTARKTISREISE: – USHUAIA NACH USHAIA

EIN BEGINN MIT UNGEWISSHEIT

Heute ging es für mich zum zweiten Mal nach Ushuaia, der südlichsten Stadt der Welt. 

Ushuaia bedeutet, mindestens 2 Container mit Food & Beverage an Bord zu laden und ordnungsgemäß zu verstauen. Als Draufgabe kommt natürlich jede Menge an Equipment wie zB Teller, es zerbrechen ja locker 200 Stück pro Reise usw.

Es ist ein schöner typischer Pioneersort ähnlich wie man sie auch aus Alaska kennt.  Ushuaia ist kalt, windig und abgelegen. Aber dennoch empfand ich eine gewisse Erleichterung, da ich endlich nach erledigter Loading wieder zwei Stunden frei hatte, um mich zu bewegen, etwas anderes zu sehen und mit Zuhause zu telefonieren. Es war ein kurzes, aber willkommenes Stück Normalität in einem Leben, das sich mittlerweile in einem nahezu konstanten Zustand der Anspannung befindet.

Der Start der neuen Reise war gleichzeitig eine Herausforderung. Ich konnte spüren, dass sich das Klima an Bord und in der Crew noch immer nicht erholt hatte. Der gestrige Streit, der die Kündigung von Hupfi zur Folge hatte, war noch nicht verdaut, und die Spannung war spürbar. Doch die neuen Gäste schienen auf den ersten Blick entspannter zu sein als bei der letzten Reise. Es gab weniger von ihnen, was schon einmal einen Unterschied machte. Außerdem hatten wir eine Gruppe von 15 Grazer Gästen an Bord, was die Atmosphäre auflockerte. Der Rest der Passagiere kam aus Japan und Argentinien – und natürlich war die Reederei darauf bedacht, uns in Japanisch und Spanisch zu schulen, um den Gästen gerecht zu werden. Es war für uns alle sehr schwierig. Nicht zu schlafen, nur zu Arbeiten und trotzdem alle 14 Tage eine neue Sprache halbwegs zu erlernen um die neuen sehr erlauchten Gäste verstehen zu können falls diese nicht englisch sprechen.

6. Januar 1995 – AUF SEE RICHTUNG ANTARKTIS 2: DER STRESS HÄLT AN

Es ist mittlerweile der 6. Januar, und ich schreibe wieder in mein Tagebuch, was meinen aktuellen Zustand gut widerspiegelt: Es läuft alles im Dauerstress. Leider ist dieser Stress nicht produktiv oder konstruktiv, sondern einfach nur erschöpfend und demotivierend. Das Klima an Bord bleibt angespannt, und ich habe das Gefühl, dass die Crew immer mehr auseinanderdriftet. 

Heute verbrachte ich unzählige Stunden in den eiskalten Außenlockern des Schiffes. Dort, wo ein Großteil des Hotelequipments gelagert wurde, stapelten sich Teller, Besteck und allerlei Utensilien in endlosen Reihen. Jeder Atemzug fühlte sich an wie ein Messerstich in der klirrenden Kälte, und meine Finger, selbst in Handschuhen, wurden allmählich taub. Doch es gab keine Alternative – die Arbeit musste erledigt werden.

Gestern war eine große Lieferung neuer Teller angekommen. Schachtel um Schachtel hatten wir sie ausgeladen, und heute stand die mühsame Aufgabe an, diese in die bestehende Bestandsführung zu integrieren. Eine Komplettinventur war notwendig, um die neuen Stücke akkurat im Computersystem zu erfassen. Ich ging jeden Stapel akribisch durch, zählte, sortierte und überprüfte, während mir die Kälte durch Mark und Bein ging.

Es war keine glamouröse Arbeit, aber sie war unerlässlich. Auf einem Schiff, das viele Gäste bewirtete, musste die Logistik perfekt funktionieren. Ein falscher Eintrag oder eine fehlende Erfassung konnte schnell zu Chaos führen, vor allem in einer Umgebung, wo Nachbestellungen nicht einfach mit einem Telefonanruf erledigt werden konnten.

Am Ende des Tages war ich erschöpft, aber auch zufrieden. Der Überblick über das Equipment war wiederhergestellt, die neuen Teller sorgfältig eingepflegt – und die Hürden des Tages einmal mehr gemeistert.

Zum Glück habe ich mein Tagebuch, um mich an all die Orte und Erlebnisse zu erinnern, an denen ich unterwegs war. Ohne diese Erinnerungen an die unglaubliche Natur und die Erfahrungen, die ich gemacht habe, würde ich mich in dieser Reise wahrscheinlich vollkommen verlieren.

7. Januar 1995 – AUF SEE RICHTUNG ANTARKTIS 2: ÜBERRASCHENDE ANLANDUNGEN

Die Reise geht weiter, und heute hatten wir gleich zwei Überraschungsanlandungen. Eine erfolgte um 8 Uhr abends auf King Island, wo zahlreiche Forschungsstationen verschiedener Nationen stationiert sind. Wir tauschten auf jeder Reise auch Wissenschaftler aus, also wir nahmen immer welche mit zurück nach Uhsuhaia. Die Landschaft dort erinnert fast an den Mond – karg, verlassen und geprägt von den extremen Bedingungen. In der vorgelagerten Bucht trafen wir auf die World Discovery, ein weiteres Schiff, das in der Antarktis unterwegs ist.

8. Januar 1995 – ARDLEY UND HALF MOON ISLAND / ANTARKTIS

Der Vormittag an Bord war überraschend ruhig. Der Wind war nicht ganz so heftig, und für einen kurzen Augenblick schien es, als ob die unaufhörlichen Stürme der letzten Tage sich gelegt hätten. Doch trotz der äußeren Stille spürte ich, wie der Stress in der Crew weiter anschwoll. Der Druck, die erdrückende Arbeitsbelastung und die ständige Anspannung hinterließen ihre Spuren. Jeder wusste, dass der Tag noch lange nicht vorbei war – und die Gedanken an die bevorstehenden Aufgaben nagten an uns allen.

Am Nachmittag jedoch kam eine willkommene Abwechslung: Wir erreichten Half Moon Island, ein kleines, abgelegenes Paradies in der Antarktis. Diese kleine Insel, von zerklüfteten, schneebedeckten Bergen umgeben, schien aus einer anderen Welt zu stammen. Der Anblick war schlichtweg atemberaubend. Die Luft war frisch und klar, und das weite, unberührte Weiß strahlte eine seltsame Ruhe aus, die uns für einen Moment die Last der letzten Tage vergessen ließ.

Die wahre Überraschung wartete jedoch auf uns: Eine riesige Pinguinkolonie hatte sich auf der Insel niedergelassen. Die kleinen, unbeholfenen Vögel tummelten sich in großen Gruppen, ihre schwarzen und weißen Körper hoben sich lebendig von der Schneewehe ab. Es war ein spektakulärer Anblick – ein wahres Wunder der Natur. Die Gäste stürmten sofort auf das Deck und in die Aussichtsbereiche, ihre Kameras blitzten unaufhörlich. Es war beinahe unmöglich, sie zu bremsen. Jeder wollte ein Stück dieses unwirklichen Moments festhalten, als ob sie in einem der letzten, unberührten Winkel der Erde Zeuge eines wahren Wunders wurden.

Es war ein seltsames Gefühl, diesen Moment der Ruhe zu erleben, während der Sturm in unseren Herzen und Köpfen weiter tobte. Doch für diesen Augenblick war es, als ob die Antarktis uns eine Pause gönnte und uns an die wahre Bedeutung von Schönheit und Frieden erinnerte.

9. Januar 1995 – LEMAIRE CHANNEL / PETERMAN ISLAND / PORT LOCKEROY

Ein weiterer Tag in der Antarktis – voller Schönheit und Eindrücke, die für immer im Gedächtnis bleiben würden. Heute stand die Fahrt durch den legendären Lemaire Channel auf dem Programm, eine der spektakulärsten Wasserstraßen dieser entlegenen Welt. Schon beim Einfahren spürte ich, dass dies kein gewöhnlicher Tag werden würde.

Zunächst hüllte dichter Nebel die Szenerie in eine fast mystische Atmosphäre. Es war, als würde die Natur selbst uns zwingen, einen Moment innezuhalten und auf das zu warten, was sie für uns bereithielt. Dann, plötzlich, begann sich der Nebel zu lichten, als ob ein Vorhang geöffnet würde – und was sich dahinter offenbarte, ließ mich sprachlos zurück.

Vor uns erstreckte sich eine Kulisse, die jedes Bild und jede Beschreibung übertraf. Gigantische Eisberge ragten aus dem kalten, tiefblauen Wasser, als ob sie seit Anbeginn der Zeit hier Wache hielten. Die Sonne brach durch den wolkenlosen Himmel und tauchte die schroffen, schneebedeckten Felsen und das Eis in ein glitzerndes, fast überirdisches Licht. Die klare, stille Luft verstärkte die Intensität des Augenblicks, während das Schiff langsam und vorsichtig seinen Weg durch die engen Passagen suchte.

Ich konnte meine Augen kaum von dieser Szenerie abwenden. Alles wirkte wie ein perfekt inszeniertes Schauspiel, bei dem Sonne, Eis, Wasser und Himmel ihre Rollen in vollkommener Harmonie spielten. In diesem Moment fühlte ich mich wieder wie ein kleiner Junge, der die Welt zum ersten Mal mit staunenden Augen entdeckt.

Es sind solche Augenblicke, die einen daran erinnern, wie klein wir Menschen sind – und wie großartig und unendlich die Natur sein kann. Dieser Tag, dieser Moment, würde für immer ein Teil von mir bleiben.

10. Januar 1995 – ANTARKTIS: ARBEIT IM UNENDLICHEN

Der Tag war ein endloser Strudel aus Arbeit, Arbeit und noch mehr Arbeit. Jede Minute schien von Verpflichtungen verschlungen zu werden, und die wenigen Momente, die mir für mich selbst blieben, waren kaum der Rede wert. Der ständige Stress zehrte an meinen Nerven, und ich hatte das Gefühl, mich in einem Hamsterrad zu befinden, das sich immer schneller drehte, ohne Aussicht auf eine Pause.

Die Crew war nach wie vor nicht richtig eingespielt. Jeder schien mit sich selbst und der Flut an Aufgaben beschäftigt zu sein, während die Harmonie und das Zusammenspiel, die für ein reibungsloses Funktionieren so wichtig waren, noch immer fehlten. Ich versuchte, mich durchzubeißen, wie ich es immer getan hatte, aber allmählich spürte ich, wie meine Motivation ins Wanken geriet.

Besonders frustrierend war die Zusammenarbeit mit Salfelner, dem neuen Hotelmanager. Aus meiner Sicht war er völlig überfordert – ein Mann, der weder die nötige Erfahrung noch das Fingerspitzengefühl für diese Position mitbrachte. Seine Entscheidungen wirkten oft unüberlegt, und ich hatte das Gefühl, dass er das hohe Niveau, das von ihm erwartet wurde, nicht halten konnte. Jede Interaktion mit ihm fühlte sich an wie ein weiterer Stein, der mir in den ohnehin schon schweren Rucksack gelegt wurde. Der Alltag an Bord wurde zunehmend zu einem endlosen Kampf, bei dem ich mich immer wieder fragen musste, worauf ich eigentlich noch hinarbeitete.

Und doch versuchte ich, mich an den wenigen positiven Momenten festzuhalten – diese kleinen Lichtblicke, die wie Sterne in einer dunklen Nacht schimmerten. Da waren die außergewöhnlichen Erlebnisse in der Natur, die einen für einen Augenblick die Last vergessen ließen. Oder die Gespräche mit Franz, dem Sous Chef, dessen Humor und bodenständige Art ein wenig Leichtigkeit in den Tag brachten. Doch selbst diese Momente wurden seltener, vor allem, da Franz bald abreisen würde und mir damit ein Verbündeter fehlte.

Die Gäste, besonders die anspruchsvollen Amerikaner und Asiaten, stellten eine weitere Herausforderung dar. Ihre Erwartungen schienen keine Grenzen zu kennen, und selbst die grundlegendsten Dinge – wie das Servieren von Essen und Getränken – wurden zu einem Kraftakt. Jede Beschwerde, jede zusätzliche Bitte zog Energie aus einem ohnehin schon erschöpften System. Es fühlte sich an, als gäbe es keine Möglichkeit, es allen recht zu machen, egal wie sehr man sich bemühte.

Und dennoch blieb mir nichts anderes übrig, als weiterzumachen. Ich zog die Reise durch, immer mit dem Gedanken an das Geld, das ich nach Hause schicken konnte. Es war meine Motivation, mein Anker – auch wenn ich das Gefühl hatte, dabei ein Stück von mir selbst zu verlieren.

11. Januar 1995 – DECEPTION ISLAND / SOUTH SHETLAND ISLAND / ANTARKTIS: EIN TAG IM VULKAN

Heute hatten wir tatsächlich Glück mit dem Wetter auf Deception Island, einem außergewöhnlichen Ort mitten in der Antarktis. Die Insel ist eigentlich der Krater eines aktiven Vulkans, der von eisigem Wasser umgeben ist. Es war, als befänden wir uns an der Schwelle zwischen zwei Welten – die Kälte der Antarktis auf der einen Seite und die geothermische Wärme des Vulkans auf der anderen.

Einige Crewmitglieder nutzten die Gelegenheit, um in den warmen Quellen zu baden, die durch den vulkanischen Untergrund erhitzt werden. Sie lachten und genossen den Moment, doch ich konnte dieser Idee nichts abgewinnen. Ein Bad in diesen ungewöhnlichen Gewässern entsprach nicht gerade meiner Vorstellung von Entspannung, vor allem mit dem Wissen um Berichte über seltsame Bakterien, die in diesen Quellen vorkommen sollen. Stattdessen entschied ich mich, die Umgebung genauer zu erkunden – und diese Entscheidung sollte sich als faszinierend erweisen.

Während ich über den schwarzen vulkanischen Sand wanderte, stieß ich auf riesige Walknochen, die wie stumme Zeugen einer längst vergangenen Zeit im Krater verstreut lagen. Ihre schiere Größe und der Gedanke an die majestätischen Lebewesen, denen sie einst gehörten, waren gleichermaßen beeindruckend wie bedrückend. Es war, als würde die Insel die Geschichten von Tod und Leben, von Naturgewalt und Vergänglichkeit erzählen.

Nicht weit von den Knochen entfernt entdeckte ich ein rostiges Flugzeugwrack, das mit seiner zerfallenen Struktur aus einer anderen Zeit zu stammen schien. Es stellte sich heraus, dass das Flugzeug aus den Jahren des Zweiten Weltkriegs stammte – ein Relikt, das an die Entbehrungen und Herausforderungen erinnerte, die Menschen unter diesen extremen Bedingungen einst ertragen mussten.

Die Szenerie war unheimlich und zugleich überwältigend in ihrer Symbolik. Deception Island war mehr als nur ein Ort; sie war eine Bühne, auf der die Kräfte der Natur und die Geschichten der Vergangenheit auf dramatische Weise zusammentrafen. Es war ein Erlebnis, das mich lange begleiten würde – ein Ort, der gleichermaßen Ehrfurcht und Nachdenklichkeit in mir hervorrief.

12. Januar 1995 – ANTARCTIC SOUND: WIEDERHOLUNG DER WUNDERSCHÖNEN KULISSE

Ein weiterer Tag im Antarctic Sound – einem der beeindruckendsten und mystischsten Orte, die man sich vorstellen kann. Obwohl wir diese Passage schon mehrfach durchquert haben, fühlt sich jeder Tag hier immer wieder neu und aufregend an, als ob die Antarktis sich jeden Morgen mit einem neuen Gesicht zeigen würde.

Heute präsentierte sich die Natur von ihrer sanften Seite. Der Himmel war makellos blau, ohne auch nur eine Spur von Wolken, und die See war so ruhig, dass sie den Eindruck eines riesigen Ententeichs erweckte. Es war eine fast surreale Szenerie, die uns umgab, als das Schiff lautlos durch das spiegelglatte Wasser glitt. Überall, wohin das Auge reichte, ragten gewaltige Eisberge aus der stillen, kalten See – einige von ihnen wie schroffe Kathedralen, andere geschliffen und elegant wie Skulpturen eines Künstlers.

Es ist ein seltsames, ja fast ehrfürchtiges Gefühl, vor diesen riesigen Eismonumenten zu stehen. Ihre schiere Größe und Schönheit strahlen eine Macht aus, die die eigene Existenz für einen Moment klein erscheinen lässt. Und doch, so unendlich groß sie in der Realität wirken, verlieren sie auf Fotos oft ihre Wirkung. Die Kamera kann diese Erhabenheit und die Details nicht vollständig einfangen – das Licht, das von ihren Facetten reflektiert wird, die unzähligen Blautöne, die sich in ihrem Inneren verbergen, und das Gefühl der Kälte, das sie ausstrahlen.

Man muss hier stehen, mitten in dieser überwältigenden Landschaft, um ihr wahres Ausmaß und ihre zeitlose Pracht wirklich zu begreifen. Es ist ein Ort, der einem immer wieder aufs Neue den Atem raubt und einem die Bedeutung von Größe und Stille zeigt.

13. Januar 1995 – ELEPHANT ISLAND / ANTARKTIS: FASZINATION PINGUINE

Heute hatten wir einen besonderen Tag, als wir zwei Wissenschaftler an der Jubany Station absetzten und gleichzeitig zwei weitere Forscher an Bord nahmen, um sie nach Ushuaia zu bringen. Die russische Forschungsstation wirkte wie ein fremder Ort, der mehr einem Szenario aus dem Weltall als der Erde zu entstammen schien. Ihre orangefarbenen Hütten hoben sich auffällig gegen die weiße, eisige Landschaft ab und waren schon von weitem sichtbar – ein markantes, fast surreal anmutendes Bild in der endlosen Weite der Antarktis.

Am Nachmittag steuerten wir dann Elephant Island an, einen abgelegenen, aber atemberaubend schönen Ort. Die Insel war überzogen von einer wimmelnden Kolonie aus Millionen Pinguinen, die sich auf den schroffen Felsen und im tiefen Schnee tummelten. Der Anblick dieser Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum war genauso beeindruckend wie die Landschaft selbst. Um die Insel herum trieben weiße Eisberge, die wie riesige, stille Wächter auf dem Wasser schwebten.

Der Kontrast zwischen den braunen Bergen der Insel und den weißen, schimmernden Eisbergen war beeindruckend, fast wie aus einer anderen Welt. In der Ferne, so weit das Auge reichte, erstreckte sich das Weddellmeer, das mit seinen zahllosen Eisbergen wie ein unberührtes, unerforscht wirkendes Reich erschien. Es war eine Szenerie, die einem den Atem raubte – so surreal und gleichzeitig so wunderschön, dass es fast nicht real erschien. Ein wahrer Höhepunkt in dieser extremen und faszinierenden Umgebung.

14. Januar 1995 – DRAKE PASSAGE / EN ROUTE TO CAPE HORN: DAS TOBENDSTE MEER

Die Drake Passage zeigte sich heute von ihrer härtesten Seite. Der Ruf dieser Passage als eine der gefährlichsten und unberechenbarsten Seegebiete der Welt wurde heute eindrucksvoll bestätigt. Mit 8 Beaufort ging es den ganzen Tag hin und her, das Schiff wurde immer wieder durchgeschaukelt. Viele Stewards waren völlig erschöpft und mussten sich ins Bett zurückziehen.

Ich musste sogar mein lange geplantes Weinseminar abbrechen – ein weiteres Opfer des Chaos, das an Bord herrschte. Es war jedoch notwendig, den Kollegen zumindest eine kurze Atempause zu ermöglichen. Die Situation auf dem Schiff hatte sich in den letzten Monaten dramatisch zugespitzt: Sage und schreibe 128 % der Stewards im Restaurant hatten gewechselt. Eine schier unglaubliche Zahl, die das Ausmaß der Erschöpfung und Überforderung verdeutlichte.

Die harten Bedingungen, gepaart mit dem konstanten Druck, schienen für viele Crewmitglieder einfach zu viel zu sein. Tag für Tag standen sie vor der Herausforderung, Höchstleistungen zu erbringen, oft mit wenig bis gar keiner Erholung. Der ständige Wechsel der Crew war zu einer Art Notlösung geworden – ein verzweifelter Versuch, die Funktionalität des Betriebs aufrechtzuerhalten.

Doch jeder neue Steward, der an Bord kam, brachte seine eigene Unsicherheit mit. Sie mussten nicht nur schnell eingearbeitet werden, sondern auch erst ihren Platz im Team und im täglichen Ablauf finden. Das bedeutete zusätzlichen Aufwand für die erfahrenen Crewmitglieder, die ohnehin schon am Limit ihrer Kräfte waren. Es war ein Teufelskreis: Jeder Wechsel brachte kurzfristige Entlastung, aber auch neue Belastungen durch die Einarbeitung und die unvermeidlichen Startschwierigkeiten.

Ich konnte förmlich spüren, wie die Erschöpfung wie eine unsichtbare Last auf uns allen lag. Dennoch musste die Show weitergehen – für die Gäste, die nichts von den internen Schwierigkeiten mitbekommen sollten. Es war ein ständiger Balanceakt zwischen Professionalität und persönlicher Resilienz, und ich fragte mich, wie lange dieses System noch durchhalten konnte.

Ich hatte gehofft, dass ich mit der Belastung besser umgehen könnte, aber der ständige Stress und die langen Arbeitstage setzen mir genauso zu wie allen anderen. Momentan gibt es für mich keine Landgänge, nur 18 Stunden Arbeit am Tag – und das jeden Tag. Jeder zählt die Tage bis zum Ende dieser Reise, doch der Druck ist so erdrückend, dass es kaum auszuhalten ist.

Für mich war die Ursache des ganzen Dramas eindeutig: die Reederei in Hamburg. Man wollte um jeden Preis das beste Schiff der Welt präsentieren – ein Schiff, das nicht nur den höchsten Ansprüchen gerecht wurde, sondern diese übertraf. Der Stolz auf das erlesene Marketing und die schwindelerregend hohen Preise spiegelte sich in der unerbittlichen Erwartungshaltung wider. Doch was als ehrgeiziges Ziel begann, wurde schnell zu einem ungesunden System, das die Crew und das gesamte Bordleben zermürbte.

Kapitäne und Hotelmanager, die den immensen Druck direkt von der Reederei zu spüren bekamen, standen unter ständiger Beobachtung. Ihre Verantwortung war enorm, und die Last dieses Drucks gaben sie an die Crew weiter. Das Ergebnis war ein Teufelskreis: ein System der Angst, das keine Zeit für Menschlichkeit oder Nachsicht ließ.

Die Crew arbeitete wie besessen, getrieben von der ständigen Sorge, nicht genug zu leisten oder Fehler zu machen. Jeder versuchte verzweifelt, die immer weiter steigenden Anforderungen zu erfüllen, um dem Druck und den Erwartungen gerecht zu werden. Dabei blieb kaum Platz für Eigeninitiative oder kreative Lösungen – alles drehte sich nur darum, die geforderten Aufgaben abzuarbeiten, koste es, was es wolle.

15. Januar 1995 – AUF SEE: ABSCHIEDSDINNER UND ENDE EINER SCHWIERIGEN REISE

Das Abschiedsdinner war ein emotionaler Moment, der sowohl Erleichterung als auch Wehmut mit sich brachte. Endlich neigte sich diese außergewöhnlich schwierige Reise dem Ende zu, eine Reise, die von nahezu konstanten Krankheitsfällen überschattet war. Das Wort „Magenverstimmung“ hatte sich wie ein unwillkommener Begleiter in meinen Gedanken festgesetzt, so oft war es gefallen, dass ich es kaum noch hören konnte. Es schien, als ob die Reise nie wirklich ihren gewohnten Verlauf nahm, immer unterbrochen von gesundheitlichen Problemen und der ständigen Belastung, die sowohl die Crew als auch die Passagiere an ihre Grenzen führte.

Trotz all dieser Widrigkeiten fiel mir eines besonders auf: Während die Stürme und Hurrikane, die uns begleiteten, vielen an Bord schwer zu schaffen machten, blieb ich immer verschont von Seekrankheit und Magenverstimmungen. Ein kleines Wunder, das mir durch diese stürmischen Monate half – welch ein Glück.

Nun, kurz vor dem Ende, war eine spürbare Erleichterung in der Luft. Die Gäste, die bis zum Schluss durchgehalten hatten, begannen sich zu verabschieden, und es war ein merkwürdiges Gefühl, zu wissen, dass die Reise bald vorbei sein würde. Ein Kapitel, das wohl viele von uns lieber schneller vergessen würden, doch zugleich blieb der Stolz, diese Monate trotz aller Widrigkeiten gemeinsam gemeistert zu haben. Die Herausforderungen, die uns fast den letzten Nerv geraubt hätten, hatten uns in gewisser Weise auch zusammengeschweißt. Es war eine Reise, die uns auf vielerlei Weise prägte – und die Erinnerungen daran werden noch lange nachhallen, auch wenn wir sie vielleicht nicht noch einmal erleben wollen.

16. JÄNNER 1995 – 7. REISE / 3. ANTARKTISREISE: – USHUAIA – ANTARKTIS – USHUAIA

Eine neue Reise stand bevor, und mit ihr begann ein weiterer herausfordernder Abschnitt. Wie immer war die erste große Hürde die Loading: containerweise Verpflegung, technische Ausrüstung und alle Materialien, die wir für den Aufenthalt in der Antarktis benötigten. Diese Mammutaufgabe forderte die gesamte Crew, selbst die Kollegen aus Restaurant und Küche, die sonst für den Service an Bord zuständig waren. Alle mussten mit anpacken, um die Fracht effizient zu verstauen – sturmsicher und bis ins letzte Detail organisiert.

Nach der körperlich kräftezehrenden Arbeit nutzten einige Crewmitglieder die wenigen freien Momente, um kurz von Bord zu gehen. Eine Stunde an Land war ein kostbarer Ausgleich, ein Hauch von Normalität, bevor es zurück in die endlosen Tage zwischen Eisbergen und Pinguinen ging.

Die Ein- und Ausschiffung verlief erstaunlich reibungslos – fast ein kleines Wunder, wenn man die bisherigen Herausforderungen bedenkt. Doch kaum waren wir in See gestochen, zeigten sich bereits die ersten Vorboten der Schwierigkeiten, die uns auf jeder Reise begleiteten. Krankes Personal und erkrankte Passagiere forderten uns erneut heraus. Magenkrankheiten und Erkältungen schienen wie ein ständiger Schatten über den Expeditionen zu liegen, ausgelöst durch die extremen Bedingungen und die Enge an Bord.

Es war ein Beginn, der uns nur allzu bekannt vorkam: die gleichen belastenden Anzeichen, die gleiche Anspannung. Doch trotz aller Widrigkeiten war uns allen klar, dass wir uns diesen Herausforderungen stellen würden – wie immer, mit Ausdauer und dem Wissen, dass jede Antarktisreise nicht nur ein Ziel, sondern auch eine Prüfung war.

17. bis 19. Januar 1995 – AUF SEE RICHTUNG ANTARKTIS: STÄNDIG UNTER DRUCK

Die Arbeit an Bord forderte uns bis an die Grenzen unserer Kräfte – und oft darüber hinaus. Der ständige Sturm auf See und die unaufhörliche Anspannung ließen die Tage ineinander verschwimmen. Es fiel mir schwer, mich noch daran zu erinnern, wie sich wirkliche Erholung oder gar Entspannung anfühlte. Die Sonne, die in diesen Breitengraden nie unterging, verlieh der Szenerie eine surreale Schönheit, doch sie trug auch dazu bei, die ohnehin allgegenwärtige Müdigkeit noch zu verstärken.

Mit bis zu 18 Stunden Arbeit täglich, Woche um Woche ohne einen einzigen Landgang, wurde die Belastung fast unerträglich. Doch es war nicht nur die körperliche Erschöpfung, die uns zusetzte – die ständige, unsichtbare Anspannung lag wie eine bleierne Decke über uns. Der Sturm, der niemals nachließ, wurde zu einem unbarmherzigen Begleiter, dessen Heulen und Rütteln selbst die ruhigsten Momente durchdrang.

Diese Bedingungen zerrten nicht nur an der körperlichen Substanz, sondern auch an der Moral. Jeder an Bord spürte, wie die Grenzen zwischen Herausforderung und Überforderung immer weiter verwischten. Und dennoch: Es war genau dieser ständige Kampf gegen die Elemente, der eine eigenartige Kameradschaft und gegenseitige Unterstützung hervorrief. Inmitten dieser unerbittlichen Härte lag eine leise, aber tief verwurzelte Entschlossenheit, die Reise zu vollenden – nicht trotz, sondern wegen all der Hindernisse.

Ein Rosenwunder in der Antarktis

Doch dieser Tag hatte auch eine amüsante Seite, die ich nie vergessen werde. Es klopfte an meiner Bürotür, und ein Herr von etwa fünfundfünfzig Jahren trat ein – korrekt gekleidet, freundlich, aber mit einem Gesichtsausdruck, der ahnen ließ, dass er nicht recht wusste, wohin die Reise eigentlich ging. Er begann mit ernster Stimme: „Mein Freund, der mit mir reist, wird in der Antarktis seinen fünfzigsten Geburtstag feiern. Ich möchte ihm gerne hundert besonders schöne, lange Schnittrosen schenken – und außerdem hätte ich gerne um zehn Uhr vormittags eine Kaviarparty.“

Ich sah ihn an, versuchte ernst zu bleiben, doch innerlich war mir sofort klar: Der Mann ist vollkommen weltfremd. Er hat keine Vorstellung davon, wo er sich befindet – geschweige denn, dass man am Ende der Welt keine Blumenläden findet. In der Antarktis Rosen zu kaufen – das würde mir daheim keiner glauben!

Nach kurzem Überlegen beschloss ich, der Sache dennoch auf meine Weise nachzugehen. Ich griff zum Satellitentelefon und rief kurzerhand bei der britischen Militärstation auf den Falklandinseln an. Ich bat darum, mit dem Kommandanten zu sprechen – Rangbezeichnungen waren mir damals herzlich egal. Als ich den Chef der Fallschirmjäger am Apparat hatte, schilderte ich ihm die Situation: Ein Passagier wünsche sich in der Antarktis hundert Rosen für einen Geburtstag. Er schwieg zunächst, vermutlich fassungslos über die Absurdität des Anliegens. Dann musste er lachen.

Ich erklärte ihm, dass wir als das beste Expeditionsschiff der Welt in zweieinhalb Wochen wieder auf den Falklandinseln anlegen würden. Ich bat ihn, die von mir in Buenos Aires bestellten, tiefgefrorenen Rosen entgegenzunehmen – und sie dann per Langstreckenhelikopter zu uns in die Antarktis fliegen zu lassen. Der Pilot solle die Lieferung einfach abseilen; ich würde sie übernehmen. Als Gegenleistung versprach ich, dass sämtliche Offiziere seiner Einheit bei unserem nächsten Anlauf zu einem besonderen Abend an Bord eingeladen würden.

Der Kommandant lachte erneut und meinte nur: „Das ist wohl das Verrückteste, was ich je gehört habe – aber gut, wir machen es!“ Und tatsächlich: Zwei Tage später erschien ein gewaltiger Militärhelikopter über unserem Schiff. Er kreiste kurz, und dann wurden – kaum zu glauben – mehrere große Säcke mit den gefrorenen Rosen abgeseilt.

Wir verkauften an diesem Tag für mehrere Tausend Dollar Kaviar, die Stimmung war prächtig, und die beiden Herren feierten selig ihren Geburtstag – völlig ahnungslos, welch logistisches Wunder hinter diesen Rosen steckte. Für sie war alles selbstverständlich, als wäre es das Normalste der Welt, mitten im ewigen Eis frische Blumen zu bekommen.

Als wir einige Wochen später wieder auf den Falklandinseln eintrafen, fand – wie versprochen – der Offiziersabend an Bord statt. Der Kapitän schüttelte nur den Kopf, grinste und meinte trocken: „Das schafft auch nur du – Rosen aus Buenos Aires in die Antarktis zu bringen.“

20. bis 23. Januar 1995 – AUF SEE IN DER ANTARKTIS: WETTER UND UNRUHE

An den folgenden Tagen nahm die Erschöpfung zu. Wir hatten hin und wieder Sonnenschein, doch die ständigen Regenphasen und das schlechte Wetter an den meisten Tagen machten es schwer, auch nur einen Moment der Ruhe zu finden.

Besonders belastend war der Kontakt mit den Amerikanern an Bord, deren Benehmen mich zunehmend störte. Ohne Rücksicht auf andere und ohne ein Mindestmaß an kulturellem Verständnis trugen sie nur zur schlechten Stimmung bei. Und auch mein Vorgesetzter Salfellner konnte mich immer weniger ertragen – es war klar, dass ich mich langsam in der gesamten Situation selbst verlieren würde.

Ich zählte die Tage bis zum Ende dieser Reise, in der Hoffnung, dass mein Flug wie geplant stattfinden würde, und dass ich bald diesem Alptraum entkommen könnte. Viele Crewmitglieder kämpften ebenfalls mit den neuen Vorgaben der Reederei, die versuchte, den Personalmangel durch eine erzwungene Vertragsverlängerung zu überwinden. Dies führte zu noch mehr Spannungen an Bord, und das Klima zwischen uns wurde immer schwieriger.

Ich versuchte, mich ruhig und zurückhaltend zu verhalten, um keine weiteren Konflikte zu provozieren. In dieser Phase war es besser, sich nicht unnötig Feinde zu machen und zu überleben, indem man sich anpasste, selbst wenn dies bedeutete, meine eigenen Werte etwas zu verbiegen. Es war ein Überlebensmechanismus, der mir half, durch diese quälenden Wochen zu kommen.

24. Januar 1995 – LEMAIRE CHANNEL: KONTRASTE UND STILLE

Erneut befanden uns im Lemaire Channel, einer der faszinierendsten Abschnitte dieser Reise. Riesige Eisschollen trieben an uns vorbei, und das Schiff rammte sie immer wieder, sodass der Bug in gewaltige Eisschollen stieß und diese aufbrach. Mit jedem Aufeinandertreffen durchzuckte ein kräftiges Rucken das gesamte Schiff, und man spürte förmlich die Kraft der Naturgewalten, mit denen wir hier konfrontiert waren.

Es war eine dieser wenigen Momente, in denen alles still war – nur das Geräusch des brechenden Eises und der Wind war zu hören. Für mich war es fast surreal, als dann die Musik von Vangelis Antarctica im Hintergrund zu spielen begann. Diese Atmosphäre erzeugte eine unvergessliche Gänsehaut, und viele an Deck teilten diesen Moment der Stille und Ehrfurcht vor der Natur.

Trotz der unvergleichlichen Eindrücke, die uns der Neumayer Channel bot, drang eine unerwartete Dissonanz in die Stimmung an Bord: Im Restaurant häuften sich Beschwerden über das französische Dinner. Das Essen, zweifellos von höchster Qualität und meisterhaft zubereitet, schien dennoch nicht den Erwartungen einiger Gäste zu entsprechen. Es war irritierend, dass ausgerechnet eine solch feine kulinarische Darbietung Anlass zur Kritik wurde.

Doch hinter diesen Beanstandungen offenbarte sich ein tieferliegendes Phänomen: die Erschöpfung der Gäste. Die extreme Natur der Reise – die unvorhersehbaren Wetterbedingungen, die langen Tage und die überwältigende Fülle an Eindrücken – forderte ihren Tribut. Viele Gäste waren an ihrer Belastungsgrenze angekommen, und so fanden selbst die kleinsten Unstimmigkeiten, ob real oder eingebildet, einen Weg, sich zu äußern.

Die Beschwerden waren weniger ein Urteil über die Qualität des Dinners als vielmehr ein Ausdruck dieser Erschöpfung. Sie erinnerten uns daran, dass selbst in einer Umgebung von unvergleichlicher Schönheit und Exklusivität die menschlichen Bedürfnisse und Stimmungen eine zentrale Rolle spielen. Für die Crew war es ein weiterer Beweis dafür, wie anspruchsvoll der Dienst an Bord sein konnte – nicht nur in der Logistik und Sicherheit, sondern auch in der feinen Kunst, die Zufriedenheit der Gäste zu wahren.

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25. Januar 1995 – NEUMAYER CHANNEL: EIN LETZTER BLICK AUF DIE ANTARKTIS

Der Neumayer Channel war auf dem Rückweg aus der Antarktis eine majestätische Kulisse, die sich wie eine letzte Verbeugung der Natur vor ihrem Abschied anfühlte. Die gewaltigen Gebirgsmassive, die steil aus dem Wasser emporragten, waren mit Schnee bedeckt und wirkten wie stumme Wächter über diesem magischen Ort. Der eisige Wind zog durch die Passagen, seine unsichtbare Hand formte die Landschaft, während wir leise hindurchglitten.

Bei Nacht zeigte sich der Channel von seiner vielleicht schönsten Seite. Das schwache Licht der tief stehenden Sonne tauchte die Szenerie in zarte Rosa- und Orangetöne, die sich auf dem glatten Wasser widerspiegelten. Die Ruhe und der Frieden dieses Moments standen in starkem Kontrast zu der rauen Wildheit der Antarktis, die wir zuvor erlebt hatten. Es war, als wollte uns die Natur eine letzte, sanfte Erinnerung mitgeben.

Für uns an Bord war dieser Moment nicht nur ein beeindruckendes Naturerlebnis, sondern auch ein Sinnbild für die Einzigartigkeit dieser Reise. Der Neumayer Channel wurde zum Symbol der Antarktis: extrem und unwirtlich, aber zugleich von unvergleichlicher Schönheit. Mit jedem Meter, den wir uns Ushuaia näherten, wurde klar, dass solche Augenblicke uns immer begleiten würden – als stilles Zeugnis der Wunder, die diese Region zu bieten hat.

26. Januar 1995 – DRAKE PASSAGE: DAS LAND DER EXTREME

Als wir die Drake Passage durchquerten, erinnerte uns alles wieder an die unbarmherzige, aber wunderschöne Welt, die wir hinter uns ließen. 

Die Antarktis ist der Inbegriff von Extremität – der kälteste, trockenste, windigste und hochgelegene Kontinent der Erde. Keine Worte und keine Bilder könnten jemals vollständig vermitteln, wie es sich anfühlt, in dieser ungezähmten Natur zu leben. Doch wer es selbst erlebt hat, gehört zu einem kleinen Kreis von Menschen, die diese Erfahrung wirklich begreifen können – wie auch seine königliche Hoheit Prinz Edward es treffend formulierte. Es war eine Reise, die sich in mein Gedächtnis eingebrannt hat und die mich nie wieder loslassen wird.

27. JÄNNER 1995 – 8. REISE / 4. ANTARKTISREISE: USHUAIA / ANTARKTIS / USHUAIA

WIEDER AUF WEG IN DIE ANTARKTIS

Zum vierten Mal in dieser Saison verließen wir Ushuaia, die südlichste Stadt der Welt, um erneut Kurs auf die Antarktis zu nehmen. Nach meinem persönlichen Tief der vergangenen Woche war ich erleichtert, dass sich meine Moral wieder besserte. Es ist erstaunlich, wie viel die kleinen Dinge im Leben bewirken können. In Ushuaia hatte ich die Möglichkeit, für drei Stunden an Land zu gehen, mir in einem Café etwas zu gönnen und die frische Luft zu genießen – ein wahrer Genuss, den man fast für selbstverständlich hält, aber in diesem extremen Umfeld umso mehr schätzt.

Das Wetter, das in den letzten Tagen oft schlecht war, schien sich endlich zu bessern. Die Sonne begann zu strahlen, was eine angenehme Wendung gab. Diese Momente der Sonne und Ruhe waren sehr wohltuend, ein kleiner Lichtblick in der extremen Arbeitswelt, die wir hier führten.

An Bord hatte sich eine neue Purserin zu uns gesellt. Es war bereits die vierte in kurzer Zeit, was mich in meiner Arbeit mit den ständig wechselnden Teammitgliedern zuweilen verunsicherte. Doch mein Job, den ich gleichzeitig liebe und hasse, gab mir immer wieder neue Perspektiven. Eine 70-jährige Amerikanerin beobachtete mich im Verlauf des Tages und sagte dann mit einem Lächeln: „What wonderful job you have.“ Ein Kompliment, das mich zumindest für einen Moment wieder aufrichtete, auch wenn die Arbeit selbst oft alles andere als „wundervoll“ war.

Am Abend, als wir Ushuaia hinter uns ließen, herrschte eine beruhigende Stimmung an Bord. Die See war glatt, und der Himmel färbte sich, wie es hier im Süden üblich war, in ein dunkles, dramatisches Rot. Es war ein perfekter Abschluss des Tages, als die Hanseatic ihren Kurs wieder gen Süden nahm und wir uns auf eine neue Reise in die entlegene Antarktis begaben.

2. Februar 1995 – ANTARCTIC SOUND: DER LETZTE PLANSTEIGT

Nur noch 17 Tage, dann sollte eigentlich mein Abflug nach Buenos Aires und von dort weiter nach Graz anstehen. Doch meine Intuition sagt mir, dass sich noch etwas anderes anbahnt. Das Gefühl, dass ich von CSM Zypern – die für die Crewmanagement der Hanseatic zuständig sind – noch einmal für eine 22-tägige Reise eingeteilt werde, lässt mich nicht los. Diese Reise würde die Vertragsklausel für Überlängen beanspruchen, was bedeutet, dass ich statt in Südamerika in Kapstadt aussteigen würde.

Es ist nicht einfach, sich geistig auf noch einmal 22 Tage mehr einzustellen, obwohl der Gedanke an ein baldiges Ende der Reise reizvoller ist. Doch ich bin mittlerweile so gut eingespielt, dass die Arbeit mich nicht mehr übermäßig stresst. Es läuft gut, das Team funktioniert, und selbst der Besitzer der Hanseatic, Herr Moldenhauer, zeigt sich an Bord ruhig – ein Zeichen seiner Zufriedenheit. Das Büro läuft stabil, die neue Purserin aus Salzburg scheint sich gut einzufügen. Ich habe mittlerweile mehr Hotelmanager und Purser überlebt, als ich zählen kann. Es fühlt sich fast so an, als wäre ich hier zum zähen Hund geworden, aber ohne es wirklich zu merken.

Die Natur in der Antarktis hat mich jedes Mal aufs Neue fasziniert – diese klaren, sauberen Lüfte, die unglaublichen Weiten, die man wegen der Luft so schwer einschätzen kann. Ich war nun schon das sechste Mal hier und jedes Mal aufs Neue von der Atmosphäre überwältigt. Der Job hat sich eingespielt, und momentan habe ich keine größeren Probleme. Es ist, als hätte sich mein ganzes Leben auf dieser Reise konzentriert. Die letzten Tage sind vielleicht die schwersten, doch auch sie scheinen mir weniger bedrohlich als zu Beginn. Alles läuft weiter, ich überstehe den Sturm, und nichts kann mich mehr erschüttern – es bleibt abzuwarten, was als Nächstes passiert.

04.02.1995 – LIVINGSTONE ISLAND Der dichte Nebel umhüllt alles, eine fast greifbare Wand aus Weiß, die kaum 100 Meter Sicht erlaubt. Die Welt wirkt still und reduziert, als ob die Antarktis selbst den Atem anhält. Plötzlich, wie aus dem Nichts, schält sich die Silhouette eines anderen Schiffes aus den Nebelschwaden. Es ist die Bremen, unser Schwesterschiff, das sich leise und majestätisch seinen Weg durch die eisigen Gewässer bahnt.

Die Nähe ist verblüffend – wir liegen Seite an Seite, so nah, dass wir den Kollegen auf dem Deck fast die Hände schütteln könnten. Inmitten dieser entlegenen, menschenleeren Region wirkt diese Begegnung surreal, beinahe wie ein Traum. Zwei Schiffe, umgeben von nichts als Nebel und Eis, verbunden durch eine unsichtbare Linie des Abenteuers und des Respekts vor dieser unermesslichen Wildnis.

Für einen kurzen Moment wird die Antarktis zur Bühne für ein unerwartetes Zusammentreffen, ein Symbol für die Gemeinsamkeit in dieser extremen Abgeschiedenheit. Dann zieht die Bremen wieder in den Schleier aus Weiß, und wir bleiben zurück – beeindruckt von der Zufälligkeit und Intensität dieses Augenblicks, der die Magie der Antarktis erneut unter Beweis stellt.

PINGUINE Für viele Menschen bleibt der Wunsch unerfüllt, Pinguine in ihrer natürlichen Umgebung zu sehen. Doch vielleicht reicht es schon, zu wissen, dass sie existieren. (Frank Todd)

Die Antarktis ist ein Ort von unbeschreiblicher Reinheit und Klarheit. Sie fordert uns zu einer Haltung der Demut heraus – ohne den Drang nach Macht, sondern mit voller Achtung vor ihrer unberührten Schönheit. (Perry Lopez)

05.02.1995 – Auf See Richtung Ushuaia Die Rückreise beginnt, doch die Antarktis bleibt ein Teil von uns – nicht nur als Erinnerung, sondern als Gefühl, das noch immer in uns nachhallt. Die raue, eiskalte See mit ihren endlosen Horizonten bildet die Kulisse unserer Heimfahrt. Jeder Wellengang, jede Windböe scheint uns eine leise Botschaft aus der Welt zu senden, die wir gerade hinter uns gelassen haben.

Während Ushuaia allmählich näher rückt, spüre ich, wie die Erlebnisse der letzten Tage noch tief in mir nachklingen. Die Stille der Gletscher, das Kreischen der Seevögel und das leise Knirschen des Eises – all diese Eindrücke scheinen sich unauslöschlich eingebrannt zu haben. Es ist, als hätte die Antarktis ein Stück von sich in mir hinterlassen, ein Gefühl von Ehrfurcht und Verbundenheit mit dieser ungezähmten Natur.

Die Rückreise ist mehr als nur eine physische Bewegung Richtung Heimat. Sie ist ein Übergang – zurück in den Alltag, aber auch zurück mit einer neuen Perspektive. Die Antarktis verändert einen, und ich weiß, dass sie mich auch diesmal ein Stück weit neu geformt hat.

06.02.1995 – Auf See Richtung Ushuaia Die Rückkehr in den Alltag an Bord trägt einen Hauch von Melancholie mit sich. Die Antarktis, mit ihrer unberührten Schönheit, liegt hinter uns, doch ihre Bilder und Klänge sind noch lebendig. Die leuchtenden Blautöne des Eises, die anmutigen Bewegungen der Pinguine und das mächtige Dröhnen kalbender Gletscher – diese Eindrücke verweilen, wie ein leises Echo der Wildnis, das uns begleitet, selbst während die Routine uns wieder einholt.

Vor uns erstreckt sich der offene, unruhige Ozean – eine wilde, endlose Fläche, die uns mit jedem Wellenschlag daran erinnert, wie klein und unbedeutend wir in diesem gewaltigen Naturspiel sind. Ushuaia rückt näher, seine vertraute Küstenlinie erscheint am Horizont und kündigt das Ende einer weiteren Expedition an. Doch während der Geist der Reise, dieser Hauch von Abenteuer und Ungewissheit, langsam verblasst, bleibt ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit zurück.

Die Herausforderungen, die wir gemeistert haben, und die Momente, die uns Demut vor der Natur lehrten, prägen uns. Und obwohl wir die Antarktis nun hinter uns lassen, hallt ihr Ruf nach. Schon formiert sich in den Gedanken die Vorfreude auf die nächste Reise – auf die Wiederkehr in diese einzigartige Welt, die ihre Besucher unwiderruflich in ihren Bann zieht. Denn eines steht fest: Der Zauber der Antarktis ist unvergänglich.

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7. Februar 1995 – 9. REISE / 5. ANTARKTISREISE:  USHUAIA / ANTARKTIS / USHUAIA

 Die fünfte Antarktis-Reise war mehr als nur ein weiteres Kapitel in der Abfolge dieser extremen Unternehmungen – sie markierte eine Fortsetzung des fast schon routinierten, aber nie weniger aufregenden Kreislaufs aus Abfahrt, Erkundung und Rückkehr. Nach einer der härtesten und intensivsten Loading-Phasen, bei der jedes Detail sorgsam bedacht und jedes Kilo Fracht sturmsicher verstaut wurde, waren wir wieder bereit, den Kurs gen Süden aufzunehmen.

Ushuaia, die südlichste Stadt der Welt, verschwand allmählich hinter uns. Mit ihr verblieben die letzten Spuren der Zivilisation, und vor uns öffnete sich das gewaltige Tor zur eisigen Wildnis. Die Routine täuschte nicht über die Spannung hinweg: Jede Reise war einzigartig, jede Entscheidung entscheidend. Der Blick richtete sich nach vorn – auf die bevorstehenden Tage, die wetterbedingten Überraschungen und die unvergleichliche Schönheit der antarktischen Landschaft, die uns immer wieder in ihren Bann zog.

Dies war nicht nur eine Fahrt; es war ein intensives Zusammenspiel von Mensch und Natur. Jeder wusste, dass hinter der nächsten Biegung ebenso gut ein Wunder wie eine Herausforderung warten konnte. Und genau das war es, was die Antarktis zu einer der letzten großen Abenteuerregionen der Erde machte.

 

08.02.1995 – Auf See Richtung Falkland Inseln, der Weg dorthin war eine kluge strategische Entscheidung, um der berüchtigten Drake Passage bei der Fahrt in die Antarktis zu entgehen. Stattdessen führte der Kurs nach Norden zu den Falkland-Inseln, einer Region, die ebenso für ihre rauen Wetterbedingungen bekannt ist. Hier, auf den Inseln, bot Mc Gil’s die Möglichkeit, Frischware aufzunehmen und die Vorräte aufzufüllen. Diese Stopps waren von unschätzbarem Wert, um die langen und entbehrungsreichen Etappen durch die kargen Polarregionen besser bewältigen zu können.

Die Falkland-Inseln, mit ihrer wilden Schönheit und ihrem rauen Klima, stellten jedoch keine reine Verschnaufpause dar. Stürmische Bedingungen und unvorhersehbare Strömungen erforderten die volle Aufmerksamkeit der Crew. Für das Team bedeutete dies eine wichtige Vorbereitung auf die kommenden Herausforderungen. Jeder hatte seine Aufgabe, ob beim Beladen des Schiffes oder bei der Navigation durch die oft dichten Nebel und unruhigen Gewässer.

Die Anspannung und das Abenteuergeist waren spürbar. Es war ein Moment, der einmal mehr bewies, wie viel von kluger Planung und Teamarbeit abhing. Es war nicht nur eine Etappe der Reise, sondern ein weiterer Schritt in Richtung der extremen, faszinierenden Welt der Antarktis.

09.02.1995 – Wir segeln Richtung Falkland Die See ist ruhig, aber die Wetterbedingungen können schnell umschlagen. Ich genieße den Moment der Ruhe und die Weite des Ozeans, während wir unser Ziel langsam aber sicher ansteuern.

10.02.1995 – FALKLAND / GB Heute gab es ein großes Meeting an Bord, was bedeutet, dass es keine Landgänge gab. Stattdessen konnte ich mich in der Mc Gils Bay entspannen und beobachten, wie die Delphine uns umschwammen, mit einer Leichtigkeit, die für mich immer wieder faszinierend ist. Die Crew hat sich bei schönem Wetter bei einem Kaffee und Kuchen an Deck versammelt.

Es war auch der Tag, an dem ich aus Hamburg die Nachricht erhielt, dass ich fix in Kapstadt aussteigen werde. Das bedeutet, dass ich 28 Tage länger an Bord bleibe, als ursprünglich geplant. Bei unserem Auslaufen aus der Mc Gils Bay hatten wir wieder starken Seegang, was zu seekranken Gästen führte – ich kann wirklich nicht verstehen, wie empfindlich manche Leute sind.

11.02.1995 – AUF SEE RICHTUNG ANTARKTIS Ein ruhiger Tag, an dem nicht viel passiert ist. Der ständige Stress und die Anspannung haben mich jedoch etwas müde gemacht, und ich habe erstmals leichte Magenprobleme. Wegen der Müdigkeit habe ich meine täglichen Liegestütze ausfallen lassen. Vor dem Schlafengehen nehme ich ein Gläschen, um meinen Magen zu beruhigen und besser einschlafen zu können.

Die Verlängerung bis Kapstadt geht für mich inzwischen in Ordnung, obwohl ich anfangs schnell aussteigen wollte. Ich habe beschlossen, dass ich den Flug um drei Tage nach hinten verschieben werde, sodass ich noch ein paar Tage in Kapstadt bleibe um etwas entspannen zu können. Drei Wochen dort wären ideal gewesen, aber das ist einfach nicht machbar, ohne meine Familie und Freunde zu sehr zu belasten.

Gestern habe ich Klaus aus Leibnitz, meinen besten Freund, angerufen. Er war überrascht, eine Nachricht von den Falkland Inseln zu bekommen. Ich freue mich schon darauf, wenn wir wieder zusammen im Buschenschank sitzen können.

In der Zwischenzeit erledige ich meinen Job weiterhin souverän. Es vergeht kein Tag ohne Reklamationen – sei es das Essen, das ständige Schaukeln des Schiffs, oder banale Diskussionen über die Kleidung der Mitreisenden. Die Gäste kommen zu mir und erzählen mir stundenlang ihren Unfug. Aber ich höre geduldig zu und drehe die Tage ruhig herunter, trotz der anstrengenden Umstände.

12.02.1995 – ELEPHANT ISLAND / ANTARCTICA Ein erstaunlich entspannter Tag – kaum zu fassen, aber ich konnte tatsächlich zwei ganze Stunden in meiner Kabine verbringen, ohne dass mein Pipser losging. Diese unerwartete Ruhe fühlte sich wie eine wahre Erholung an, und danach war ich wieder voll aufgeladen und bereit für die nächsten Aufgaben. Es sind diese seltenen Momente, die mir bewusst machen, wie gut dieser Job eigentlich ist – man nennt es Selbstmotivation.

Ich habe hier sogar meinen eigenen Butler, einen Philippino, der sich um all die kleinen Dinge kümmert, die den Alltag erleichtern – er wäscht meine Kleidung und bügelt sie sorgfältig, sodass ich mich um nichts kümmern muss. Nicht einmal ums Essen muss ich mich Gedanken machen. In der Senior Officer Messe, in der ich immer esse, wird das Essen meist direkt von meinem Butler serviert, der sich stets um mein Wohl sorgt. Dieser kleine Luxus macht den Job trotz der körperlichen und mentalen Herausforderungen umso angenehmer und erinnert mich immer wieder daran, wie privilegiert ich bin, diesen Weg eingeschlagen zu haben.

13.02.1995 – Auf See im antarktischen Labyrinth Heute war ein weiterer Tag im unermüdlichen Rhythmus der Antarktis. Das Wetter war weiterhin rau, und der See gab uns das Gefühl, als bewegten wir uns durch ein endloses Labyrinth aus Eis und Wasser. Jeder Tag hier ist eine Herausforderung, die unberührte Natur fordert ihren Tribut. Ich finde es immer wieder faszinierend, wie der Raum um uns herum so leer und gleichzeitig so überwältigend ist. Hier gibt es keine Ablenkungen, keine Geräusche außer den Naturgeräuschen des Eises und des Windes, der über die Wellen fegt. Manchmal frage ich mich, ob wir je wirklich verstehen können, was diese Landschaft von uns verlangt. Es gibt Zeiten, in denen ich das Gefühl habe, die Antarktis verlangt von uns eine gewisse Demut, eine Anerkennung der eigenen Vergänglichkeit in dieser unbarmherzigen, aber wunderschönen Welt.

14.02.1995 – LEMAIRE CHANNEL Heute am Valentinstag steigt eine Crew-Party, aber ich werde mich nicht allzu sehr daran beteiligen. Im Lemaire Channel hatte ich trotz schwerer Bewölkung schöne Stunden. Lange Zeit stand ich allein am Vorschiff und genoss einfach die Natur. Die Antarktis ist eine Zauberwelt – egal, ob die Sonne scheint oder schwere Wolken über dem Land hängen, sie bleibt immer faszinierend. Es gibt Momente, in denen ich mich weit vorne im Bug positioniere und den Blick auf die unermüdliche Stahlnase der Hanseatic genieße, wie sie durch das Eis schneidet. Man fragt sich dann: Was wäre, wenn das Eis irgendwann stärker ist?

Die Hanseatic gleitet nahezu lautlos durch die vereisten Kanäle und Fjorde. Es herrscht absolute Stille – als hätten wir einen Elektroantrieb. Das Einzige, was ich höre, ist das Knarren der Eisschollen. Rundum nur Natur, weit und breit nichts anderes. Nur eine Handvoll Schiffe weltweit erfüllen die strengen Auflagen, um hier operieren zu können. Der Südpol ist ein Rückzugsort für ungestörte Natur, doch auch hier hat die Zerstörung begonnen: Das größte Ozonloch der Welt klafft über uns, und die russischen sowie japanischen Fischerboote pfeifen auf internationale Abkommen und jagen Wale. Es ist kaum zu fassen, wie diese Fischerboote brutal die unberührte Natur zerstören. Ich finde es auch unverständlich, dass viele unserer Gäste nur zu reklamierten, ohne die atemberaubende Landschaft wirklich zu schätzen. Es gibt nur sehr wenige Menschen, die das Privileg haben, all das zu sehen.

15.02.1995 – HOPE BAY Bei jeder Antarktisreise steuern wir mit Begeisterung die Hope Bay an, um die argentinische Forschungsstation Esperanza zu besuchen (63° 24' Süd, 56° 59' Ost). Dieser Halt ist jedes Mal ein besonders bemerkenswerter Moment auf der Reise, denn er bietet einen faszinierenden Einblick in das Leben der Wissenschaftler, die unter extremen Bedingungen in dieser abgelegenen Region arbeiten.

Die Station selbst ist eine kleine Oase der Forschung und des Überlebens im eisigen Süden. Sie liegt inmitten der endlosen Weiten des antarktischen Eises und ist von einer Umgebung umgeben, die kaum lebensfreundlicher sein könnte. Hier, in dieser unwirtlichen Landschaft, erleben wir hautnah, wie die Forscher tagtäglich mit den Herausforderungen der Antarktis kämpfen: vom extrem niedrigen Temperaturen bis hin zu den ständigen Veränderungen des Wetters.

Es ist ein Moment des Staunens, wenn man sich vorstellt, wie diese mutigen Wissenschaftler und Techniker hier inmitten von Schnee und Eis, bei Temperaturen, die oft unter -30°C sinken, ihren unermüdlichen Beitrag zur Forschung leisten. Diese Besuche bieten nicht nur einen faszinierenden Blick auf den wissenschaftlichen Alltag, sondern auch auf die Entschlossenheit der Menschen, die in dieser extremen Region arbeiten. Die Begegnung mit den Bewohnern der Station und das Erleben der rauen, aber auch beeindruckend schönen Natur der Hope Bay machen diesen Stopp zu einem unvergesslichen Teil jeder Antarktisreise.

16.02.1995 – DRAKE PASSAGE Heute durchqueren wir die berüchtigte Drake Passage, die mit ihrem wilden, unberechenbaren Wetter und den ständigen Bewegungen des Schiffs erneut ihre Kräfte zeigt. Der Wind peitscht uns ins Gesicht, und die Wellen türmen sich zu riesigen Bergen auf. Es fühlt sich an, als würde das Schiff jeden Moment in die Tiefe gezogen werden, aber die Hanseatic zeigt ihre Stärke und hält stand. Ich stehe am Deck und betrachte das aufbrausende Meer, das mich fast in seinen Bann zieht. Es gibt keinen besseren Ort, um sich der Weite und der Wildheit der Natur zu stellen.

Trotz der Unwägbarkeiten und der Herausforderungen des Tages gibt es immer noch etwas Beruhigendes an dieser Passage. Die Erfahrung der Drake Passage – dieser ungezähmte Ozean, der uns mit voller Kraft fordert – lässt alles andere relativ klein erscheinen.

17.02.1995 – USHUAIA / ARGENTINIEN Wir erreichen Ushuaia, den südlichsten Punkt Südamerikas. Die Einfahrt in den Hafen ist immer ein Moment der Erleichterung, wenn auch nur für eine kurze Zeit. Die gewaltigen Berge ragen rund um uns auf, die Stadt liegt wie ein vertrauter, ruhiger Hafen inmitten dieser rauen Landschaft. Für mich fühlt es sich an, als würde ich immer wieder nach Hause kommen.

Heute ist der Tag, an dem wir wieder von Bord gehen – die Reise hat hier ihr vorläufiges Ende. Während ich die vertrauten Gesichter der Crew sehe und mit den letzten Gästen spreche, überkommt mich eine Mischung aus Erschöpfung und Zufriedenheit. Ich bin stolz auf das, was wir geschafft haben, trotz der extremen Bedingungen und der täglichen Belastungen. Aber auch die Vorfreude auf eine kurze Pause ist spürbar – die Reise hat ihre Spuren hinterlassen, und der Gedanke, für eine Weile von der Schiffsreise zu entkommen, fühlt sich erfrischend an.

18. Februar 1995 – 10. REISE / 6. ANTARKTISREISE:  VON KAP ZU KAP 6. ANTARKTIS REISE

 Die Einschiffung der Gäste in Ushuaia verläuft reibungslos und ruhig. Alles ist bestens organisiert, und die Gäste steigen entspannt an Bord. Nachdem wir abgelegt haben, findet die Vorstellung der Besatzung und der Reiseleitung statt – ein Moment, in dem wir als Team zusammenstehen, bereit, die nächste Herausforderung anzugehen.

VON KAP ZU KAP Mit der Hanseatic geht es weiter auf eine außergewöhnliche Reise: SÜDAMERIKA – ANTARKTIS – SÜD GEORGIEN – TRISTAN DA CUNHA – SÜDAFRIKA. Diese Reise führt uns von den südlichen Küsten Südamerikas über die Süd-Shetland-Inseln, die antarktische Halbinsel und die Süd-Orkney-Inseln bis nach Südgeorgien. Wir kreuzen weiter den Südatlantik und erreichen schließlich Tristan da Cunha, eine der abgelegensten Inseln der Welt, und setzen unseren Kurs bis nach Südafrika fort.

19.02.1995 – CAPE HORN / CHILE Früh am Morgen erreichen wir das legendäre Kap Horn, den berühmten südlichsten Punkt Südamerikas, der so viele Seeleute durch die Geschichte hindurch begleitet hat. Die See ist außergewöhnlich ruhig, und mit unseren Zodiacs setzen wir sicher auf das Land, was in dieser Region alles andere als selbstverständlich ist. Um uns dieses einmalige Erlebnis zu versüßen, gibt es wie so oft in diesen Gewässern Champagner – eine edle Geste, um diesen bedeutsamen Moment gebührend zu feiern.

Das Wetter präsentiert sich überraschend mild und lässt uns das Kap in seiner vollen Schönheit erleben: der dramatische Felsen, die raue Küste und die Weite des Ozeans, die sich weit vor uns erstreckt. Es ist eine fast feierliche Atmosphäre, die den Moment besonders macht – ein wahrer Höhepunkt der Reise.

Der Abend selbst setzt dem Tag die Krone auf. Mit einer stilvollen Willkommensparty und einem exquisiten Galadinner lässt sich die Crew von ihrer besten Seite sehen. Es ist eine der vielen besonderen Nächte dieser Reise, in der sich die Stimmung unter den Gästen als außergewöhnlich gut herausstellt. Alle sind von der Schönheit des Kap Horns noch immer beeindruckt und teilen das gemeinsame Erlebnis in herzlicher Stimmung. Gelächter, angeregte Gespräche und das Klirren der Gläser begleiten den Abend, und es ist spürbar, dass diese Reise eine bleibende Erinnerung für alle bleiben wird.

20.02.1995 – Drake Passage

Die See ist ruhig, und doch bleibt der Tag von einer kühlen, fast greifbaren Stille durchzogen. Mit nur 3°C und einer Luftfeuchtigkeit von 85% spüren wir die Frische der Südpolarregion, die uns immer wieder an ihre raue Schönheit erinnert. Die Drake Passage, berüchtigt für ihre unberechenbaren Wellen und stürmischen Winde, zeigt sich uns in dieser Saison von ihrer friedlichen Seite. Es ist ein ruhiger Tag, an dem wir ein letztes Mal die gewaltige Passage durchqueren.

Die Hanseatic überquert um 4:00 Uhr die antarktische Konvergenz – ein markanter Punkt, der für uns alle ein tiefes Gefühl der Vollendung in dieser Saison mit sich bringt. Diese Grenze zwischen den kalten antarktischen Gewässern und den wärmeren Subantarktischen Zonen ist nicht nur geographisch von Bedeutung, sondern markiert auch den Übergang von der unwirtlichen, eisigen Welt der Antarktis zurück in die gemäßigten Gewässer des Südens.

Während wir die gewaltigen Wasserflächen durchqueren, halten interessante Vorträge an Bord die Gäste bei Laune und bieten tiefere Einblicke in diese faszinierenden Gewässer, die eine ganz eigene Geschichte erzählen. Die Meeresbiologen und Geologen an Bord vermitteln Wissen über die ökologischen Eigenheiten der Drake Passage, die geologische Geschichte und die Artenvielfalt, die in diesen Gewässern beheimatet sind.

Es ist ein Moment des Innehaltens, eine letzte Gelegenheit, die Gedanken über das Erlebte zu sortieren und sich der immens weiten, leeren Weite des Ozeans hinzugeben. Die Passage, die so viele als Übergang zwischen den Welten der Antarktis und des restlichen Planeten begreifen, wird für uns ein symbolisches Erlebnis dieser außergewöhnlichen Saison bleiben.

21.02.1995 – LEMAIRE CHANNEL / PETERMANS ISLAND Der Nebel auf dem Weg zum Lemaire Channel lichtet sich rasch, und der Kanal präsentiert sich in seiner vollen Pracht. Die eisigen Berge, die sich majestätisch auf beiden Seiten des Kanals erheben, spiegeln sich im glasklaren Wasser, das fast unberührt wirkt. Die Sonne bricht durch die Wolken und taucht die Landschaft in ein weiches, goldenes Licht – ein wahrer magischer Moment in dieser abgelegenen Region der Antarktis.

Auf Petermanns Island erleben wir einen wahren Rekord: Mit 13°C ist dies die höchste Temperatur der Saison, und die Forscher sind begeistert. Für einen kurzen Moment scheint es fast wie Frühling, ein angenehmes, milderes Klima, das den Aufenthalt noch angenehmer macht. Die Insel, umgeben von tiefblauem Wasser und weißem Eis, scheint förmlich zu leuchten, und der Anblick ist einfach überwältigend.

Doch das wahre Highlight sind die zahlreichen Adeliepinguine, die uns mit ihrer lebhaften Präsenz erfreuen. Die Pinguine, die in großen Gruppen durch den Schnee watscheln, sind äußerst neugierig und lassen sich von unserer Anwesenheit nicht stören. Mit ihren schwarzen Köpfen und weißen Bäuchen bewegen sie sich flink und geschickt, als ob sie das perfekte Schauspiel für uns geben würden. Ihre verspielte Art und die ehrfürchtige Ruhe der Umgebung bilden einen wunderschönen Kontrast und machen diesen Landgang zu einem unvergesslichen Erlebnis. Es ist ein Moment voller Freude und Staunen, der uns die unberührte Schönheit der Antarktis noch näherbringt.

22.02.1995 – PORT LOCKROY In Port Lockroy werden wir von einer großen Kolonie Eselspinguine begrüßt, die sich in dieser abgelegenen Region tummeln. Ihre charakteristischen gelben Federbüschel an den Köpfen und ihr stolzes, aufrechtes Verhalten machen sie zu einer besonderen Attraktion. Die Pinguine watscheln in kleinen Gruppen über das Eis und erwecken den Eindruck, als hätten sie alle Zeit der Welt, um ihre Umgebung zu erkunden. Ihre Neugierde ist ansteckend und sorgt für eine unvergessliche Begegnung mit der Tierwelt der Antarktis.

In der Paradise Bay und vor Cuverville unternehmen wir eine Zodiactour, die uns noch näher an das Leben in dieser eisigen Welt heranführt. Die Landschaft ist atemberaubend, die Gletscher und das kristallklare Wasser spiegeln das intensive Blau des Himmels wider. Hier, inmitten dieser schneebedeckten Weiten, begegnen wir nicht nur zahlreichen Krabbenfresserrobben, die sich entspannt auf den Eisschollen ausruhen, sondern auch einem imposanten Seeleoparden, der elegant durch das Wasser gleitet. Mit seinem riesigen, kräftigen Körper und seinen markanten Zähnen zieht er unsere Aufmerksamkeit auf sich und erinnert uns an die unbändige Wildheit dieser Region.

Es ist ein unvergesslicher Moment – das Zusammentreffen mit den Tieren der Antarktis, umgeben von einer Landschaft, die wie aus einer anderen Welt erscheint. Jede Begegnung in dieser abgelegenen Ecke der Erde ist ein Erlebnis, das uns für immer begleiten wird.

23.02.1995 – DECEPTION ISLAND Die See ist heute ruhig, doch Deception Island zeigt uns ihre wilde, ungezähmte Seite. Wir kommen an einer eindrucksvolle Ansammlung von See-Elefanten vorbei, die in riesigen Gruppen am Strand liegen und sich in der winterlichen Sonne wälzen. Die Zügelpinguine, mit ihrem markanten weißen Bauch und den schwarzen Flügeln, sind ebenfalls zahlreich und durchstreifen neugierig das Gelände. Ihre ruhige, fast stolze Haltung im Angesicht des rauen Windes gibt der Szenerie eine ganz besondere Atmosphäre.

Ein Teil der Gäste nutzt die Gelegenheit und begibt sich in die natürlichen Warmwasserquellen mitten im Vulkan, um sich zu entspannen und dem eisigen Antarktis-Feeling für einen Moment zu entkommen. Es ist ein beeindruckendes Erlebnis, inmitten dieser urtümlichen, vulkanischen Landschaft in warmem Wasser zu baden und den Kontrast zwischen der Kälte des Umfelds und der wohltuenden Wärme der Quellen zu spüren.

Währenddessen genießen wir weiterhin den rauen Charme der Antarktis – die unwirtliche Schönheit und die faszinierende Ruhe dieser abgelegenen Region. Trotz ihrer Herausforderungen hat sie eine unwiderstehliche Anziehungskraft, die uns immer wieder in ihren Bann zieht.

24.02.1995 – CAPE LOOKOUT Mit einer Außentemperatur von 3°C und erneut 85% Luftfeuchtigkeit beginnt der Tag mit heftigem Seegang und starkem Wind, der das Schiff kräftig schaukeln lässt. Doch trotz der schwierigen Bedingungen genießen wir eine unvergessliche Zodiactour mit den Gästen, bei der wir zahlreiche Pelzrobben antreffen, die sich entspannt auf den Felsen sonnen und uns mit ihrer neugierigen Art faszinieren. Unser Kurs führt uns weiter in Richtung der South Orkney-Inseln, und langsam, aber sicher, neigt sich die Antarktissaison ihrem Ende zu.

Die letzten beiden Tage dieser Reise waren ein Höhepunkt – wir durchquerten neue, unerforschte Kanäle und erlebten die vielfältige Schönheit der Antarktis in all ihrer Pracht. Trotz der oft rauen Bedingungen, die diese Region mit sich bringt, gab es immer wieder Momente der Magie. Besonders die einzigartigen Lichtspiele, die sich von Sommerbeginn bis in den Februar erstreckten, hinterließen einen bleibenden Eindruck. Die Tierwelt, von den unerschütterlichen Pinguinen bis zu den verspielten Seerobben und den majestätischen Seeleoparden, zog uns immer wieder in ihren Bann.

Ich werde diesen Kontinent nicht nur als eisig in Erinnerung behalten, sondern als den weiß-blauen Kontinent – ein Ort voller unergründlicher Schönheit, dessen Magie und Unberührtheit ich in etwa 1.000 Fotos für immer festhalten konnte. Es ist eine Erinnerung, die mich begleiten wird, und die unvergesslichen Eindrücke dieser Reise sind tief in meinem Herzen verankert.

25.02.1995 – CORONATION ISLAND Bei einer Außentemperatur von nur 3°C und einer Luftfeuchtigkeit von 90% erleben wir eine atemberaubende Vorbeifahrt an Coronation Island und Laurie Island. Die Landschaft vor uns ist majestätisch und zugleich imposant – riesige Eisberge ragen wie riesige Monumente aus dem Ozean. Die Stille der Umgebung wird nur durch das leise Klirren der Eisschollen und das stetige Plätschern der Wellen unterbrochen. Doch mit der Schönheit der Szene kommt auch die Unberechenbarkeit der See – die Wellen werden höher, die See rauer. Die Fahrt wird zunehmend spannender, als die Natur uns mit ihren kraftvollen Elementen herausfordert und gleichzeitig mit ihrer überwältigenden Pracht fasziniert. Es ist ein Moment, der uns die enorme Wildheit und Majestät dieser entlegenen Region in all ihrer Unverfälschtheit näherbringt.26.02.1995 – SOUTH ORKNEY / SCOTIA SEA An diesem Tag müssen wir uns mit orkanartigen Winden und schwerer See auseinandersetzen. Trotz der schwierigen Bedingungen erreichen wir um 17:30 Uhr das Cape Disappointment, ein weiterer markanter Punkt auf unserer Reise.

27.02.1995 – GRYTVIKEN Mit 3°C Außentemperatur erwartet uns in Grytviken fast windstille, sonnige Bedingungen. Wir spazieren durch die alte Walfangstation, wo rostige, halb versunkene Schiffe an den Kai liegen und eine Vielzahl von Königspinguinen den Ort bevölkern. Die Szenerie ist faszinierend, und die Pinguine wirken völlig unbeeindruckt von den Menschen.

28.02.1995 – BAY OF ISLE / SAILSBURY / ANTARCTICA Mein letzter Landgang in der Antarktis auf Prion Island und Salisbury Island ist ein würdiger Abschluss. Gold Harbour bietet eine perfekte Kulisse: extrem große Seeelefanten liegen am Strand, während zahlreiche Königspinguine und Albatrosse die Szenerie bereichern. Die tiefgrünen Berghänge und riesigen Gletscher, die von Wasserfällen umrahmt werden, lassen diese Insel wie ein wahres Naturparadies erscheinen. Die Pinguine staksen stolz durch die Gegend, während junge Seelöwen sie zum Spielen auffordern – ein Schauspiel, das die Natur in all ihrer Wildheit zeigt.

Der Abschied von der Region fällt schwer, aber wir segeln nach Tristan da Cunha, während die Sonne tief am Horizont steht.

01.03.1995 – AUF SEE Mit einer Außentemperatur von angenehmen 8,5°C gleiten wir ruhig und schnell voran, unterstützt vom kräftigen Rückenwind. Die See ist ruhig, und der Kurs ist klar. Der Vormittag beginnt mit einem gemütlichen Frühschoppen, bei dem die Gäste in bester Stimmung sind, begleitet von der beschwingten Dixieland-Musik, die die Atmosphäre aufhellt und für ein fröhliches Miteinander sorgt. Lachen und Plaudern hallen durch das Schiff, während alle den Moment genießen. Es ist ein entspannter Tag auf See, der uns Zeit gibt, uns auf den kommenden Abschnitt der Reise vorzubereiten und die Schönheit der weiten, offenen See zu bewundern. 

02.03.1995 – AUF SEE Mit einer Außentemperatur von 9,5°C erleben wir raue See und heftige Wellen, die uns von hinten treffen. Doch trotz der herausfordernden Bedingungen gibt es an Bord Vorträge und hervorragendes Essen, was den Gästen hilft, die Unannehmlichkeiten der Wellen zu vergessen.

Reiserückblick auf die letzten Tage: Die Reise begann in Ushuaia, an der südlichen Spitze Amerikas, und führte uns über Kap Horn bis zur antarktischen Halbinsel. Dort verbrachten wir spannende Tage bei viel Arbeit, aber auch atemberaubender Natur. Weiter ging es Richtung Norden nach South Georgia, wo wir bei sonnigem Wetter anlegten. Unsere letzte Insel in der Antarktis war Salisbury Island, ein wahres Paradies aus Gletschern, grünen Wiesen und mächtigen Wasserfällen. Königspinguine und Seerobben, die versuchten, uns zum Spielen zu animieren, machten die Landschaft noch lebendiger. Sogar die schweren Seelefanten, die auf dem Strand lagen, beeindruckten mit ihrer massiven Erscheinung.

Nun befinden wir uns bereits im dritten Tag auf See. Der Ocean zeigt uns erneut seine mächtige Kraft: Wellen von bis zu 12 Metern Höhe begleiten uns nonstop. Einige Gäste fallen von den Stühlen oder suchen Halt in den Ecken, während eine besonders kräftige Welle die Hälfte der Gäste auf den Fußboden befördert. Es ist ein unvergessliches Erlebnis, das die raue, aber auch faszinierende Natur dieser Region widerspiegelt.

03.03.1995 – AUF SEE Mit einer Außentemperatur von 15°C und einer See, die weiterhin ihre ganze Wucht entfaltet, kommen wir schnell voran, angetrieben vom heftigen Rückenwind. Trotz der rauen Bedingungen bleibt die Stimmung an Bord erstaunlich positiv, und so feiern wir unser letztes Gala-Abendessen. Es ist ein Höhepunkt der Reise, ein feierlicher Moment, der von der unermüdlichen Crew und den Gästen gleichermaßen geschätzt wird. Nach dem festlichen Dinner folgt eine mitreißende Show von Lena Smith, die die Gäste unterhält und den Abend zu einem unvergesslichen Erlebnis macht.

Es ist ein bittersüßer Moment, denn während wir das Ende der Reise erreichen, spüren wir zugleich die Vorfreude auf das, was nach dieser außergewöhnlichen Erfahrung kommt. Der Sturm mag die See beherrschen, aber an Bord herrscht eine Atmosphäre der Dankbarkeit und des Abschlusses. Es fühlt sich an wie der letzte große Akt einer langen Reise – und ein erster Schritt in Richtung neuer Abenteuer.

04.03.1995 – AUF SEE Der Wind bleibt unvermindert stark, und die See zeigt ihre raue Seite. Es ist spürbar, dass nicht alle Gäste mit den stürmischen Bedingungen zurechtkommen – der stetige Wind und die kräftigen Wellen setzen vielen zu. Der Sturm zieht sich bereits über mehrere Tage hinweg, und die unruhige See fordert ihren Tribut. Es ist eine harte Zeit für alle an Bord, das ständige Schaukeln des Schiffes und die wiederholten Wellen sind eine große Herausforderung.

Trotz dieser widrigen Umstände bleibt die Crew jedoch unerschütterlich. Mit einem klaren Fokus und professioneller Gelassenheit sorgt sie dafür, dass der Alltag an Bord so reibungslos wie möglich weitergeht. Die Gäste werden bestmöglich betreut, und in den Bereichen, wo es möglich ist, bieten die Crewmitglieder weiterhin ihre gewohnt herzliche Unterstützung an. Der Sturm mag die See beherrschen, aber an Bord herrscht eine Atmosphäre der Ruhe und Zuversicht – auch wenn die Natur uns zeigt, wie mächtig sie ist.

05.03.1995 – TRISTAN DA CUNHA / GB Bei einer Außentemperatur von 16°C erreichten wir dank des kräftigen Rückenwinds Tristan da Cunha früher als geplant. Diese abgelegene Vulkaninsel im Südatlantik liegt etwa 6.000 km von Kap zu Kap entfernt und beherbergt rund 300 Menschen, deren einzigartige Herkunft auf eine Mischung aus südafrikanischen und südamerikanischen Vorfahren zurückgeht. Hier kauften wir beeindruckend große Briefmarken und eine noch größere Münze, die als offizielles Zahlungsmittel dient. Tristan da Cunha ist ein faszinierender Ort, dessen extreme Isolation und die ungewöhnliche Gesundheit der Bewohner nach wie vor Gegenstand intensiver Forschung sind.

06.03.1995 – AUF SEE Die Außentemperatur bleibt bei angenehmen 16°C, als wir uns auf die Extraanlandung auf der Insel Nightingale vorbereiten. Die Insel, bekannt für ihre unberührte Schönheit und das reiche Tierleben, liegt verlockend in Sichtweite. Doch die Dünung ist an diesem Tag zu stark, und trotz aller Bemühungen müssen wir den Plan schweren Herzens aufgeben. Die Wellen schlagen kraftvoll gegen das Schiff, und das schaukelnde Auf und Ab macht eine sichere Zodiacs-Überfahrt unmöglich.

Trotz der Enttäuschung bleibt die Stimmung an Bord ruhig und gelassen. Der restliche Tag verläuft ruhig auf See. Der Wind weht sanft, und das Meer ist weit und unendlich. Wir lassen uns treiben, während die Sonne langsam hinter dem Horizont verschwindet und das Schiff in ein warmes, goldenes Licht taucht. Es ist ein Moment der Stille, der uns allen Raum für Besinnung und Bewunderung für die unberührte Natur um uns herum gibt.

07.03.1995 – AUF SEE Mit einer angenehmen Außentemperatur von 20°C geht es an Bord der Hanseatic heute entspannt zu. Die Sonne scheint immer stärker, und der Tag präsentiert sich in all seiner warmen Pracht. An Bord gibt es ein reichhaltiges Programm, das keine Langeweile aufkommen lässt: spannende Vorträge, fesselnde Filme und live Konzerte sorgen für Unterhaltung. Besonders die Crewshow, die später am Abend stattfindet, bringt alle Gäste zum Lachen und Staunen.

Das Wetter wird zunehmend besser – ein strahlend blauer Himmel breitet sich über uns aus, und die Wärme lässt die Seele baumeln. In dieser Atmosphäre lasse ich die Poolbar öffnen, um den Gästen erfrischende Drinks zu servieren, während sie sich am Pool entspannen und das Meeresrauschen genießen. Es ist der perfekte Moment, um den stressigen Alltag hinter sich zu lassen und sich einfach dem Luxus und der Ruhe des Ozeans hinzugeben. Ein wahrhaft entspannter Tag auf See, der in Erinnerung bleiben wird nach den vielen Abenteuern in der kalten Antarktis.

 

08.03.1995 – AUF SEE Die Außentemperatur steigt auf 23°C, und wir genießen einen ruhigen Seetag. Es ist eine willkommene Pause von den Herausforderungen der letzten Tage.

09.03.1995 – AUF SEE Wieder liegt die Außentemperatur bei angenehmen 23°C, und der Tag verläuft ruhig auf See, fast wie eine sanfte Übergangsphase zwischen den intensiven Erlebnissen der vergangenen Wochen und dem bevorstehenden Abschied. Die Gäste genießen die Ruhe, während die Wellen sanft gegen den Rumpf schlagen und das Schiff in gleichmäßigen Bewegungen vorwärts treibt.

Heute steht mein allerletztes Abschiedsgala an – ein feierlicher Moment, der sowohl Freude als auch Wehmut in mir weckt. Die Crew und die Gäste haben diesen Abend sehnsüchtig erwartet, und während die letzten Vorbereitungen getroffen werden, spüre ich eine Mischung aus Dankbarkeit für die gemeinsam verbrachte Zeit und einem leisen Abschiedsschmerz. Morgen werde auch ich von diesem Schiff, dieser Welt, Abschied nehmen und meinen Platz an einem neuen Ort einnehmen. Doch heute noch genießen wir das Miteinander, den festlichen Abend und die Erinnerungen an eine außergewöhnliche Reise, die uns alle verändert hat.

10.03.1995 – KAPSTADT / SÜDAFRIKA / VERTRAGSENDE Die Außentemperatur bleibt bei angenehmen 23°C, als wir Kapstadt bereits am frühen Nachmittag erreichen. Doch wir müssen noch bis zum Abend warten, bis wir in den Hafen einlaufen dürfen, und die Zeit nutzen wir, um einen atemberaubenden Sonnenuntergang zu genießen. Kapitän Hartvig von Harling und ich verlassen hier nach einer harten Saison die Hanseatic. Wir hatten beide unseren Job als Profis erfüllt, das Schiff sicher und effizient durch stürmische Gewässer und anspruchsvolle Routen gesteuert, das erlauchte Klientel an Bord sicher durch die unwirtlichsten aber wohl schönsten Regionen der Welt gebracht. Es war ein weiterer herausfordernder Lebensabschnitt, den wir erfolgreich hinter uns gelassen hatten.

Der Abschied von der Crew, die nun weiterfuhr, war bittersüß. Es gab viele herzliche Worte, doch auch die Gewissheit, dass für uns beide ein neues Kapitel bevorstand. Für mich war es der Beginn eines neuen Abschnitts in meiner Karriere, ein Schritt in eine Zukunft, die ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht in ihrer vollen Dimension erahnen konnte. Die Hanseatic und die vielen Menschen, die ich auf dieser Reise getroffen hatte, würden mir jedoch immer in Erinnerung bleiben – als ein prägender Teil meiner Reise, sowohl beruflich als auch persönlich.

Insgesamt haben wir auf dieser Reise 4.968 Seemeilen zurückgelegt, wobei wir einige der stürmischsten Gewässer der Welt durchqueren, wie die Drake Passage, die Scotia Sea und den Südatlantik. Doch es gibt auch ruhige und atemberaubende Momente, etwa beim Passieren des Lemaire-Kanals und des Neumayer-Kanals – zwei der schönsten Wasserstraßen der Antarktis.

Unser Team und unsere Passagiere haben sieben Anlandungen in der Antarktis geschafft, darunter Paradise Bay, Cuverville Island, Elephant Island und vier weitere in Südgeorgien. Besonders bemerkenswert war die Anlandung auf Kap Horn und das Betreten des antarktischen Festlands bei Almirante Brown. Der selten befahrene Drygalski Fjord in Südgeorgien hat uns ebenfalls beeindruckt. Schließlich erreichen wir Tristan da Cunha, die einsamste bewohnte Insel der Welt.

Mit insgesamt 145 Passagieren und 116 Crewmitgliedern haben wir diese einmalige Kreuzfahrt erlebt. Die einzigen Dockmöglichkeiten gab es nur am Anfang und Ende der Reise in Ushuaia und Kapstadt. Es war eine Reise, die nicht nur geographische, sondern auch emotionale Grenzen überschritten hat.

 

11.03. - 19.03.1995 – SÜDAFRIKA PRIVAT

 Ich verbringe drei Tage in der Kapregion mit einer Stewardess, deren Name mir heute nicht mehr einfällt. Sie war eine Kollegin, aber sehr eigenartig, typisch für Ostdeutsche. Der Aufenthalt in Kapstadt war dennoch sehr schön, und ich bekam sofort ein Jobangebot vom Hotel Cape Sun im Hafen, um als General Manager zu arbeiten. Doch trotz des verlockenden Angebots wusste ich nur eines: Ich wollte nur noch eines – nach Hause.

Kaum war ich zu Hause angekommen, erhielt ich einen Anruf von Herrn Bernsteiner, dem Geschäftsführer von Hanseatic Cruise. Er war absolut begeistert von meinem Durchhaltevermögen und meiner Leistung während der Saison. Er bedankte sich herzlich und schlug vor, dass ich nach meinem wohlverdienten Urlaub sofort wieder einsteige, um die Hanseatic durch den Sommer in die nordischen Gewässer zu begleiten, genauer gesagt in die Arktis. Mein Performance-Rating auf den bisherigen Reisen hatte alle Erwartungen übertroffen, und die Wertschätzung war enorm. Meine Vorgängerin, Kerstin, konnte aufgrund meiner außergewöhnlichen Ergebnisse nicht mehr an Bord zurückkehren.

Trotz dieses verlockenden Angebots lehnte ich höflich ab. Es war eine Entscheidung, die für mich an diesem Punkt vollkommen richtig erschien – und ich heuerte nie wieder auf der Hanseatic an. Dass dies jedoch der Beginn meines Weges in die Welt der Kreuzfahrt war, konnte ich zu diesem Zeitpunkt schon leicht erahnen. Viele, viele Jahre meines Lebens sollten noch mit Kreuzfahrtschiffen und den unzähligen Abenteuern an Bord verbunden sein.

In den folgenden Jahren kreuzten sich immer wieder meine Wege mit der Hanseatic. Häufig traf ich die Philippinische Crew, und es war erstaunlich, wie viele Gesichter sich über die Jahre hinweg nicht verändert hatten. Sie grüßten mich stets freundlich in den Häfen der Welt, und es war, als ob der Kurs der Zeit uns immer wieder zusammenführte.

Eines der letzten Male, als ich mit der Hanseatic in Kontakt kam, war vor vielen Jahren, als ich zufällig den norwegischen Kapitän Harling von Harling in Oslo traf. Als er mich sah, sagte er lachend: „Oh Gott, der Österreicher! Kommen Sie doch mit, wir besuchen jetzt gemeinsam die Hanseatic.“ Das Schiff hatte gerade an der Pier von Oslo festgemacht. Es war ein unerwartetes, aber sehr herzliches Wiedersehen. Es sollte das letzte Mal sein, dass ich sowohl die Hanseatic als auch den bereits pensionierten Kapitän Harling von Harling sah. Ein Moment, der mir noch lange in Erinnerung blieb.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Weniger…

Weitere Abenteuer und Weltumsegelungen folgen


MS Calypso

Eine 32 tägige Reise von Nizza in die Karibik und zurück nach Nizza

01. November 1995

Oh Gott, wie schwer fiel mir diesmal der Abschied! Noch während ich die letzten Schritte in meiner Heimat tat, spürte ich die Sehnsucht nach einem anderen Leben und doch zog es mich zurück. Ich hätte lieber Schnee geschaufelt, die klare Kälte der Heimat gespürt und meinen Traum von einer eigenen Bar gelebt. Doch das Schicksal, wenn es denn eines gibt, hatte andere Pläne mit mir.

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Geschlagen fühlte ich mich, als hätten die dunklen Kräfte, wie ich sie nenne, wieder einmal triumphiert. Mein Traum von der eigenen Bar, ein Ort der Begegnung, des Lichts und der Lebensfreude war erneut zerschlagen. Man hatte mich in Leibnitz politisch total ausgespielt. Man wollte dort nicht das ein Burgenländer hier in der Steiermark erneut die Gastroszene aufmischt. Die Absage des Projekts eine Glasbar über Straße in Leibnitz zu bauen kam spontan nach der alles entscheidenden Gemeinderatssitzung. Doch es blieb mir keine Zeit, mich in Selbstmitleid zu verlieren. Eine andere Tür hatte sich geöffnet: Back to the Ship.

Von meinen Freunden und Bekannten wurde ich oft beneidet. Sie sahen nur die schillernden Facetten des Lebens an Bord: exotische Reiseziele, die Romantik der See und die Freiheit, die dieses Leben zu versprechen schien. Doch ich wusste es besser. Hinter der Fassade von Abenteuer und Glamour verbargen sich harte Arbeit, Entbehrungen und ständige Herausforderungen. Es war eine Welt voller Gegensätze, die gleichzeitig faszinierend und unbarmherzig war. Und doch zog sie mich unwiderstehlich an.

Diesmal war Magret an meiner Seite, das resolute, kleine Mädchen aus Straß. Eigentlich kannte ich sie nur flüchtig und trotzdem wollte sie spontan auf ein Kreuzfahrtschiff mitgehen.  Mit ihrer pragmatischen Art und ihrem unverkennbaren Humor war sie ein unverzichtbarer Anker in stürmischen Zeiten. Sie war nie eine Lebensgefährtin oder ähnliches aber sie wurde zum sehr guten Freund. Gemeinsam brachen wir um neun Uhr abends mit der Bahn von Leibnitz nach Venedig auf. Der Zug glitt durch die Nacht, während wir in Gedanken schon das Kommende ausmalten. Die Bahnfahrt war überraschend angenehm, fast gemütlich, und die vorbeiziehenden Landschaften boten einen beruhigenden Kontrast zu den inneren Stürmen, die in mir tobten. Von Venedig aus führte uns Air Littoral weiter nach Nizza, einer Stadt, die schon von oben wie ein Versprechen auf Sonne und Eleganz wirkte.

Ich schreibe diese Zeilen, wie immer, aus dem Bauch heraus. Es ist mein Versuch, die rohen Emotionen des Moments festzuhalten, ungefiltert und ehrlich. Vielleicht wirkt das manchmal negativ, aber es ist meine Art, das Erlebte zu verarbeiten. Die Arbeit an Bord ist selten leicht. Der Betrieb eines Schiffes gleicht einer perfekt abgestimmten Maschinerie, bei der jeder kleine Fehler große Auswirkungen haben kann. Konflikte mit Kollegen, unerwartete technische Probleme oder schwierige Gäste, jeder Tag bringt neue Herausforderungen, die gemeistert werden müssen. Und dennoch: Gerade diese Schwierigkeiten sind es, die das Leben an Bord so einzigartig machen. Sie sind die Würze in der Suppe, das Salz im Meer.

Im Nachhinein sind es oft genau diese schwierigen Momente, die in Erinnerung bleiben. Es ist die Lösung eines scheinbar unüberwindbaren Problems, die die tiefste Befriedigung bringt. Erst viel später, wenn die Wogen sich glätten und die Erlebnisse zu Geschichten reifen, kann ich wirklich erkennen, welche Bedeutung sie hatten.

Meine Lebenseinstellung hilft mir, die Dinge positiv zu sehen. Das bedeutet nicht, dass ich die Realität durch eine rosa Brille betrachte, im Gegenteil. Ich sehe die Schwierigkeiten klar, doch ich lasse mich von ihnen antreiben, nicht niederdrücken. Diese innere Kraft hat mir schon oft geholfen, mich aus den schwierigsten Lebenssituationen zu manövrieren. Auch jetzt, in Momenten der Enttäuschung, half sie mir, einen neuen Weg zu finden.

Am Anfang dieser Reise war ich niedergeschlagen. Der Traum von meiner Bar war gescheitert, und ich hatte das Gefühl, in meiner Heimat nicht die Erfüllung zu finden, die ich suchte. Aber während der Kreuzfahrt begann ich zu begreifen, wie viel Glück ich eigentlich an Bord finden konnte. Die Weite des Meeres, die Dynamik der Crew, die Herausforderungen des Tages und das Gefühl, Teil einer größeren Mission zu sein, all das gab meinem Leben eine Tiefe, die ich in Leibnitz vielleicht nie gefunden hätte.

Mit jedem Tag an Bord kehrte ein wenig mehr von meiner inneren Zuversicht zurück. Ich lernte, die Probleme des Schiffsbetriebs nicht als Hindernisse, sondern als Aufgaben zu betrachten, die gelöst werden mussten. Die Konflikte mit Kollegen wurden zu Gelegenheiten, Verbindungen zu knüpfen und Teamarbeit zu stärken. Selbst die Momente, in denen ich mich ausgelaugt fühlte, lehrten mich, wie wichtig es ist, Pausen zu machen und Kraft zu tanken.

Hier, auf der Calypso, fand ich eine Heimat inmitten der ständigen Bewegung. Es war ein Leben, das mich forderte, aber auch belohnte. Ein Leben, das mir zeigte, dass die wahren Abenteuer oft in den kleinsten Momenten und größten Herausforderungen liegen.

2. November 1995 – Nizza

Nach einer langen, anstrengenden ewig langen Bahnfahrt quer durch halb Europa hatten wir es endlich geschafft. Die Erschöpfung, die sich während der Reise angestaut hatte, schien beim Anblick des traumhaften Sonnenuntergangs, der unseren Landeanflug an der Côte d’Azur begleitete, wie weggeblasen. Der Himmel glühte in den schönsten Rot- und Goldtönen, und die sanften Wellen des Mittelmeers funkelten, als wollten sie uns mit ihrem Willkommensgruß verzaubern.

Die Luft war angenehm mild, fast schon eine Umarmung, besonders im Vergleich zur kühlen Feuchtigkeit, die wir noch vor wenigen Stunden in Österreich hinter uns gelassen hatten. Die letzten Meter vom Bahnhof zum Hotel schienen jedoch eine kleine Ewigkeit zu dauern, denn Magret und ich hatten mehr Gepäck dabei, als wir tragen konnten. Unsere Koffer wurden zu einer Art Trainingsgerät,  jeder Schritt fühlte sich wie ein kleiner Kampf an. Doch als wir endlich vor unserem Hotel standen, wussten wir: Die Mühe hatte sich gelohnt.

Das Hotel war ein Juwel, das auf den ersten Blick bescheiden, aber unverkennbar charmant wirkte. Es hatte diesen ganz besonderen altfranzösischen Stil, nicht luxuriös, aber unglaublich einladend. Die Besitzer begrüßten uns mit einer Wärme, die sofort spüren ließ, dass wir hier gut aufgehoben waren. Alles war familiär, irgendwie gemütlich und doch authentisch. Es war, als hätte man uns in ein Stück echtes Frankreich katapultiert, ein Ort an dem man sofort zur Ruhe kommen konnte.

Nizza selbst? Eine Stadt wie aus einem Film. Die alten Gebäude mit ihren pastellfarbenen Fassaden, der betörende Duft von Lavendel und frischen Croissants, der aus den kleinen Bäckereien strömte, und die von Palmen gesäumten Straßen – alles erinnerte an die goldene Ära der Côte d’Azur. Es war eine Stadt, die zum Träumen einlud, und wir konnten es kaum erwarten, sie in den nächsten Tagen zu erkunden.

Aber an diesem Abend, nach all der Reiserei, war es das Beste, einfach nur anzukommen, tief durchzuatmen und diesen Moment festzuhalten.

3. November 1995 – Nizza

Natürlich war ich schon um acht Uhr morgens unten am Hafenbecken. Der Himmel strahlte in einem fast schon unrealen Blau, und das Hafenbecken selbst war eine Augenweide – perfekt angelegt, gesäumt von einer Reihe beeindruckender Luxusjachten, die in der Sonne glänzten. Im Hintergrund erhob sich die alte, charmante Häuserkulisse von Nizza, die ihre ganz eigene Geschichte zu erzählen schien. Es war das Bild der Côte d'Azur, wie man es aus vielen Filmen kennt.

Doch meine Augen suchten schnell nach einem bestimmten Ziel, und bald entdeckte ich es: Die Calypso. Zunächst war ich etwas überrascht. Ich hatte mich auf ein modernes Schiff eingestellt, doch das, was vor mir lag, war alles andere als das. Die Calypso wirkte auf den ersten Blick wie ein wuchtiges, fast schon verbautes Ungetüm, das sich weit von den eleganten Jachten und Kreuzfahrtschiffen absetzte. Ein wahrer Koloss, der nicht nur durch seine Größe, sondern auch durch sein etwas altmodisches Design auffiel. Doch anstatt mich davon entmutigen zu lassen, machte sich ein Lächeln auf meinem Gesicht breit – vielleicht war es ja genau das, was ich brauchte.

Wie ein alter Fuchs wusste ich, dass ich nicht sofort an Bord gehen sollte. Schließlich war es erst acht Uhr, und ich war nicht hier, um gleich zu arbeiten. Nein, ich entschied mich, den Morgen in Ruhe zu genießen,  zurück ins Hotel, ein gemütliches Frühstück und ein entspannter Spaziergang durch die Stadt. Die Sonne schien, die Luft war angenehm mild, und es war der perfekte Moment, um Nizza ein wenig zu erkunden. Nach einem kleinen Lunch kehrte ich schließlich gegen zwei Uhr zurück zum Schiff, als der Wind sich hoffentlich gelegt hatte.

An der Gangway lernte ich Walter kennen, der mir als einer der ersten Ansprechpersonen vorgestellt wurde. Walter, „K“ sollte mein Kabinenkollege werden. Walter war ein sehr freundlicher, extrem sauberer Mensch, aber es stellte sich heraus, dass er in vielerlei Hinsicht ein ganz anderer Mensch war als ich, nämlich schwul! Noch vor ein paar Jahren hätte ich Schwierigkeiten gehabt, mit jemandem wie ihm zusammenzuarbeiten. Doch ich wusste, dass man sich in der heutigen Zeit anpassen musste. Also machte ich ihm gleich in den ersten Stunden klar, wie ich die Dinge sah und wir verstanden uns.

So begann meine Reise auf der Calypso, nicht ganz so, wie ich es mir vorgestellt hatte.

4. November 1995 – Auf See

Mein erster richtiger Arbeitstag begann nach den langen Vorstellungsgesprächen und der mehr oder weniger endlosen Reihe von Uniformanproben. Endlich war es soweit, der erste Tag auf See. Doch das Wetter, das uns bald nach dem Verlassen von Nizza empfing, zeigte uns direkt, was es bedeutete, auf diesem Schiff zu arbeiten. Kaum hatten wir die Küste hinter uns gelassen, begann der Sturm mit voller Wucht. Zehn Beaufort,  das war keine leichte Kost.

Ich hatte in meiner Karriere schon einige Stürme überstanden, teils wilderes Wetter erlebt, doch was mich an diesem Tag überraschte, war die totale Unvorbereitetheit der Crew. Alle wirkten ratlos. Was tun bei solch einem Sturm? Wie sichert man den Hotelbereich? Wie schützt man das Equipment? Die meisten standen einfach da und starrten in den Sturm, als wüssten sie nicht, was zu tun war.

Der Sturm tobte fast zwei Tage lang, und während draußen das Meer zu einer wilden, unberechenbaren Masse wurde, ging alles an Bord kaputt. Die Gäste brachen sich Handgelenke, zwei Crewmitglieder schlugen sich den Kopf an, als sie versuchten, sich gegen die Gewalt des Schiffsaufpralls zu stemmen. Doch das absolute Chaos entfaltete sich in der Küche.

Die Abwasserüberdruckventile gingen kaputt, und es schoss eine Fontäne von Abwasser aus den Kanalgittern. Innerhalb kürzester Zeit standen die Köche bis zu den Waden im Wasser, und das war noch nicht das Schlimmste. Viele der Küchencrew dachten, wir würden sinken, also arbeiteten sie mit Schwimmwesten, zumindest bis das Wasser in den Stromkreis gelangte. Denn plötzlich war es nicht nur das Wasser, das uns in die Quere kam, sondern auch Funkstille.

Während draußen die Wellen mit unbändiger Kraft gegen das Schiff prallten, wurden die Gäste nur mit kalten Aufschnitten versorgt, und im Restaurant war die einzige Lösung, um das Wasser aufzufangen, ein Berg von rund hundert Badetüchern, die auf den Boden ausgelegt wurden. Doch das war nicht das einzige Problem. Fast die gesamte Servicecrew war seekrank. Und das ist weniger lustig, wenn du mitten im Sturm arbeitest und niemand da ist, der dir helfen kann, weil alle mit der übelsten Form von Seekrankheit zu kämpfen haben.

Es war ein absolut chaotischer Tag, der Sturm, die Zerstörungen, die ständige Unsicherheit darüber, wie wir das alles in den Griff bekommen würden. Es fühlte sich an, als ob wir alle auf einem Schiff ohne Kurs waren, das einfach den Launen der Wellen ausgeliefert war. Doch irgendwann, und das war der einzige Trost, begann sich der Sturm zu legen. Aber der Schock, die Ratlosigkeit und die vielen gebrochenen Dinge blieben uns noch lange in Erinnerung.

5. November 1995 – Madeira

Wir kamen bei verregnetem Wetter auf Madeira an,  das typische Inselwetter, das die Felsen und das üppige Grün der Insel in eine mystische Atmosphäre hüllte. Der Regen peitschte gegen die Fenster des Schiffs, als wir langsam im Hafen einliefen, doch das änderte nichts an der Spannung, die in der Luft lag. Ich entschied mich, die Gelegenheit zu nutzen und einen kurzen Ausflug in die Stadt zu machen, um wenigstens einen ersten Eindruck von der Insel zu bekommen.

Mit schnellen Schritten verließ ich das Schiff und machte mich auf den Weg in die Innenstadt. Die engen, gewundenen Gassen, die bunten Märkte und die dichte Vegetation, die trotz des Regens in voller Pracht stand, gaben einen schönen, wenn auch leicht verregneten Eindruck von Madeira. Ich nutzte die Zeit, um ein paar Ansichtskarten zu kaufen, eine nette Erinnerung an diesen schnellen Stopp auf der Insel. Doch viel mehr blieb mir nicht übrig.

Auf dem Rückweg in den Hafen stolperte ich noch in eine kleine Kneipe. Es war ein freundlicher Ort, der von den Einheimischen frequentiert wurde. Einer der Gäste, ein älterer Mann mit einem breiten Lächeln, lud mich zu einem schnellen Bier ein. Ein angenehmes, wenn auch kurzes, Treffen. Es war eine nette Geste, aber der Moment war schnell vorüber.

Zurück auf dem Schiff, den Geschmack des Biers noch im Mund und die feuchte Kühle Madeiras in den Knochen, war ich dann auch schon wieder zurück in meiner gewohnten Umgebung. Die Reise ging weiter, und Madeira verschwand hinter uns, als der Regen unaufhörlich weiterfiel. Ein kurzer, flüchtiger Moment in einer weit entfernten Stadt, aber doch irgendwie ein Teil der Reise, die ich nie vergessen würde.

 

6. November 1995 – Auf See – Atlantiküberquerung

Der Tag begann für mich erst um 11:15 Uhr mit der Arbeit, doch während andere vielleicht noch ihre Morgenroutine erledigten, war mein Kopf schon voll mit privaten Sorgen. Es war ein hektischer Start in den Tag, weil ich mit allerlei Privatstress zu kämpfen hatte, der sich in den letzten Tagen angestaut hatte. Doch im Gegensatz zu den physischen Herausforderungen an Bord war es der innere Kampf, der mich heute am meisten beschäftigte. Gedanken, die sich wie ein Sturm in meinem Kopf aufbauten, und ich wusste, dass ich sie irgendwie bewältigen musste.

Am Abend suchte ich dann wie gewohnt die Crewbar auf. Es war der einzige Ort an Bord, wo man ein bisschen abschalten konnte,   ein Ort an dem sich die Crew versammelte, um nach einem langen Arbeitstag zu entspannen. Heute war wieder Magret dort, und wir fanden uns schnell in einem Gespräch über ihren Job im Housekeeping wieder. Sie war, wie so oft, nicht wirklich von ihrer Arbeit überzeugt. Die ganze Sache schien ihr zu wenig erfüllend, sie fühlte sich in ihrem Job nicht richtig angesprochen, nicht motiviert.

Es war schwer, die richtigen Worte zu finden, um sie zu beruhigen. Die Unsicherheit, die sie über ihren Job hegte, spiegelte sich in ihren Augen wider, und ich konnte nicht anders, als ihr zuzuhören und zu versuchen, sie zu verstehen. Ihre Frustration war deutlich, und obwohl ich ihr nichts bieten konnte, was ihre Zweifel auflöste, war es doch eine kleine Erleichterung, mit jemandem über solche Sorgen sprechen zu können. Vielleicht gab es keine einfachen Antworten, aber die Gespräche halfen, die Last ein kleines Stück zu verringern.

Es war eine weitere ruhige Nacht auf dem Schiff, der Atlantik lag vor uns, unendlich und still, und wir schoben uns langsam weiter über das weite, offene Wasser. Doch die Gedanken, die uns begleiteten, machten die Reise alles andere als ruhig.

7. November 1995 – Auf See – Atlantiküberquerung

Heute war ein Tag voller Frustration. In den letzten Tagen hatte ich schon gemerkt, dass die Qualität der Arbeit im Restaurant nicht die beste war, aber heute erreichte es einen Punkt, an dem ich wirklich die Geduld verlor. Es sind so viele unfähige Stewards an Bord, dass ich fast schon das Gefühl hatte, in einer völlig anderen Welt zu sein. Im Restaurant arbeiten viele Rumänen, Russen, Franzosen und Österreicher, aber es war vor allem die rumänische Crew, die eine Atmosphäre schuf, die stark an den Ostblock erinnerte,  ein Gefühl von Mangel an Disziplin, Unordnung und einer gewissen Unprofessionalität, das mir ganz einfach auf die Nerven ging. Ich konnte es nicht mehr ertragen, vor allem nach dem Frühstück, als mir förmlich der Kragen platzte. Der Arbeitsstil, die ungepflegten Uniformen, die wilden Frisuren es war einfach zu viel.

Kurz danach hielt ich ein kleines Meeting mit der Crew ab. Es war unumgänglich: Ich stellte sechs Kündigungen aus, mit der klaren Anweisung, dass diese Leute in Nizza absteigen sollten. Nizza deshalb, die Reiseroute führte uns von Nizza über den Atlantik in die Karibik und wieder zurück nach Nizza, gedacht war solch eine lange Reise für Menschen die nicht fliegen möchten, wir gaben ihnen die Möglichkeit mit dem Schiff in die Karibik und zurück zu kommen. Es war für mich ein schwerer Schritt, aber notwendig. Natürlich gab es auch eine Chance zur Veränderung. Jeder hatte die Möglichkeit, sich zu verbessern,  sich an die Standards zu halten, gepflegt zu arbeiten, und dann wäre alles wieder in Ordnung. Aber es war klar, dass jetzt eine Veränderung nötig war.

Magret hingegen war beim Hotelmanager. Ich hatte das Gefühl, dass sie in Erwägung zog, am 5. Dezember wieder zu gehen. Sie wirkte schon länger unzufrieden, und ich konnte sie nicht wirklich aufhalten. Ihre Gedanken waren wieder auf der Flucht, und ich konnte ihre Frustration nachvollziehen. Ich hingegen war noch nicht ganz sicher, wie es mit mir weitergehen sollte. Einerseits hatte ich bereits einen festen Vertrag mit der Italia Prima abgeschlossen, was bedeutete, dass ich nach dem Ende dieser Reise eine Woche später in Genua wieder einsteigen würde. Das wäre dann mein drittes Schiff in diesem Jahr, und es war eine sichere, wenn auch anstrengende Perspektive.

Aber andererseits, hier auf der Calypso, fühlte ich mich momentan wohl. Unter uns Offizieren herrschte ein gutes Arbeitsklima nicht wie zuvor auf der Hanseatic. Es war ein Ort, an dem ich mit Respekt behandelt wurde und in dem ich gerne arbeitete nur das Schiff selbst war eine Katastrophe.

Dann kam Larry, der F&B Manager, mit einem verlockenden Angebot auf mich zu. Er sagte, wenn ich die Italia Prima hinter mir lassen würde, könnte ich ab Nizza den Maitre-Posten übernehmen, mit voller Verfügungsgewalt, ähnlich wie auf der Hanseatic. Das klang verführerisch, zumal sie auch bereit waren, einen 40.000 Dollar teuren Managementkurs für mich zu bezahlen. Es war ein Angebot, das viele in meiner Position wahrscheinlich sofort angenommen hätten. Doch in mir zerrissen die Gedanken, ob ich wirklich so einen Arbeitsplatz aufgeben sollte. Es war eine Entscheidung, die schwer wog. Die Aussicht auf mehr Verantwortung, mehr Möglichkeiten, aber auch die Frage, ob ich nicht gerade hier auf der Calypso das gefunden hatte, was ich so lange gesucht hatte.

Es war ein Tag voller Überlegungen, Zweifel und Frustrationen und noch immer keine klare Antwort auf die Frage, welcher Weg der richtige war.

9. November 1995 – Auf See – Atlantiküberquerung

Wieder einmal ein Tag, an dem der Alltag der See seine Spuren hinterlassen hatte. Gestern Abend hatte ich wohl etwas zu tief ins Glas geschaut, was sich heute morgen deutlich bemerkbar machte. Das Aufstehen fiel mir unglaublich schwer. Der Kopf dröhnte, der Körper fühlte sich an, als hätte er die ganze Nacht in den Wellen verbracht und das war noch bevor wir überhaupt richtig in Bewegung waren. Ich konnte einfach nicht schnell genug in den Ruhemodus schalten.

Deshalb entschied ich mich, heute Nacht früh ins Bett zu gehen, um wenigstens ein bisschen Erholung zu finden. Der Gedanke an die bevorstehenden Aufgaben und den fortwährenden Druck ließ mich zwar noch nicht ganz los, aber ich wusste, dass ich heute eine Pause brauchte, um wieder klar denken zu können.

10. November 1995 – Auf See – Atlantiküberquerung

Heute wurde ich erneut zum F&B Manager gerufen. Es schien, als ob er nicht aufgeben wollte, mich davon zu überzeugen, an Bord zu bleiben. Er war hartnäckig, und dieses Mal hatte er ein Angebot, das er mir unterbreiten wollte. Im April würde eine neue Gelegenheit auf mich warten: Ein Umstieg auf die von der Company frisch erworbene Krypsholm, ein 850-Pax-Dampfer, der komplett auf Nostalgie der 30er Jahre ausgerichtet sein sollte.

Die Vorstellung eines solchen Schiffes, das mit all den eleganten, altmodischen Details und der glamourösen Atmosphäre vergangener Zeiten ausgestattet werden sollte, klang verlockend. Es war der Traum eines jeden, der sich für den Charme der klassischen Dampfschifffahrt begeisterte. Als Maitre könnte ich dort beginnen, eine neue Herausforderung, ein neues Abenteuer.

Der Gedanke, so ein Schiff zu leiten, mit all der Geschichte, die in den Wänden steckte, und der exklusiven Klientel, die sich an Bord befände, hatte seinen Reiz. Doch je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr wuchs die Unsicherheit in mir. Sollte ich das alles aufgeben und mich wieder in eine neue Position stürzen? Die Calypso hatte mir ein gutes Arbeitsklima geboten, eine Balance zwischen Routine und Herausforderungen, die mir gut tat. Aber die Krypsholm… Das war eine andere Welt, ein anderer Zauber.

Das Angebot war verlockend, keine Frage, aber es brachte auch eine neue Welle von Zweifeln mit sich. Sollte ich diese Chance ergreifen, oder war ich vielleicht einfach auf dem richtigen Kurs hier auf der Calypso? Es war ein weiterer Moment des Überlegens, ein weiteres Angebot, das meine Entscheidung in eine neue Richtung lenken konnte. Doch wie immer auf See: der Wind kam oft plötzlich und unerwartet, und so wusste ich, dass ich im Moment keine endgültige Antwort geben konnte.

11. November 1995 – Auf See – Atlantiküberquerung

Heute war der Faschingsbeginn, doch der Tag begann alles andere als festlich. In einer der unübersichtlichen Crewareas, die nie gut beleuchtet und immer ein wenig chaotisch sind, schlug ich mir den Kopf an einem Türrahmen „ein“. Der Rahmen war leicht beschädigt und hing zu tief, und ehe ich es realisierte, stieß ich meinen Kopf mit voller Wucht dagegen. Ein stechender Schmerz durchzog meinen Kopf, und ich taumelte einen Moment, bevor mir schwarz vor Augen wurde. Blut strömte mir über das Gesicht. Ein ungeschickter Moment, der mir die gute Laune verdarb. Meine weiße Uniform war auf einen Schlag blutrot gefärbt, ich hatte einen ca 10 cm langen Schnitt auf dem Kopf erlitten mit einem kleinen Loch.

Glücklicherweise brachte mich jemand schnell zum Doktor an Bord. Der wollte mir sofort die Wunde nähen, doch ich lehnte ab. Es war nichts so Schlimmes, dass es sofort behandelt werden musste, und ich wusste, dass es besser war, die Wunde in Ruhe heilen zu lassen. Der Doc war nicht begeistert, aber ich bestand darauf, und einige Tage später war die Wunde tatsächlich gut verheilt. Es war ein kleiner Unfall, der mich für einen Moment aus der Bahn warf, aber nichts, worüber man sich lange den Kopf zerbrechen musste.

12. November 1995 – Auf See – Atlantiküberquerung

Der Atlantik war heute erstaunlich ruhig, beinahe spiegelglatt. Es war ein seltener Moment der Stille auf diesem gewaltigen Ozean, den ich in den letzten Wochen und Monaten so oft erlebt hatte. Kein Schaukeln, keine Wellen, die gegen das Schiff peitschten – nur eine unheimliche Ruhe, die fast surreal wirkte. Ich konnte jede Menge an fliegenden Fischen von Deck aus beobachten. Es war ein angenehmer Anblick, doch gleichzeitig erinnerte es mich an die vielen wilden Stürme, die ich nun schon überstanden hatte.

13. November 1995 – Auf See – Atlantiküberquerung

Der Atlantik zeigte sich auch heute von seiner ruhigen Seite, was mich umso mehr nachdenklich machte. Im Vergleich zu den wilden Tagen auf der Hanseatic, wo wir immer wieder gegen schwere Stürme kämpften, war der heutige Tag ein völliges Kontrastprogramm. Auf der Hanseatic war der Atlantik ein ständiger Kampf – die Wellen schüttelten das Schiff, der Wind pfiff über die Reling, und es gab keine Ruhe. Doch der Unterschied zwischen den beiden Erlebnissen lag nicht nur im Wetter.

Die Hanseatic war zweifellos das modernste Expeditionsschiff der Welt, ausgestattet mit der neuesten Technik und einer Crew, die zu den besten der Welt gehörte. Dennoch herrschte dort kein wirklicher Zusammenhalt. Trotzdem wusste die Crew immer, was zu tun war, jeder Handgriff saß, und die Professionalität war unübertroffen. Hier auf der Calypso arbeiten fast nur Chaoten, die aber meist nett sind.

Der Unterschied zwischen der Calypso und der Hanseatic war wie Tag und Nacht. Die Hanseatic war ein Meisterwerk der modernen Schifffahrt, während die Calypso ein altes, oft überstrapaziertes Schiff war, das schon bessere Tage gesehen hatte. Es gab keine Eleganz, keine Raffinesse, die das Schiff zu bieten hatte, nur die harte Realität eines abgenutzten Dampfers. Doch trotz allem hatte die Calypso etwas, das die Hanseatic nicht hatte: eine Crew, die auf ihre eigene Weise umgänglich und freundlich war. Sie war nicht perfekt und vieles lief nicht so, wie es sollte, aber die Menschen an Bord hatten ein großes Herz, und das machte vieles erträglicher.

So kam ich also vom besten Schiff der Welt auf das älteste und in vielerlei Hinsicht, schlimmste Schiff der Welt. Der Kontrast war schmerzhaft, doch die Crew hier auf der Calypso gab mir etwas, das ich auf der Hanseatic vermisste, die Menschlichkeit. Doch das konnte die Mängel des Schiffes nicht kaschieren.

14. November 1995 – Antigua

Mit Verspätung erreichen wir Antigua am frühen Nachmittag, gegen eins. Wir liegen mitten in der Stadt an. Stadt ist vielleicht etwas übertrieben, es ist eher ein kleines, verträumtes Nest, das überall mit T-Shirts und touristischen Plakaten überflutet ist. Kurz zuvor hatte einer der stärksten Hurrikane in der Geschichte der Insel gewütet. 30 Stunden lang fegte der Sturm mit bis zu 190 km/h über die Insel und hinterließ eine Spur der Verwüstung. Der Schaden war überall zu sehen: Gebäude, Straßen, und sogar die Strände waren völlig entblößt, der Sand war fast gänzlich verschwunden, ein erschreckender, fast surrealer Anblick.

Doch nicht weit vom Schiff fand ich einen kleinen Beach, der zum Baden einlud. Es war ein seltsames Gefühl, nach so vielen Seetagen endlich wieder im Meer schwimmen zu können. Die Wärme des Wassers, die salzige Brise und der weite Horizont, es war eine willkommene Abwechslung, die den Stress der langen Tage auf See milderte. Für mich sind Seetage nie ein Problem; sie bieten mir die Gelegenheit, mich besser auf die Arbeit zu konzentrieren, ohne die Ablenkungen von Landgängen.

Außerdem, hier oben auf dem Sonnendeck, war es heute wirklich schön. Der Platz war ruhig, fast friedlich, man musste nur aufpassen, dass einem die Sonne nicht die Haut abzieht. Die Aussicht war atemberaubend, und ich genoss den Moment, auch wenn ich wusste, dass der hektische Alltag an Bord immer wieder schnell auf mich zukommen würde. Aber für den Moment konnte ich einfach den Wind auf der Haut spüren und die Stille der See genießen.

 

16. November 1995 – Dominica

In einer kleinen, unberührten Bucht gehen wir vor Anker  und das bereits vor 22 Uhr. Eine überraschende Overnight, die uns mehr Zeit lässt, den Moment zu genießen. Um uns herum nur der dichte Urwald, das sanfte Rauschen der Blätter und die Geräusche der Nacht, die die Stille durchbrechen. Es war eine der wenigen Nächte, in denen der Ozean so friedlich war, dass man beinahe die Weite der Natur spüren konnte.

Gegen Mitternacht mache ich mich mit einigen Jungs auf den Weg. Wir fahren in einem Bananenlaster in die etwa sechs Kilometer entfernte Stadt. Doch als wir dort ankommen, treffen wir auf nichts anderes als eine gespenstische Stille. Die Straßen sind leer, es ist stockdunkel, die Infrastruktur wurde durch den Hurrikan fast völlig lahmgelegt. Keine Lichter, keine Menschen, keine Bewegung. Der Ort war wie eingefroren in der Zeit.

Doch auf der Rückfahrt, fast schon enttäuscht von der Ödnis, entdecke ich ein kleines Lebensmittelgeschäft mit Licht. Ein glücklicher Zufall! Wir klopfen an die Tür, fragen nach Musik und schon ging es los. Reggae dröhnte aus dem Kofferradio, und wir fanden uns schnell in einer improvisierten Party wieder. Wir aßen Snacks aus den Regalen und stießen mit Bier und Jamaicarum an, das aus der Kühle des kleinen Kühlschranks stammte.

Schnell war die kleine Bude überfüllt, ich schätze, mindestens 40 Crewmitglieder hatten sich eingefunden. Wir tanzten, lachten, und ließen uns von der Musik treiben, bis plötzlich ein Kurzschluss die gesamte Stadt in Dunkelheit hüllte. Das war unser Signal, um aufzubrechen und zurück zum Schiff zu fahren. Doch als wir an der Pier anlegten, erwartete uns eine Überraschung: Auch hier wurde gefeiert! Es war ein fröhliches Durcheinander, und bis in die frühen Morgenstunden wurden Punches gekippt, Lachen und Gespräche über die Wellen des Ozeans getragen.

Der Feierabend war kurz, und nach etwa 40 Minuten Schlaf musste ich wieder an die Arbeit. Das war für mich kein Problem, ich war es gewohnt, kurze Nächte zu haben. Doch nicht alle aus meiner Crew hatten so viel Glück. Viele kamen viel zu spät und waren noch deutlich vom Abend beeinflusst. Solche Ausflüge hatten immer ihre Konsequenzen an Bord, und das war noch nie ohne Folgen geblieben. Aber das gehörte eben dazu, das Leben auf See war nie langweilig.

Generell gibt es hier, wie auch auf der Hanseatic, das sogenannte „Written Warning System“. Es unterliegt den strengen Vorgaben des Flaggenstaates, den Bahamas, und ist in seiner Disziplin unerbittlich. Das System ist klar und einfach: Wer dreimal wegen einer unvernünftigen Rasur oder eines ungebügelten Hemds zur Arbeit erscheint, bekommt eine „Written Warning“. Gleiches gilt für alle, die zu spät kommen oder bei der Arbeit nicht die erwartete Leistung bringen. Die Regeln sind rigoros, aber es geht darum, einen hohen Standard aufrechtzuerhalten.

Wer insgesamt drei dieser Verwarnungen angesammelt hat, wird ohne Umschweife im nächsten Hafen aus dem Dienst genommen und nach Hause geschickt. Keine Diskussion, keine Ausnahmen. Das war der Preis für Nachlässigkeit oder unprofessionelles Verhalten, und jeder wusste, dass es ernst gemeint war. Die Konsequenzen waren drastisch, aber das hielt die meisten auf der Spur.

Das System ging noch weiter: Wer länger als drei Tage krank war, musste ebenfalls nach Hause fliegen. In all den Jahren, die ich auf See verbracht habe, habe ich fast nie jemanden gesehen, der tatsächlich krank ausfiel, der Druck gesund zu bleiben war enorm. Jeder wusste, dass jede Krankheit, die länger als ein paar Tage andauerte, das sofortige Ende an Bord bedeuten würde. Wer sich krank meldete, musste fast schon eine Entschuldigung abliefern, die so überzeugend war, dass sie den strengen Blicken der Vorgesetzten standhielt. Es war ein System, das Disziplin und Eigenverantwortung förderte, aber auch Härte zeigte, wenn jemand die Regeln missachtete.

17. November 1995 – Martinique

Martinique, ohne Zweifel ein der schönsten Karibikinseln, zieht mich erneut in ihren Bann. Es ist nun das dritte Mal, dass ich hier in den kleinen Antillen bin, doch diese Insel fasziniert mich immer wieder aufs Neue. Es gibt hier einen ganz besonderen Lebensstil, der sich in allem widerspiegelt, von den eleganten Shops über die freundlichen Menschen. Doch billig ist hier nichts, das weiß man schnell.

Bei Lafayette, einem bekannten Luxusgeschäft, entdeckte ich eine wunderschöne Badehose, die ich mir gerne gegönnt hätte. Doch die passende Short dazu für stolze 200 Mark war dann doch etwas zu viel des Guten. Es war ein Moment des Zögerns, aber der Stolz hielt mich zurück, zumindest vorerst.

Dann, kurz vor Ladenschluss, stieß ich auf einen kleinen Laden, der unglaubliche Schnäppchen anbot. Der Laden war fast leer, nur noch wenige Stunden bis zur Schließung, doch ich wurde fündig und kaufte mir ein Paar Segelschuhe der Marke Paul Shak für 350 Schilling. Ein echtes Schnäppchen, das mich mehr als zufrieden stellte.

Der Tag auf Martinique war insgesamt ein wunderschöner, der Mix aus Entspannung, gutem Shopping und dem besonderen Flair der Insel machte es zu einem Erlebnis.

18. November 1995 – St. Lucia

Wir erreichten St. Lucia spät in der Nacht, um 22 Uhr, und wie üblich stand uns noch eine Übernachtung bevor. Doch diesmal hatte der Abend ein ganz besonderes Highlight zu bieten: Ein Fest der Rastamänner, etwa 20 Kilometer vom Schiff entfernt. Natürlich ließen wir uns diese Gelegenheit nicht entgehen und machten uns auf den Weg.

Die Stimmung war unglaublich. Riesige Lautsprecherboxen, die fast 5 Meter hoch waren, dröhnten die Reggae-Melodien in einer Lautstärke, die den Boden vibrieren ließ. Die Musik ließ meine Gedanken verschwimmen, während wir uns in den Rhythmus fallen ließen und bis in die frühen Morgenstunden tanzten. Es war ein echtes Fest, das uns alle in den Bann zog.

Doch auf der Heimfahrt kam dann das Chaos. Unsere kleine Renate, vom Schiff, die blonde Oberösterreicherin aus dem Houskeeping, war plötzlich nicht mehr bei sich. Es stellte sich heraus, dass sie wohl einen Joint zu viel abbekommen hatte. Ihre Augen waren völlig verdreht, ihr Puls nicht mehr spürbar. Panik machte sich breit, und ich wusste, dass ich schnell handeln musste. Ich riss ihr den Hosengürtel auf, ich gab ihr eine kräftige Ohrfeigen, doch sie reagierte nicht. Die Minuten vergingen wie Stunden, doch schließlich kam der rettende Moment: Kaltes Wasser aus einem kleinen Bach am Straßenrand. Langsam, sehr langsam, kehrte sie wieder zu sich.

Was für ein Albtraum! Nachdem sie wieder ansprechbar war, schleppte wir sie ins Schiff und stellten sie unter die Dusche, um sie mit kaltem und warmem Wasser wieder zu stabilisieren. Es war eine halbe Stunde lang ein aufreibendes Prozedere, aber gegen sechs Uhr war sie wieder fit und „on duty“. Ich erzählte allen, dass sie nur einen Kreislaufzusammenbruch hatte, damit sie nicht gefeuert wurde. In Wahrheit sofort das Schiff verlassen müssen, wenn der Hotelmanager die Wahrheit erfahren hätten. Aber das blieb unser Geheimnis, und Renate konnte weiterhin arbeiten. Ein verrücktes Erlebnis, das mir noch lange im Gedächtnis bleiben sollte.

20. November 1995 – Tobago / Scarborough

Tobago, die Insel, die als Paradies unter den Karibikzielen gepriesen wird, hatte ich bis zu diesem Tag nie betreten. Doch statt die angebliche Schönheit der Natur, die traumhaften Strände oder die exotischen Wälder zu erleben, blieb ich an diesem Tag in der kleinen Stadt Scarborough hängen. Und ehrlich gesagt, es war ein trauriges Bild, das sich mir bot. Die Stadt wirkte trostlos, ein Ort, der in keiner Weise die Versprechungen erfüllte, die man über diese Insel hört.

Inmitten dieser grauen Realität überraschte mich jedoch eine Begegnung. Renate, die junge Oberösterreicherin, die bei uns an Bord als mittlerweile als Bedienung arbeitet, hatte hier offenbar mehr Verbindungen, als ich ahnte. Sie erzählte mir beiläufig, dass sie drei Monate auf Tobago gelebt hatte. Noch überraschender: Sie hatte einen einheimischen Freund, der sie in Scarborough abholte.

Ich konnte meinen Augen kaum trauen, als ich die beiden zusammen sah. Renate, zierlich, zurückhaltend und immer ein wenig schüchtern, hatte sich eine Beziehung aufgebaut, die ich ihr nie zugetraut hätte. Ihre Ausstrahlung war plötzlich ganz anders, selbstbewusst, fast wie eine andere Person. Es war, als ob die Zeit auf Tobago sie verändert hätte, ein Kontrast zu dem Bild, das ich von ihr an Bord hatte.

Das ließ mich nachdenklich zurück. Wie oft täuscht man sich in Menschen, die man nur aus einem bestimmten Umfeld kennt? Am Abend kam Renate einfach nicht mehr an Bord zurück, sie blieb anscheinen einfach hier und hatte das Schiff nur als gratis Übersetzung in die Karibik benützt.   Doch auch sie war ein leises Mahnmal dafür, dass man die Tiefe von Menschen oft erst erkennt, wenn sie aus ihrer gewohnten Rolle ausbrechen. Scarborough selbst jedoch blieb für mich ein Ort, der schnell wieder verblassen würde, ein grauer Fleck auf einer ansonsten farbenfrohen Reise durch die Karibik.

21. November 1995 – Barbados/Portsmouth

Barbados begrüßte uns mit einem Bilderbuchwetter, das die Karibik aus jedem Prospekt und Reisekatalog zum Leben erweckt: ein türkisblaues Hafenbecken, das glitzernde Licht der Sonne auf den sanften Wellen und eine Kulisse, die fast surreal wirkte. Hinter uns lag die 

Horizon, ein wahrhaft majestätisches Traumschiff mit 2000 Passagieren an Bord, ein Inbegriff von Luxus und Eleganz. Daneben ragte die MED, der französische Supersegler, in die Höhe – eine technische Meisterleistung mit elektronisch steuerbaren Segeln, die mehr nach Science-Fiction aussah als nach einem traditionellen Segelschiff.

Und als ob das Schauspiel noch nicht genug wäre, gesellte sich schließlich auch die Windward zu uns. Die Norweger kreuzten ebenfalls mit über 2000 Gästen durch die Karibik, ein wahrhaft geschäftiges Treiben im Hafen von Portsmouth.

Was mich jedoch an diesem Tag wirklich überraschte, war nicht die maritime Konkurrenz, sondern ein ganz anderer Schatz: einer der besten Duty-Free-Shops der Welt. Für einen Kenner wie mich, der in so vielen Häfen der Welt unterwegs war, war das tatsächlich unerwartet. Es dauerte nicht lange, bis etwas meine Aufmerksamkeit fesselte: eine Breitling, das neueste Modell in Blau mit einem edlen Stahlband.

Es war Liebe auf den ersten Blick, doch die Umsetzung ließ zu wünschen übrig. Vormittags bestellte ich das Schmuckstück, nur um gleich dreimal die falsche Uhr zu erhalten. Meine Geduld wurde auf die Probe gestellt, aber am Ende hielt ich sie schließlich in den Händen – und das zu einem Traumpreis. Ein kleines Erfolgserlebnis, das den Tag noch ein Stück heller machte.

Am Abend, wie so oft nach einem langen Arbeitstag, saßen wir zusammen: Harry, Karin, Walter und ich. Es war unsere kleine Runde, die Gespräche drehten sich um die Arbeit, das Leben und natürlich meine Zukunft. Alle redeten auf mich ein, ich solle bleiben. Bleiben würde bedeuten, dass ich einen sicheren Weg vor mir hätte. Ein entspannter Alltag, vielleicht mit einer Route nach Asien, wo ich durch traumhafte Gewässer kreuzen könnte. Doch die Aussicht, Restaurant-Manager zu werden, war mit meiner Kündigung vom Tisch. Diese Position hatte Walter, unser Kollege, bereits vom Land aus zugesagt bekommen.

Dass Walter nicht die beste Wahl für diesen Posten war, schien jedem außer ihm selbst klar zu sein. Die russischen Hühnen, unsere Crew, brachten ihn schon jetzt an seine Grenzen. Bei mir hingegen funktionierte die Kommunikation mit ihnen besser, sie respektierten mich, folgten meinen Anweisungen, und genau das hatte dem Management gefallen. Ich konnte mich einfach viel besser und absolut stressfrei durchsetzen im Gegensatz zu Walter der ja schwul war und dadurch ein komplett anderes Auftreten hatte.

Trotzdem: Der Gedanke, im April auf die Krypsholm zu wechseln, war reizvoll. Ebenso wie die verlockende Idee, mit der Italia Prima auf Weltreise zu gehen. Ein Abenteuer dieser Art fehlte noch in meinem Leben, doch es bedeutete auch einen Sprung ins kalte Wasser. Keine Trinkgelder bei den Italienern, was für mich eine bedeutende finanzielle Einbuße darstellte.

Ich war zerrissen, von Gedanken hin- und hergerissen. Hier auf der Calypso fühlte ich mich wohl, aber die Aussicht auf eine Weltreise mit all ihren Herausforderungen und Erfahrungen lockte mich unwiderstehlich. Wie oft hat man schon die Chance, Geschichte mitzuschreiben, selbst wenn sie mit Hürden gepflastert ist? Es war ein Abend voller Überlegungen und Zweifel, ein Abend, der zeigte, wie schwer es sein kann, den richtigen Weg zu wählen, wenn das Herz und der Verstand in entgegengesetzte Richtungen ziehen.

22.–26. November 1995 – Atlantiküberquerung

22. November 1995 – Erster Seetag

Die Rückreise nach Nizza hatte begonnen, und mit ihr der unvermeidliche Rhythmus der Seetage. Doch an diesem ersten Tag fühlte ich mich wie erschlagen. Hundemüde und mit hämmernden Kopfschmerzen schleppte ich mich durch die Aufgaben. Dennoch fiel mir eine Veränderung auf: Die Crew, die ich insgeheim „Katastrophencrew“ getauft hatte, schien plötzlich besser auf Zack zu sein. Vielleicht lag es daran, dass die Rückreise weniger Druck mit sich brachte, oder daran, dass die vielen Konflikte langsam abklangen. Und wohlgemerkt die Gäste an Bord waren immer noch die Selben. Meist Menschen die einfach Flugangst hatten aber trotzdem mal die Karibik sehen wollten, wir ermöglichten ihnen das durch die Reise mit der Calypso.

23. November 1995 – Richtung Afrika

Ein weiterer Seetag, einer wie aus dem Handbuch. Routine bestimmte das Geschehen, doch meine Müdigkeit machte sich jeden Tag stärker bemerkbar. Die vergangenen Wochen voller Überstunden und langer Nächte forderten ihren Tribut. Trotz der Normalität dieses Tages fand ich endlich Klarheit in meinem Inneren. Es war, als hätte sich ein Schalter umgelegt: Ich spürte ein entschiedenes „Ja“ zur Italia Prima. Die Aussicht, auf diesem Schiff Geschichte zu erleben, schien plötzlich greifbarer, auch wenn sie von Herausforderungen und Entbehrungen begleitet wäre.

24. November 1995 – Endlich Schlaf

Heute war ein Tag des kleinen Luxus: Ich konnte endlich richtig ausschlafen. Der einfache Akt des Ausschlafens fühlte sich an wie ein Geschenk, fast wie ein Urlaub im Urlaub. Es war das erste Mal seit Langem, dass ich mich wieder wie ein Mensch fühlte, bereit, die nächsten Tage anzugehen.

25. November 1995 – Stille und Routine

Ein Tag, der ohne besondere Vorkommnisse verging, selten, aber angenehm. Inmitten des Atlantiks gab es nichts als den endlosen Horizont, der sich in jede Richtung erstreckte.

26. November 1995 – Konflikte und Einblicke

Der Tag begann mit einem Eklat. Beim Frühstück brach ein Kampf zwischen zwei Crewmitgliedern aus, Iskren und Borislav, beide aus Osteuropa. Es ging, absurd genug, um Besteck. Das Verhältnis der osteuropäischen Crew untereinander war mehr als angespannt, ein offener Konflikt, der ständig zu eskalieren drohte. Noch vor wenigen Wochen waren sie als die „Mafia an Bord“ verschrien, eine eingeschworene Gemeinschaft, die kaum aufzubrechen schien. Und nun? Es war, als hätten unsere Bemühungen, sie strategisch zu trennen, Früchte getragen. Die Einheit war zerschlagen, doch der Preis dafür war ständige Reibung.

Auch mein Verhältnis zu Harry, meinem Kollegen, blieb kompliziert. Harry war gut in dem, was er tat, zumindest auf den ersten Blick. Doch während ich den ganzen Tag präsent war und versuchte, die Crew zusammenzuhalten, verschwand er stundenlang. Er tauchte erst zum täglichen Menumeeting auf, bei dem er sich wie ein Star inszenierte. Seine Auftritte waren beeindruckend, keine Frage, aber ich fragte mich oft, ob das allein reichte, um als Führungskraft wahrgenommen zu werden.

Am Abend stand eine Karibikparty für die Crew auf dem Programm. Obwohl die Stimmung ausgelassen war, verließ ich das Fest früh, gegen 2 Uhr. Die Kopfschmerzen der letzten Tage hatten mich vorsichtig gemacht, und ich zog es vor, mich zurückzuziehen.

Doch während ich über die Feier nachdachte, wurde mir ein Unterschied zum Vorgänger Schiff,  der Hanseatic bewusst. Hier auf der Calypso fehlte etwas: der Abenteuergeist. Auf der Hanseatic hatte ich das Gefühl, ein Teil einer Expedition zu sein, ein Entdecker auf den Weltmeeren. Hier hingegen war es, als wäre ich in einem abgeschotteten Mikrokosmos gefangen.

Die russischen Nautiker, die das Schiff steuerten, verstärkten dieses Gefühl. Sie blieben distanziert, fast geheimnisvoll, und vermittelten keinen offenen Zugang zu den Kernbereichen des Schiffes wie der Brücke oder dem Maschinenraum. Informationsdurchsagen? Fehlanzeige. Bullaugen in der Crewarea waren ebenfalls nicht vorhanden. Es war, als wären wir in einem U-Boot unterwegs, abgeschottet von der Außenwelt. Dieses Gefühl der Isolation ließ mich darüber nachdenken, was ich eigentlich suchte: Abenteuer oder Sicherheit? Freiheit oder Struktur?

Die Atlantiküberquerung war nicht nur eine Reise zurück nach Europa, sondern auch eine Reise zu meinen eigenen Prioritäten.

27.–28. November 1995 – Atlantiküberquerung

27. November 1995 – Vorfreude auf La Palma

Die Gedanken an La Palma ließen mich heute nicht los. In wenigen Tagen würden wir die kanarische Insel erreichen, die für mich mit einer besonderen Erinnerung verknüpft war. Vor einem Jahr hatte ich hier eine Woche voller verrückter Erlebnisse mit Norbert verbracht. Das Finale dieser wilden Tage war so chaotisch, dass wir unseren Rückflug verpassten – ein Fauxpas, über den ich heute schmunzeln konnte.

Doch zurück zur Gegenwart. Viele Crewmitglieder hatten sich von der gestrigen Karibikparty noch nicht erholt. Die Müdigkeit stand ihnen ins Gesicht geschrieben, einige erschienen sogar zu spät zu ihrer Schicht. Es war einer dieser Tage, an denen man spürte, wie die langen Wochen auf See ihren Tribut forderten.

28. November 1995 – La Palma: Ankunft und Verlockung

Heute Abend erreichten wir La Palma, bereits gegen 19 Uhr. Die Nacht versprach Spannung, denn wir würden Overnight im Hafen bleiben. Die Möglichkeit, die Insel nach langer Zeit

Mit der Ankunft auf La Palma schien nicht nur die Insel, sondern auch der Abend voller Möglichkeiten zu liegen.

29. November 1995 – La Palma

Unsere Atlantiküberquerung war schneller als geplant, was uns einen zusätzlichen Abend auf La Palma bescherte. Nach dem Dinnerservice ergab sich endlich die Gelegenheit, an Land zu gehen. Es war eine willkommene Abwechslung, nachts zog ich mit Freunden durch viele lockere Bars, es war nur schön.

30. November 1995 – Casablanca: Ein Abschied mit Flair

Die Nacht war kurz, nur 40 Minuten Schlaf gönnte ich mir, bevor die Arbeit wieder rief.

Die Crew war ein Bild des Chaos. In der Küche erschien einzig der Chef, während alle anderen verschlafen hatten,   ein absolutes Novum. Auch im Restaurant waren die Anwesenden kaum einsatzfähig. Einige schickte ich sofort zurück in die Kabinen; sie waren so erschöpft, dass ich sie unmöglich zu den Gästen schicken konnte.

Casablanca hatte einen ganz eigenen Rhythmus, und mitten im geschäftigen Zentrum lag der fliegende Markt. Dieser Ort war eine Explosion von Farben, Düften und Stimmen, ein intensiver Schmelztiegel des Lebens in Nordafrika.

Ich durchstöberten die Stände, lachten und feilschten. Doch der Höhepunkt war, als ich über eine Sammlung von Diesel-Lederjacken stolperte. Sie sahen unverschämt gut aus, und bei einem Preis von nur 900 ÖS konnte ich nicht widerstehen. Drei Stück nahm ich, zufrieden mit meinem Fang.

Meine Erkundung endete in Humphrey Bogart's Bar, einer Institution, die trotz ihres touristischen Flairs eine gewisse Magie ausstrahlte. Es fühlte sich an wie eine Zeitreise, der Hauch vergangener Filmlegenden schien greifbar. Auch wenn es vielleicht nicht viel mehr als ein Hard Rock Café mit Casablanca-Thema war, war es dennoch beeindruckend.

Am Abend wurde ich offiziell verabschiedet. Der F&B-Manager richtete vor der gesamten Crew warme Worte an mich. Er bedankte sich für meine zwar kurze, aber intensive und erfolgreiche Mitarbeit. Er versicherte mir, dass ich jederzeit zurückkehren könne – TransOcean und die Calypso würden mich immer mit offenen Armen empfangen.

Obwohl ich nur einen Monat an Bord war, fühlte es sich an, als hätte ich eine viel längere Zeit hier verbracht. Die Crew, die Abläufe und das Leben auf diesem Schiff waren mir vertraut geworden, fast wie eine zweite Heimat. Doch tief in mir wusste ich, dass mein Weg hier endete.

Mein Abenteuerlust trieb mich weiter. Der Ruf der Italiener und ihrer neuen Italia Prima war zu verlockend, um ihn zu ignorieren. Mit einem Hauch von Wehmut, aber voller Vorfreude auf das nächste Kapitel, verabschiedete ich mich von der Calypso. Ein Abschnitt ging zu Ende, und ein neuer, aufregender begann.

1. Dezember 1995 – Ein dramatischer Abschied in der Abenddämmerung

Der Tag begann ruhig, doch dann kam die Nachricht, die uns alle aufschreckte: Karin, unsere zweite Headwaiterin, musste wegen eines Verdachts auf Blinddarmdurchbruch sofort ärztlich behandelt werden. Der Schmerz war ihr ins Gesicht geschrieben, und es war klar, dass jede Minute zählte. Glücklicherweise befanden wir uns in unmittelbarer Nähe von Mallorca, sodass wir umgehend die Küstenwache funken konnten, um Hilfe zu organisieren.

Das erste Schiff der Küstenwache war schnell zur Stelle, doch das war nur der Anfang eines wahren Dramas. Es gelang weder uns noch der Mannschaft des Rettungsschiffs, die beiden Schiffe stabil nebeneinander zu halten. Die Wellen taten ihr Übriges, und jede Annäherung wurde zu einem gefährlichen Balanceakt. Karin, inzwischen vor Schmerzen gezeichnet, wartete an der Gangway – eine Stunde voller Qualen. Die Verzweiflung in ihren Augen war nicht zu übersehen, und wir konnten nichts tun, außer hoffen, dass bald eine Lösung gefunden würde.

Schließlich gab die Besatzung der Küstenwache auf und drehte ab. Stattdessen wurde ein Helikopter angefordert, und innerhalb kurzer Zeit erschien er am Himmel. Das riesige Gerät, wie aus einem Actionfilm, schwebte über uns, doch auch hier war nichts einfach. Es dauerte fast eine weitere Stunde, bis die Rettungsmannschaft es schaffte, Karin sicher mit der Seilwinde nach oben zu ziehen.

Der Moment, als der Helikopter schließlich abhob, war surreal. Die untergehende Sonne tauchte das Meer und den Himmel in ein warmes Orange, und das gewaltige Gerät verschwand langsam am Horizont. Karin, von Schmerzen gequält, war nun auf dem Weg in ein Krankenhaus, eine Szene, die an einen dramatischen Vietnamfilm erinnerte.

Die Stimmung an Bord war gedrückt. Wir alle fühlten uns machtlos angesichts der Ereignisse. Karins tapfere Haltung und die Schwierigkeiten der Rettung hinterließen einen bleibenden Eindruck. Es war ein Tag, der uns allen zeigte, wie fragil das Leben auf See sein kann und wie wichtig es ist, in den entscheidenden Momenten zusammenzuhalten.

2. Dezember 1995 – Auf See: Zwischen Realität und Traumwelt

Das Leben ist keine Traumschiffserie. Es ist echt, mit all seinen Höhen und Tiefen, und genau das macht es so besonders. Was wäre die Welt schließlich ohne Illusionen, ohne Träume, ohne diese kleinen Momente, in denen die Realität für einen Augenblick in den Hintergrund tritt?

3. Dezember 1995 – Auf See: Abschied mit einem schweren Herzen

Der letzte Tag auf See, mein letzter Arbeitstag auf der Calypso. Die Melancholie kroch mir langsam unter die Haut, obwohl ich gleichzeitig eine seltsame Leichtigkeit spürte. Es war, als würde ein Kapitel meines Lebens zu Ende gehen, eines, das ich niemals vergessen würde.

Die Crew war mir ans Herz gewachsen. Egal ob Russe, Bulgare, Franzose oder Filipino, wir waren eine Einheit geworden, ein Team, das sich gemeinsam aus dem Chaos herausgekämpft hatte. Besonders die jüngeren Crewmitglieder, vor allem die Mädchen, sahen in mir eine Art großen Bruder. Ich hatte stets ein offenes Ohr, war der ruhige Pol in stürmischen Zeiten. Dieses Vertrauen, das sie mir entgegenbrachten, ließ mich wohlfühlen, doch meine innere Stimme flüsterte immer lauter: „Geh, es ist Zeit.“

Um Mitternacht, in der kalten, klaren Nacht, saßen Heike und ich auf dem Crewdeck. Der Wind schnitt uns ins Gesicht, aber wir ignorierten die Kälte. Eine Flasche Soave stand zwischen uns. Wir sprachen nicht viel, ließen die letzten Tage noch einmal vor unserem inneren Auge vorbeiziehen. Schließlich stießen wir ein letztes Mal an und leerten die Gläser. Um 24 Uhr war es soweit, mit einem gemeinsamen Schwung warfen wir die Flasche und die Gläser ins Meer, ein symbolischer Abschied von einer Reise, die ich niemals vergessen würde.

4. Dezember 1995 – Nizza: Der Abschied und ein Ehrenzeichen

Die Calypso legte in Nizza an, und mit ihr endete eine Traumreise. Ich war erfüllt von Stolz und Zufriedenheit. 32 Tage, die so viele Facetten hatten, eine Crew, die ich aus einem Schlamassel geführt hatte  und ein Team, das mich stets unterstützte.

Am Morgen vor der Abreise bekam ich die offizielle Verabschiedung vom F&B-Manager vor der gesamten Crew. Seine Worte gingen mir nahe: „Du hast großartige Arbeit geleistet. Wir werden dich hier auf der Calypso immer mit offenen Armen empfangen.“ Ich fühlte mich geehrt und wusste, dass ich Spuren hinterlassen hatte.

Während ich im Taxi saß, kam noch der Hotman zu mir. Er schüttelte mir die Hand und sagte: „Peter, ich habe die Bewertungen bekommen, und deine sind die besten von allen 280 Crewmitgliedern. Ich hoffe, wir sehen uns wieder.“ Seine Worte ließen mich vor Freude strahlen. Es war ein Abschied, der sich fast wie ein Sieg anfühlte.

Magret: Eine bittersüße Geschichte

Magret, eine Kollegin, hatte sich im Laufe der Reise in einen jungen Barkeeper verliebt. Doch die Entscheidung, mit ihm zu gehen oder zu bleiben, war für sie eine Qual. Dreimal täglich änderte sie ihre Meinung. Am Tag des Abschieds weinte sie bitterlich. Sie war nicht nur gesundheitlich angeschlagen, sondern auch innerlich zerrissen.

Die letzten Minuten an Bord waren ein Drama. Sie wollte mit mir gehen, doch ihre Kündigung war nicht rechtzeitig eingereicht worden, und die Checkout-Papiere waren nicht fertig. Während ich das Schiff verließ, schrie sie mir weinend hinterher, dass sie nicht allein bleiben wolle. Ihr Freund stand unten am Hafen und weinte ebenfalls, während sie mit sich und ihren Gefühlen rang.

Venedig: Ein Tag voller Faszination

Nach meiner Ankunft in Frankreich kämpfte ich mich durch Streiks und Chaos, bis ich schließlich mit Air Littoral nach Venedig kam. Dort verbrachte ich einen unvergesslichen Tag mit Erich in der Altstadt. Die Wasserstraßen, die alten Gebäude, die einzigartige Atmosphäre, ich war von Venedig vollkommen verzaubert. Es war der perfekte Abschluss einer intensiven Reise.

5. Dezember 1995 – Zuhause: Ein neuer Anfang

Zurück in Leibnitz lag der Vertrag für die Italia Prima bereits auf meinem Schreibtisch. Es war klar, dass ich am 12. Dezember wieder an Bord eines Schiffes sein würde. 

Doch das Leben hatte andere Pläne. Am Abend verletzte ich mir das Seitenband, musste ins Krankenhaus und lag mit hohem Fieber mehrere Tage flach. Ich verbrachte ich die Tage zuhause im Bett und fühlte mich von der Welt ein wenig im Stich gelassen. Das Seitenband beim Knöchel war eingerissen und die Grippe plagte mich.

Am Tag meiner Abreise nach Genua war der Winter bereits in vollem Gange. Bei eisiger Kälte und Schnee brach ich um 5 Uhr morgens auf. Es war ein harter Start, mit schmerzenden Seitenband und noch angeschlagen von der dummen Grippe, aber so war mein Leben, voller Herausforderungen, Überraschungen und neuer Abenteuer. 


Weniger…

MS ITALIA PRIMA - WELTREISE

Tauche ein mit mir in die verrückte Welt der Kreuzfahrt.  

Ein holpriger Start bei Zerbone International.

Beworben hatte ich mich bei Zerbone International in Genua, dem damals größten Kreuzfahrtschiffbetreiber der Welt, für die Position des F&B-Managers. Doch meine Ankunft an Bord verlief alles andere als geplant: Mit gerissenem Seitenband und hohem Fieber trat ich meine neue Stelle an, nur um ein Schiff vorzufinden, das meilenweit von der Fertigstellung entfernt war. Die Szene, die sich mir bot, glich einer Totalbaustelle in der Werft – keine Spur von einem betriebsbereiten Kreuzfahrtschiff.

Mehr…

Die gesamte Crew, unabhängig vom Rang, wurde dazu verdonnert, nahezu Tag und Nacht zu schuften. Wasser und altes Brot waren unsere täglichen Begleiter, während wir verzweifelt versuchten, das als luxuriöse 5-Sterne-Schiff rechtzeitig zur Jungfernfahrt, fertigzustellen.

Bald wurde klar, dass dies ein aussichtsloses Unterfangen war. In einem letzten Versuch, die Situation zu retten, ließ man 100 Reinigungskräfte aus Rumänien kommen. Doch es gab ein Problem: Rumänien gehörte damals nicht zum Schengenraum. So mussten diese Frauen in einem Bus vor dem Schiff campieren, da sie erst „bei der Abfahrt“ offiziell an Bord gehen durften. Eine ähnliche Situation gab es mit einem Großteil der Restaurant- und Küchencrew, die aus der Ukraine und Russland stammten. Auch sie durften erst in letzter Minute an Bord kommen, um die letzten Spuren des Chaos zu beseitigen.

Ein Lichtblick in diesem Wahnsinn war der erfahrene Kapitän de la Rosa. Bekannt wurde er durch seine Rolle während der Entführung des Kreuzfahrtschiffs Achille Lauro, bei der ein Passagier durch Terroristen getötet wurde. Seine Ruhe und Expertise schienen ein kleiner Hoffnungsschimmer zu sein. Doch auch auf ihn werde ich später genauer eingehen.

Nach Tagen des unmöglichen Putzens und Improvisierens wurde ich schließlich zum Manager gerufen, der die Betreuung des Schiffes in der Werft zu verantworten hatte. Seine Botschaft war unmissverständlich: Ich sollte vor dem Auslaufen wieder heimfahren. Offenbar hatte die Firma für diese heikle Eröffnung zwei Personen mit gleichem Rang eingestellt, um für den Ausfall eines der beiden vorbereitet zu sein. Doch trotz meines gerissenen Seitenbandes und der Erschöpfung wollte ich nicht kampflos aufgeben.

Während dieser Unterredung betrat Harro das Büro, der Mann, der meinen Job übernehmen sollte. Er wurde herzlich begrüßt, was in mir nur noch mehr Trotz hervorrief. Harro erkannte mich sofort und war sichtlich mehr wie überrascht, mich hier zu sehen. Ursprünglich sollte er mich auf der Hanseatic, dem wohl besten Schiff der Welt, ablösen. Doch dort war man mit ihm unzufrieden und hatte ihn nach Hause geschickt.

In diesem Moment hatte ich nichts mehr zu verlieren. Meine Worte waren schroff, aber klar, auch das mit Harro und der Hanseatic sprach ich klar an. Und tatsächlich: Nach langem Hin und Her wurde mir eine Position als Headwaiter unter dem Maitre und seiner ukrainischen Assistentin angeboten, natürlich mit einem weitaus niedrigeren Gehalt als ursprünglich geplant. Überraschend für alle Anwesenden, sagte ich laut und deutlich: „Ja!“

 

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 Das Leben auf See ist eine Welt für sich, voller Kontraste. Es ist hart, anstrengend und fordert alles von dir. Doch gleichzeitig verbindet es Menschen auf eine Weise, die du an Land nie erleben würdest. Man lernt hier mehr über sich selbst und die Menschen um einen herum, als es in einem gewöhnlichen Leben möglich wäre. Du siehst Dinge, die die meisten zu Hause nur aus dem Fernsehen kennen. Die Faszination für das Unbekannte und das Leben auf See zieht dich immer wieder in ihren Bann.

Die Seefahrt ist wie eine Droge, ein Rausch, der dich immer tiefer in diese spezielle Welt zieht. Sie ist eine Mischung aus überwältigenden Erfahrungen und momentanen Herausforderungen. Die Weite des Ozeans, die täglichen Erlebnisse, die Begegnungen mit verschiedenen Kulturen und das ständige Gefühl, sich selbst zu verlieren und wiederzufinden – all das macht das Leben auf See so einzigartig. Es gibt die wundervollen Seiten – die unbeschreibliche Freiheit und die intensiven Momente der Verbindung zu anderen. Aber ebenso gibt es die negativen Seiten, die Schwierigkeiten, die Verantwortung und die oft isolierte Atmosphäre an Bord. Manchmal ist es ein Leben zwischen zwei Welten: derjenigen, die du hinter dir gelassen hast, und derjenigen, in der du dich gerade befindest.

Doch trotz aller Höhen und Tiefen, trotz der Entbehrungen und des Schmerzes, den diese Welt mit sich bringen kann, möchte ich die Zeit an Bord nicht missen. Es ist eine Reise, die mich für immer geprägt hat. Sie hat mich verändert und mir gezeigt, wie stark ich in der Lage bin, unter extremen Bedingungen zu arbeiten und zu wachsen. Jeder Tag brachte neue Herausforderungen, neue Begegnungen, neue Tests – und so viel mehr, als ich je erwartet hätte.

Ich habe mich bemüht, in diesem Bericht diese Reise, dieses Leben auf See, mit Worten zu beschreiben. Und dennoch glaube ich, dass Worte niemals ganz einfangen können, was man auf einem Schiff erlebt. Aber vielleicht hilft es, einen kleinen Einblick in diese Welt zu bekommen, die mich so sehr in ihren Bann gezogen hat

 

 

 

 

1994 auf der Werft Chiappelo in Genua von Grund auf neu gestalltet;

in Betriebsetzung 1994;

Umbau, Vollcharter, Jungfernfahrt 1995.12.22;

Flagge: Italien;

Redeerei: NINA Spa;

Antrieb: 2 Wartsina Diesel - 14500kw;

Reisegeschw.: 18 Knoten;

Max. Geschw.: 22 Koten;

Passagiere: 500

Crew: International 280

Kapitaen: Gerado de Rosa

 

 

Unser neus Flaggschiff ITALIA PRIMA ist ideal fuer anspruchsvolle Gaeste. Sie werden von unseren freundlichen Servicepersonal zuvorkommend bedient und man ist immer fuer sie da. 

Alles ist mit viel Liebe zum Detail gestaltet, die Atmosphaere ist elegant und doch warm und gemuetlich. Sie wohnen in hellen sehr geschmackvoll eingerichteten Kabinen. Das Restaurant Grand Italia biedet allen 500 Gaesten gleichzeitig Platz. Es gibt daher nur eine Tischzeit und sie koennen das hervorragende Essen in aller Ruhe geniessen, wobei selbst verwoehnte Gourmets von den kreativen, modernen italienischen Gerichten und den leichten internationalen Gaumenfreuden begeistert sind.

Spaeter trifft man sich in der Piano - Bar, mit ihrem elegant geschwungenen, weitlaeufigen Bartresen oder im Gemuetlichen 

Pub, wo die Zeit bei netten Gespraechen ihre Bedeutung verliert. Und wer ein ruhiges Plaetzchen sucht - zum Schauen und Geniessen - der ist in der offenen Panorama Bar mit ihren grossen Fenstern gut aufgehoben. Den abend setzt das internationale Showprogamm funkelnde Glanzlichter auf - Variete, Kleinkunst und Revue machen den Musiksalon zum Mittelpunkt. In der Discothek werden dann Nachtschwaermer selbst zum Tanzstar. Im Kino werden ihnen die Orte vorgestellt die sie auf ihre Kreuzfahrt besuchen. In der Einkaufsstrasse finden sie vom Luxusschmuck bis zum nuetzlichen Alltagsdingen, alles was ihr Herz begehrt und wenn sie ihr Glueck herausfordern wollen, bietet ihnen das Casino mit Roulette und Black Jack gute Chancen.

 

AUSSTATTUNG:

8 Passagierdecks * 2 Lift * 2300qm zum Sonnen * offene Promenaden * 300m Jogging - Piste * Swimmingpool * Restaurant mit 500 Sitzplaetzen * Cafeteria mit 300 Sitzplaetzen * grosser Musiksalon mit Tanzflaeche * Piano - Bar * Panorama - Bar * gemuetliches Pub * Deck - Bar Maestrale * Discothek * Kino * Casino * Einkaufspassage * Fotoshop * Spielzimmer * Kapelle * Fitness - Center * Sauna * Friseur * Kosmeticsalon * Informationsbuero * Hospital * Waescherei

 

IN

128 TAGEN

UM DIE WELT

GENUA -

MADEIRA - KARIBIK *

MITTELAMERIKA - MEXIKO *

USA - SUEDSEE - NEUSEELAND * 

AUSTRALIEN *

THAILAND - MALAYSIA - SINGAPUR * 

BURMA - INDIEN - SRI LANKA -ISRAEL - AEGYPTEN -

GENUA

 

12. DEZ. 1995 - GENUA

Kaum war ich von der Karibikreise mit der Calypso zurück, brach ich auch schon wieder auf, diesmal in Richtung Genua auf die ITALIA PRIMA. Es war eine der Situationen, die man eigentlich lieber vermeiden möchte. Die Umstände, unter denen ich diese Reise antrat, waren katastrophal. Mein Knie hatte vor vier Tagen ein Seitenband eingerissen, und zusätzlich hatte mich eine Grippe mit 39,2°C Fieber niedergestreckt. Es war der perfekte Sturm aus körperlicher Erschöpfung und Krankheit, der mich in dieser Phase heimsuchte.

Gerade in diesen letzten Tagen, in denen ich mit meiner gesundheitlichen Verfassung kämpfte, hatte ich so viele Dinge zu erledigen. Erledigungen, die in den letzten Stunden liegen geblieben waren, einfach, weil ich keine Energie mehr hatte. Der Winter in Österreich hatte sich von seiner brutalsten Seite gezeigt, mit so viel Schnee wie schon lange nicht mehr. Jeder Schritt in der Kälte tat weh, und der Gedanke, dass ich nun wieder auf ein Schiff aufbrechen sollte, war alles andere als verlockend.

Doch wie so oft, blieb mir keine Wahl. Um sechs Uhr morgens ging es mit der Bahn nach Villach, und von dort holte mich, uns ein Bus der Reederei ab. In der Zwischenzeit waren  immer mehr Crewmitglieder zugestiegen. Die Fahrt nach Genua, wo die ITALIA PRIMA auf mich wartete, sollte insgesamt 18 Stunden dauern. Es war eine lange, beschwerliche Reise, und ich konnte den Gedanken an den bevorstehenden Arbeitsbeginn kaum ertragen. Der Gedanke an die kommenden Herausforderungen an Bord, in meiner angeschlagenen Verfassung, ließ mich beinahe verzweifeln. Aber das Leben auf See hatte seine eigenen Regeln, und der Job rief.

Die Fahrt zog sich quälend langsam dahin, und ich konnte mir kaum vorstellen, wie ich all das durchstehen würde. Doch es war klar: In dieser Branche gab es keine Pausen, kein Nachdenken über die eigenen Bedürfnisse. Es ging immer weiter und irgendwo wusste ich auch, dass die ITALIA PRIMA mich wieder in eine völlig andere Welt katapultieren würde. Aber im Moment war alles nur eine unscharfe Vorstellung von Anstrengung, Müdigkeit und dem Gefühl, nie richtig zur Ruhe zu kommen.

13. DEZ. 1995 - GENUA / WERFT

Den ersten Anblick der ITALIA PRIMA in der Werft werde ich nie vergessen. Der Dampfer lag dort wie ein halbfertiger Kahn, der fast schon ausrangiert wirkte. Die Schiffsarbeiten waren noch in vollem Gange: Innen wurde betoniert, gehämmert, geschweißt – ein wildes Durcheinander von Stahl und rohen Strukturen, ohne jegliche Verkleidungen. Es sah aus wie ein riesiges Bauprojekt, das niemals fertig werden würde, und irgendwie fühlte sich auch die ganze Atmosphäre so an. Der Glanz einer luxuriösen Kreuzfahrt war noch weit entfernt, und ich fragte mich, ob es wirklich eine so gute Entscheidung gewesen war, auf diesem Schiff anzufangen.

In der ersten Nacht an Bord dachte ich ernsthaft, ich sei schon tot. Mein hohes Fieber brannte unaufhörlich, und in meiner Kabine herrschten gerade einmal 7 Grad plus. Kein Warmwasser, keine Heizung, nur eisige Kälte. Der Gedanke, dass dies mein Arbeitsumfeld für die kommenden Monate sein würde, schien beinahe unrealistisch. Ich hatte das Gefühl, in einer vollkommen fehlerhaften, kalten Welt gelandet zu sein, und der Gedanke, dass ich mich hier irgendwie durchschlagen sollte, war fast zu viel.

Jeder Atemzug in dieser Kälte ließ mich frösteln, und ich konnte kaum verstehen, wie das Schiff, das irgendwann als eines der Top-Schiffe der Flotte angesehen werden sollte, in diesem Zustand vor mir lag. Diese ersten Stunden in der Werft waren geprägt von einer Mischung aus körperlicher Erschöpfung, Krankheit und völliger Überforderung. Der Schock, in diesem unfertigen Zustand anzukommen, verstärkte mein Gefühl der Unsicherheit und ließ mich fragen, wie lange ich hier durchhalten würde.

Es war eine harte Einführung in das Leben an Bord der ITALIA PRIMA. Doch die Realität war, dass ich keine Wahl hatte. Der Weg war bereits eingeschlagen, und die Reise war nicht nur ein Job, sondern eine Herausforderung, der ich mich stellen musste – auch wenn es schien, als wäre sie in diesem Moment einfach zu groß für mich.

14. DEZ. 1995 - GENUA / WERFT

Heute endlich konnte ich das Schiff bei Tageslicht sehen – und der Anblick war ernüchternd. Es war eine einzige riesige Baustelle. Überall lagen Bauteile, Baustellenabfälle und Bauschutt, der Mist und das Durcheinander standen mir buchstäblich kniehoch. Jeder Schritt schien mich tiefer in dieses Chaos zu führen, das mehr einem Industriekomplex als einem Kreuzfahrtschiff glich.

Die Werft in Genua war ein Ort, der den Glanz der Kreuzfahrtwelt weit entfernt erscheinen ließ. Hier war nichts von der gewohnten Pracht zu sehen, die man normalerweise mit einem solchen Schiff verbindet. Stattdessen dominiert der scharfe Geruch von Öl, Metall und frischem Beton die Luft, und die Geräusche von Maschinen und Schweißbrennern hallten unaufhörlich wider. Jeder Moment schien von einer Art brachialer Kraft durchzogen zu sein, die das Schiff Stück für Stück zusammenfügte.

Doch es war nicht nur die Baustelle, die mir zusetzte, das Wetter in Genua trug ebenfalls zur Schwere des Tages bei. Es war unerträglich kalt, der eisige Wind schnitt durch meine Kleidung und ließ mich frösteln. Die Kälte war durchdringend, und selbst der hartnäckigste Versuch, sich irgendwie zu schützen, schien keinen Unterschied zu machen. Die Wände aus Stahl und Beton des Schiffes boten keinen Schutz vor der Kälte. Ich fror bis ins Mark und hatte das Gefühl, dass alles an Bord, sowohl das Schiff als auch ich, noch weit davon entfernt war, bereit für den großen Betrieb zu sein.

In diesem Moment wurde mir erneut bewusst, wie unglaublich hart und fordernd dieses Leben auf See war – von der körperlichen Kälte bis hin zu den Herausforderungen der Umgebung. Und während ich die Baustelle betrachtete, fragte ich mich, wie lange ich diese Bedingungen noch ertragen würde. 

15. DEZ. 1995 - GENUA / WERFT

Der heutige Tag war eine wahre Zerreißprobe, sowohl körperlich als auch mental. Im Restaurant unterstehen mir 42 Mädchen, und ich verstehe mich mit allen ausgesprochen gut. Doch der Alltag auf der Werft stellt uns vor enorme Herausforderungen. Ich wusste, dass der Job auf einem Kreuzfahrtschiff nie einfach sein würde, aber was sich hier abspielte, war eine andere Liga.

Meine größte Sorge an diesem Tag war die Kälte in meiner Kabine. Sie war schlicht unerträglich. Selbst während der Nacht konnte ich meinen eigenen Atem sehen, der in der kalten Luft kondensierte. Wie sollte ich unter diesen Umständen nur schlafen? Eine dünne Decke und ein Leintuch als einzige „Wärmequelle“ – es war kaum auszuhalten. Die Kälte zog durch jedes Ritzen und jede Wand, als wäre das Schiff selbst von Eis durchzogen. Das Gefühl der Entfremdung von der Welt draußen nahm zu, und ich fragte mich, wie lange ich das noch ertragen würde.

Mit der Crew beschlossen wir, Putztrupps zu bilden und die gesamte Umgebung zu „säubern“. Es war eine mühsame Aufgabe, doch das war noch die einfachste Lösung, um wenigstens einen Hauch von Ordnung in das Chaos zu bringen, das uns umgab. Der Müll und die Bauschuttberge waren nicht nur eine Gefahr für die Sicherheit, sondern auch eine ständige Erinnerung an die schlechte Ausgangslage des Schiffs.

Das Essen war ein weiteres Problem. Zu trinken gab es lediglich Wasser und Rotwein – keine Auswahl, keine Abwechslung. Das Essen selbst bestand hauptsächlich aus Tomaten, Butter und altem Brot. Es war, als hätten wir uns in einer anderen Welt verirrt, fernab jeglicher Annehmlichkeiten, die man von einem Kreuzfahrtschiff erwarten würde. Es war kaum mehr als Notration, und ich konnte nicht umhin, die Missstände zu verfluchen. Die Moral war auf einem Tiefpunkt, und auch wenn ich es verstand, dass wir uns inmitten von Bauarbeiten befanden, fühlte es sich wie eine dauerhafte Prüfung meiner Geduld und Ausdauer an.

Trotzdem war es wichtig, dass wir zusammenhielten und als Crew funktionierten. Die Mädchen und ich standen gemeinsam durch diese harten Tage, aber ich wusste, dass es immer schwerer werden würde. Doch was blieb mir anderes übrig, als weiterzumachen? Jeder Tag war eine Herausforderung, aber genau diese Herausforderungen machten das Leben aus, hart aber auch voller Überraschungen und Lektionen, die man auf anderem Wege nie lernen würde.

16. DEZ. 1995 - GENUA / WERFT

Der heutige Tag war geprägt von ununterbrochenem Putzen. Es gab einfach keine Pause. Wir schrubbten und kehrten, bis unsere Hände wund waren und der Schweiß in der Kälte zu Eis gefror. Doch trotz der mühseligen Arbeit mussten wir uns auf eine neue Welle von Herausforderungen vorbereiten. Heute kam ein riesiger Materialtransport an Bord – 300 Tonnen Material, das war wirklich eine irre Menge. In der eisigen Kälte wurde es manuell eingeladen, was bedeutete, dass wir uns im Freien abmühten, mit schneidendem Wind und klammen Fingern. Es war wie ein schlechter Traum, und dennoch schafften wir es, gemeinsam diesen immensen Aufwand zu bewältigen.

Doch es war nicht nur die Kälte, die den Tag unangenehm machte. Wir erfuhren auch, dass unsere Mannschaftszahl nicht wie geplant aufgefüllt werden konnte. Die fehlenden 100 Mann – Filipinos und Russen – sollten erst am Tag unserer Abreise an Bord kommen. Politische Differenzen, hieß es, hatten den gesamten Ablauf verzögert. Und so standen wir da, inmitten von Baustellen und chaotischen Verhältnissen, ohne die nötige Unterstützung. Wir mussten improvisieren, was den Arbeitsdruck weiter erhöhte. Es war ein ständiges Jonglieren zwischen den Aufgaben und der Angst, dass uns die Zeit davonlief.

Der Tag endete nicht viel besser. In Genua fegten orkanartige Winde durch die engen Gassen, und zum Glück hatte ich mich mit warmer Kleidung ausgestattet. Aber auch das half wenig gegen den eisigen Sturm, der uns entgegenblies, als ich später in die Kneipe zum „Henker“ schlenderte. Es war ein richtig stinkiger Seemannsladen, und dennoch fühlte ich mich hier irgendwie zu Hause. Die Atmosphäre war rau und authentisch, das konnte ich spüren. Alte, abgewrackte Frauen und arbeitslose Seeleute hingen in den Ecken herum, und die italienische Live-Musik von Paolo Conte schallte durch den Raum. Es war ein ganz besonderer Charme, der diesen Ort ausmachte, und trotz des eher schäbigen Ambientes fühlte ich mich hier wohl. Die Leute schienen mich in meiner wilden Erscheinung zu respektieren.

An diesem Abend ließ ich mich ganz bewusst auf die raue Welt ein, die mich umgab. Hier, in dieser düsteren Ecke von Genua, gab es kein Verzücken über glamouröse Kreuzfahrten oder die glänzenden Fassaden eines luxuriösen Lebens. Es war das wahre Leben, mit seinen Schattenseiten und seiner Echtheit. Es war hart, ja, aber gleichzeitig war es auch irgendwie befreiend. Und obwohl die Umstände alles andere als ideal waren, hatte ich das Gefühl, dass ich an diesem Ort zu einer neuen Version von mir selbst fand. Ein Abenteuer, das mich immer mehr in seinen Bann zog,  trotz allem.

17. DEZ. 1995 - GENUA / WERFT

Die Situation an Bord bessert sich langsam. Die Küche wird zunehmend besser, und zu meiner Erleichterung wird es in meiner Kabine endlich warm. Das war ein lang ersehnter Fortschritt, nach all den eisigen Nächten hatte ich endlich das Gefühl, dass der Komfort an Bord allmählich in den Bereich des Erträglichen rückt. Auch gesundheitlich geht es mir wieder gut. Die Grippe hat mich nun endgültig verlassen, und das hohe Fieber ist nur noch eine Erinnerung. So kann ich mich wieder voll und ganz auf das Leben an Bord konzentrieren.

Und das Leben hier in Genua ist definitiv wild. Es ist ein ständiger Kampf, um das Chaos der Werft zu bewältigen und irgendwie einen Sinn in all dem Durcheinander zu finden. Die Crew – naja, was soll man sagen – es fühlt sich an, als ob ich mitten in einem Amateurtheater gelandet bin. Die meisten Crewmitglieder haben keinen blassen Schimmer, was sie tun. Tägliche Probleme tauchen auf, und es gibt so viele Baustellen, dass man manchmal gar nicht weiß, wo man anfangen soll. Es ist eine enorme Herausforderung, alle an einem Strang ziehen zu lassen. Und dann ist da noch der Maitre, der unter der Last der Verantwortung zu zerbrechen droht. Harro – mein neuer Chef – ist genau in dieser Rolle gefangen.

Das Ganze ist schon ein wenig ironisch. Harro war früher bei Hanseatic Tours tätig und fuhr auf unserem kleineren Schwesterschiff. In Buenos Aires hatten sie ihm damals die Chance geben wollen, mich als Maitre auf der Hanseatic abzulösen. Doch aus irgendeinem Grund wurde das in letzter Sekunde von der Company verhindert, und ich blieb noch einige Monate auf der Hanseatic. Nun, Jahre später, betrete ich die Italia Prima, und er ist plötzlich mein Vorgesetzter. Das Leben spielt seine eigenen, manchmal merkwürdigen Spiele. Es fühlt sich fast wie eine Art Schicksalsfügung an – so, als ob der Kreis sich geschlossen hätte. Ich sehe ihm zu, wie er kämpft, um alles unter Kontrolle zu bringen, und irgendwie finde ich es fast amüsant, ihn in dieser neuen Rolle zu beobachten. Aber gleichzeitig erkenne ich auch, wie schwierig es für ihn sein muss, mit dieser trüben, halbgebildeten Crew zu arbeiten.

Doch egal wie chaotisch die Umstände sind, ich kann nicht anders, als mich von dieser verrückten Reise packen zu lassen. Wir kämpfen uns hier gemeinsam durch, und trotz all der Probleme entsteht eine Art Verbundenheit. Es ist eine verrückte, fordernde Welt – aber sie hat auch ihren eigenen Charme. Es bleibt spannend, wie sich die Dinge weiterentwickeln.

18. Dezember 1996 – Genua / Werft

Genua – eine Stadt, die ich mir in den letzten Wochen zu eigen gemacht habe. Besonders die Hafenregion mit ihren schmalen Gassen und das lebendige Zentrum sind zu meinem Rückzugsort geworden. Während draußen der Winter mit seinen kühlen Winden die Stadt umarmte, war ich auf der Suche nach warmer Wintermode. Mein Kleiderschrank war nicht vorbereitet auf die kalten Nächte, und Wäsche waschen? Ein Ding der Unmöglichkeit an Bord. Die kleinen Waschmuscheln in meiner Kabine mussten herhalten, um meine Kleidung zumindest oberflächlich vom Schweiß des Tages zu befreien. Der Luxus von frischen Kleidern blieb ein ferner Traum, während ich die Ärmel hochkrempelte und improvisierte.

Am Vormittag hatte ich ein seltenes Stück Normalität gefunden. Ein Besuch beim Schneider in Genua, ein Moment, in dem ich die Zeit beinahe vergessen konnte. Während ich wartete, bummelte ich durch die Straßen, gönnte mir einen starken italienischen Kaffee und beobachtete das geschäftige Treiben. Die Uniformen, die wir hier erhielten, waren immerhin von beeindruckender Qualität – ein kleiner Trost angesichts der bevorstehenden Herausforderungen.

Zurück an Bord wurde meine Hoffnung auf einen ruhigen Abend abrupt zerschlagen. „Alle Mann an Bord! Wir laufen in vier Stunden aus!“ Ich hielt es für einen schlechten Scherz. Doch als das Stahlgerüst des Schiffes, das kaum fertig erschien, sich in den Sturm des Mittelmeers wagte, begriff ich den Ernst der Lage. Und so sehr es mich schaudern ließ, das Schiff hielt sich überraschend gut im Wasser – ein kleiner Triumph inmitten des Chaos.

Als ich spät am Abend in meine Kabine zurückkehrte, begrüßte mich ein Inferno. Es fühlte sich an, als hätte ich den Maschinenraum betreten. Der ohrenbetäubende Lärm, das ständige Vibrieren – ich brauchte einen Moment, um zu verstehen: Die Schraube des Schiffes lag direkt unter meiner Kabine. Jedes Geräusch und jede Bewegung wurden unbarmherzig an meine Knochen weitergegeben. „Ich wollte immer wissen, wie es ist, ein Schiff aufzumachen“, dachte ich sarkastisch. „Jetzt weiß ich es.“

An Bord herrschte ein Durcheinander, wie ich es selten erlebt hatte. 240 Mann starke Besatzung – doch kaum jemand kannte den Namen seines Kollegen. Orientierungslosigkeit und Frustration lagen in der Luft. Die Führungsebene? Charakterschwach, unsicher, mit wenig Durchsetzungsvermögen. Es fehlte nicht nur an Erfahrung, sondern auch an Klarheit. Die Verträge mit dem Charterer Neckermann waren ein einziges Rätsel. Ich konnte es kaum glauben: Selbst Details wie die Frage, ob Butter am Tisch oder am Buffet serviert werden sollte, waren akribisch geregelt – während die fundamentalen Probleme des Betriebs unbeachtet blieben.

Das war der Beginn einer langen Reise, auf der ich bald erkennen sollte, dass wir nicht nur gegen die rauen Wellen des Mittelmeers kämpften, sondern auch gegen die Stürme innerhalb der Mannschaft und des Managements.

19. Dezember 1995 – Genua / Werft

Der Tag begann eigentlich unscheinbar, doch dann kamen einige der Mädchen aus der Crew auf mich zu. Sie meinten, ich wäre doch der geeignetere Maitre. Ein Satz, der mich innehalten ließ. Natürlich schmeicheln mir solche Worte, gerade in einer Umgebung, in der Lob und Anerkennung selten und Stress allgegenwärtig sind. Aber gleichzeitig nagte die Realität an mir: Solche Kommentare waren nicht nur Komplimente, sondern auch ein Spiegel der Unsicherheit, die sich in der Crew breitgemacht hatte. Es war, als suchten sie nach einer stabilen Figur, jemandem, der Struktur und Führung bieten konnte, inmitten dieses schwelenden Chaos.

20. Dezember 1995 – Genua / Werft

Heute war Hektik kein Ausdruck mehr für das, was an Bord herrschte. Das Chaos wuchs mit jeder Stunde, und jeder, der zwei Hände hatte, war unermüdlich am Putzen. Doch je mehr wir schrubbten, desto deutlicher wurde uns allen: Es würde nicht reichen. Die Zeit lief uns davon, und der Zustand des Schiffes blieb weit hinter den Erwartungen zurück.

Die Gäste würden bald an Bord kommen, und was sie vorfinden würden, war alles andere als das, was man auf einem Kreuzfahrtschiff erwarten sollte. Der Gedanke an den unvermeidbaren Moment, in dem die Türen für die Passagiere geöffnet werden, ließ einen bitteren Geschmack zurück. Die Realität, dass der Saustall trotz aller Bemühungen sichtbar bleiben würde, war eine Last, die auf uns allen lag. Es war ein kollektives Gefühl der Ohnmacht, das wie ein bleierner Nebel durch die Decks schlich.

21. Dezember 1995 – Genua / Werft

Es war, als würde das Chaos an Bord mit jeder Stunde neue Dimensionen erreichen. Die restlichen hundert Crewmitglieder durften erst an Bord kommen, nachdem die Gäste eingedeklariert waren – eine Entscheidung, die den Start dieser Reise unweigerlich in eine Katastrophe verwandelte. Es passierte dem Management an Land ein sehr großer Fehler, die 100 Mann Crew war aus dem NICHTSCHENGENRAUM und hatten keine Arbeitserlaubnis, daher der Kompromiss der Italienischen Behörden,  die Crew steigt ein wenn das Schiff ablegt und Italien verlässt. Die 100 Frauen gehörten eigentlich zum Housekeeping, also zum Putztrupp und diese mussten die restlichen Nächte im Bus vor dem Schiff verbringen, es war unglaublich.  Die Vorstellung, die ersten Stunden der Kreuzfahrt ohne eine vollständige Crew zu überstehen, war schlicht absurd.

Spät in der Nacht, als die Hektik kurz nachließ, nutzte ich die einzige und letzte Gelegenheit, um zu Hause anzurufen und wenigstens frohe Weihnachten zu wünschen. Es war ein fast absurder Aufwand: Sieben Kilometer im strömenden Regen bis zur nächsten Telefonzelle. Doch als ich endlich die vertraute Stimme meiner Mutter hörte, verflog der Ärger über den langen Weg. Diese paar Minuten waren wie ein kleines Weihnachtswunder – zu wissen, dass zu Hause alles in Ordnung war, gab mir eine Kraft, die ich dringend brauchte.

Der Job entpuppt sich immer mehr als einer der härtesten, die ich je hatte. Schlaf? Eine ferne Erinnerung. Momentan komme ich auf kaum zwei Stunden pro Nacht. Und dann diese endlosen Geschichten, die mich anscheinend auf die Probe stellen wollen: Vier Tage vor Abreise ein Bandeinriss im rechten Knöchel. 13 Tage später, gerade erst an Bord, der nächste Schock – ein Sturz über das Stiegenhaus und ein Einriss im linken Knöchel. Der Arzt verordnete mir Bettruhe, doch mit zwanzig Stunden Arbeit am Tag war das ein schlechter Witz. Als wäre das nicht genug, schaffte es ein Kollege in der Küche, mir einen schweren Eisenwagen genau auf die alte Verletzung zu donnern. Der Schmerz war unbeschreiblich – ich dachte, ich werde wahnsinnig.

Die körperliche Erschöpfung wurde durch die miserable Versorgung an Bord noch verstärkt. Seit fast 48 Stunden hatte ich keinen Bissen gegessen. Die Crewmesse glich einem Alptraum: kein Saft, kein Wasser, und selbst die Semmeln waren vom Vortag – trocken, hart, und kaum genießbar. Es fühlte sich an, als würde das Schiff, bevor es überhaupt den ersten Hafen erreicht hatte, uns alle brechen wollen.

22. Dezember 1995 – Erste Embarkation

Der Tag, vor dem wir uns alle gefürchtet hatten, war gekommen – die erste Embarkation. Die Realität: Nichts war fertig. Wirklich gar nichts. Nur eines war bereit – die Crew, und zwar fix und fertig.

Um 14 Uhr begann es. Die ersten Gäste setzten Fuß auf die Italia Prima. Ich war für die Tea Time eingeteilt, und überraschenderweise lief diese relativ reibungslos ab. Doch die Stimmung an Bord war angespannt, und das war jedem anzusehen. Die Strapazen der letzten Tage hatten sich tief in unsere Gesichter gegraben, und jeder von uns kämpfte mit seiner eigenen Erschöpfung.

Am Abend folgte die klassische Tischreservierung, ein vermeintlicher Höhepunkt des ersten Abends an Bord. Doch statt Eleganz herrschte Chaos. Die Gäste strömten in Scharen ins Restaurant, und unser Maitre Harro stand völlig überfordert vor seinem Tischplan. Nichts schien zu funktionieren, und sein Blick verriet eine Mischung aus Überlastung und Orientierungslosigkeit. Ich konnte es ihm nicht verübeln, niemand hätte in diesem Durcheinander einen klaren Kopf bewahrt.

Die Beschwerden der Gäste ließen nicht lange auf sich warten. Die Kabinen waren in einem desaströsen Zustand: Kabel hingen von den Decken, Steckdosen fehlten, und schmutzige Toiletten schockierten selbst die Geduldigsten. Die Gäste schimpften lautstark über alles und jeden, während wir uns bemühten, die Wogen zu glätten.

Trotz allem saßen schließlich alle Gäste irgendwie im Restaurant. Doch damit endeten die Probleme nicht. Mir fehlten sämtliche Commis auf meinen Stationen. Jede Aufgabe wurde zur Mammutaufgabe, jede Bestellung zur Geduldsprobe. Dann öffnete sich die Tür, und ein ganzer Trupp russischer Mädchen marschierte herein. Ihre Uniformen passten kaum, sie wirkten, als wären sie buchstäblich hineingeworfen worden.

Später erfuhr ich ihre Geschichte. Drei Tage hatten sie in einem Bus verbracht – bei eisiger Kälte, ohne vernünftige Verpflegung oder Ruhe. Als sie endlich ankamen, wurden sie hastig in Uniformen gesteckt und direkt ins Restaurant geschickt. Ihr Ausdruck, eine Mischung aus Verlorenheit und Überforderung, spiegelte das wider, was jeder von uns fühlte.

Dieser Tag war ein Desaster auf allen Ebenen, doch irgendwie hatten wir es geschafft, ihn zu überleben – wenn auch nur knapp. Die Reise hatte gerade erst begonnen, aber die Zeichen standen alles andere als gut.

23. Dezember 1995 – Auf See, Mittelmeer

Die erste volle Fahrt auf See – und mit ihr tausende Fragen, die an Bord laut wurden. Viele davon landeten direkt bei mir. Doch trotz des allgemeinen Chaos und der ständigen Hektik ließ ich mich nicht anstecken. Das war mein Weg, Ruhe zu bewahren inmitten des Wahnsinns. Meine Mädchen schätzen das an mir. Sie wissen inzwischen, dass sie mit ihren Sorgen immer zu mir kommen können, und ich versuche, für sie da zu sein, auch wenn die Last immer schwerer wird.

Am Abend im Restaurant schien die Welt endgültig aus den Fugen zu geraten. Die Hauptfrage der Gäste war überall dieselbe: „Wo ist unser Tisch?“ Die Menschen irrten unkoordiniert durch das Restaurant, manche wild schimpfend, andere ratlos. Es war, als würde sich die Verzweiflung des Tages in diesen Momenten entladen.

Und dann passierte es. Bingo! Harro, unser Maitre, brach zusammen. Ein Nervenzusammenbruch, wie ich später erfuhr. Angeblich war er sogar 20 Minuten bewusstlos. Plötzlich lastete alles auf meinen Schultern. Das Restaurant war in einem Zustand, wie ich ihn selbst in den chaotischsten Momenten meiner Karriere noch nie erlebt hatte. Ich versuchte, die Platzierungs-Misere irgendwie zu entschärfen. Doch was konnte man tun, wenn so vieles schiefging?

Aber das Restaurant war nur die Spitze des Eisbergs. Im Housekeeping tobte ein regelrechter Sturm. In den meisten Kabinen sah es aus, als wären wir immer noch mitten in den Werftarbeiten. Nichts war fertig, und die Gäste machten ihrem Ärger lautstark Luft, verständlicher Weise.

Die Küche? Ein einziges Desaster. Fast alle Geräte waren in den ersten 48 Stunden ausgefallen. Kaum ein Gericht kam pünktlich heraus, und die Wartezeiten wurden unerträglich. Die Folgen zeigten sich schnell: Zwei meiner Stewardessen rannten weinend aus dem Restaurant. Sie waren von wütenden Gästen beschimpft worden, die ihren Frust an ihnen ausließen. Es brach mir das Herz, sie so zu sehen. Die Mädchen nahmen sich jede Kritik viel zu sehr zu Herzen, doch in ihrem erschöpften Zustand war das kaum überraschend. Körperlich waren sie längst am Ende, und dieser psychische Druck brachte sie endgültig ins Wanken.

Es war ein Tag, der alle an ihre Grenzen brachte, ein Tag, an dem wir einfach nur versuchten, irgendwie durchzukommen. Doch trotz allem fühlte ich eine gewisse Verantwortung, ein Anker zu sein in diesem Chaos, so zerbrechlich dieser Anker auch war.

24. Dezember 1995 – Heiliger Abend, Auf See – Mittelmeer

Weihnachten an Bord eines Schiffes, eine Zeit, die man sich zumindest in der Vorstellung besinnlich und magisch ausmalen könnte. Doch an diesem Heiligen Abend schien sich alles, was ohnehin schon schwierig war, noch weiter zuzuspitzen – und zwar im negativen Sinn.

Harro lag immer noch im Hospital, sichtlich von den Strapazen der letzten Tage gezeichnet. Er behauptete, zusammen mit seiner Stellvertreterin Tatyana aus der Ukraine, er würde seinen Tischplan fertigstellen. Doch als ich am Abend im Restaurant stand, waren beide wie vom Erdboden verschluckt. Kein Harro, keine Tatyana, niemand. Es war offensichtlich: Sie hatten sich einfach zurückgezogen, überwältigt von einem Chaos, das ihnen keinen Ausweg mehr ließ.

Und so stand ich allein im Mittelpunkt des Sturms. Die Gäste stürzten sich auf mich, fragten mir Löcher in den Bauch, und ich tat mein Bestes, um zumindest den Anschein von Kontrolle zu wahren. Doch dann geschah etwas, das ich nicht erwartet hatte. Es war, als hätte sich ein Weihnachtswunder über uns gelegt. Trotz allem lief der Abend besser ab, als ich zu hoffen gewagt hatte. Es war nicht perfekt, aber in diesem Moment fühlte es sich wie ein Erfolg an.

Sogar mein Körper spielte plötzlich mit. Mein rechter Knöchel, der vor zwei Tagen noch schwarz gewesen war und mich mit jeder Bewegung gequält hatte, fühlte sich auf einmal erstaunlich besser an. Fast über Nacht schien die Heilung eingetreten zu sein – ein kleines Wunder, das mir Hoffnung gab.

Nach dem Abenddienst ging ich in die Crewbar, um den Tag hinter mir zu lassen. Sieben Gläser Sekt, drei Bacardi Cola – ich gönnte mir einen Moment, um die Strapazen für einen Augenblick zu vergessen. Um 3 Uhr fiel ich schließlich ins Bett, um 5:30 Uhr musste ich wieder aufstehen. Das waren meine Weihnachten: hektisch, chaotisch und alles andere als besinnlich.

Die wenigen Momente, in denen ich an meine Lieben zu Hause denken konnte, kamen und gingen flüchtig. Ich hatte kaum Zeit, mich in weihnachtliche Gedanken zu vertiefen. Dabei erinnerte ich mich an das Weihnachten vor einem Jahr, an Bord der Hanseatic. Wir feierten in Grytviken, bei der alten Walfangstation. Es war eine stille, friedliche Nacht, die von einer ganz eigenen Magie erfüllt war.

Ich dachte an Kapitän Harling von Hakling zurück, den alten Seemann, dessen Ausstrahlung uns damals so beeindruckt hatte. Seine laute aber selbstsichere Autorität und sein Nichtverständnis für die Besatzung machten ihn zu einer besonderen Persönlichkeit. Aber damals fühlte es sich trotzdem wirklich nach Weihnachten an – eine Wärme, die ich heute so schmerzlich vermisste.

25. Dezember 1995 – Auf See, Mittelmeer

Weihnachten war vorüber, doch der Alltag an Bord blieb unverändert chaotisch. Die grundlegenden Dinge, die eine reibungslose Organisation erfordern, funktionierten immer noch nicht. Es war ein Kampf um jedes Detail, und es schien, als würde sich nichts daran ändern.

Ein besonders frustrierendes Beispiel war die Tischwäsche. Sie zu bekommen war eine wahre Kunst – ein unerklärliches Hindernis in einem Betrieb, der doch auf Gastfreundschaft und Eleganz ausgelegt sein sollte. Von der Dienstkleidung ganz zu schweigen: Die wenigsten hatten genug dabei, und von Bordmaterialien war erst recht keine Rede.

Zum Glück hatte ich in weiser Voraussicht mehr als zwanzig weiße Hemden eingepackt. Diese kleine Vorbereitung war jetzt mein Rettungsanker. Ohne sie wäre ich hoffnungslos verloren gewesen. So konnte ich wenigstens über die Runden kommen, auch wenn es sich wie ein ständiger Überlebenskampf anfühlte.

Doch trotz all der Improvisation und der täglichen Kämpfe fehlte jegliches Gefühl von Stabilität. Es war, als ob das Schiff selbst sich noch nicht entschieden hatte, ein Kreuzfahrtschiff zu sein, ein Ort, an dem Gäste und Crew gleichermaßen Zuflucht finden sollten. Stattdessen fühlte es sich an wie ein schwimmendes Provisorium, das mit jeder Welle weiter ins Chaos driftete.

An Bord hatten wir natürlich auch die NECKERMANN CREW eigentlich sind sie und ihr KREUZFAHRTDIREKTOR für alles verantwortlich. Das Schiff wurde ja von Neckermann in Dienst gestellt und dann dieses Desaster bei der Abfahrt das bis jetzt noch anhält und uns wahrscheinlich noch ewig begleiten wird. Aber der Kreuzfahrtdirektor dessen Pflicht es wäre täglich 20 Stunden sich die Beschwerden der Gäste anzuhören war absolut NIE, wirklich NIE zusehen. Der gute Mann machte einen sehr traurigen Job, er sperrte sich einfach in seiner Kabine ein und niemand bekam ihn zu Gesicht. Eigentlich sollte er ja sogar täglich bei den Gästen essen aber auch da war er nie. Wir hatten neben der Offiziers Messe auch eine eigene Staff Messe, dort war er anzutreffen.

26. Dezember 1995 – Funchal, Madeira

Harro ist zurück. Gesund und bereit, sich wieder seiner Arbeit zu widmen. Sein Comeback brachte einen Hauch von Normalität in dieses schwimmende Chaos, auch wenn die Probleme dadurch keineswegs verschwanden. Vielleicht liegt ein gewisser Reiz im Arbeiten unter solchen Bedingungen. Es ist unkonventionell, unberechenbar – das genaue Gegenteil von Alltagstrott.

Doch das Chaos fordert seinen Preis. Heute hörte ich, dass Günther, der Butler, gemeinsam mit seiner Frau aussteigen wird. Beide hatten einen Nervenzusammenbruch, ebenso wie zwei weitere Crewmitglieder. Günther hat genug und will nicht mehr zurückkommen. Günther war ein sehr erfahrener deutscher Butler, auch er hatte auf der Hanseatic diesen Job getätigt und wenn er sagt es reicht, dass mag was heißen. Auch Gäste, die sich dem Ausnahmezustand nicht länger aussetzen wollten, verließen das Schiff. Madeira wurde für viele ein Zufluchtsort, ein Hafen, der sie von diesem schwimmenden Alptraum erlöst.

Kurz vor dem Auslaufen rannte ich noch zu einer Telefonzelle, um zu Hause nach dem Rechten zu sehen. Die Worte meiner Mutter trafen mich wie ein Schlag: Mein Vater hatte gestern einen Herzinfarkt. Er war plötzlich umgefallen und für einige Minuten „völlig weg“, wie sie sagte. Diese Vorstellung ließ mir die Haut prickeln, und ich konnte die Tränen nicht zurückhalten.

Ich war moralisch zerschmettert. Hätten meine Eltern es gewollt, wäre ich sofort nach Hause geflogen. Aber meine Mutter blieb stark und ermutigte mich, an Bord zu bleiben. So blieb mir nur zu beten – für meinen Vater, für die Crew und für jeden Tag, den wir hier überstehen. Es ist kaum zu beschreiben, wie hart diese Tage für uns alle sind. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass jemand zusammenbricht oder ein Mädchen weinend davonläuft.

Die Crew hat begonnen, auf meine Entscheidungen zu warten, als ob mein Bleiben oder Gehen ein Signal wäre. Doch für mich stand nie zur Debatte, das Schiff zu verlassen. Zu bleiben fühlt sich so selbstverständlich an wie das Atmen. Ich tue, was ich kann, um die Moral meiner Kollegen aufzubauen – Worte, kleine Gesten, ein Lächeln, wenn möglich.

Wir fuhren weiter. Das Atlantik-Crossing begann genau in dieser Stunde. Es ist das vierte Mal in diesem Jahr, dass ich über den Atlantik fahre. Doch diesmal fühlte es sich anders an, schwerer, trauriger.

Die Blumeninsel Madeira

Madeira, die Insel des ewigen Frühlings – ein Ort, an dem Sommer und Winter nahtlos ineinander übergehen. Als größte von fünf Inseln, die eine portugiesische Provinz bilden, liegt Madeira etwa 580 Kilometer von der afrikanischen Küste entfernt.

Funchal, die Hauptstadt, ist eine farbenprächtige Stadt voller schattiger Gassen, in denen überall Blumen blühen. Schon Captain Cook notierte 1768, dass diese Insel „von der Natur überaus reich beschenkt“ sei. Und das ist sie tatsächlich. Die Bewohner Madeiras haben in Jahrhunderten mühsamer Arbeit aus abschüssigen Hügeln beeindruckende Terrassenlandschaften geformt, die mit Liebe und Hingabe gepflegt werden.

Das Klima könnte kaum besser sein. Die Temperaturen liegen das ganze Jahr über um die 20 Grad – etwas niedriger im Winter, ein wenig höher im Sommer. Das kristallklare Meer lädt stets zum Baden ein.

Die Insulaner, die von Seefahrern, Glücksrittern und Soldaten abstammen, tragen in ihren stolzen Gesichtern oft die Züge maurischer Piraten oder englischer Soldaten. Doch unabhängig von ihren Wurzeln haben die Madeirenser eine enge Verbindung zur portugiesischen Kultur und Sprache bewahrt. Ihre höfliche, stolze Art und ihr tief verwurzelter Stolz auf ihre paradiesische Heimat machen sie zu außergewöhnlichen Menschen.

27. Dezember 1995 – Italia Prima auf See – Atlantiküberquerung

17:00 Uhr 30° 35' N, 23° 32' W Wassertiefe: 5400 m, Lufttemperatur: 22°C, Wassertemperatur: 23°C, Windstärke: 5 Beaufort

Von Funchal bis Antigua liegt eine Strecke von 2567 Seemeilen vor uns – eine Herausforderung, die wir in sechs Tagen meistern wollen. Heute startete ich voller Energie und machte mich daran, die Cafeteria auf Deck 5 zu organisieren. Es ist ein Kraftakt, aber ich finde, wir schlagen uns erstaunlich gut, obwohl die Bedingungen alles andere als ideal sind.

Die Cafeteria ist eigentlich für höchstens 250 Gäste ausgelegt, doch oft bedienen wir bis zu 400 Menschen. Alles muss täglich auf dieses Deck geschleppt werden, es gab hier keinen Aufzug: Essen, Getränke, Servietten, Besteck. Eine logistische Mammutaufgabe, die jeden Muskel fordert. Doch trotz der Anstrengung läuft es erstaunlich gut.

Generell muss ich erwähnen, dass dieses angebliche 5-Sterne-Schiff wohl von einem völligen Trottel entworfen wurde. Die Hauptküche lag vorne, direkt am Bug – genau an der Stelle, wo das Schiff bei rauem Wetter besonders stark schaukelt. Es war ein wahres Höllenwerk, die ganzen Mahlzeiten unter diesen Umständen zu koordinieren. Und als ob das nicht schon genug wäre, mussten wir das gesamte Essen ohne Aufzug durch das ganze Schiff transportieren, da die Restaurants sich am Heck befanden.

Die Restaurantcrew war praktisch nur mit dem ständigen Hin- und Herschleppen des Essens beschäftigt. Die Logistik war ein Albtraum, und es gab keinen Moment, an dem man wirklich durchatmen konnte. Alles dauerte unendlich lange, und die Gänge des Schiffes, die von vorne nach hinten führen, schienen endlos zu sein. Das ständige Hin und Her war nicht nur physisch anstrengend, sondern zermürbte auch den Geist.

Es war ein stetiger Kampf gegen die Uhr, und obwohl jeder versuchte, das Beste aus der Situation zu machen, war es praktisch unmöglich, mit der Geschwindigkeit und den Anforderungen Schritt zu halten. Die Arbeit an Bord hatte ihren Preis – und der war oft mehr als nur körperlich.

Gestern war ein besonderer Moment: Zum ersten Mal sah ich die Italia Prima von außen. Es war ein seltsames Gefühl, das Schiff, das unseren Alltag dominiert, aus der Distanz zu betrachten – ein schwimmendes Zuhause und gleichzeitig ein Quell unendlicher Herausforderungen. Heute gönnte ich mir einen weiteren besonderen Augenblick. Ich ging hinauf auf das Sonnendeck, ganz nach vorne, über den Bug.

Dort stand ich, hoch oben, mit nichts als dem unendlichen Ozean vor mir. Der Wind war so stark, dass er mich fast umwarf, und doch fühlte ich mich frei. Das ist es, die Essenz der Seefahrt: Abenteuer, Freiheit, das Gefühl, eins zu sein mit der Naturgewalt des Meeres.

Ich trug meine blaue Uniform, fast wie ein Star inmitten dieses Szenarios, doch mein Inneres war alles andere als glamourös. Gedanken übers Leben drängten sich auf. Was mache ich hier eigentlich? Bin ich ein Abenteurer, ein Träumer – oder vielleicht nur ein Narr, der vor irgendetwas davonläuft?

Die Antwort blieb aus. Doch genau in diesen Momenten der Einsamkeit, wenn nur das Rauschen des Meeres meine Gedanken begleitet, fühlt sich das Leben intensiv und echt an.

28. DEZ. 1995 – ITALIA PRIMA AT SEA Es scheint, als würde sich alles langsam wieder normalisieren. Jedenfalls in den Bereichen, in denen ich tätig bin, wird die Arbeit zwar immer noch hart, aber sie geht zunehmend schneller und besser voran. Es ist ein kleiner Fortschritt, den wir alle dringend brauchen. Dienstpläne? Noch immer Fehlanzeige. Der Maitre, Harro, ist meiner Meinung nach inzwischen ziemlich am Ende. Es scheint, als ob er einfach durchhält, ohne zu wissen, wie lange er das noch tun kann. Es ist schwer zu sagen, ob es einfach nur Erschöpfung ist oder ob auch die ständigen organisatorischen Probleme ihm das Genick brechen. Aber als Maitre hat er natürlich das Sagen, auch wenn er selbst nicht immer den Überblick hat.

29. DEZ. 1995 – ITALIA PRIMA AT SEA Ich fühle mich wieder relativ fit, auch wenn die Schmerzen in meinen Knöcheln immer noch anhalten. Doch insgesamt geht es mir gut – ich schaffe es, mich durchzubeißen. Heute haben wir wieder schlechtes Wetter, der vierte Tag in Folge auf See, und der Himmel bleibt den ganzen Tag über wolkenverhangen, mit starkem Regen und acht Beaufort Wind. Ich hatte die Gelegenheit, zum Friseur zu gehen, und habe mir eine schöne Kurzhaarfrisur verpassen lassen. Danach habe ich noch hundert Liegestütze gemacht, um mich zumindest körperlich ein wenig auszulasten und den Kopf frei zu bekommen.

Was mir jedoch wirklich Sorgen bereitet, ist Harro, mein Maitre. Er wirkt völlig erschöpft und ich frage mich, ob er noch durchhält oder bald zusammenklappt. Man merkt, dass er mit den Umständen nicht mehr wirklich zurechtkommt – es ist, als ob ihm die Kompetenz oder vielleicht die Energie fehlt, die er eigentlich bräuchte. Trotzdem respektiere ich ihn als meinen Vorgesetzten, auch wenn es manchmal schwer fällt, nicht auch mal einen Moment an seine eigenen Grenzen zu denken. Jetzt verstehe ich auch warum er damals die Hanseatic in letzter Minute nicht übernehmen durfte. Auch dort war die Situation zum Zeitpunkt seiner Übernahme sehr angespannt. Meine Ratings waren damals für alle extrem überraschend und das wollte man nicht in die Hände von Harro legen und nun ist er hier mein Vorgesetzter.

Der Umgang mit den Mädchen macht mir dagegen viel Freude. Ihre Sorgen sind einfach ein Teil des Lebens an Bord, sie lachen, weinen und finden trotzdem immer wieder ihre eigenen Wege, mit den ständigen Herausforderungen umzugehen. Es sind diese kleinen Momente, die mir helfen, das Chaos zu überstehen und mich an den menschlichen Aspekten der Arbeit zu erfreuen.

30. DEZ. 1995 – ITALIA PRIMA AT SEA Der Dienstbeginn war eigentlich für 10:30 angesetzt, aber ich war schon um 6:30 wach und entschloss mich, etwas Sport am Achterdeck zu machen, während die Sonne aufging. Es war eine willkommene Abwechslung, um den Kopf frei zu bekommen. Danach schrieb ich einige Seiten Fax an Freunde, eine kleine Verbindung zur Heimat. Überraschenderweise bekam ich am Abend schon eine Antwort von einer Bekannten. Ich war ziemlich aufgeregt, als ich mein erstes Fax zurückbekam. Es war ein kleiner Moment des Erfolgs inmitten des Chaos.

Der restliche Abend verlief überraschend ruhig. Nach dem Dienst verbrachte ich noch einige Zeit in der Crewbar und ließ die letzten Tage etwas Revue passieren. Nun waren wir alle gespannt, wie der Jahreswechsel wohl ablaufen würde, was uns noch bevorstand und wie das Ende dieses chaotischen, aber spannenden Jahres aussehen würde.

31. DEZ. 1995 – ITALIA PRIMA AT SEA Der letzte Tag des Jahres fühlte sich wie ein echter "Durchlauferhitzer" an – viele Stunden, viele Aufgaben, aber trotzdem kaum Struktur. Zum Glück sind beim Atlantiküberqueren die Tage aufgrund der Zeitverschiebung 25 Stunden lang, was die Zeit etwas dehnt. Doch das Wetter war miserabel – den ganzen Tag über war es bewölkt, und die Stimmung an Bord spiegelte das wider.

Das Frühstück in der Cafeteria war ein absolutes Chaos. Zuerst checkte die Crew nicht richtig ein, dann stürmten uns die Gäste, und als ob das nicht genug gewesen wäre, brach auch noch unsere Kaffeemaschine zusammen, gefolgt von der Teemaschine. In der Hauptküche passierte das Gleiche. Es war wirklich ein Witz, und ich dachte, die Gäste würden uns jetzt endgültig zur Strecke bringen. Wir haben mittlerweile so gut wie keine funktionierenden Geräte mehr an Bord. In den Bars gibt es nur eine einzige Gläserspülmaschine, was bedeutet, dass wir täglich 1.500 Gläser mit der Hand polieren müssen. Der Teppich im riesigen Speisesaal wird mit einigen Besen gereinigt die ich auf Funchal kaufte, da es keine funktionierenden Staubsauger gibt.

Durch die italienischen Bordtechniker erfuhr mit der Stromspannung für das Hotel etwas nicht stimmt, daher brannten sämtliche Geräte durch Überspannung step by step durch.

Gestern zerbrachen durch eine Welle auch noch 250 Sektgläser auf einen Schlag – einfach unglaublich.

Am Nachmittag, als ich am Achterdeck liege und auf das vergangene Jahr zurückblicke, wird mir klar, wie viel ich tatsächlich erlebt habe. Zuerst die Hanseatic mit Südamerika und der Antarktis, dann ein Urlaub in Südafrika. Zu Hause war ich zwar mit meiner neuen Superbar gescheitert, aber ich hatte dennoch wunderbare Monate in Leibnitz verbracht. Die Trennung von meiner Freundin war ein harter Brocken, doch sofort danach ging es auf die Attersee-Saison zu der wirklich verrückten Familie Fellner. Im Oktober dann die Karibikfahrt auf der MS Calypso, ein Job, der mir unglaublich viel Spaß gemacht hat obwohl das gesamte Kreuzfahrtschiff eigentlich nur mehr ein Seelenverkäufer war. Und jetzt sitze ich hier, im letzten Abschnitt des Jahres, auf der Ms Italia Prima, dem 5* Schiff von Neckermann. Sämtliche Nautiker und Seemänner sind hier Italiener. Capitano de la Rosa, ein toller Italiener, ein Vatertyp mit großem Herz und noch größeren Bauch.

1. JAN. 1996 – ITALIA PRIMA AT SEA Heute ist unser letzter Seetag, das Crossing neigt sich dem Ende zu. Es ist eine merkwürdige Mischung aus Erleichterung und Nervosität, mal sehen, ob wir pünktlich ankommen. Der letzte Tag auf See fühlt sich immer etwas surreal an. Alle bereiten sich vor, das Ende der Reise zu erleben, doch es gibt immer noch so viele kleine Aufgaben, die erledigt werden müssen.

2. JAN. 1996 – ST. JOHN / ANTIGUA In St. John, Antigua, liegen wir an einer Pier mitten in der Stadt. Es fühlt sich an, als wären wir direkt am Hauptplatz, umgeben von unzähligen Karibikständen, an denen Souvenirs verkauft werden. Der Tag war lang und anstrengend, aber es gelang mir dennoch, nachmittags für ein paar Stunden zum Strand zu gehen. Mit fünf russischen Mädchen ging es zum Traumstrand, ein Paradies aus unberührter Natur und kristallklarem Wasser. Es war genau das, was wir alle gebraucht haben, um uns zu erholen.

Am Abend hatten wir mit Harro ein längeres Meeting. Er stellte neue Spielregeln auf, erklärte uns, für welche Vergehen es Teatime gibt. Die Art, wie er es präsentierte, war etwas schroff, und sofort waren die Mädchen verärgert. Doch ich beruhigte sie und sagte: „Keine Sorge, es wird nie so heiß gegessen, wie es gekocht wird.“ Es war mein Versuch, die Situation etwas zu entschärfen und sicherzustellen, dass der Zusammenhalt in der Crew nicht gefährdet wird.

ANTIGUA STORY Antigua, die Insel zwischen dem Atlantik und dem Karibischen Meer, sieht aus der Luft oder auf der Karte aus wie eine Amoebe. Diese ungewöhnliche Form hat der Insel zu einer unglaublichen Anzahl an Stränden verholfen – einer schöner als der andere, und jeder Tag des Jahres könnte auf einem anderen verbracht werden.

Schon im 18. Jahrhundert war die Küste von Antigua von strategischer Bedeutung. Die um die Vorherrschaft in der Karibik kämpfenden Franzosen, Spanier und Briten versuchten, die Insel in ihren Besitz zu bringen, da der geschützte Hafen von British Harbour einer ganzen Kriegsmarine Unterschlupf bieten konnte. Heute schaukeln dort nur noch Luxusjachten, und jedes Jahr kommen weltbesten Skipper zur jährlichen Segelwoche Ende April.

Antigua ist auch trockener als viele andere Karibikinseln, was sich unter Sonnenanbetern längst herumgesprochen hat. Doch der Passatwind sorgt für eine ständige, erfrischende Brise. Die 66.000 Einwohner von Antigua leben nach einem einfachen Prinzip: Nichts wird eilig getan. Ruhe ist die oberste Pflicht hier.

Christopher Columbus entdeckte Antigua auf seiner zweiten Reise im Jahr 1493. Es ist faszinierend, wie die Geschichte der Insel so tief in die europäische Entdeckungsgeschichte eingreift und bis heute das Leben hier prägt.

3. JAN. 1996 – POINT AU PITRE / GUADELOUPE Schon um neun Uhr morgens zog ich von der Pier in die direkt angrenzende Stadt und schlenderte durch die engen Gassen. Die französische Atmosphäre ließ mich für einen Moment den Stress des Schiffsalltags vergessen. Ich verbrachte mehr als eine Stunde damit, eine Telefonkarte zu finden, und endlich hatte ich die Gelegenheit, mit Papa zu sprechen. Gott sei Dank geht es ihm wieder gut, er ist wohlauf. Mein alter Herr ist eben ein wahres Wunder.

Es war ein unbeschreibliches Vergnügen, im Cafe zu sitzen und das Hafentreiben zu beobachten. In den französischen Häfen geht es alles sehr gepflegt zu, die Leute laufen in weißen Uniformen herum – ganz anders als in Südamerika, wo man an der Pier manchmal nicht sicher ist. Es ist ein intensives Leben hier, und das gefällt mir.

Am Abend gab es wieder Probleme, diesmal mit T 139, einer älteren Dame, die erst mit 60 Jahren heiratete. Sie schickte dreimal die Hauptspeise zurück und beschwerte sich unentwegt. Die Nebentische begannen sich bereits zu beschweren, dass diese ständigen Reklamationen den Urlaub vermiesen würden. Harro wollte mit mir über neue Strukturen sprechen – wohl ein Befehl von oben. Im Laufe des Tages drohten fünf Mädchen beim Hotman auszusteigen, wenn das Chaos an Bord nicht bald ein Ende hätte.

Überraschender Weise hatten wir ja wirklich sehr viele italienisch sprechende Gäste an Bord! Es scheint, dass die italienischen Gäste eine viel entspannendere Haltung hatten, was die Kommunikation und den Service angeht. Ihre Freundlichkeit und Gelassenheit haben es euch ermöglicht, trotz der Sprachbarriere eine gute Beziehung zu ihnen aufzubauen und ihre Wünsche zu erfüllen. Im Gegensatz dazu scheint es bei den deutschen Gästen eine ganz andere Dynamik gegeben zu haben – möglicherweise haben sie höhere Erwartungen oder waren ungeduldiger, was mehr Stress verursacht hat.

Es ist faszinierend, wie unterschiedlich Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen in ähnlichen Situationen reagieren. Diese Erfahrung zeigt, wie wichtig es ist, Geduld und Flexibilität zu haben, besonders in einem internationalen Umfeld, und wie positiv sich eine freundliche und entspannte Mentalität auswirken kann.

SMARAGDINSEL Guadeloupe, das aussieht wie ein Schmetterling, besteht aus zwei Inseln, die durch eine Zugbrücke miteinander verbunden sind. Die größte Insel der Französischen Antillen liegt etwa in der Mitte der Kleinen Antillen. Columbus benannte sie nach dem spanischen Kloster Santa Maria de Guadeloupe in Estremedura. Für die karibischen Indianer, die hier lebten, war sie einfach „Karukera“ – „Insel der schönen Gewässer“.

Die beiden Inselteile sind deutlich unterschiedlich, und ihre Namen passen nicht wirklich zu ihnen. Grande Terre („Großes Land“) ist kleiner, trockener und flacher, während Basse Terre („Niedriges Land“) mit der gleichnamigen Hauptstadt und dem schlummernden Vulkan La Soufrière grüner und hügeliger ist.

Guadeloupe ist ein Stück Frankreich, doch der französische Käse und Wein sind von dem typischen würzigen Duft der Karibik umhüllt. Voodoo, Geisterglaube und Hahnenkämpfe – all das gehört zur kreolischen Kultur und zum Alltag, wie das französische Kleingeld.

Ein großes Problem der Insel ist die hohe Bevölkerungsdichte – rund 400.000 Menschen leben auf Guadeloupe. Trotz dieser Dichte strotzt die Insel vor Lebenslust und hat dennoch eine ganz eigene Ruhe. Man könnte sagen, es ist ein wahres Inselparadies.

4. JAN. 1996 PORT DE FRANCE / MARTINIQUE                                                           Ein großartiger Tag begann für mich bereits um 6 Uhr mit dem Frühstück. Um exakt 8 Uhr liefen wir in Port de France ein. Am Nachmittag, als ich früher als üblich vom Schiff kam, fuhr ich mit einigen Köchen zu einem Privatstrand. Nach einem kurzen Badegenuss fand ich mich völlig erschöpft in der Sonne liegend wieder und schlief ein. Als ich gegen 17 Uhr wieder aufwachte, war ich völlig desorientiert. Schnell sprang ich ins Taxi und fuhr zurück in die Stadt.

Ich bummelte durch Port de France, und ich muss sagen, dass mir diese Stadt in der Karibik besonders gut gefällt. Sie hat einen ganz eigenen Flair. Es war bereits mein dritter Besuch hier, und natürlich ging ich wieder in die Mayflower Bar.

Im Hafenbecken lagen die beiden Supergiganten, die Regal Princess und ihr Schwesterschiff, nebeneinander. Zusammen hatten sie mehr als 4000 Gäste an Bord. Der Anblick war wirklich überwältigend.

Perle der Antillen

Madina (Blumeninsel) nannten die Indianer früher treffend diese Insel, ein tropischer Garten voller Farben und Düfte. Als Kolumbus die Insel entdeckte, bezeichnete er sie als das fruchtbarste und lieblichste Fleckchen Erde und taufte sie nach dem heiligen Martin. Martinique, die südlichste der französischen Antillen, liegt zwischen Dominica und St. Lucia. Auf den 1.100 Quadratkilometern leben etwa 400.000 Menschen. Den Frauen der Insel wird eine besondere Schönheit nachgesagt, was ich nur bestätigen kann.

Martinique gehört zu Frankreich, seit 1946 nicht mehr als Kolonie, sondern als Department mit einem Abgeordneten im französischen Senat. Man fährt französische Autos, zahlt in Franc und sieht Gendarmen in französisch anmutenden Cafés und Boutiquen. Aber dennoch fühlt man sich hier nicht ganz wie in Frankreich. Auf dieser Insel geht es, wie auf allen anderen karibischen Inseln, sehr entspannt zu – lass dich davon anstecken

5. JAN. 1996 ST. LUCIA                                                                                                         Bei bestem Karibikwetter machte ich mich schon sehr früh mit Astrid und Jacqui auf den Weg zu einem Strand. Es war eine schöne Fahrt von etwa anderthalb Stunden, und ich habe dort einige tolle Fotos gemacht. Danach ging es weiter nach Castries zum Markt.

Arbeitsmäßig läuft das Programm immer besser, und es macht richtig Spaß, wieder ins Arbeitsleben einzutauchen!

Juwel der Antillen

Die paradiesische Vulkaninsel St. Lucia, die zwischen Martinique und St. Vincent liegt, gehört zu den landschaftlich reizvollsten Inseln der Karibik. Hier gibt es wilden Dschungel, hügeliges Ackerland und hinreißende Strände. Besonders bemerkenswert ist der Vulkan, in dessen Krater man gefahrlos blicken kann.

Viele Menschen lieben diese Insel wegen ihrer französischen Atmosphäre. Zahlreiche Ortsnamen erinnern an Frankreich, von der Hauptstadt Castries bis zu Vieux Fort im Süden. Auch die meisten der 15.000 Einwohner sprechen ein französisches Patois, obwohl die Amtssprache Englisch ist.

6. JAN. 1996 PORT OF SPAIN / TOBAGO                                                                           Es gibt Häfen, die einem immer aufs Neue interessant erscheinen, aber Port of Spain gehört definitiv nicht dazu! Es ist immer derselbe verrostete Hafen mit seinen versunkenen Schiffen. Das Wasser ist unglaublich voll mit Millionen von Quallen. Landschaftlich sind Tobago und Trinidad zwar sehr schön und perfekt in diese kleine Antillengruppe eingefügt, doch leider wird das Ganze von den Spaniern verwaltet, was dazu führt, dass es nicht so gepflegt abläuft wie auf französischen oder englischen Inseln.

Ich liege hier schon seit Stunden am Achterdeck und genieße das Leben mit einer Zigarre und Musik von Eric Clapton. An Bord hat sich die Struktur dank der Hilfe aller stark verbessert. Natürlich jammern meine Mädels immer, aber das scheint wohl in der Natur der Frauen zu liegen. Nachts veranstalteten sie ein Meeting und wollten den Maitre unter Druck setzen, aber daraus wurde nichts, da sie sich untereinander überhaupt nicht einig waren und nicht wussten, was sie eigentlich fordern sollten.

Trinidad und Tobago

Mit 4.827 Quadratkilometern ist Trinidad die mit Abstand größte Insel der Kleinen Antillen und liegt nur durch den maximal 27 Meter tiefen Golf von Paria von der venezolanischen Küste getrennt. Im Aufbau gehört die Insel zum südamerikanischen Subkontinent und wird durch drei parallele Gebirgsketten bestimmt, die in west-östlicher Richtung verlaufen.

1532 entdeckte Columbus bei seiner dritten Reise diese Insel.

7.JAN. 1996 BONAIRE                                                                                                          Wir nähern uns immer mehr dem südamerikanischen Kontinent, und die Reise durch die Karibik führt uns heute nach Bonaire, die östlichste der ABC-Inseln. Die vergangenen Wochen waren ein einziges Chaos, das wir erstaunlicherweise überstanden haben. Ein Rückblick lässt einen oft staunen, wie weit wir bereits gesegelt sind – ein Gefühl, das in Momenten wie diesen besonders eindringlich wird.

Auf dem Schiff sind wir alle eine wilde Truppe geworden. Die Mädchen aus der Crew stehen den nautischen Offizieren in Sachen Abenteuerlust in nichts nach. Diese Mischung aus Freiheit, Stress und einem Hauch von Wahnsinn macht uns zu einer besonderen Gemeinschaft.

Bonaire selbst ist wie aus einer anderen Welt. Das Wasser im Hafenbecken ist so unglaublich sauber, dass man beinahe bis auf den Grund sehen kann, ein Anblick, der mich sofort an die Südsee erinnert. Nach meiner geliebten Tea Time sprang ich kurzerhand vom Schiff ins Wasser und drehte mit den Fischen eine Runde. Es war, als würde die Natur selbst einen Moment der Ruhe schenken.

Am Abend endete ich in der Crewbar, ein Ort, an dem Geschichten und Flaschen gleichermaßen geteilt werden. Eine Stunde Schlaf war alles, was mir blieb, bevor es um fünf Uhr morgens wieder losging.

Bonaire – Naturparadies der Karibik

Die Insel ist ein wahres Juwel. Ihre Saumriffe gehören zu den schönsten der Karibik und ziehen Taucher aus aller Welt an. Die farbenfrohen Flamingos, die in Scharen durch die Salzseen waten, übertreffen in ihrer Zahl sogar die Menschen auf der Insel. Vogelliebhaber könnten hier Tage verbringen, ohne jemals genug zu bekommen.

Bonaire liegt etwa 80 Kilometer vor der Küste Venezuelas und ist geprägt von seiner Trockenheit. Kakteen und stachelige Gewächse dominieren das Bild. Besonders im Süden verläuft die Landschaft in eine seltsam faszinierende Welt aus Salzteichen und Dünen, die an eine Mondlandschaft erinnert. Der Hauptort Kralendijk liegt geschützt in der zentralen Westbucht – eine kleine, ruhige Gemeinde, die den entspannten Charme der Insel verkörpert.

Wenn man hier steht und die glasklare See betrachtet, wird einem bewusst, wie klein der Mensch ist und wie groß die Welt. Und doch gibt es in solchen Momenten einen Hauch von Frieden, der das Chaos an Bord für kurze Zeit vergessen lässt.

8. JAN.1996 / CURACAO                                                                                                     Trotz der üblichen Müdigkeit, eine Stunde Schlaf ist beinahe schon der Standard, zog es mich am Nachmittag an den Beach. Drei Stunden verbrachte ich am Sea Aquarium Beach, gemeinsam mit Britta und Astrid L. Es war ein herrlicher Tag, einer dieser seltenen Momente, in denen man die Strapazen des Bordalltags für kurze Zeit vergessen kann.

Curaçao ist für mich eine Insel zum Leben. Wenn ich die schönsten Orte der Welt auflisten müsste, wäre diese Insel ganz vorne dabei. Willemstad, die Hauptstadt, hat eine einzigartige Ausstrahlung, gepflegt, bunt und voller Charme. Die Häuser mit ihren niederländischen Giebeln wirken wie aus einem Bilderbuch, und die Straßen strahlen eine einladende, lebendige Atmosphäre aus. Dazu kommen die traumhaften Strände und ich gebe es offen zu die schönen Frauen.

In der Nacht, um 1:00 Uhr, hieß es wieder: „Leinen los.“ Wie immer sammelte sich die Crew am Achterdeck, um dem Ablegen beizuwohnen. Es ist ein ungeschriebenes Ritual, das uns zusammenschweißt. Wir standen da, bis die Lichter der Insel langsam am Horizont verschwanden und nur noch die Erinnerung an diesen perfekten Tag blieb.

Curaçao – Insel der Vielfalt

Willemstad, die Hauptstadt der Niederländischen Antillen und Curaçaos, ist das Herzstück dieser 60 Kilometer langen und 12 Kilometer breiten Insel. Mit rund 150.000 Einwohnern, die aus den verschiedensten Kulturen stammen, ist Curaçao ein wahres Mosaik der Nationalitäten.

Das Landesinnere hat seinen ganz eigenen Charme. Zwischen trockenen, windigen Landschaften erstrecken sich Kakteenfelder, und die ikonischen Divi-Divi-Bäume neigen sich wie Tänzer im Wind. Hier und da stehen vereinzelte Windmühlen und alte Kolonialsitze, Relikte der niederländischen Vergangenheit, die sich auch in der Architektur widerspiegelt.

An den Tagen, an denen Kreuzfahrtschiffe anlegen, erwacht die Insel früh zum Leben. Spielkasinos öffnen ihre Türen für die Passagiere, und die Geschäfte verzichten auf ihre sonst übliche Mittagspause. Das wirtschaftliche Herz der Insel schlägt dann schneller, aber trotzdem bleibt Curaçao entspannt und liebenswert.

Diese Mischung aus kultureller Vielfalt, natürlicher Schönheit und entspanntem Lebensstil macht Curaçao zu einem Ort, an den ich gerne zurückdenke – eine Insel, die ihren Platz in meinem Herzen gefunden hat.

9. JAN. 1996 ARUBA                                                                                                             Hier, auf Aruba, geht eine total verrückte Kreuzfahrt zu Ende. Wochen voller Chaos, Abenteuer und schlafloser Nächte liegen hinter uns, doch im Gegensatz zu vielen anderen an Bord hatte ich nicht einmal ernsthaft daran gedacht, auszusteigen. Irgendwie war das alles auch ein Teil von mir geworden, das wilde Leben auf See, die unerwarteten Wendungen und die magischen Momente dazwischen.

Heute nahm ich mir fest vor, eine letzte schöne Overnight zu genießen. Tagsüber gönnte ich mir sieben Stunden Freizeit – ein Luxus, den man sich nach so einer Reise ruhig einmal nehmen darf.

Doch die Nacht gehörte mir allein. Um 22 Uhr verließ ich das Schiff und schlenderte durch die Stadt, ganz ohne Ziel, einfach nur, um die Atmosphäre Arubas aufzusaugen. Es war diese besondere Ruhe der karibischen Nächte, die das Herz beruhigt und den Kopf frei macht.

Gegen Mitternacht lief ich zufällig Biggi über den Weg. Sie hatte wohl denselben Gedanken wie ich: ein würdiger Abschied von dieser Reise, irgendwo zwischen Freiheit und Vergessen. Wir landeten in einer kleinen, legeren Bar und gönnten uns eine Flasche Blanc de Blanc. Der Abend war federleicht, kein Stress, kein Zeitdruck, einfach nur das Hier und Jetzt.

Irgendwann zog es uns weiter, und wir spazierten durch die nächtliche Stille, die nur vom Wind und dem leisen Rauschen des Meeres unterbrochen wurde. Irgendwo, ich könnte nicht einmal sagen, wie wir dorthin kamen, landeten wir an einem einsamen Privatstrand. Wir ließen uns im Sand nieder, während der Vollmond die Szenerie in ein silbriges Licht tauchte..

Fetzige Gespräche, Lachen, Schweigen alles hatte seinen Platz. Wir blieben bis in die frühen Morgenstunden, als die ersten Lichtstreifen am Horizont den neuen Tag ankündigten.

Aruba, du hast einen würdigen Abschluss für diese verrückte Reise geliefert. Ein letzter Moment der Freiheit, des Lebensgefühls, das man nur hier draußen auf See so intensiv spürt. Unvergesslich!

10. JAN. 1996 ARUBA                                                                                                          Eine neue Reise beginnt, und was für ein Unterschied! Nach der anstrengenden und chaotischen letzten Tour ist es fast wie eine Belohnung, dass wir nun eine angenehme Gruppe von Passagieren an Bord haben. Schon am ersten Abend waren wir alle überrascht: Es geht mit Stil los, das Arbeiten macht Spaß, und die Atmosphäre an Bord ist nicht mit der vorherigen Reise zu vergleichen. Es fühlt sich an, als hätte das Schiff selbst einen Neuanfang gewagt.

Aruba – Insel der Vielfalt

Nur etwa 20 Kilometer vor der Küste Venezuelas gelegen, bietet Aruba viele Gründe für einen Besuch. Die Sandstrände sind typisch karibisch, endlos und strahlend weiß, und die Möglichkeiten für Wassersport sind nahezu unbegrenzt. Doch die Insel hat weit mehr zu bieten: Oranjestad, der Hauptort, lockt mit seinem farbenfrohen Markt und den pastellfarbenen Giebelhäusern, die dem niederländischen Kolonialstil entsprungen scheinen.

Aruba mag einst im Schatten der größeren Nachbarinsel Curaçao gestanden haben, doch ihre verborgenen Reize sind einzigartig. Die Freundlichkeit der Menschen und die reizvolle Landschaft verleihen der Insel eine warme, einladende Ausstrahlung.

11. JAN. 1996 CARTAGENA                                                                                        Cartagena, eine große, beeindruckende Stadt, die mich sofort fasziniert. Besonders die natürliche Einfahrt zum Hafen ist spektakulär: Kleine Inseln säumen den Weg, und das Hafenbecken wirkt wie ein verstecktes Juwel. Doch heute hängt eine Dunstglocke über der Stadt, die Schwüle mit fast 100 % Luftfeuchtigkeit ist erdrückend.

Der Arbeitstag ist lang, und es dauert bis zum Nachmittag, bevor ich endlich kurz aus dem Hafen komme. Schon der Weg hinaus ist ein Abenteuer: Viele Militärkontrollen säumen die Straßen, und jeder scheint nach Rauschgift zu suchen. Selbst die Taxifahrt wird zur Herausforderung, denn die Fahrer streiten fast darum, wer uns fahren darf.

Unser Ziel ist einfach: ein kühles Bier. Doch wo landen wir? In einer Seitengasse in einem Privatbordell. Die Umstände sind, gelinde gesagt, schlicht, aber immerhin ist es sauber. Kinder spielen im Hof und werden schnell weggeschickt, während eine Reihe von Mädchen uns freundlich begrüßt. Wir sind zu dritt, und jede von ihnen gesellt sich zu einem von uns. Doch bei dieser drückenden Hitze wird die Aufmerksamkeit der Mädchen bald lästig, obwohl sie durchaus hübsch sind. Nach zwei Bier zahlen wir schnell und machen uns aus dem Staub.

Cartagena – Die Stadt der Mauern

Die Mauern von Cartagena haben über vier Jahrhunderte hinweg eine der ältesten Städte Amerikas geschützt. Dieses Bollwerk der spanischen Kolonialzeit war einst der Umschlagplatz für die sagenhaften Schätze der Neuen Welt: Smaragde, Gold und andere Kostbarkeiten passierten diesen Hafen. Gegründet 1533 vom Konquistador Pedro de Heredia, wurde die Stadt zum Ziel englischer und französischer Angriffe, oft durch Piraten wie Sir Francis Drake.

Trotz aller Verteidigungsmaßnahmen vertrauten die Siedler am Ende oft nur noch der Virgen de Candelaria, ihrer Schutzpatronin. Heute verbindet Cartagena als modernes Hafen- und Industriezentrum seine lebendige Vergangenheit mit der Gegenwart. Besonders die Altstadt mit ihren malerischen Straßen und historischen Gebäuden bewahrt den Charme vergangener Zeiten.

Die Eindrücke dieses Tages – von der imposanten Einfahrt bis hin zu den flirrenden Straßen – werden mir noch lange in Erinnerung bleiben. Cartagena hat etwas Einzigartiges, das sich schwer in Worte fassen lässt. Ein Hauch von Abenteuer, Geschichte und lebendiger Gegenwart.

12. Jan. 1996 SAN BLAS ISLANDS                                                                                      Die San-Blas-Inseln vor der Küste Panamas sind ein wahrer Schatz. Sie erinnern an die Malediven, mit ihrem türkisfarbenen Wasser und den winzigen Inseln, die wie grüne Edelsteine im Ozean liegen. Doch hier ist alles anders, ursprünglich, wild und voller Geschichte.

Die Indianer, die hier leben, führen ein einfaches Leben. Ihre Dörfer bestehen aus Stroh- und Bambushütten, und sie ernähren sich hauptsächlich vom Fischfang. Berühmt sind sie für ihre Molas, diese farbenfrohen, handgewebten Stoffe mit faszinierenden Mustern. Natürlich konnte ich nicht widerstehen und habe drei dieser Kunstwerke gekauft – ein Stück dieser Inselgruppe, das ich mitnehmen kann.

Trotz ihrer Schönheit fordert die Natur hier alles ab. Die Luftfeuchtigkeit ist kaum zu ertragen, fast unerträglich sogar für mich. Nach fünf Minuten ist man komplett durchgeschwitzt, und das Atmen fällt schwer. Für unsere älteren Gäste ist es eine sichtliche Herausforderung, und manche mussten früher zurück aufs Schiff gebracht werden.

Im Hintergrund erhebt sich das mächtige mittelamerikanische Gebirge, das von dichtem, dunstigem Urwald überzogen ist. Diese Szenerie wirkt wie aus einer anderen Welt, ein Kontrast zwischen den sanften Stränden und der ungezähmten Wildnis des Festlands.

San Blas – Die Inseln der Cuna

Die Provinz San Blas besteht aus einem schmalen Küstenstreifen Panamas und etwa 100 Inseln, die wie Perlen im Karibischen Meer verstreut sind. Die hier lebenden Cuna-Indios sind der letzte verbliebene Stamm des Chibcha-Volkes, das einst auf einer kulturellen Ebene mit den Mayas stand, bevor die Spanier kamen.

Einzigartig an den Cuna ist, dass sie Vertreter in das panamaische Parlament entsenden, um die Interessen ihres Volkes zu wahren. Sie leben jedoch zurückgezogen, fast wie in einer anderen Zeit. Ihre Molas, die farbenprächtigen Stoffe, haben eine lange Tradition. Einst trugen die Frauen diese nur zu besonderen Zeremonien wie den Initiationstänzen der Mädchen, die den Übergang ins Erwachsenenalter markierten. Die Muster auf den Stoffen gehen auf die alte Hochkultur Amerikas zurück und erzählen Geschichten von Generationen.

Die meisten Inseln der San-Blas-Gruppe haben keine eigenen Trinkwasserquellen. Die Cuna holen ihr Wasser mit Kanus vom Festland, genau wie sie es seit Jahrhunderten getan haben. Ihre Bananen- und Zuckerrohrplantagen gedeihen mit dem Regenwasser, aber die Inseln bleiben eine Herausforderung für das tägliche Leben.

Die San-Blas-Inseln sind mehr als ein Reiseziel. Sie sind ein Blick in eine andere Welt – eine Welt, die sich gegen die Zeit stemmt und in ihrer Ursprünglichkeit einen Zauber bewahrt, der uns alle beeindruckt hat.

13. JAN. 1996 PANAMA KANAL                                                                                         Der Tag begann mit Regen – nein, nicht einfach Regen, sondern einem unaufhörlichen Sturzbach, der den Himmel zu einer einzigen grauen Wand verwandelte. Als ich gegen acht Uhr aus dem Fenster schaute, war die Landschaft kaum zu erkennen. Der dichte Urwald rund um den Panamakanal schien von der endlosen Flut beinahe erdrückt zu werden.

Trotz des Wetters versprach die Durchquerung des Kanals wieder ein faszinierendes Spektakel zu werden, und ich hätte gerne jede Minute davon genossen, wäre ich nicht so erschöpft gewesen. Riesige Frachter glitten neben uns her, ein amerikanisches Kriegsschiff zog vorbei, und über allem donnerte plötzlich eine Staffel F-15-Eagle-Jets hinweg. Die Präsenz der USA in dieser Region ist allgegenwärtig und unübersehbar.

Im Schiffsbetrieb lief es jedoch weniger glatt. Der Tag war ein Desaster. Die Stimmung in der Cafeteria war gereizt, die Mitarbeiterinnen ausgelaugt, und jede schien ihre eigene Vorstellung davon zu haben, wie die Arbeit zu laufen habe. Konflikte waren unvermeidlich, und ich musste durchgreifen, um den Betrieb am Laufen zu halten. Es war einer dieser Tage, an denen man das Gefühl hat, gegen Windmühlen zu kämpfen. 

Am Nachmittag, nach acht Stunden Fahrt, legten wir unter der beeindruckenden Panamericana-Brücke an. Der Regen hörte nicht auf, und ich beschloss, mich im passenden Look auf einen kleinen Ausflug zu begeben. Mit einer Flasche Southern Comfort bewaffnet, zog ich im strömenden Regen los, eine Stunde durch Pfützen und Matsch, die Flasche fest in der Hand. Am Ende war ich klatschnass, aber irgendwie tat es gut, einfach rauszukommen und den Kopf frei zu bekommen.

Weltknotenpunkt: Der Panamakanal

Der Panamakanal ist ein Meisterwerk der Ingenieurskunst, das seit über 80 Jahren beinahe reibungslos funktioniert. Er erstreckt sich über 80 Kilometer und verbindet den Atlantik mit dem Pazifik, wodurch die wochenlange, gefährliche Umrundung von Kap Hoorn überflüssig wird. Die Fahrt durch den Kanal dauert nur acht bis neun Stunden – ein beeindruckender Kontrast zu den Monaten, die früher benötigt wurden.

Die Geschichte des Kanals ist jedoch von Tragödien und unermesslichen Anstrengungen geprägt. Bereits 1513, als Vasco Núñez de Balboa den Pazifik von der Landenge aus erreichte, träumte man von einem Durchgang zwischen den Ozeanen. Jahrhunderte später nahm die Vision Gestalt an, als Ferdinand de Lesseps, der Erbauer des Suezkanals, die ersten Arbeiten begann. Doch finanzielle Engpässe, technische Probleme und der Verlust unzähliger Menschenleben an Tropenkrankheiten führten zur Aufgabe des Projekts. Erst die Amerikaner schafften es, den Kanal zu vollenden, indem sie ein System aus Schleusen anstelle eines durchgehenden Kanals auf Seehöhe bauten.

Heute passieren jährlich rund 15.000 Schiffe den "großen Graben". Jedes von ihnen bringt der Kanalgesellschaft erhebliche Einnahmen, und trotz der hohen Gebühren bleibt die Durchfahrt günstiger und sicherer als die lange Reise um Südamerika.

Die Fahrt durch den Panamakanal

Die Durchquerung des Kanals ist ein Erlebnis voller Abwechslung. Vom Hafen Cristóbal am Atlantik führt die Strecke durch die Gatún-Schleusen, die die Schiffe 26 Meter auf das Niveau des Gatún-Sees anheben. Hier beginnt die eigentliche Kanalfahrt, die von tropischem Regenwald umgeben ist.

Ein Highlight ist der künstlich angelegte Gatún-See, dessen Wasser die Schleusen speist. Mitten im See liegt die Barro-Colorado-Insel, ein geschütztes Naturreservat und ein Relikt aus der Bauzeit des Kanals.

Ein weiterer markanter Abschnitt ist der Gaillard-Cut, ein schmaler Durchbruch durch die Kontinentalwasserscheide, der in mühseliger Arbeit in den Fels gesprengt wurde. Die Pedro-Miguel-Schleusen und die Miraflores-Schleusen senken die Schiffe schließlich wieder auf Meereshöhe ab, bevor sie unter der beeindruckenden Panamericana-Brücke in den Pazifik einfahren.

Diese achtstündige Reise ist eine Mischung aus technischer Brillanz und natürlicher Schönheit, ein einzigartiges Erlebnis, das man nicht so schnell vergisst – selbst wenn es, wie heute, in Strömen regnet.

14. JAN. 1996 Auf See                                                                                                             Der Tag begann chaotisch, die verdammte Kaffeemaschine gab den Geist auf. Das bedeutete, dass wir das heiße Wasser und den Kaffee von einem anderen Deck, zwei Ebenen tiefer, heranschleppen mussten, und das für 300 Gäste im Al Gardino. Dieses Café wird langsam zu einer echten Last. Oder ist es einfach nur eine weitere Herausforderung, die bewältigt werden muss?

Ich wollte hier oben im Café eigentlich keine langfristigen Pläne schmieden, aber das Chaos war nicht mehr auszuhalten. Also griff ich zum Stift und entwarf Dienstpläne für die gesamte Reise. Kaum hatte jeder seine festen Aufgaben, lief der Rest des Tages reibungslos – hoffentlich bleibt das so.

Leider bereitet mir mein Fuß zunehmend Sorgen. Er ist seit Tagen geschwollen, schmerzt immer mehr, und ich habe keine Ahnung, was die Ursache sein könnte.

Nach der Durchquerung des Panamakanals gestern segeln wir nun entlang der Pazifikküste, vorbei an Nicaragua und Guatemala. Die Küstenlandschaft in Sichtweite ist atemberaubend.

 

15. JAN. 1996 COSTA RICA                                                                                                Der Maschinendonner des Schiffes weckte mich früh, immerhin ist meine Kabine direkt über der bescheuerten Schiffsschraube, wir  laufen in Puerto Caldera ein. Vor uns erhob sich eine beeindruckende Naturkulisse: zerklüftete Berghänge und dichter Urwald, der bis zu den weißen Stränden hinabreicht. Hier liegen wir wirklich inmitten der Wildnis, denn bis zum nächsten Ort sind es gut 20 Autominuten.

Gegen halb zehn war ich bereits in Punta Arenas, einer kleinen, eher unscheinbaren Stadt. Doch zum Einkaufen entpuppte sich das „Nest“ als wahres Paradies. Ich ergatterte ein Paar originale Fallschirmspringerstiefel. 

Am Nachmittag fuhr ich mit einem Taxi zum Strand. Der Strand war wild, schwarz und irgendwie beeindruckend. Spontan entschloss ich mich, ins Wasser zu gehen. Doch am Ufer fand ich eine zweilitergroße Flasche mit einer grünen Schlange darin, ein Anblick, der mich fast aus der Fassung brachte. Mit Schlangen habe ich es ohnehin nicht, und das war eindeutig nichts für schwache Nerven.

Costa Rica – Ein friedliches Land

Costa Rica, nur 290 Kilometer breit, erstreckt sich auf der schmalen Landbrücke zwischen der Karibik und dem Pazifik. Die sanften Sandstrände der Karibik stehen im Kontrast zur raueren, zerklüfteten Pazifikküste. Von den Gipfeln des Vulkans Irazú aus kann man beide Meere gleichzeitig sehen.

Im Norden grenzt das Land an den Nicaragua-See und den Río San Juan, während im Süden Panama die Grenze markiert. Zwei mächtige Gebirgsketten durchziehen Costa Rica und trennen die feuchten Urwälder der Karibikseite von der Pazifikküste.

Zwischen diesen Gebirgen liegt das zentrale Hochland, die Meseta Central, ein fruchtbares und dicht besiedeltes Gebiet mit Vulkanböden und einem idealen Klima: weder zu heiß noch zu kalt, weder zu feucht noch zu trocken. Hier, in diesem gemäßigten Klima, liegt auch die Hauptstadt San José – eine Stadt, die Costa Ricas Balance zwischen Natur und Kultur perfekt verkörpert

16. JAN. 1996 Auf See                                                                                                            Ein gemütlicher Seetag,  kaum zu glauben, wie ruhig es heute an Bord ist. Die Gäste scheinen alle in bester Laune und verhalten sich vorbildlich. Noch erfreulicher: Meine neuen Dienstpläne funktionieren einwandfrei! Die Arbeitsabläufe sind endlich strukturiert, und alle ziehen mit. Das macht den Tag umso angenehmer.

Der Abend jedoch war das absolute Highlight. Er entwickelte sich weiter mit viel zu viel Wein, einer großzügigen Portion Southern Comfort und diesen Zigarren aus Guatemala.

Diese Dinger setzen mir jedes Mal ordentlich zu, ich konnte nicht einmal mehr richtig die Zunge heben. Vielleicht liegt es an dem seltsamen Kraut in den Zigarren, das mich ein wenig high zu machen scheint. Trotzdem: Es war ein rundum schöner Abend, der nach den stressigen Tagen wie Balsam für die Seele wirkte.

17. Januar 1996 – Guatemala

In San José hatte ich fünf Stunden Zeit, doch außer Müll gab es dort für mich nichts zu sehen. Es war schmutzig und, möchte ich sagen, schlichtweg unnütz. Ich konnte nicht verstehen, warum wir hier überhaupt anlegten. Auf dem Markt bot man gebratene Hunde an, ein Anblick, der mich gleichermaßen schockierte wie abschreckte. 

Am Abend erzählten mir jedoch unsere Gäste von einem faszinierenden Hinterland. Besonders die alten Maya-Kultstätten hatten sie tief beeindruckt und begeistert. Ihre Berichte bekräftigten erneut meinen alten Entschluss: Irgendwann werde ich die Panamericana mit dem Wagen bereisen. Bereits damals, während meiner Zeit auf der Hanseatic, hatte ich mir vorgenommen, dieses Abenteuer zu wagen. Fast zwei Monate lang war die Panamericana zu meiner Rechten – eine ständige Erinnerung an diesen Traum.

Das Land der Maya

Sobald man guatemaltekischen Boden betritt, spürt man die Spuren von Kämpfen und Wirren, die die Geschichte dieses Landes geprägt haben. Zunächst sind da die Naturgewalten: Die Sierra Madre mit ihren 33 Vulkanen, von denen viele noch aktiv sind. Doch auch menschliche Gewalt hat ihren Tribut gefordert.

Die Nachfahren der einst so mächtigen Mayazivilisation konnten den spanischen Konquistadoren nicht lange standhalten. Bereits vor der Kolonialisierung waren viele prächtige Werke der Mayakultur dem Zerfall preisgegeben. Städte und Tempel wurden vom üppigen Grün des Dschungels überwuchert, und zwischen 1524 und 1650 starben sechs von sieben Mayas an Kämpfen oder Krankheiten. Die Überlebenden wurden als Sklaven auf spanische Ländereien geschickt.

Dennoch gelang es den Maya, ihre kulturelle Identität zu bewahren. Die Gesichter der Einheimischen erinnern heute stark an die alten Reliefs von Tikal und Quiriguá. Eine der grundlegenden Gemeinsamkeiten bleibt der Mais, der nach wie vor das zentrale Nahrungsmittel ist.

Guatemala, eingebettet zwischen Karibik und Pazifik, hat heute mit 8,6 Millionen Einwohnern die höchste Bevölkerungsdichte aller zentralamerikanischen Staaten. Trotz der vielen Herausforderungen bleibt das Land mit seiner reichen Geschichte und den beeindruckenden Spuren der Mayakultur ein faszinierender Ort.

18. Januar 1996 – Prima Italia auf See

Ein typischer Tag im Pazifik – die See war so ruhig, wie man es nur vom "El Pacífico", dem Ruhigen Ozean, kennt. Im Laufe des Tages begleiteten uns zahlreiche Delfine, ein faszinierender Anblick, der die Gemüter an Bord erhellte. Einmal zählten wir sicher über dreihundert Tiere auf einmal, die verspielt an unserer Seite schwammen.

Der Abend brachte jedoch keine Ruhe. Es stand das Galabuffet an, und mit doppelter Sitzung bedeutete das vor allem eins: viel Arbeit.

 

19. Januar 1996 – Acapulco, Mexiko

Endlich sind wir da! Acapulco – allein der Name ließ die Vorfreude bei allen spürbar steigen. Besonders auf die Overnight, die uns eine Nacht in dieser lebendigen Stadt versprach, freuten sich alle an Bord.

Acapulco liegt in einer weitgezogenen, wunderschön geschwungenen Bucht. Die Stadt hat zwar einen deutlich amerikanisierten Touch, doch zugleich bewahrt sie sich ihr unverwechselbares mexikanisches Flair. Um 8 Uhr morgens machte ich mich auf den Weg, die Stadt zu erkunden. Einkaufen hier ist ein Vergnügen – die Preise sind angenehm, und das Angebot ist vielfältig. Zugegeben, ich gebe derzeit mehr Geld aus, als ich verdiene, aber es macht unheimlich viel Spaß. Ich genieße das Leben gerade in vollen Zügen.

Im Job habe ich mich inzwischen durchgebissen. Die Abläufe funktionieren, und alles läuft einigermaßen rund. Gerüchteweise wurde ich sogar schon als Maitre-Vertretung oder -Ablöse vorgeschlagen. Doch ehrlich gesagt, fühle ich mich in meiner Rolle als Headwaiter wohl da ich weniger Verantwortung hatte, auch wenn die Bezahlung noch optimiert werden könnte.

Die bevorstehende Overnight weckt meine Neugier. Was sie wohl noch an Überraschungen bereithält?

0. Januar 1996 – Acapulco, Mexiko

Ich hatte mir eine schöne Nacht an Land in einem netten Hotel vorgestellt. Doch wie so oft kam es anders: Von meinem Late-Night-Buffet konnte ich mich einfach nicht losreißen. Dabei hätte ich gern die Distanz der letzten Tage wieder überbrückt.

Ich zog mit Teilen der Crew mitten in die Stadt und wir fanden ein einladendes mexikanisches Restaurant direkt an der Beach Street. Dort saßen wir, in der Stadt und doch am Strand, mit einem wunderbaren Rundumblick über das Lichtermeer Acapulcos. Wir genossen frische Shrimps und tranken Corona, während sich im Laufe der lustigen Nacht auch das halbe Personal zu uns gesellte.

Wir plauderten über die Welt, unsere Arbeit. Es war eine ehrliche, schöne Nacht. Nach nur 20 Minuten Schlaf musste ich jedoch wieder zur Arbeit – aber diese Nacht war es wert.

Die Goldene Bucht

Acapulco ist wirklich ein Ort wie aus dem Bilderbuch. Eingebettet in eine Traumkulisse aus grünen Hügeln, leuchtenden Stränden und dem blauen Pazifik, hat dieser Ferienort kaum Konkurrenz zu befürchten. Hier liegen Kreuzfahrtschiffe neben Fischtrawlern, Segelbooten und luxuriösen Ozeanjachten vor Anker.

Die Strände sind ebenso vielseitig wie die Besucher. Surfer, junge Männer auf der Suche nach der schönsten Bikinischau und alle, die sich an kitschig-schönen Sonnenuntergängen erfreuen, finden hier ihren Platz. Der Hauptstreifen mit seinen großen Hotels bietet genug Raum für alle – so weitläufig und breit ist er.

Noch vor wenigen Jahrzehnten war Acapulco von der Hauptstadt Mexiko-Stadt durch schier unüberwindliche Distanzen getrennt. Erst 1926 wurde die erste befestigte Straße über die Berge eröffnet. Doch mit wachsender Popularität kamen auch die Herausforderungen: Hoteltürme und nervenaufreibende Staus sind der Preis, den Acapulco heute zahlt.

Trotzdem bleibt das Flair ungebrochen. Rund um die Bucht und zu jeder Tageszeit bietet Acapulco Unterhaltung: Mariachi-Kapellen, Stierkämpfe, Volkstänze, Discos, und kulinarische Genüsse von Enchiladas bis hin zu Schwertfischsteaks. Die berühmten Todesspringer, die sich von den Klippen stürzen, faszinieren noch immer. Und wenn Sie wollen, können Sie ein Strandkleid oder einen Tropenhelm kaufen, ohne dabei Ihren Liegestuhl zu verlassen.

Die größte Herausforderung in Acapulco bleibt, die Straßenverkäufer mit einem höflichen „No, gracias“ abzuwehren. Doch trotz all der Ablenkungen erinnert die überwältigende Schönheit der Berge und der Bucht immer wieder daran, dass Acapulco eines der großen Reiseziele dieses Planeten ist.

21. Januar 1996 – Prima Italia auf See

Während die ersten Sonnenstrahlen über das Meer ziehen, beginne ich meinen Tag mit Liegestützen auf dem Achterdeck, begleitet von lauter Technomusik. Wir segeln weiter nordwärts entlang der Pazifikküste, und heute befinden wir uns ungefähr auf der Höhe von Cabo San Lucas.

Diese Region ist ein absoluter Traum. Cabo San Lucas fehlt noch in meinem Reiseprogramm, aber allein der Gedanke daran weckt Vorfreude. Mexiko hat mich auf dieser Reise erneut in seinen Bann gezogen, und ich glaube, ich habe hier ein weiteres Domizil gefunden, an dem ich mir vorstellen könnte zu leben.

Interessanterweise denke ich das in letzter Zeit immer häufiger, dass ich an einem Ort leben könnte. Doch für mich gelten dabei sehr strenge persönliche Richtlinien. Nicht jeder Ort schafft es durch dieses Raster, aber Mexiko scheint alle Kriterien zu erfüllen.

22. Januar 1996 – Mazatlán, Mexiko

Mazatlán – eine weitere wundervolle, ruhige Region mit traumhaften Stränden, die einfach zum Verweilen einladen. Besonders das Shoppen hier hat es mir angetan. Ich habe einige schöne Dinge erstanden, darunter einen faszinierenden Inkagott als Souvenir.

ich unternahm eine Stadtrundfahrt, bei der ich unter anderem die berühmten Todesspringer bewunderten. Für nur fünf Dollar stürzte sich einer von ihnen in schwindelerregende Tiefen.

Die Preise in Mazatlán sind erstaunlich moderat: Steinfiguren gibt es ab 70 Österreichischen Schilling (OES), größere Exemplare kosten etwa 300 OES. Beeindruckende Schiffsmodelle, wahre Meisterwerke, bewegen sich zwischen 1.500 und 5.000 OES – allerdings handelt es sich hierbei um sehr große Stücke. Keramikvasen sind für etwa 800 OES zu haben, während handgewebte Inkateppiche nur 100 OES kosten.

Mazatlán – Die Perle des Pazifiks

Mazatlán hebt sich mit seiner ungezwungenen und authentischen Atmosphäre angenehm von den stärker touristisch geprägten Städten wie Acapulco ab. Hier findet man den Realismus einer Handelsstadt mit rund 250.000 Einwohnern, Mexikos größter Garnelenfangflotte und einem blühenden Industriezentrum.

Die "Perle des Pazifiks" besticht durch ihre atemberaubende Lage in der Bahía de las Olas Altas, am Meer von Cortés. In den umliegenden Gewässern tummeln sich Segelfische und Marlins – ein wahres Paradies für Hochseeangler. Doch auch sportliche Besucher kommen auf ihre Kosten. Die kilometerlangen Strände, die sich über 16 Kilometer erstrecken, laden zu ausgiebigen Spaziergängen ein, vorbei an lebhaften Märkten und zahllosen kleinen Läden.

Der Lebensstil in Mazatlán ist freundlich, entspannt und leger, eine erfrischende Abwechslung inmitten der atemberaubenden Kulisse dieser besonderen Stadt.

Die letzten 48 Stunden waren ungewöhnlich kalt. In Wintermode spazierte ich durch Ensenada, während der Nebel geheimnisvoll über dem Pazifik hing, ein wirklich beeindruckendes Bild.

Wie üblich an einem Einschiffungstag herrschte heute hausgemachte Hektik. Hinzu kam die bevorstehende Überprüfung durch das US Public Health Service (USPH), die immer für zusätzlichen Stress sorgt. Nachts putzte ich zusammen mit 16 Mädchen die Cafeteria. In der Pantry überzog ich alles literweise mit Chlor. Nach vier Stunden harter Arbeit war der Spuk endlich vorbei.

Ensenada – Ein Ferienparadies

Ensenada ist ein Badeort, der Kalifornier in Scharen anzieht – und das aus gutem Grund. Die herrliche Bucht an der Pazifikküste, nur 120 Kilometer von der US-Grenze entfernt, bietet ein breites Spektrum an Freizeitmöglichkeiten: Wassersport, Angelausflüge und ausgiebiges Sonnenbaden stehen hier hoch im Kurs.

Gelegen an der Nordwestküste von Baja California, einer schmalen Halbinsel zwischen dem Golf von Kalifornien und dem Pazifik, ist Ensenada ein Juwel inmitten einer kargen und weitgehend unbewohnten Landschaft. Die Region, geprägt von Wüsten und zerklüftetem Bergland, wird von malerischen, gischtumspritzten Buchten eingerahmt.

Trotz der Kargheit der Baja California gewinnt Ensenada zunehmend an Beliebtheit. Mit über 250.000 Einwohnern verfügt die Stadt über einen bedeutenden Fischerei- und Umschlaghafen.

Die Geschichte Ensenadas ist so wechselhaft wie ihre Lage. Ihre Abgeschiedenheit von Mexikos Festland hat zu einer gewissen Amerikanisierung der Region beigetragen. Die Spanier, die während der Zeit der Konquistadoren die Baja erkundeten, betrachteten das Land als wertlos und siedelten sich nicht an. Heute hingegen nutzen die Menschen die außergewöhnlichen Freizeitmöglichkeiten, die eine der schönsten Buchten Mexikos bietet.

26. Januar 1996 – Prima Italia auf See

Der heutige Tag stand unter einem einzigen Motto: Putzen. Vor der strengen Überprüfung durch das US Public Health Service (USPH) musste jede Ecke, jeder Spalt und jede Fuge in der Pantry makellos aussehen. Die Mädchen schrubbten mit Zahnbürsten, während ich unermüdlich von 5:30 Uhr morgens bis 3:00 Uhr in der Nacht durchschuftete. Mein Kabinenpartner Socrates, ebenfalls Headwaiter, war krank, sodass ich kaum einmal zum Sitzen kam.

 

27. Januar 1996 – San Francisco, USA

San Francisco ist anders – eine wundervolle Stadt, die mich sofort begeistert. Wir liegen fast genau unter der berühmten Golden Gate Bridge, an Pier 39, dem pulsierenden Zentrum der Stadt. Hier ist alles bunt, lebhaft und voller Souvenirgeschäfte, die selbst uns verwöhnte Europäer beeindrucken. Es ist typisch USA: ein Überfluss an allem, von Magnetstickern bis hin zu Jeans.

Während wir an Bord noch auf die angekündigten Hygieneprüfer warteten, passierte... nichts. 

 

Die USPH Mannschaft, das sind sehr hohe Offiziere des Militärs betraten das Schiff, unser Captain de la Rosa hatte sie sehr herzlich empfangen, zur Rezeption begleitet, mit ihnen sehr leise gemauschelt und die Offiziere gingen wieder. Es ist mir bis heute ein Rätsel was hier abging. Sicher ist jedoch das es nicht das normale Vorgehen war, diese USPH Leute zerlegen normaler Weise jedes Schiff, doch hier, war Schmiergeld im Spiel, war es die Macht der italienischen Mafia, ich habe keine Idee. Also nutzte ich die Gelegenheit und ging wieder von Bord. Mein erstes Ziel: ein Computergeschäft, wo ich mir spontan mein erstes Notebook kaufte, ein Texas Instrument für stolze 3.500 US-Dollar. Damit schrieb ich diese Berichte.

Der Tag bot mir viel Freizeit. Natürlich besuchte ich die Golden Gate Bridge und Chinatown. Letzteres überraschte mich allerdings – Bars, Bordelle und Sexshops dominierten das Bild. Doch der Blick aus Chinatown auf das Bankenviertel war atemberaubend.

Ich hetzte an diesem Tag mindestens zehn Mal zum Pier 39, kaufte Souvenirs, Jeans und eine Unmenge Ansichtskarten. Mittlerweile sammle ich sie wie besessen.

Um 22 Uhr hieß es „Leinen los“. Ich stand am Bug, als die Prima Italia unter kräftigem Motorengeräusch auslief. Die Schlepper halfen bei der Drehung, und wir passierten Alcatraz, bevor wir unter der Golden Gate Bridge hindurchglitten. Langsam verschwand die Skyline von San Francisco im Dunkel der Nacht – ein beeindruckender Anblick, den ich nicht so schnell vergessen werde.

Fünf Seetage liegen nun vor uns, bevor wir Hawaii erreichen. Mein erstes Pazifiküberquerung hat begonnen. Diese Woche auf See möchte ich nutzen, um mein inneres Gleichgewicht wiederzufinden. Schlaf ist dringend nötig – in den letzten Tagen konnte ich die Stunden, die ich zur Ruhe kam, an zwei Händen abzählen.

Hawaii wird neue Energie erfordern, und ich freue mich darauf. Trotz des unkoordinierten Arbeitsstils an Bord, typisch italienisch, habe ich es geschafft, mir meine Vorteile und Privilegien zu sichern.

Die Straßen von San Francisco

San Francisco, liebevoll „Frisco“ genannt, ist die viertgrößte Stadt Kaliforniens. Sie liegt am Nordende einer 48 Kilometer langen und 10 Kilometer breiten hügeligen Halbinsel, die den Pazifik von der San Francisco Bay trennt – einem der besten natürlichen Häfen der Welt. Im Norden grenzt die Stadt an das „Golden Gate“, die 1,5 Kilometer breite und bis zu 116 Meter tiefe Einfahrt in die Bucht.

Die Landfläche von San Francisco erstreckt sich über 120 Quadratkilometer und beheimatet 700.000 Menschen, die regelmäßig kleine Mikrobeben erleben. Nach den schweren Erdbeben von 1906 und 1989 bleibt die Stadt in einem tektonisch aktiven Gebiet stets von weiteren Gefahren bedroht.

29. Januar 1996 – Italia Prima auf See

Der Alltag hat uns wieder. Ich begann den Tag damit, meine Kabine gründlich zu reinigen – es sah aus, als wäre gestern Weihnachten gewesen, so viel hatte ich in den letzten Tagen eingekauft. Socrates ist inzwischen wieder gesund, was mir erlaubt, meine Arbeitsstunden endlich etwas zu reduzieren. Ob er wirklich krank war? Ich habe da meine Zweifel. Wahrscheinlich hat ihn der Stress rund um die USPH-Prüfung ausgeknockt. Der Preis dafür: Er musste auf San Francisco verzichten.

30. Januar 1996 – Italia Prima auf See

Heute kreuzten wir auf unserer Route nach Hawaii die Ausläufer von gleich zwei Hurrikans. Die gesamte Nacht wurde unser Schiff durchgerüttelt, was nicht nur an den Nerven zerrte, sondern auch körperlich spürbare Spuren hinterließ. Besonders meine Mädchen sind schwer angeschlagen – die Kombination aus harter Arbeit und dem stürmischen Wetter ist einfach nicht ideal für sie.

31. Januar 1996 – Italia Prima auf See

Das miserable Wetter hält an. Mit unseren Instrumenten beobachten wir immer noch die Ausläufer der Hurrikans. Die Zentren der Wirbelstürme ziehen kreuz und quer durch den Pazifik, und wir hoffen weiterhin, dass wir nicht direkt in ihren Weg geraten. Wir haben bereits eine Kursänderung vorgenommen, was natürlich eine Verspätung auf Honolulu bedeutet. Am Abend hat der mächtige Wind das unter der Brücke montierte Motorboot aus seiner Verankerung gerissen und auf den Kopf gedreht, es liegt jetzt beschädigt unter der Brücke, auch ein Teil des Schiffmetalls das unter der Brücke war wurde eingebeult und hatte sogar ein Loch in der Mitte. Der Krach war jedenfalls unüberhörbar.

1. Februar 1996 – Italia Prima auf See

Nur ein kurzer Sonnenstrahl, und der Sturm zieht weiter. Im  Gardino arbeiten wir unser Programm ab, doch für mich vergehen die Tage viel zu schnell. Seitdem ich meinen Computer habe, verfliegen die Stunden förmlich. Im Durchschnitt sitze ich täglich bis 2 Uhr nachts am Werk.

2. Februar 1996 – Italia Prima auf See

Viel Spaß in der Cafeteria mit den Mädels, besonders mit der wilden Marina. Am Nachmittag erzählen mir Astrid, Elfi und Simon, dass sie in Australien aussteigen werden. Ein Schock. Meine drei Lieblinge gehen, und mir fehlen die Worte. Ich versuche, sie zu überreden, aber was soll’s.

3. Februar 1996 – Honolulu, Hawaii

Mit strahlendem Sonnenschein und einem tiefblauen Himmel empfängt uns Honolulu, als wir wenn auch mit vier Stunden Verspätung, im Hafen einlaufen. Die Szenerie war so malerisch, dass sie den Stress der vergangenen Stunden fast vergessen ließ. Die Sorge vor einer strengen Kontrolle durch die US Public Health (USPH) war groß, doch wie schon zuvor erschien eigentlich keine Behörde an Bord zur Kontrolle und die Erleichterung an Bord war spürbar.

Kaum war die Gangway ausgelegt, zog es mich von Bord. Wohin? Natürlich in ein Shoppingcenter, wie sollte es anders sein. Die Auswahl war überwältigend: T-Shirts in allen Farben und Designs, Software, die man zu Hause kaum zu vernünftigen Preisen bekam, und dann die Surfklamotten, so verlockend, dass ich mich regelrecht zwingen musste, nicht zuzuschlagen. Der Gedanke an begrenzten Stauraum an Bord war mein einziger Schutz gegen den Kaufrausch.

Der Abend brachte neue Abenteuer: Gemeinsam mit Biggy und Astrid stürzte ich mich ins Nachtleben von Honolulu. Unser Ziel war das legendäre Hard Rock Café, ein Treffpunkt, der für seine besondere Atmosphäre bekannt war. Die Live-Musik, die lebhaften Gespräche und die freundliche Stimmung machten den Abend unvergesslich.

Das Auslaufen aus Honolulu hatte seinen eigenen Zauber. Die funkelnden Lichter der Stadt am Horizont, das sanfte Schaukeln des Schiffs und die Vorfreude auf den nächsten Hafen – Maui – ließen den Tag stimmungsvoll ausklingen.

4. Februar 1996 – Maui

Bereits um 6:30 Uhr legen wir in Maui an, und ich lasse mir das Spektakel vom Deck aus nicht entgehen. Die Insel liegt in einem blutroten Licht, das fast unwirklich und gespenstisch wirkt. Das Meer präsentiert sich glatt wie ein Spiegel, doch mit jedem Meter, den wir der Küste näherkommen, entsteht eine deutliche Dünung. Diese baut sich zu mächtigen Wellen auf, die sich tosend am Strand brechen – ein Naturschauspiel von atemberaubender Schönheit.

Die für Maui so typischen Wellenberge erzeugen in den frühen Morgenstunden eine mystische Nebelwand entlang der Strände. Der Nebel, kombiniert mit dem roten Schimmer des Lichts, verstärkt die dramatische Atmosphäre noch zusätzlich. Ein Anblick, den man so schnell nicht vergisst.

Noch am Vormittag fand ich mich am Strand wieder – vor mir türkisblaues Wasser, unter mir schneeweißer Sand, und hinter mir die imposante Vulkanlandschaft mit ihren steilen Hängen und dichtem, grünen Urwald. Es fühlte sich an wie ein Szenario direkt aus einem Bilderbuch. Zahlreiche Helikopter schwirrten über uns, denn Maui ist berühmt für seine spektakulären Rundflüge, allerdings keine günstige Angelegenheit.

Der Vormittag verging wie im Flug. Ich genoss die Gesellschaft einer Gruppe Mädels, und gemeinsam hatten wir eine Menge Spaß in der morgendlichen Sonne. Für mich sind Maui und Hawaii bisher die idealsten Orte, die ich auf dieser Reise besucht habe. Die perfekte Mischung aus einer sauberen, modernen Infrastruktur und einer überwältigenden Natur.

Natürlich darf man das Surfen auf Maui nicht vergessen, oder besser gesagt, man muss es in den Mittelpunkt stellen. Hier ist das Surfen so allgegenwärtig wie das Skifahren in Tirol. Leider war an diesem Tag Vollmond, und die dadurch verursachte lebensgefährliche Brandung sorgte dafür, dass keine Surfboards zum Verleih standen. Ein echtes Pech, denn ich hatte mich schon darauf gefreut.

Die Einheimischen, die Mauianer, führen einen beneidenswert entspannten Lebensstil. Sie kommen mit ihren aufwendig getunten Autos direkt zum Strand, feiern Partys, gehen surfen und scheinen das Leben in vollen Zügen zu genießen. Der Gedanke, mich hier auf einer Universität einzuschreiben, kam mir mehr als einmal – vielleicht die einzige Möglichkeit, tatsächlich auf Hawaii leben zu können. Sogar eine Barkeeper-Schule gibt es hier, die einen weiteren Traum wahr machen könnte.

Honolulu – Das Surferparadies

Die Insel Oahu, mit 700.000 Einwohnern und einer Fläche von 1.757 Quadratkilometern, ist die drittgrößte und bevölkerungsreichste Insel Hawaiis. Ihre Hauptstadt, Honolulu, ist eine moderne amerikanische Großstadt mit Wolkenkratzern, Einkaufszentren und einem natürlichen Hafen. Seit 1850 ist Honolulu die Hauptstadt des gesamten Archipels.

Oahu besteht aus zwei Bergrücken im Osten und Westen, zwischen denen große Ananas- und Zuckerrohrplantagen liegen. Rund ein Viertel der Insel wird vom US-Militär genutzt, was Oahu eine besondere militärische Bedeutung verleiht. Unser Liegeplatz im Hafen trägt den Namen „Diamond Head Terminal No. 40“.

Der Name „Oahu“ bedeutet auf Hawaiianisch „Versammlungsplatz“. Heute ist der Tourismus – wie auf allen hawaiianischen Inseln – der wichtigste Wirtschaftszweig. Seit 1975 gehört Oahu zum Königreich Hawaii.

Ein bedeutendes Kapitel in der Militärgeschichte ist der Luftangriff auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941, der den Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg markierte.

Der bekannteste Strand Oahus ist der 4 Kilometer lange Waikiki Beach, der schon vor 200 Jahren ein beliebter Erholungsort war. Mit der Eröffnung des ersten Hotels im Jahr 1901 begann der Aufstieg Waikikis zu einem der berühmtesten Strände der USA. Besonders Surfer und Wellenreiter zieht es an den Sunset Beach im Norden der Insel, der als Hotspot für perfekte Wellen bekannt ist.

5.–7. Februar 1996 – Pazifiküberquerung

Die Tage auf See vergehen wie im Flug, während wir uns langsam dem Äquator nähern. Jeden Morgen werde ich von den spektakulären Sonnenaufgängen der Südsee begrüßt – ein Farbenspiel, das mit jedem Tag aufs Neue fasziniert. Das Wetter ist einfach traumhaft: Selbst um 23:00 Uhr, wenn ich mit einer Zigarre in der Hand die warme Nacht genieße, zeigt das Thermometer noch über 30 Grad.

Die Seetage, so entspannt sie auf den ersten Blick erscheinen mögen, scheinen mir immer zu kurz. Die Arbeit an Bord ist intensiv, denn unsere Gäste lassen sich den ganzen Tag über kulinarisch verwöhnen, was auch im Tagesprogramm nicht zu übersehen ist. Doch trotz der Anforderungen bleibt mir abends noch Zeit für mich.

Meine Freizeit verbringe ich meistens an meinem Computer, der mich bis etwa zwei Uhr morgens in seinen Bann zieht. Es ist eine Mischung aus Neugierde und Durchhaltevermögen: Ich bringe mir selbst den Umgang mit diesem faszinierenden Gerät bei. Die Herausforderung dabei? Das gesamte Programm ist auf Englisch, und die originalen Windows-Disketten hat mir der schlitzohrige Verkäufer beim Kauf nicht mitgegeben. Aber ich lasse mich davon nicht entmutigen, jeder kleine Fortschritt fühlt sich wie ein Sieg an.

Die unendliche Weite des Pazifiks, das gleichmäßige Rauschen der Wellen und die wärmenden Strahlen der Sonne schaffen eine Kulisse, die all die Anstrengungen des Alltags überstrahlt. Diese Seetage, so arbeitsreich sie auch sein mögen, haben dennoch eine besondere Magie, die ich jedes Mal aufs Neue genieße.

8. Februar 1996 – Äquatorüberquerung

Ein farbenprächtiges Spektakel, wie es wohl nur auf hoher See möglich ist: Die Äquatortaufe, der traditionelle Besuch von Neptun und seiner Gefolgschaft, wurde mit viel Hingabe und Detailreichtum inszeniert. Neptun selbst erhob sich majestätisch aus den Tiefen des Meeres, begleitet von einer illustren Schar von Meereswesen. Mit seiner tiefen Stimme befragte er alle Anwesenden, ob sie würdig seien, den Äquator zu übertreten. Diejenigen, die seine Prüfungen bestanden, wurden feierlich getauft und in den Kreis der Äquatorüberquerer aufgenommen.

Dieser Tag war nicht nur wegen des Rituals besonders, wir nähern uns Westsamoa, dem Ziel, das für mich einer der Hauptgründe war, an Bord der Italia Prima zu gehen. Die Vorstellung, bald Fuß auf diese sagenumwobene Insel zu setzen, erfüllt mich mit Neugier und Vorfreude. Was mich dort wohl erwarten wird?

Der Abend bot einen krassen Kontrast zu den feierlichen Ritualen des Tages: In der Crewbar herrschte eine ausgelassene Stimmung, die ihresgleichen sucht. Unsere Mädels waren besonders in Feierlaune, eine Energie, die förmlich ansteckend war. Es wurde getanzt, gelacht und gefeiert, bis die Nacht tief über den Pazifik hereingebrochen war. Ein denkwürdiger Tag, der Tradition, Vorfreude und puren Lebensgenuss perfekt miteinander verband.

9. Februar 1996 – Pazifiküberquerung

Ein weiterer Tag auf dem endlosen Blau des Pazifiks, der es in sich hatte. Obwohl das Wetter mit strahlendem Sonnenschein und Temperaturen von 34 Grad außen und 29 Grad im Wasser beste Laune versprach, war der Arbeitstag alles andere als ruhig. Viel Theater mit Gästen und Crew hielt mich auf Trab, aber irgendwie gehört das ja auch dazu.

Trotz aller Herausforderungen hat der Pazifik eine nahezu magische Fähigkeit, die Seele zu beruhigen. Die sanften Wellen, die rhythmisch gegen den Schiffsrumpf schlagen, das warme Wasser, das selbst bei tropischer Hitze eine einladende Frische ausstrahlt, und die strahlende Sonne, die den Horizont in Gold und Azur taucht, machen das Leben hier draußen einzigartig. Es ist erstaunlich, wie selbst die anstrengendsten Tage durch solche Kulissen ihre Schwere verlieren.

Doch hinter dieser paradiesischen Fassade verbirgt sich die unermüdliche Arbeit, die an Bord nötig ist, um den Betrieb am Laufen zu halten. Unsere größte Herausforderung: Wir schleppen nach wie vor sämtliche Lebensmittel vom Bug auf eine andere Etage, um sie dann quer durch das gesamte Schiff bis zum Heck zu transportieren. Ein logistischer Kraftakt, der uns täglich fordert. Im Schnitt stehen wir hier ohne funktionierende Systeme 16 Stunden am Tag im Einsatz. Und dennoch – auf eine unbeschreibliche Art und Weise hat das Ganze auch seinen Reiz.

Meine Seitenbänder, die mich zuvor belastet hatten, sind inzwischen wieder in Ordnung – eine kleine Erleichterung im dichten Alltag. Und auch wenn die Arbeit nie zu enden scheint, ist es die Summe der Erlebnisse, die alles lohnenswert macht. Die Länder, die ich bisher gesehen habe, die unendlichen Weiten der Ozeane, die ich durchquert habe, und ein Teil der Crew – das alles ist einfach „schwer okay“, wie man so schön sagt. Es ist anders hier, nicht vergleichbar mit den Erfahrungen auf der Hanseatic.

Besonders beeindruckend finde ich die italienischen Nautiker und Seeleute. Sie strahlen eine Gelassenheit und Professionalität aus, die ihresgleichen sucht. Ihr Umgang miteinander ist geprägt von Herz und Leidenschaft – typisch italienisch eben. Und unser Kapitän? Ein echter Seebär, der in der besten Bedeutung des Wortes ein Vater für uns alle ist. Oft sitze ich mit ihm zusammen, und wir plaudern über alles Mögliche, nur nicht über Probleme. Es ist seine unaufgeregte, positive Art, die nicht nur Vertrauen, sondern auch Leichtigkeit verbreitet.

Ja, das Leben an Bord ist hart, manchmal sogar entmutigend. Aber die kleinen Momente, die unerwarteten Augenblicke der Verbundenheit und die unvergleichlichen Eindrücke machen es zu etwas Besonderem. Und so kämpft man sich durch, mit einem Lächeln auf den Lippen und dem Blick fest auf den Horizont gerichtet.

10. Februar 1996 – Apia, Westsamoa

Gegen Mittag erreichen wir Westsamoa und gleiten durch die atemberaubende Brandung, die sich mit tosender Kraft an den vulkanischen Küsten bricht. Die Erwartung, auf einer Südseeinsel ein wahres Paradies zu finden, schwingt in uns allen mit. Gemeinsam mit Biggy, Sonya, Mascha und Astrid starte ich zu einer Inselrundfahrt, um die schönsten Strände dieses tropischen Fleckens Erde zu entdecken. Doch die Suche entpuppt sich als enttäuschend: Im Umkreis von 30 Kilometern finden wir keinen Strand, der zum Träumen einlädt. Stattdessen prägen grobe Felsen und eine wilde Brandung die Küste, und das Wetter macht uns mit schweren, tiefhängenden Wolken einen weiteren Strich durch die Rechnung.

Die schwüle Hitze von 34 Grad, gepaart mit einer Luftfeuchtigkeit von 92 %, drückt zusätzlich auf die Stimmung. Ohne einen einladenden Strand entschließen wir uns, in ein Hotel nahe des Hafens auszuweichen. Dort finden wir Erlösung in einem Pool, in den wir uns alle begeistert stürzen. Das kühle Wasser ist eine wahre Wohltat, und die Atmosphäre ist unerwartet schön.

Im Pool stoße ich auf eine Rugby-Mannschaft aus Neuseeland. Die Spieler sind sichtlich beeindruckt, als ich ihnen von meinem Job erzähle. Besonders amüsiert sie die Tatsache, dass ich mit 42 Frauen meinen Dienst versehe – ein Detail, das für einige ungläubige Lacher sorgt. Zunächst hielten sie mich für einen Schauspieler, dessen Namen ich leider vergessen habe, aber unsere Gespräche verlaufen lebhaft und humorvoll.

Doch trotz dieses unerwartet entspannten Nachmittags bleibt Westsamoa für mich eine Enttäuschung. Die Insel, die ich mir als wahres Südseeparadies vorgestellt hatte, kann in vielerlei Hinsicht nicht mit meinen Erwartungen mithalten. Die Strände und die Sauberkeit lassen zu wünschen übrig, und insgesamt fehlt mir das gewisse Etwas, das ich an anderen Orten wie Sri Lanka oder Phuket so sehr schätze. Wer nur wegen Samoa in die Südsee reist, könnte diese Entscheidung bereuen.

Apia – Die Hauptstadt von Westsamoa

Apia liegt im Nordosten der Fidschi-Inseln und ist die Hauptstadt der Insel Upolu, die zu Westsamoa gehört. Die Inselgruppe der Samoa-Inseln, auch als Schifferinseln bekannt, bedeckt ein Gebiet von rund 3000 Quadratkilometern. Vulkanischen Ursprungs sind die Inseln von steilen Küsten und schützenden Korallenriffen umgeben.

Die Einwohner Samoas sprechen sowohl Samoanisch als auch Englisch und zählen zu den Polynesiern. Apia selbst hat einige sehenswerte koloniale Häuser, die noch aus der Zeit der deutschen Kolonialherrschaft stammen. Westsamoa wird oft als die „Wiege Polynesiens“ bezeichnet, da von hier aus andere Inselgruppen wie Hawai, Tonga und die Cookinseln besiedelt wurden.

Die historische Bedeutung der Inseln ist bemerkenswert: Nach der Besiedlung durch die Polynesier etwa 1000 v. Chr. wurde Westsamoa später deutsche Kolonie, dann Treuhandgebiet der UNO, und seit 1962 ist es der erste unabhängige Staat im polynesischen Raum. Doch trotz dieser reichen Geschichte konnte mich Westsamoa heute nicht ganz überzeugen.

11. Februar 1996 – Die Datumsgrenze

Heute ist ein außergewöhnlicher Tag – oder besser gesagt, es ist ein Tag, den es gar nicht gibt! Beim Überqueren der internationalen Datumsgrenze verlieren wir den 11. Februar vollständig. Es ist, als würde die Zeit selbst für einen Moment aussetzen und uns in einen Zustand des zeitlosen Daseins versetzen.

Ein seltsames Gefühl, sich bewusst zu machen, dass der Tag einfach „verschwindet“. Kein Sonnenaufgang, keine Routine, keine Erinnerungen – nur ein Sprung von gestern direkt in morgen. Die Datumsgrenze ist einer dieser faszinierenden Aspekte der Seefahrt, die einem die Größe und die Eigenheiten unseres Planeten vor Augen führen.

Während wir weiter durch den Pazifik gleiten, erinnert uns dieses Ereignis daran, wie relativ Zeit ist. Hier draußen, umgeben von nichts als Wasser und Himmel, scheint sie ohnehin oft ihre gewohnte Bedeutung zu verlieren. Heute jedoch geschieht das buchstäblich – ein Tag weniger auf der Reise, und doch geht die Zeit für uns alle weiter.

Es ist ein eigenartiges Erlebnis, das im Logbuch der Seele bleibt. Morgen jedoch erwartet uns ein neuer Tag, als hätte es diesen Lückenhaften nie gegeben.

12. Februar 1996 – Italia Prima auf See

Der heutige Tag verläuft in gewohnter Manier, voller Arbeit, von früh bis spät. Die Routine an Bord hält uns alle auf trab, doch die stetigen Herausforderungen schweißen die Crew immer mehr zusammen. Es ist beeindruckend, wie jeder seine Aufgaben mit Hingabe meistert, auch wenn die Tage lang und die Anforderungen hoch sind.

Am Abend jedoch wird die harte Arbeit mit einem besonderen Ereignis belohnt: ein Barbecue am Achterdeck. Die klare, milde Nacht bietet den perfekten Rahmen dafür. Der Geruch von gegrilltem Fleisch und frischen Beilagen mischt sich mit der salzigen Brise des Pazifiks. Unter dem Sternenhimmel versammelt sich die Crew, und für ein paar Stunden scheint die Zeit stillzustehen.

Das sanfte Schaukeln des Schiffes, die Gelassenheit der Gespräche und das Lachen der Kollegen machen den Abend zu etwas Besonderem. Es sind Momente wie diese, die den Alltag auf See erträglich und manchmal sogar schön machen. Trotz aller Mühen spürt man, dass die Gemeinschaft an Bord stark ist – ein Gefühl, das uns alle verbindet, selbst mitten im endlosen Blau des Pazifiks.

13. Februar 1996 – Kingdom Tonga

Was wir auf Samoa vergeblich suchten, fanden wir heute auf Tonga: das Bild einer paradiesischen Südseelandschaft, wie man es sich kaum schöner vorstellen könnte. Rund 80 Inseln sind um Tonga herum wie eine Perlenschnur aufgefädelt – ein Anblick, der uns alle ins Staunen versetzte.

Unsere Erkundung führte uns auf die andere Seite der Insel, durch dichte Buschlandschaften, die sich scheinbar endlos erstreckten. Der Weg schien kein Ende zu nehmen, bis wir schließlich den Höhepunkt des Tages erreichten: einen unberührten Strand, der direkt aus einem Traum zu stammen schien. Der Taxifahrer hatte nicht übertrieben, dieser Ort war wahrlich ein kleines Paradies. Der puderzuckerweiße Sand, das kristallklare Wasser und die sanften Wellen bildeten eine Kulisse, die nicht von dieser Welt zu sein schien. Die Fotos, die wir machten, sprechen Bände, Worte können die Schönheit dieses Strandes kaum beschreiben.

Natürlich zeigte sich auch die Sonne von ihrer intensiven Seite und hinterließ bei mir eine deutlich rote Spur. Trotz des leichten Sonnenbrands war es ein unvergesslicher Moment, an einem der schönsten Strände zu verweilen, die ich je gesehen habe.

Leider mussten wir uns schon am Nachmittag wieder verabschieden. Gegen 16 Uhr legten wir ab, ein seltener Besuch für die Einheimischen, denn wie wir erfuhren, war unser Schiff das erste seit vielen Monaten, das hier anlegte. Man spürte die Herzlichkeit der Menschen, die sich an der Pier versammelten, um uns zu verabschieden. Mit bunten Tüchern winkten sie uns zu, begleitet von traditionellem Gesang und Tanz. Da fiel mir ein, mit der Hanseatic war ich auf Tristhan da Cuhna, der einsamsten Insel der Welt, dort legt nur alle paar Jahre mal ein Schiff an, ausgenommen war 2 x im Jahr ein kleines Postschiff.

Wir spielten unsere klassische Auslaufmelodie in voller Lautstärke, während das Schiff langsam den Hafen verließ. Es war ein erhabenes Gefühl, dieses Land auf dem Seeweg zu verlassen. Der Klang der Musik, das Brummen der mächtigen Dieselaggregate und die leuchtenden Farben des Horizonts – ich rauchte eine Zigarre und genoss den Moment in vollen Zügen.

Goodbye, Tonga!

Nuku'alofa Der Tonga-Archipel umfasst 172 Inseln, von denen nur 45 dauerhaft bewohnt sind. Die Geschichte dieses Inselreiches reicht weit zurück: Bereits 6500 v. Chr. wurde Tonga besiedelt. Die Tonganer, reine Polynesier, waren einst gefürchtete Krieger und gelten heute noch als stolze Bewahrer ihrer Kultur und Traditionen.

14. Februar 1996 – Italia Prima auf See

Ein weiterer Tag auf dem offenen Meer. Die Routine an Bord geht weiter, aber trotz der ständigen Arbeit und den langen Stunden, die wir im Dienst verbringen, gibt es auch immer wieder Momente, in denen der weite Ozean und die unendliche Weite des Pazifiks zum Nachdenken einladen. Die täglichen Herausforderungen sind immer präsent, doch es gibt immer auch Zeit für kleine Pausen und den Blick auf den Horizont – wo der Himmel auf das Meer trifft.

15. Februar 1996 – Italia Prima auf See

Heute wieder ein Tag, der hauptsächlich von Arbeit geprägt war. Doch auch hier, mitten im Pazifik, gibt es diese Momente der Ruhe, die man nicht unterschätzen darf. Manchmal genügt es, für einen Augenblick an Deck zu stehen und den Wind in den Haaren zu spüren, um sich zu erinnern, dass auch die schwierigsten Tage ihren Wert haben. Der weite Ozean scheint fast unerschöpflich, aber auch wir an Bord sind Teil dieses riesigen, majestätischen Ganzen.

16. Februar 1996 – Auckland, Neuseeland

Der heutige Morgen gehört zu den dramatischsten, die ich bisher erlebt habe. Um sechs Uhr gleiten wir in die Bucht von Auckland, und der Anblick ist einfach atemberaubend. Der Pazifiküberquerung liegt nun hinter uns, eine Strecke voller Herausforderungen, Stürme und endloser Distanzen durch die Südsee. Doch mit der Ankunft in Neuseeland haben wir einen bedeutenden Teil unserer Reise erreicht. Es ist ein Moment der Erleichterung und zugleich ein stiller Triumph, eine Reise, die uns und das Schiff weitergebracht hat.

Die Bucht von Auckland ist ein wunderschöner Anlegeplatz, direkt vor dem Stadtzentrum, und der Vergleich mit den Anlegeplätzen in Südafrika kommt mir sofort in den Sinn. Hier herrscht ein ähnlicher Flair, eine Mischung aus Modernität und Tradition, und vor allem eine unglaubliche Eleganz, die die Menschen hier ausstrahlen. Die Damen in Auckland sind nicht nur extrem gepflegt, sondern auch in auffälliger Pariser Mode unterwegs, was der Stadt ein einzigartiges, fast mondänes Flair verleiht.

Am Abend, nach dem Abendessen, verließ ich das Schiff mit Socrates, er ist ein dunkelhäutiger, extrem lebensfroher Typ aus Namibia. Er hat aufgrund seiner lockeren Mentalität von Anfang bis jetzt durchgehalten. Wir beide motivierten uns immer gegenseitig nach der Arbeit, in unserer verrückten Kabine über der Schiffsschraube. Wir zwei eroberten heute die Stadt. Auckland bei Nacht ist wie ein riesiger Rummelplatz, ein Ort, an dem Musik, Tanz und Kunststücke an jeder Straßenecke zu finden sind. Die Zeit scheint keine Rolle zu spielen, und die jungen Leute sind überall, tanzen und genießen das Leben in vollen Zügen.

Wir besuchten sicher 15 verschiedene Lokale, und die Atmosphäre war einfach elektrisierend. Ich hatte mich schick gemacht, mit weißer Hose, blauen Schuhen und einem blauen Blazer – man weiß ja nie, vielleicht finde ich hier in Neuseeland eine gute Braut. Doch der wahre Höhepunkt des Abends war die Disco an der Waterfront, mit einer riesigen Panoramascheibe, die einen atemberaubenden Blick auf die Italia Prima bot. Das Schiff stand in stolzer Beleuchtung, und von der Disco aus hatte man einen direkten Blick auf das Schiff, das jetzt in den Farben der Nacht erstrahlte.

Es war eine unvergessliche Nacht, voller Eindrücke und Erlebnisse, und der Tag ging mit einem Gefühl von Freude und Zufriedenheit zu Ende. Ein schöner Tag, eine unvergessliche Nacht – und Neuseeland hat definitiv seine Spuren hinterlassen.

17. Februar 1996 – Auckland, Neuseeland

Der Tag begann für mich mit einer besonderen Herausforderung: Ich startete meinen Frühdienst ohne auch nur eine einzige Minute Schlaf. Der Schlafmangel nagte an mir, doch die Routine an Bord lässt einen oft keine Pause machen. Schnell unter die Dusche, dann ging es auch schon los, wieder ein Embarkationstag. Wie oft habe ich diesen Ablauf schon durchlaufen? Doch heute war alles anders. Trotz der Müdigkeit, die mich quälte, ließ ich mich nicht unterkriegen. Irgendwie muss man ja weitermachen, oder?

Am Nachmittag jedoch übermannte mich die Erschöpfung, und ich fand tatsächlich zwei Stunden Ruhe im Bett. Auch wenn ich in solchen Momenten oft überlege, ob ich nicht endlich aus meinen Fehlern lernen sollte, war es ein wahrer Segen, ein kleines Nickerchen zu machen. Diese Erholung half mir, die weiteren Stunden zu überstehen, aber morgen, so hoffe ich, wird ein Seetag folgen, an dem ich mir wenigstens etwas Ruhe gönnen kann.

Zwischendurch hatte ich die Gelegenheit, das faszinierende Seeaquarium zu besuchen. Die vielen Haifische, die lautlos durch das Wasser schwebten, beeindruckten mich enorm – ein unheimlicher, aber zugleich faszinierender Anblick. Ich erkundete auch das Marine Museum, das viele interessante Ausstellungen und Einblicke in die maritime Geschichte Neuseelands bot. Natürlich ließ ich es mir nicht nehmen, ein paar Souvenirs zu kaufen – kleine Erinnerungen an diesen Ort, die mich noch lange begleiten werden.

Trotz aller Anstrengung war es ein produktiver Tag, und ich bin froh, dass ich auch abseits der Arbeit noch die Gelegenheit hatte, ein wenig mehr von Auckland und seiner Umgebung zu entdecken.

18. Februar 1996 – Auckland, Neuseeland

Der heutige Tag ist ein kompletter Kontrast zu den vergangenen sonnigen Erlebnissen. Der Regen fällt in Strömen, der Himmel ist verhangen, und es fühlt sich an, als ob der Herbst Einzug gehalten hat – ein wenig wie zu Hause. Ich verlasse das Schiff kaum, sondern nutze die Gelegenheit, mich endlich zu regenerieren. Der ständige Wechsel zwischen Arbeit und den intensiven Eindrücken von neuen Orten verlangt nach einer Pause, und heute ist der perfekte Tag dafür.

Als wir uns schließlich von Auckland verabschieden, ist der Abschied genauso emotional wie immer. Viele der abgereisten Gäste stehen an der Pier und winken uns zu, begleitet von klassischer Musik, die in der Luft schwingt. Es ist, als würde die Stadt uns auf eine besondere Art und Weise verabschieden, und ich kann nicht anders, als zu spüren, dass Auckland einen bleibenden Eindruck hinterlässt.

Auckland war wirklich superlativ – eine Stadt, die in jeder Hinsicht beeindruckt und die einen immer wieder zurückdenken lässt.

Maori-Land

Neuseeland – ein Land, das heutzutage fast wie ein Märchen klingt. Ein sparsamer Inselstaat, dessen natürliche Schönheit unberührt und fast mystisch wirkt. Mit einer geringen Umweltverschmutzung, einem hohen Lebensstandard und einer vielfältigen Bevölkerung, die in einer gut funktionierenden Demokratie zusammenlebt, könnte man fast meinen, es sei ein Paradies.

Die alten Maoris nannten die Insel „Aotearoa“, was „Land der langen weißen Wolke“ bedeutet – ein romantischer Name, der deutlich mehr Charme versprüht als der von den holländischen Abenteurern im 17. Jahrhundert verliehene Name „New Zealand“, benannt nach der Provinz Zeeland.

Geografisch gesehen liegt Neuseeland rund 2100 km südöstlich von Australien, und auf der Landkarte erinnern die beiden Hauptinseln an einen kopfstehenden Stiefel. Die Landschaft Neuseelands ist so vielfältig wie faszinierend: Von schneebedeckten Gipfeln wie dem höchsten Berg, dem Mt. Cook, über immergrünen Regenwald bis hin zu tiefblauen Fjorden, steilen Klippen und Vulkanen, die aus dem Erdinneren Gase spucken. Sanfte Hügel wechseln sich mit weiten Ebenen ab, die von weidenden Schafen und Viehherden bedeckt sind. Und das alles unter einem idealen Klima – nicht zu kalt und nicht zu heiß, mit vielen sonnigen Tagen.

Die Bewohner Neuseelands, hauptsächlich schottischer Herkunft, sind freundlich und offen, wobei die Maoris etwa ein Zehntel der Bevölkerung ausmachen. Diese ursprünglichen Polynesier waren die ersten Siedler und kamen wahrscheinlich im 10. Jahrhundert von Tahiti. Das Land ist ein Sportlerparadies: Hier können Angler, Fischer, Jäger und Skifahrer gleichermaßen ihre Leidenschaften ausleben. Kilometerlange, unberührte Strände laden zum Schwimmen, Segeln und Schnorcheln ein.

Die Neuseeländer sind genauso vielfältig wie ihre Landschaft. Die Schuluniformen der Kinder erinnern an britische Schulen, aber die maorische Kultur ist stärker vertreten als je zuvor. Und der Tourismus blüht, denn wer könnte dem Charme dieses Landes mit seinen atemberaubenden Berglandschaften, menschenleeren Stränden und unzähligen Sportmöglichkeiten widerstehen? Es ist ein Land, das in seiner ruhigen Lebensweise und durch seine freundlichen, bescheidenen Einwohner besticht – ein wahres Juwel auf der Weltkarte.

19. Februar 1996 – Italia Prima at Sea

Heute segeln wir die neuseeländische Küste hinauf Richtung Süden. Die Temperaturen sinken merklich, und die frische, kühlere Brise erinnert uns daran, dass wir uns dem Ende des Sommerhalbjahres nähern. Es ist ein faszinierendes Gefühl, mit dem Schiff in Richtung eines unbekannten, aber unheimlich schönen Teils der Welt zu steuern.

An der Steuerbordseite wird uns eine dramatische Landschaft geboten. Die steilen, zerklüfteten Berge ragen majestätisch aus dem Meer, von nebelverhangenen Gipfeln bis zu den schroffen Klippen, die von den Wellen umspült werden. Diese Szenerie erinnert stark an die chilenischen Fjorde – ein Anblick, der sowohl beeindruckend als auch ein wenig unheimlich ist, als ob das Land hier mit der See im ewigen Wettstreit steht.

Die Weite und Unberührtheit der Natur lässt mich über die unaufhörliche Bewegung des Schiffes nachdenken, während wir langsam und ruhig unseren Kurs fortsetzen. Diese Momente, wenn sich die Natur so imposant zeigt, machen diese Reisen zu etwas ganz Besonderem.

20. Februar 1996 – Wellington / Neuseeland

Die Hauptstadt von Neuseeland begrüßt uns bei der Einfahrt mit eher trüben Wetter. Die Wolken hängen tief und fast greifbar über der Stadt, und ein leichter Regen begleitet uns, während wir den Hafen ansteuern. Wellington präsentiert sich als eine moderne Stadt mit einer manierlichen Skyline entlang der Hafenfront, aber sie beeindruckt nicht auf den ersten Blick. Der erste Eindruck bleibt verhalten – eine gepflegte, sehr britische Stadt, aber ohne große Überraschungen.

Zwei Stunden später, als ich durch die Straßen von Wellington schlendere, bestätigt sich dieser Eindruck. Die Stadt ist nett, ordentlich und gut gepflegt, doch sie hat nicht die aufregende Energie oder das Flair, das manche andere Großstädte ausstrahlen. Es ist eine Stadt, die ruhig und fast ein wenig zurückhaltend wirkt.

Dennoch, auch wenn Wellington keine stürmischen Eindrücke hinterlässt, ist sie ein sehr charmanter Ort. Mit ihren 350.000 Einwohnern mag sie im Vergleich zu vielen anderen Hauptstädten eher klein erscheinen, doch sie trägt ihren Titel mit Selbstbewusstsein. Von der Hafeneinfahrt aus betrachtet, erinnert die Stadt mich ein wenig an kleinere Ausblicke von Hongkong oder San Francisco. Der Hafen von Port Nicholson, einer der bedeutendsten weltweit, spielt eine zentrale Rolle als internationaler Warenumschlagplatz und als Endstation für die Fähren von der Südinsel. Trotz der eher unscheinbaren Erscheinung ist dies eine Stadt, die im internationalen Verkehr einen wichtigen Platz einnimmt.

21. Februar 1996 – Christchurch / Neuseeland

Wir liegen in einem Hafen, der wenig zu bieten hat, um uns nur Schrott, Fischerboote und den gewohnten Alltag der Industrie. Überraschenderweise liegt jedoch direkt an unserer Steuerbordseite die Endeavour, das Schiff, mit dem Captain Cook den Pazifik überquerte und später Neuseeland sowie Australien entdeckte. Es ist ein faszinierender Anblick, dieses historische Schiff zu sehen, das so viele Geschichten in sich trägt, auch wenn der Hafen hier nicht gerade einladend wirkt.

Der Tag verlief dennoch nicht ganz ohne Herausforderungen für mich. Trotz meines verletzten Beins arbeitete ich den ganzen Tag. Soci, mein Kollege, war mit einem Mädchen auf Landausflug und so übernahm ich seine Aufgaben. Leider hatte ich mir am Vortag bei einem unglücklichen Zwischenfall das Knie verletzt. Beim Laufen rannte ich gegen eine Eisentür und prallte so heftig auf, dass sich ein Teil der Tür in mein Knie rammte. Der Schmerz war so stark, dass ich mich beinahe übergeben musste. Das Knie schwoll sofort an, und ich konnte mich kaum bewegen. Aber trotz der Schmerzen und der Schwellung zog ich es vor, weiterzuarbeiten. Der Tag war lang, aber der Gedanke an die Arbeit hielt mich auf den Beinen, auch wenn ich mir gewünscht hätte, einfach eine Pause einlegen zu können.

22. Februar 1996 – Dunedin / Neuseeland

Auch heute liegen wir nicht direkt in der Stadt, sondern etwa 13 Kilometer entfernt, und wieder arbeite ich den ganzen Tag durch, nur mit kurzen Pausen dazwischen. Während ich kurz aus der Routine auftauche, finde ich mich in einer kleinen Ansiedlung zwischen unscheinbaren Häusern wieder. Doch das entschädigt der Ausblick beim Auslaufen später: Die Landschaft, die sich vor meinen Augen entfaltet, ist einfach atemberaubend. Weiße Sandstrände, dichte Nadelbäume, die bis ans Wasser wachsen, und zahllose Vögel, die fröhlich über den Himmel fliegen. Die untergehende Sonne malt alles in ein dramatisches, goldenes Licht. Im Hintergrund erheben sich weite, majestätische Berge – ein Anblick von unglaublicher Schönheit.

Herbe Schönheit Wenn man in den tiefsten Süden Neuseelands ist, nur wenige tausend Kilometer von der Antarktis entfernt, erwartet man vielleicht Pinguine, aber nicht die landschaftliche Schönheit dieser Region: Seen und Wasserfälle, Fjorde und Wälder – oft noch unberührt. Die Südinsel Neuseelands ist größer als die erschlossene Nordinsel und bietet reichlich Raum für Aussteiger, Abenteurer und Touristen gleichermaßen. Das Fjordland, der größte Nationalpark des Landes, ist eine Welt aus wilden Tälern, klaren Bächen, tiefblauen Gewässern und nahezu unberührter Natur. Die Luft hier ist so rein wie selten anderswo. Manchmal kann man sogar von der Steward Island aus das Aurora Australis, das südliche Polarlicht, am Himmel tanzen sehen. Wegen dieses Naturschauspiels gaben die Maoris der Insel den Namen „Rakiura“ – Himmelsglühen.

23. Februar 1996 – Milford Sound / Neuseeland

Nach langer Zeit erleben wir heute wieder schwere See. Ich muss alles ordentlich sichern, und meine Mädels haben sich schon vor Dienstbeginn vor lauter Übelkeit fast zu Tode gekotzt. Der Morgen ist ein harter Kampf gegen die Müdigkeit. Ich selbst erreiche heute den absoluten Höhepunkt der Erschöpfung,  ich schlafe fast im Stehen. Deshalb hätte ich beinahe den Milford Sound verpasst. Zum Glück ist meine Kabine so laut, dass ich beim Umkehrmanöver am Ende des Sounds fast aus dem Bett gefallen wäre. Ich stürmte nach oben und wurde mit einem strahlend blauen Himmel empfangen. Der Sound ist tiefgrün und die Berge, majestätisch und mächtig, leuchten im Sonnenlicht. Es ist unglaublich schön, aber ehrlich gesagt kommt es mir vor wie vieles, dass ich bereits in den subantarktischen Regionen oder in Patagonien gesehen habe. Bei meinen vielen Reisen habe ich schon längst festgestellt, dass diese Landschaften sich überall wiederholen. So sieht es genauso aus wie in Norwegen oder Chile, und hier in Neuseeland wiederholt sich das Bild erneut.

24. Februar 1996 – Italia Prima at Sea

24. Februar 1996 – Italia Prima at Sea

Der heutige Tag markiert die Halbzeit unserer Weltreise, ein Moment, der für viele an Bord ein Anlass zur Feier ist. Ein großes Bergfest wird organisiert, das gesamte Capri Deck erstrahlt in aufwendiger Dekoration, die festliche Atmosphäre dringt durch jede Kabine und sorgt für eine gewisse Aufregung, die man in den Lichtern und dem Gelächter spürt. Es ist der Höhepunkt der Reise, der für die Gäste ein Fest der Freude, der Entspannung und des Wohlstands ist. Doch für mich ist dieser Moment weit entfernt von dem, was man als „Höhepunkt“ bezeichnen würde.

Ich habe keinerlei Lust auf diese Feierlichkeiten. Es ist, als ob eine unsichtbare Mauer zwischen mir und all dem steht, was die anderen so begeistert. Vielleicht liegt es daran, dass die Leichtigkeit, mit der die Gäste ihre Zeit auf dem Schiff genießen, in krassem Gegensatz zu dem Gefühl der Erschöpfung und inneren Leere ist, das mich immer stärker ergreift. Ich sehne mich nach einer Pause, nach einem Moment, in dem ich für mich selbst sein kann und nicht in einem Raum voller Menschen, die ich zu oft als oberflächlich empfinde. Ich bleibe wahrscheinlich als einziges Crewmitglied in meiner Kabine, inmitten der Stille und der vertrauten Einsamkeit, die sich wie ein schützender Mantel um mich legt.

Ich verbringe die Stunden mit meinem Computer, in einer Welt, die nur für mich existiert. Es ist nicht nur Ablenkung, sondern ein Versuch, in dieser überladenen, lauten Welt einen Moment der Klarheit zu finden. Der Stress, der sich im täglichen Dienst ansammelt, die ständige Anspannung, den Erwartungen gerecht zu werden, all das ist erdrückend. Mein Körper fühlt sich wie eine leere Hülle an, die nur noch durch die Automatismen des Arbeitsalltags funktioniert.

Kurz betrat ich das Deck, aber als ich die Menschenmengen sah, die sich tanzend und feiernd umherbewegten, wurde mir fast übel. Ihr Lächeln, ihre Freude, alles schien so weit entfernt von dem, was in mir vorgeht. Die Gespräche, die oberflächlichen Worte, die oberflächlichen Blicke – sie spiegeln die Leere wider, die in mir wächst. Ich konnte mich nicht hineinfinden, nicht mitmachen. In meinen Augen sind die Gäste einfach nur nervig, und es fällt mir schwer, ihre Freude nachzuvollziehen. Sie fliehen in diese Illusion des Glücks, während ich in dieser blassen, künstlichen Welt keinen Platz mehr für mich selbst finde. Warum sollte ich mich in meiner Freizeit noch dorthin setzen und so tun, als ob ich ein Teil davon wäre?

Der Rest der Crew hat sichtlich Spaß. Ihre Lachen hallt durch die Gänge, sie feiern, sie sind aufgeschlossen, sie leben im Moment. Ich, hingegen, fühle mich mehr und mehr isoliert. Die Freude, die sie empfinden, scheint sich immer weiter von mir zu entfernen. Und vielleicht ist es genau das: Ich bin einfach anders. Diese Feier, die für viele eine Flucht aus der Welt darstellt, fühlt sich für mich wie eine weitere Last an.

25. Februar 1996 – Italia Prima at Sea

Wir durchqueren derzeit die Tasmanische See, auf dem Weg von Neuseeland nach Australien. Es fühlt sich an, als ob ich durch die Jahreszeiten reise, fast wie ein Zeitsprung. Vom Spätherbst in Neuseeland geht es langsam wieder Richtung Sommer, immer näher dem Äquator. Der Übergang ist spürbar, vor allem als ich heute mit meiner warmen Lederjacke am Bug stehe und die intensiven Sonnenstrahlen genieße. Ein Moment der Ruhe, wenn auch nur für eine Stunde, in der die Sonne mir die kalte Frische der See vertreibt.

Es ist erstaunlich, wie sehr eine Weltreise nicht nur eine Reise durch Länder, sondern auch eine Reise durch die Jahreszeiten ist. Manchmal, gerade für erfahrene Reisende, überrascht einen der plötzliche Wechsel. Die Witterung ändert sich je nach Breitengrad – ein unsichtbares Band, das uns von einer Welt in die nächste führt. Es ist fast unheimlich, wie präzise dieser Übergang funktioniert. Ich erinnere mich noch genau, wie wir in Mexiko die Hitze der tropischen Sonne erlebten, nur um dann zwei Tage später in San Francisco in Kälte fast zu erstarren. Dieser ständige Wechsel der Temperaturen macht die Weltreise zu einem noch intensiveren Erlebnis, man ist ständig in Bewegung, nicht nur auf den Straßen der Städte, sondern auch durch die jahreszeitlichen Zyklen.

Und dann die Südsee, der Inbegriff von paradiesischem Wetter, wo die Sonne unaufhörlich scheint und die Luft den Duft des Ozeans trägt. Doch kaum haben wir die sanfte Brise der tropischen Inseln hinter uns gelassen, stehen wir in Neuseeland, wo der Herbst uns mit kühlem Wind und grauen Wolken empfängt. Dieser ständige Wechsel, der so abrupt und doch so natürlich ist, ist fast ein Spiegelbild meines eigenen Gefühlszustands. Manchmal weiß man nicht, wo man sich eigentlich befindet, körperlich wie emotional. Es ist, als ob man in diesen verschiedenen Jahreszeiten auch etwas über sich selbst entdeckt. Die Kälte der Südsee, die Hitze von Mexiko, all das wird zu einem Mosaik von Eindrücken, das man kaum fassen kann.

Morgen erreichen wir Tasmanien, und ich frage mich, was mich dort erwartet. Wird es wieder eine Überraschung geben, ein neues Bild der Welt, das ich noch nicht kenne? Diese Reise hat mir immer wieder gezeigt, wie wenig man eigentlich weiß, wie unvorhersehbar und weit die Welt ist – nicht nur geografisch, sondern auch in dem, was sie einem an Erfahrungen und Gefühlen bietet.

26. Februar 1996 – Hobart, Tasmanien

Ich hatte immer gedacht, Tasmanien sei nur ein wildes Buschland, weit entfernt von jeglicher Zivilisation. Doch die Realität hat mich eines Besseren belehrt. Hobart, die zweitgrößte Stadt Australiens, ist keineswegs das, was ich erwartet hatte. Wir liegen an einer hübschen Pier, direkt im Stadtzentrum, und von hier aus zeigt sich Hobart in seiner vollen Pracht. Die Stadt hat viel in die Erhaltung ihrer alten Gebäude investiert, und das Ergebnis ist beeindruckend. Die Architektur, so gepflegt und stilvoll, vermittelt eine Atmosphäre, die mich an zu Hause erinnert. Es ist einfach zum Wohlfühlen – die sauberen Straßen, das angenehme Herbstwetter, das hier langsam Einzug hält, und die Menschen, die mit einem entspannten Lächeln an einem vorbeigehen.

Ich sitze in einem Straßencafé und schreibe einen Brief an Sabine. Die frechen Spatzen fliegen hier ebenso zwischen den Tischen umher, wie ich es aus den heimischen Cafés kenne. Die Leichtigkeit, mit der ich mich hier in Hobart bewege, hat etwas Beruhigendes. Diese Stadt ist klein genug, um sie schnell zu durchstreifen, aber sie hat gleichzeitig diesen besonderen Charme, der einem das Gefühl gibt, willkommen zu sein. Früh am Morgen verlasse ich das Schiff und mache eine Fototour durch die Hafenregion. Die frische Luft und die Schönheit der Stadt wecken in mir eine tiefe Zufriedenheit. Ich kann mir vorstellen, hier zu leben, mich niederzulassen und den Alltag mit dieser idyllischen Kulisse zu verbinden.

Hobart und Tasmanien

Tasmanien, der kleinste Bundesstaat Australiens, liegt im Südosten des Kontinents und ist von einer atemberaubenden Natur umgeben. Die Insel erstreckt sich über 296 km von Norden nach Süden und 315 km von Osten nach Westen. Umgeben von einer Vielzahl kleinerer Inseln und dem weiten Ozean, fühlt man sich hier fast wie auf einer anderen Welt, weit entfernt vom Trubel des Festlandes. Im Norden trennt die Bass Strait Tasmanien vom australischen Festland, während im Osten die Tasman Sea und im Westen der Pazifik die Insel umschließen.

Hobart, mit seinen 130.000 Einwohnern, ist die Hauptstadt dieser außergewöhnlichen Insel. Sie liegt am Fuße des imposanten Mount Wellington (1.270 Meter) und vor der Mündung des Derwent River. Der Naturhafen, in dem wir liegen, zählt zu den schönsten der Welt – seine tiefen Wasserstraßen, die durch die Flussarbeit des Derwent Rivers geformt wurden, bieten eine spektakuläre Kulisse. Der Hafen ist nicht nur ein funktionaler Verkehrsknotenpunkt, sondern auch ein malerisches Highlight der Stadt, das den Charakter von Hobart widerspiegelt: ein Ort, an dem Natur und Zivilisation in harmonischem Einklang stehen.

27. Februar 1996 – Italia Prima at Sea

Heute war einer dieser Tage, die einem alles abverlangen. Der Wecker klingelte früh, und von 5:30 Uhr morgens bis Mitternacht hatte ich praktisch keinen Moment zum Verschnaufen. Es war ein Tag, der mich körperlich und mental an meine Grenzen brachte, keine Pausen, kein Sitzen, keine Zeit für einen Moment der Ruhe. Die Aufgaben stapelten sich, und ich rannte von einer zu nächsten, als ob der Tag nie enden würde. Ich hatte das Gefühl, ständig in Bewegung zu sein, ohne je wirklich irgendwo anzukommen.

Es ist schwer zu beschreiben, was es mit einem macht, wenn man so durch einen Tag hetzt, die Stunden verschmelzen zu einem einzigen, endlosen Strang von Arbeit. Der Körper wird müde, der Geist ausgelaugt, aber es gibt keine Zeit, sich davon zu erholen. Ich fühlte mich fast wie ein Schatten meiner selbst, immer in Bewegung, aber ohne wirklich etwas zu spüren. Solche Tage zehren nicht nur an der körperlichen Energie, sondern auch an der inneren Balance.

Als der Tag endlich zu Ende ging und ich in meiner Kabine saß, war es ein merkwürdiges Gefühl. Die Müdigkeit hatte sich tief in meine Knochen gegraben, aber der Tag war noch lange nicht vergangen. Es war ein Gefühl der Erschöpfung, die sich wie eine schwere Decke über alles legte, was ich tat. Ein weiterer Tag auf dieser Reise, und ich hatte das Gefühl, dass es immer noch viele solcher Tage geben würde.

28. Februar 1996 – Melbourne, Australien

Heute betrete ich zum ersten Mal das australische Festland, und Melbourne empfängt mich mit einem eher trüben Wetter. Schon vor acht Uhr gehe ich an Land, doch der Regen peitscht mir ins Gesicht, die Wolken hängen tief und der Wind ist beißend kalt. Ich bin froh, meine warme Lederjacke zu haben, denn ohne sie hätte ich mich hier draußen sicher nicht wohlgefühlt. Wir liegen nicht direkt im Stadtzentrum, was mich ein wenig enttäuscht, da ich für den Weg in die City noch etwa 20 Minuten mit dem Zug fahren muss. Ich hatte mir mehr erwartet.

Die Stadt selbst hinterlässt einen eher nüchternen Eindruck. Zwar ist sie modern und sauber, aber irgendwie fehlt ihr die besondere Magie. Es gibt keine beeindruckenden Sehenswürdigkeiten, keine Architektur, die mich zum Staunen bringt. Melbourne scheint eine dieser Städte zu sein, die von vielen als „sehr normal“ bezeichnet werden würden – ordentlich, funktional, aber ohne großen Charme. Hobart, das ich vor kurzem besucht habe, war viel angenehmer und eindrucksvoller. Auch San Francisco bleibt für mich immer noch ungeschlagen unter den besten Städten, die ich je gesehen habe, und Honolulu steht ebenfalls immer noch ganz oben auf meiner Liste.

Trotzdem bin ich gespannt, wie sich meine Wahrnehmung der Städte am Ende dieser Reise entwickeln wird. Bis jetzt hat Melbourne mich eher enttäuscht. Die Frage bleibt: Gibt es noch eine Stadt, die all meine bisherigen Eindrücke übertrifft?

Australien

Der kleinste Kontinent der Welt erstreckt sich zwischen dem Indischen Ozean im Westen und dem Pazifik im Osten. Mit einer Fläche von 7.683.300 Quadratkilometern ist Australien etwa so groß wie die USA, jedoch ohne Alaska und Hawaii. Dieser Kontinent bietet eine unerschöpfliche Vielfalt an Möglichkeiten für Entdeckungen und Abenteuer – eine riesige Landschaft, die sich in tropische Regenwälder, Wüsten, Steppen und das weite Outback aufteilt. Die Flora und Fauna Australiens ist einzigartig, und die landschaftlichen Wunder sind nahezu unübertroffen: der gewaltige Monolith Ayers Rock, das Great Barrier Reef, und das berühmte Sydney Opera House – all diese Sehenswürdigkeiten sind weltbekannt und bieten einen ganz eigenen Zauber.

Melbourne, mit etwa drei Millionen Einwohnern, ist die zweitgrößte Stadt Australiens und zieht viele Besucher an. Dennoch bleibt sie für mich bislang in der Kategorie „sehr gewöhnlich“. Es ist, als ob die Stadt ihre eigene Geschichte und das Flair, das man von einer der bekanntesten Städte erwartet, nicht ganz offenbart.

29. Februar 1996 – Italia Prima at Sea

Die letzten Tage waren von den ständigen Veränderungen der Landschaft und der Reise selbst geprägt. Heute ist es ruhig, und die Weite des Meeres lässt mich immer wieder nachdenken, über die Zeit, die vergangen ist, und all das, was ich noch vor mir habe.

1. März 1996 – Sydney, Australien

Heute betrete ich das, was ich als einen der Höhepunkte dieser Reise bezeichnen kann: Sydney. Wie immer bei großen Einläufen stehe ich bereits früh um sechs Uhr an Deck, bereit, den ersten Blick auf die Stadt zu werfen. Doch wie so oft verzögern sich die Dinge, und wir kommen erst gegen 9:30 Uhr in den Hafen.

Sydney liegt in einer beeindruckenden Bucht, fast wie ein Fjord. Umgeben von vorgelagerten Inseln, die ein faszinierendes Landschaftsspiel bieten, fühle ich mich fast wie in einem anderen Land. Die Skyline von Sydney, so markant und einzigartig, erscheint vor mir. Im Laufe der nächsten halben Stunde kommt die Sonne endlich durch, die dicken Wolken lockern sich auf und setzen den ganzen Blick in dramatisches Licht. Die Segelform der Oper, die gewaltige Sydney Harbour Bridge, und die Glasskylines, die an Hongkong erinnern, alles fügt sich zu einem spektakulären Anblick.

Wir legen an Pier 9 an, direkt neben der „MS Europa“. Der Hafen von Sydney wirkt majestätisch und riesig, während wir ankommen. Nachdem wir angelegt haben, nehme ich zwei Gäste mit zum Radiotower – 300 Meter hoch, und von hier oben hat man den ultimativen Überblick über die Stadt. Die Sonne ist mir gnädig, und ich schieße einige atemberaubende Fotos, auf denen die drei Kriegsschiffe, die gerade in den Hafen einlaufen, im Hintergrund zu sehen sind. Ihr Erscheinen ist immer ein eindrucksvolles Schauspiel: Majestätisch und lautlos gleiten sie durch das Wasser, fast wie Schatten, die über den Hafen huschen.

Als ich weiter durch die Stadt bummle, komme ich an der Oper und all den bekannten Sehenswürdigkeiten vorbei. Sydney wirkt so lebendig, so voller Energie und Möglichkeiten. Am Abend beschließe ich, noch alleine weiterzuziehen. Zuerst an der Waterfront, dann durch die Straßen in Richtung Chinatown. Dabei erfahre ich, dass heute hier das größte Treffen der Schwulen und Lesben der Welt stattfindet, angeblich in der Oxford Street. Natürlich will ich mir das nicht entgehen lassen und mache mich auf den Weg.

Als ich die Oxford Street erreiche, offenbart sich mir ein völlig anderes Sydney. Die Straße ist in den Farben der Regenbogenflagge beleuchtet – rot, grün, gelb, orange – und die Menschenmenge ist riesig. Es ist fast, als wäre ich auf einem anderen Planeten. Männer, meist über 40, gepflegt, mit glänzenden Gesichtern und in Ledertangas, laufen zwischen den Lichtern umher. Die Atmosphäre ist so einzigartig und zugleich surreal. Ich zünde mir eine dicke Zigarre an, um sicherzugehen, dass mich niemand anrempelt und tatsächlich, auf jedem Quadratmeter stehen Leute, die miteinander sprechen. Die Straßen sind überfüllt, und in einigen Bars bilden sich Menschentrauben, die bis auf die Straße hinausreichen.

Es ist eine faszinierende, fast erschütternde Erfahrung, wenn man sieht, wie Männer sich öffentlich küssen, sich zärtlich die Köpfe streicheln und in dieser Umgebung ihre Gefühle offen zeigen. Es ist eine andere Welt, die ich in dieser Form noch nie erlebt habe und irgendwie muss man es einfach gesehen haben aber nicht verstehen.

Sydney hat mir heute viele Eindrücke geliefert, und auch wenn diese nicht immer nur positiv sind, kann ich nicht leugnen, dass sie mich zum Nachdenken gebracht haben.

2. März 1996 – Sydney, Australien

Ich habe selten so eine Erschöpfung erlebt wie gestern Abend. Von früh bis spät, kaum 30 Minuten Ruhe, nur Arbeit und Hektik. Doch auch wenn mein Körper müde ist, hat mein Geist die Stadt Sydney vollkommen aufgenommen.

Sydney hat sich in mein Herz geschlichen. Ich erlaube mir, den Begriff „die beste Stadt der Welt“ zu verwenden, und das nicht ohne Grund. Die Lebensqualität hier ist außergewöhnlich. Es gibt so viel Grün, die Natur ist atemberaubend, und das urbane Leben verbindet Modernität mit einer fast greifbaren Entspannung. Die Stadt ist sauber, gut durchdacht und von einer unaufdringlichen Eleganz geprägt. Was ich hier besonders mag, ist der innovative Geist, der die Architektur durchzieht – von der Schwebebahn bis hin zu den futuristischen Bauten, die Sydney von anderen Städten abheben. Zwar gibt es auch Wolkenkratzer wie in vielen großen Metropolen, doch in Sydney ist alles durchdacht und scheint einen eigenen Charakter zu besitzen.

Was mich noch mehr beeindruckt, ist die Atmosphäre. Die Menschen hier sind unglaublich locker, entspannt, aber zugleich spürt man den europäischen Einfluss, eine spannende Mischung, die Sydney so einzigartig macht.

Am Abend, als wir gegen 22:00 Uhr von Pier 9 ablegen, stehe ich wieder an Deck, wie so oft in den letzten Tagen. Es ist ein Moment, den ich immer wieder gerne erlebe. Die Taue werden ins Wasser geworfen und eingezogen, die Maschinen heulen auf, und dann ertönt „Conquest of Paradise“ von Vangelis, unsere Auslaufmelodie. Immer wenn ich diese Musik höre, spüre ich eine Gänsehaut. Sie hat eine so kraftvolle Wirkung, dass sie mich jedes Mal tief berührt – und besonders in diesen Momenten.

Vor uns liegt der mächtige Hafen von Sydney, und die Schlepper helfen uns dabei, das Schiff behutsam aus der Bucht zu steuern. Die Skyline der Stadt verschmilzt mit einem Meer aus Lichtern, die sich im Wasser spiegeln. Es ist ein faszinierendes Schauspiel. Langsam gleiten wir am Museum vorbei, an dem russischen U-Boot, auf dem ich einst war, und am australischen Kriegsschiff. Die „Sydney Harbour Bridge“ und das unvergessliche Opernhaus erscheinen vor uns, und selbst wenn ich es schon so oft gesehen habe, bleibt es immer wieder beeindruckend.

Der Blick auf die Oper ist besonders – ihre segelförmige Architektur sticht mit einer gewagten Eleganz hervor. Auch heute noch, wenn wir unter der Brücke hindurchfahren, ist es ein unvergesslicher Moment. Alle Passagiere auf Deck stehen still, als das Schiff langsam durch den Hafen gleitet, und der Wind trägt die Melodie von Vangelis weiter über das Wasser. Es ist wie ein Zauber, der die ganze Crew und die Gäste erfasst.

Manche Städte berühren einen auf eine besondere Weise. Sydney ist für mich eine dieser Städte. Wenn man hier ankommt, fühlt man sich sofort zu Hause, als ob alles miteinander in Einklang steht. Wenn man dann geht, hat man das Gefühl, eine neue Heimat zurückzulassen, eine Stadt, die man immer wieder besuchen möchte.

In diesem Moment, während wir langsam aus dem Hafen gleiten, wird das Lichtermeer immer kleiner und verschwindet schließlich am Horizont. Doch unsere Musik bleibt laut und kraftvoll, und ich kann nur hoffen, dass ich bald wieder zurückkehren werde – sei es privat, um diesen wunderbaren Kontinent zu bereisen, oder im nächsten Jahr wieder mit der Italia Prima. Im kommenden Jahr haben wir vier Übernachtungen in Sydney geplant, was die Vorfreude noch verstärkt.

Es ist vielleicht schwer zu verstehen, aber ich merke, dass ich es liebe, beruflich zu reisen. Ich habe privat schon so viele Orte gesehen, aber hier, auf einem Schiff, in dieser besonderen Gemeinschaft, mit dem stetigen Druck und dem ständigen Aufsaugen neuer Eindrücke, finde ich etwas, das mich erfüllt. Es ist mehr als nur Arbeit, es ist eine Leidenschaft.

3. März 1996 – Sydney, Australien

Heute hatten wir PAXEXCHANGE, also den Wechsel der Passagiere. Einige der alten Gäste blieben in Australien oder flogen direkt zurück nach Europa, während andere neu auf die Italia Prima stiegen. Es war ein typischer Tag mit den damit verbundenen organisatorischen Aufgaben. Das bedeutete auch unser berühmtes General Cleaning, das mittlerweile zur Routine gehörte. Obwohl es immer noch ein riesiger Aufwand war, war es bei weitem nicht so extrem anstrengend wie auf der Hanseatic. Bei den Italienern gab es keine unrealistischen Erwartungen wie die, die ich auf der Hanseatic erlebt hatte, wo ein nahezu perfektes Ergebnis mit einer Punktzahl von 100 gefordert wurde. Hier ging es lediglich darum, die Reinigung zu bewältigen und sicherzustellen, dass alles in Ordnung war um die USPH Prüfung zu bestehen, die hier übrigends APH heißt.

Doch heute habe ich auch eine neue Seite von Australien kennengelernt, die Behörden. Die australischen Behörden traten überraschend kompliziert und strenger auf als erwartet. Sie prüften alles sehr genau und machten ihre Anforderungen deutlich, was die gesamte Prozedur etwas erschwerte. Trotzdem gelang es uns, alles zu bewältigen, und wir setzten die Reise fort.

Es war ein anstrengender, aber dennoch interessanter Tag, der Wechsel der Gäste und die Pflichtaufgaben an Bord gehörten einfach dazu, aber trotzdem gab es immer wieder neue Aspekte, die mich überraschten und die Reise weiterhin spannend hielten.

Die beste Stadt der Welt!

Sydney, mit über drei Millionen Einwohnern, ist Australiens älteste und größte Stadt. Sie ist ein Tor zu allem, was dieser riesige Kontinent zu bieten hat. Der Hafen, den die weltberühmte „Kleiderbügel“-Brücke überspannt, ist oft als der schönste Ankerplatz der Erde beschrieben worden. Kapitän Cook, der im 18. Jahrhundert hier vorbeifuhr, ignorierte den wunderschönen Hafen zunächst und landete stattdessen in der sumpfigen Botany Bay.

Heute ist Sydney eine schicke, moderne Stadt, die die perfekte Mischung aus Seehafen- und Industriestadt verkörpert, umgeben von üppigen Grünflächen und charmanten Wohngegenden. Mit einer Fläche von über 4000 Quadratkilometern bietet Sydney alles, was man sich von einer Weltstadt erhofft – erstklassige Einkaufsmöglichkeiten, hochkarätige Restaurants und sogar eine sündige Meile, die an San Francisco erinnert.

Doch was Sydney wirklich ausmacht, sind die Menschen. Freundlich, zuvorkommend und voller Humor. Ihre Begeisterung für Sport und ihre Liebe zu einer einzigartigen Natur machen die Stadt zu einem idealen Ort, um zu leben – oder sie als Tor zu den vielen anderen 

Das über der Landzunge Bennelong Point aufragende Opernhaus ist zweifellos das bekannteste und aufsehenerregendste Bauwerk von Sydney. Es ist nicht nur ein architektonisches Meisterwerk, sondern auch ein den Künsten geweihter Komplex, der ein Theater, eine Oper und einen Konzertsaal beherbergt. Der Bau des Opernhauses wurde 1959 nach den Plänen des dänischen Architekten Jørn Utzon begonnen. Die ursprünglichen Kosten waren auf etwa 7 Millionen Dollar veranschlagt, doch durch eine unglaubliche Kostenexplosion und technische Herausforderungen musste der ursprüngliche Plan überarbeitet werden. Als sich die Kosten auf mehr als 102 Millionen Dollar summierten, gab Utzon 1962 die Verantwortung für das Projekt auf. Die Fertigstellung übernahm daraufhin ein Team australischer Architekten, doch viele von Utzons revolutionären Ideen blieben im Endergebnis erhalten.

Die markanten weißen „Segel“ des Gebäudes, die so charakteristisch für das Opernhaus sind, sind nach wie vor ein unverwechselbares Symbol von Sydney. Die beeindruckende Architektur des Opernhauses zieht weltweit Besucher an und spiegelt sowohl die Küstentradition als auch die Moderne wider.

Die luxuriöse Innenausstattung des Opernhauses ist ganz auf hervorragende Akustik ausgelegt und verwendet einheimische Hölzer sowie Wollstoffe, die nicht nur ästhetisch ansprechend, sondern auch funktional sind. Im Foyer des Opernhauses befindet sich ein faszinierendes Wandgemälde, das ein eindrucksvolles, düsteres Bild eines Mannes zeigt, der im Hafen von Sydney ertrinkt – eine markante Erinnerung an die Herausforderungen der Bauzeit und an das Risiko, das mit solch einem ambitionierten Projekt verbunden war.

Das Opernhaus von Sydney bleibt eines der bemerkenswertesten und ikonischsten Gebäude der Welt, das sowohl wegen seiner Architektur als auch wegen seiner kulturellen Bedeutung tief in das kollektive Gedächtnis der Stadt und ihrer Besucher eingebrannt ist.

 

04. März 1996 – Brisbane / Australien

In Brisbane liegen wir sehr ungünstig, da wir eine Flussmündung eine Stunde lang hinauffahren mussten, um schließlich irgendwo im Nichts vor der Stadt vor Anker zu gehen. Es war alles andere als ideal. Doch nachmittags besuchte ich eine Koala- und Kängurufarm. Es war ein wunderschöner, unvergesslicher Moment, als ich Koalas hautnah erlebte, die ihre typischen, gemütlichen Bewegungen machten. Nach diesem Besuch ging es noch rasch in die Innenstadt von Brisbane. Die Atmosphäre dort war viel entspannter und weniger überwältigend als in den größeren Städten, die wir zuvor besucht hatten. Trotzdem war die Innenstadt sehr charmant, mit eleganten Geschäften und einer insgesamt angenehmen Stimmung.

Lone Pine / Koala Park

Im Bundesstaat Queensland, dessen Banner ein Koala ziert, gehört ein Besuch bei den berühmten Tieren natürlich dazu. Das Lone Pine Sanctuary in Fig Tree, das 1927 gegründet wurde, war das erste Freigehege dieser Art im Land und umfasst heute rund 40 Hektar. Es ist bekannt für seine Koalas, aber auch für viele andere faszinierende Tiere wie die seltsamen Schnabeltiere. Dennoch stiehlt der Koala allen die Show. Mit seinen drolligen Bewegungen frisst er täglich bis zu zwei Pfund Eukalyptusblätter und zieht damit die Besucher in seinen Bann. Die Koalas wirken einfach immer zu niedlich und sind ein Highlight für jeden, der Australiens Tierwelt hautnah erleben möchte.

Brisbane – Die Gold Coast und Sunshine Coast

Brisbane ist ein Magnet für Einheimische und Touristen gleichermaßen, die sich in den subtropischen Freuden des Bundesstaates Queensland verlieren wollen. Queensland, das fast siebenmal so groß ist wie die Bundesrepublik Deutschland, bietet eine unglaubliche Vielfalt und Schönheit. Tropische Regenwälder, endloses Buschland, steile Berghänge und die Schätze des berühmtesten Korallenriffs der Welt, des Great Barrier Reefs, machen den Staat zu einem einzigartigen Reiseziel.

Im Winter zieht es viele Menschen an die Gold Coast südlich von Brisbane. Dieser schmale Streifen am Meer, eingerahmt von malerischen Berghängen, wird oft mit Miami verglichen: Neonlichter glitzern, T-Bone-Steaks werden in riesigen Portionen serviert, und hohe Hotelgebäude säumen den Strand. Hübsche Parkwächterinnen in goldfarbenen Bikinis stehen an den Rändern der breiten Straßen. Kein Wunder, dass dieser Ort so beliebt ist und jeder das Leben dort in vollen Zügen genießt.

Etwas ruhiger ist die Sunshine Coast, die sich etwas nördlicher befindet. Die Strände hier gehören zu den besten Surfrevieren Australiens, sind jedoch weniger erschlossen und bieten eine entspannendere Atmosphäre für diejenigen, die die Natur und das Meer in Ruhe genießen möchten.

05. März 1996 – Italia Prima at Sea

Ein weiterer Tag auf See, der im Zeichen der Arbeit und Routine stand. Es gibt Tage, an denen die Zeit stillzustehen scheint, und dieser gehörte definitiv dazu.

06. März 1996 – Italia Prima at Sea

Der gleiche Rhythmus setzte sich fort, noch ein Tag auf See. Die Stimmung an Bord war entspannt, aber auch gespannt, da alle sich auf Cairns freuten. Der Horizont blieb unverändert, das gleiche Blau, das uns umgab, aber genau deshalb wollten alle am Heck ihr Essen einnehmen. Und das bedeutete natürlich, dass wir wieder einmal sämtliche Speisen von der Küche vorne nach hinten schleppen mussten. Es war ein regelrechtes Hantieren, bis das Buffet gedeckt war.

Schnell waren sämtliche Speisen am Buffet vergriffen, und alles sah recht leer aus. Also mussten die Mädchen und das Team so viel wie nur möglich nachliefern, damit die Passagiere weiterhin satt werden konnten. Es war ein wenig hektisch, aber auch wieder eine dieser Routinen, die sich an Bord wie selbstverständlich einfügten. Doch trotz der Arbeit gab es eine lockere Atmosphäre, da alle auf den bevorstehenden Landgang in Cairns gespannt waren und sich schon auf das Abenteuer im tropischen Australien freuten.

07. März 1996 – Cairns / Queensland / Australien

Heute hatte ich mir endlich einmal einen ganzen freien Tag organisiert – ein Luxus, den ich seit Genua nicht mehr genossen hatte. Die Vorfreude war riesig, doch dann kam die große Enttäuschung: schwarzer Himmel, Regen ohne Ende. Die Zeitung bezeichnete den Regen als „Desaster“. Am Strand gab es Feuerquallen, und Surfboards waren ausverkauft. Statt Sonne und Abenteuer fand ich mich also in den Geschäften von Cairns wieder. Acht Stunden verbrachte ich beim Einkaufen, in denen ich mir sogar eine neue „Legende“ Brille zulegte, die noch immer ein Erinnerungsstück an diesen eher trüben Tag ist.

Der Regen ließ nicht nach, und beim Wechseln zwischen den Shoppingzentren war ich immer wieder bis auf die Haut durchnässt.

Am Abend fand ich ein bluesiges Lokal mit Live-Musik, in dem ich den restlichen Abend verbrachte. Bis drei Uhr früh genoss ich die Musik und die Atmosphäre, bis ich einfach zu müde war und zurück zum Schiff musste. Am nächsten Morgen war Socrates der „irre Vogel“ der Gruppe, wie immer etwas chaotisch. Ich machte mir Sorgen, dass ihm etwas passiert sei, doch es stellte sich heraus, dass er einfach bei einer netten Spanierin übernachtet hatte. Ein bisschen Scherereien gab es, aber am Ende war alles gut.

 

 8.März 1996 Cairns / Queensland / Australien

Heute arbeitete ich den ganzen Tag über auf klassische Art, natürlich schien auch die Sonne. In Russland feiert man heute den Tag der Frau, also kauften Socrates und ich unseren Mädels 42 kleine Muschelfiguren als Erinnerung.

CAIRNS / DIE STADT AM REEF

Wer beneidet die Leute von Cairns nicht! Sie leben in einer paradiesischen Welt unberührter Schönheit bei idealen Klimaverhältnissen. Denn Cairns ist die nördlichste Stadt von Queensland, dem Sonnenstaat Australiens.

Vor seiner Tür liegt eines der phänomenalsten Naturwunder der Erde – das Great Barrier Reef. Diese etwa 2000 km lange Palette in allen Blau- und Grüntönen, übersät mit Koralleninseln und von weiß schäumender Brandung gesäumt, schützt ein uraltes Reich versteinerter Gärten, die von unglaublich vielen verschiedenen Lebewesen bewohnt sind.

Im Hinterland breitet sich ein Hochland mit stillen tropischen Wäldern und fruchtbaren Ebenen aus, auf denen fette Kühe und Mastrinder grasen. Wasserfälle und Flüsse bewässern Avokadohaine und Felder mit Zuckerrohr, Tabak, Erdnüssen und Mais. Es ist eine Welt, die man nur erleben kann, wenn man die Schönheit der Natur und die Vielfalt der Flora und Fauna mit eigenen Augen sieht. Cairns scheint ein Ort zu sein, an dem das Paradies fast 

9. März 1996 ITALIA PRIMA beim Barrier Reef

25 Millionen Jahre alt, 1930 km lang und 207.000 km² Fläche bedeckt es – das Great Barrier Reef. Wir fahren den ganzen Tag bereits entlang des Riffs. Am Vormittag warf ich meine Fishline aus, mit einer Hundertkiloschnur und einem zehn Meter langen Stahlvorfach – ein Riesenfisch biss darauf an und riss es mit einem kräftigen Ruck ab. So etwas sah ich noch nie!

Die Landschaft hier in unmittelbarer Küstennähe ist atemberaubend schön, das Wasser schimmert in allen Blau- und Türkistönen. Leider regnet es den ganzen Tag, wir fahren durch Nebel und Regenwände, die Sicht beträgt maximal 250 Meter.

GREAT BARRIER REEF

Es bedurfte der Skelette von Abermillionen winziger Meeresorganismen, sogenannten Korallentierchen, und einer Zeitspanne von etwa 25 Millionen Jahren, um die tausenden von Riffen entstehen zu lassen, aus denen sich diese gewaltige Barriere zusammensetzt. Das Riff erstreckt sich über 1930 km von der Nordspitze Australiens bis nach Brisbane und bedeckt eine Fläche von 207.000 km². Das Riff wächst unaufhaltsam weiter, da jedes tote Korallentierchen mit seinem Skelett zu diesem Wassergebilde von unglaublicher Formvielfalt und Schönheit beiträgt.

Das Riff ist die Heimat hunderter Fischarten und Meereslebewesen, deren Namen fast ebenso exotisch wie ihre Farben und Formen sind: Pullers, Humbugs, Footballers, Demosiellenfische, Halterfische und Nashornfische. Trotz seiner Größe und seines Alters befindet sich das Riff ökologisch im Gleichgewicht, das jedoch einmal bedroht war, als sich einer seiner eigenen Bewohner, die korallenfressende Dornenkrone (eine Seesternart), plötzlich stark vermehrte. Heute ist das Riff durch geplante Probebohrungen nach Erdöl gefährdet.

10. März 1996 ITALIA PRIMA beim Barrier Reef

Seit unserem Aufenthalt in Cairns ist eine besonders liebenswerte Freundin an Bord: Gilda. Sie ist eine talentierte Sängerin, und ich kenne sie schon von unserer Zeit auf der CALYPSO. Damals saß sie stets beim Menübriefing neben mir, fasziniert von der Gastronomie und den Menschen, die in dieser Branche arbeiten. Ihre Begeisterung für die Feinheiten des kulinarischen Handwerks war ansteckend. Ich erinnere mich noch sehr lebhaft an ihre Geburtstagsparty, die von einer unbeschwerten Leichtigkeit und einem charmanten Flair geprägt war – es war eine dieser Nächte, die man nicht vergisst.

Nun ist sie wieder an Bord, doch der Glanz, den sie einst ausstrahlte, scheint etwas verblasst zu sein. Gilda ist in Mo verliebt – einen Mann, der eigentlich schon in einem fortgeschrittenen Alter ist, aber in ihrem Herzen hatte er einen besonderen Platz. Leider, so flüstern die Gerüchte, hat Mo ihr den Laufpass gegeben, was sie tief getroffen hat. Man sieht es ihr an, wie sie mit den Emotionen kämpft. Es tut mir leid, sie so zu sehen, denn sie war immer so lebenslustig und voller Energie.

In den späten Stunden des Abends, als das Schiff still in den Wellen schaukelte und der nächtliche Himmel über uns erstrahlte, saßen wir zusammen am Pool. Es war eine dieser Nächte, in denen die Gespräche tiefgründiger werden, als man es erwarten würde. Wir tauschten Weisheiten aus, sprachen über das Leben.

11. März 1996 – ITALIA PRIMA auf See

In den letzten zwei Tagen hat die Italia Prima eine neue Klimazone durchquert. Hier, an der Nordspitze Australiens, ist die Luft eine glühende Wand: 39 Grad im Schatten und 93 % Luftfeuchtigkeit. Innerhalb weniger Minuten im Freien, besonders mit Krawatte und Jackett, verwandelt man sich in ein schweißnasses Abbild von Tropenerschöpfung.

Die Weite dieses Landes wird mir hier besonders bewusst. Seit Tagen segeln wir entlang der australischen Küste Richtung Süden. Die See ist ungewöhnlich flach – kaum mehr als 60 Meter tief –, wodurch das Wasser in atemberaubenden Blautönen schimmert, die mit jedem Sonnenstrahl intensiver leuchten. Es ist ein Anblick, der das Herz eines jeden Seemanns höherschlagen lässt.

Doch die Schönheit trügt, denn die Natur in diesen Gewässern ist erbarmungslos. Kein Strand lädt hier zum Baden ein. Gefährliche Unterwasserströmungen ziehen selbst geübte Schwimmer unaufhaltsam hinaus aufs Meer. Haie wagen sich bis auf wenige Meter an die Küste heran, als ob sie die Grenzen der menschlichen Sicherheit testen wollten. Doch die tödlichste Gefahr lauert in unscheinbarer Gestalt: Quallen, deren Kontakt in wenigen Minuten tödlich enden kann. Die Gefahren dieser See verleihen ihrer Schönheit eine unvergleichliche Ehrfurcht.

12. März 1996 – Darwin, Australien - Hellifly

Es scheint, als hätten wir das schlechte Wetter der letzten Wochen endgültig hinter uns gelassen. Drei Wochen voller durchwachsener Tage liegen hinter uns – keine Katastrophe, aber auch keine paradiesische Reise. Doch heute brennt die Sonne wieder mit einer Kraft, die einem die Luft zum Atmen nimmt. Das ist Australien in seiner intensivsten Form.

Der Nachmittag sollte ein Abenteuer werden, das mir lange in Erinnerung bleibt. Gemeinsam mit Conny aus der Bar wagte ich mich in einen Minihubschrauber. Ein faszinierendes Gerät: Der Pilot sitzt vorne, während die zwei Passagiere hinter ihm, fast rückwärts, Platz nehmen. Anschnallen? Ja, natürlich, um die Füße, der Rest ist dem Fahrtwind ausgeliefert. Alles ist offen, und meine rechte Körperhälfte findet kaum Platz im engen Cockpit. Stattdessen balanciere ich meinen Fuß auf der Außenschiene, was die Sache nicht unbedingt bequemer macht.

Die Motoren laufen warm, langsam bauen sie Touren auf. Acht Minuten lang brummt und vibriert die Maschine, bis wir schließlich abheben. Der Pilot bringt uns zunächst nur wenige Meter über den Boden. Doch plötzlich kippt der Helikopter in eine Schräglage – und los geht’s. Wir schießen förmlich über das Meer, über die goldenen Strände von Darwin, der nördlichsten Stadt Australiens. Die Hitze ist glühend, aber die Aussicht überwältigt alles.

Die Landschaft unter uns scheint wie aus einem Traum: tiefblaues Wasser, endlose Küstenlinien und das glitzernde Weiß der Sandstrände. Die Italia Prima kommt in Sicht. Der Pilot kreist über dem Schiff, und ich halte diese Momente mit der Kamera fest. Die Bilder zeigen nicht nur die atemberaubende Schönheit der Umgebung, sondern auch ein Stück von meinem persönlichen Triumph – inmitten von Chaos und Herausforderungen solche Momente für mich zu erkämpfen.

Dieser Flug war mehr als nur ein Erlebnis. Es war ein Triumph über die Umstände, ein Beweis dafür, dass ich inmitten aller Anstrengungen, die diese Reise mit sich brachte, immer wieder nach den Sternen greifen konnte, auch wenn sie diesmal direkt unter dem glühenden Himmel Australiens lagen.

März 1996 – ITALIA PRIMA auf See

Ein weiterer Tag auf der Italia Prima. Das Meer scheint grenzenlos, ein endloses Blau, das den Horizont verschluckt. Die Hitze presst sich unerbittlich auf das Schiff und seine Crew, doch wir bewegen uns mit unaufhaltsamer Beständigkeit vorwärts. Die Wellen schlagen gegen den Bug, als würden sie uns testen wollen, doch das Schiff bleibt standhaft.

Es gibt Momente, in denen die Routine des Bordlebens beruhigend wirkt, fast wie ein Gleichgewicht inmitten des Chaos. Doch heute bin ich in Gedanken woanders. Die ständige Wiederholung der Abläufe lässt Raum für etwas Größere,  für Überlegungen, wie es weitergehen wird. Der Kampf, den ich hier ausfechte, ist noch nicht vorbei, doch ich spüre, dass sich etwas verändert.

14. März 1996 – ITALIA PRIMA auf See / Das Angebot

Heute war ein Tag, der in die Geschichte meines Lebens eingehen könnte. Mit Herrn Punz, dem Personal & Operations Manager von Zerbone, führte ich ein Gespräch, das die kommenden Wochen und vielleicht sogar Jahre prägen wird. Seine Worte waren klar und doch so bedeutungsschwer, dass ich sie im Stillen immer wieder durchdachte.

Die Nachricht: Meine Zeit auf der Italia Prima wird früher enden, als ich es erwartet habe. Ich werde die Weltreise nicht zu Ende fahren, ein eigenes Schiff wartet auf mich. Die Astor,

das TV Traumschiff, ein stolzes Schiff mit Platz für über 600 Passagiere, soll meine neue Bühne werden. In zwei bis drei Wochen werde ich wechseln und die Verantwortung übernehmen.

Das Angebot ist überwältigend, eine Bestätigung dafür, dass die Kämpfe der letzten Monate nicht umsonst waren. Doch es ist auch eine neue Prüfung. Die Italia Prima war eine Herausforderung, die mich geformt hat, eine Arena, in der ich mich bewähren musste. Und jetzt? Die Astor bringt neue Möglichkeiten, aber auch neue Unsicherheiten.

Während ich an Deck stehe und auf das Meer hinausblicke, wird mir die Bedeutung dieses Augenblicks bewusst. Das Meer bleibt das gleiche, doch mein Kurs ändert sich. Der Wind, die Wellen und die unendliche Weite erinnern mich daran, dass jede Reise eine Chance ist – eine Chance, zu wachsen, stärker zu werden und den eigenen Weg zu finden.

 

WELCOME TO ASIA

 

15. MÄRZ 1996 – PADANG BAY / BALI

Die Landschaft von Bali begrüßte uns heute Morgen mit einer Kulisse, die wie aus einem Bilderbuch wirkte. Trotz der dichten Wolken, die fast greifbar schienen, strahlte die Umgebung eine dramatische Schönheit aus. Der indonesische Busch, satt und voller Feuchtigkeit, schien mit jeder Pore zu leben. Es war eine Szenerie, die in ihrer Intensität beinahe unwirklich erschien.

Da ich fast den gesamten Tag frei hatte, nutzte ich die Gelegenheit, die Insel zu erkunden. Mein Ziel: der Vulkan, der majestätisch in der Ferne aufragte. Für nur 10 Dollar heuerte ich ein Taxi an und begab mich auf eine zweistündige Fahrt über die engen Straßen, die von dichten, tiefgrünen Landschaften gesäumt waren. Bali erinnerte mich an Sri Lanka – dieselben engen Straßen, dieselbe allumfassende Natur und Menschen, die zugleich freundlich und geschäftstüchtig sind.

Der Tag entwickelte sich zu einem kleinen Abenteuer. Ich schlenderte über lokale Märkte und feilschte um Souvenirs: eine beeindruckende Holzfigur für 20 DM, farbenfrohe Sarongs für gerade einmal 4 Dollar das Stück. Selbst Rolex-Imitate wurden hier für 6 Dollar angeboten – ein Preis, den ich in meiner bisherigen Laufbahn noch nie gesehen hatte.

Am Nachmittag wagte ich mich in den Busch, erklomm einen Hügel und kämpfte mich durch die feuchte Hitze. Mein Hemd war binnen Minuten durchgeschwitzt, aber der Lohn war überwältigend: ein makelloser, weißer Strand mit türkisblauem Wasser. Es war, als hätte die Natur diesen Platz eigens für mich erschaffen. Hier traf ich zwei junge Frauen, die mir Gesellschaft leisteten. Wir plauderten kurz, und obwohl ich weiterreisen musste, spürte ich den bittersüßen Hauch einer verpassten Gelegenheit.

WILLKOMMEN IN ASIEN – INDONESIEN / BALI

Bali, nur zwei Kilometer vor der Ostspitze Javas gelegen, ist die wohl schönste Insel Asiens – ein Ort, der den Traum von paradiesischer Schönheit Wirklichkeit werden lässt. Jenseits der goldenen Strände erhebt sich eine Landschaft voller Kontraste: tiefe Schluchten, reißende Flüsse und kunstvoll angelegte Reisterrassen, die sich bis hinauf zum imposanten Vulkanmassiv des Gunung Agung erstrecken.

Für die Balinesen ist der Agung nicht nur ein Berg, sondern der Sitz der Götter, die sie mit Tänzen, Musik und Ritualen ehren. Die rund drei Millionen Einwohner dieser 5561 km² großen Insel leben ein Leben, das von Religion, Kunst und dem Glauben an die Wiedergeburt geprägt ist. Die Hindu-Dharma-Religion, eine faszinierende Mischung aus Hinduismus, Buddhismus und Ahnenverehrung, durchzieht jeden Lebensabschnitt.

Besonders beeindruckend ist die Verbindung zwischen Kunst und Alltag. Die Balinesen gestalten ihr Leben wie ein Kunstwerk – sei es in Form von Tanz, Handwerk oder Festen, die das Leben zelebrieren. Überall auf der Insel sieht man schlanke Frauen in eleganten Sarongs, die mit Opfergaben auf den Köpfen zu Tempeln pilgern.

Trotz des Einflusses des Tourismus haben sich viele Traditionen behauptet. Die großen Hotels im Süden mögen auf Besucher ausgelegt sein, doch in den Dörfern spürt man die Seele Balis. Hier lebt der Glaube, dass das Gute und das Böse stets im Gleichgewicht bleiben müssen – eine Philosophie, die im schwarz-weiß karierten Sarong symbolisiert wird.

Als die Besatzung des ersten holländischen Schiffes, das Bali anlief, die Insel betrat, sollen sie sofort von ihrem Zauber überwältigt gewesen sein. Kein Wunder, dass sie desertierten – das Paradies hatte sie in seinen Bann gezogen.

Heute, an einem Tag wie diesem, verstehe ich sie nur zu gut. Bali ist ein Ort, der die Seele berührt und zugleich einen Hauch von Abenteuer und Magie in jede Begegnung bringt.

16. März 1996 – Kleine Sundainseln / Lemar / Lombok

GEDANKEN

Warum ist es so, dass ich immer dann gehen muss, wenn ich endlich einen Ort gefunden habe, an dem ich mich wohlfühle? Es scheint fast, als wäre ich dazu bestimmt, dorthin zu gehen, wo Chaos herrscht, um Strukturen zu schaffen, Crews zu formen, und Ordnung in das Unvorhersehbare zu bringen – nur um dann weiterzuziehen.

Ich frage mich oft, ob ich wirklich zu dieser seltenen Spezies gehöre, die mit Enthusiasmus neue Projekte angeht, Dinge aufbaut und Menschen inspiriert. Vielleicht ist das meine Stärke: Crews zu „biegen“, wie man so schön sagt, sie zusammenzuschweißen – und dabei manchmal auch mit eiserner Faust durchzugreifen. Doch auch wenn meine Methoden hart sein mögen, scheint es, als würde man mich dafür respektieren, vielleicht sogar schätzen.

Es ist ein Muster, das sich immer wiederholt: Bei Hanseatic war es mein Job, die Crew komplett umzukrempeln. Der Druck war so hoch, dass ich mir ein Magengeschwür zuzog. Auf der Calypso hatte ich die Dienstleistungsbereiche komplett umgedreht, und hier, auf der Italia Prima, habe ich den herausfordernden Prozess des Ship Openings durchlaufen. Jetzt, wo alles läuft, heißt es wieder: „Hanspeter, Schluss mit dem Hobby, jetzt wird weitergearbeitet.“ Mein Chef erwartet von mir, auf ein neues Schiff zu gehen, und die Astor wartet bereits auf mich.

Aber warum ist das so? Liegt es daran, dass ich komme, das Chaos ordne, und dann schnell wieder verschwinde? Bin ich dadurch unnahbar? Oder ist es diese Kombination aus Härte und schneller Abwesenheit, die mich in den Augen meiner Mitarbeiter interessant oder sogar geheimnisvoll macht?

Diese Gedanken begleiten mich heute besonders stark, während ich über die Reling blicke und das leuchtende Blau der Kleinen Sunda-Inseln bewundere. Es ist ein Moment, der mich innehalten lässt – ein kurzer Augenblick des Zweifels, aber auch des Stolzes.

INDONESIEN – DIE KLEINEN SUNDA-INSELN

Indonesien ist ein Archipel der Vielfalt, ein Kaleidoskop aus Menschen, Landschaften und Bräuchen. Besonders bezaubernd sind die Kleinen Sunda-Inseln, die sich wie eine Perlenkette östlich von Bali erstrecken.

Lombok, mit seinem Hafen Lembar, ist ein Ort, der sich von der Nachbarinsel Bali deutlich unterscheidet. Hier wirkt alles ein wenig ruhiger, ursprünglicher. Die Menschen leben in Einklang mit ihrer Umgebung, und die Natur zeigt sich in ihrer ganzen Pracht: tropische Wälder, schimmernde Strände und die majestätische Präsenz des Vulkans Rinjani.

Die Kleinen Sunda-Inseln sind ein Geheimtipp für jene, die das Unberührte suchen. Während die größeren Inseln Indonesiens vom Tourismus geprägt sind, bewahren die Sundas ihren ursprünglichen Charme. Es ist ein Ort, der dazu einlädt, innezuhalten, sich mit der Natur zu verbinden und die Schönheit des Einfachen zu genießen.

Doch so sehr ich mich nach dem Verweilen sehne, das Leben auf See lässt keinen Raum für Stillstand. Die Reise geht weiter – immer weiter.

17. MÄRZ 1996 – SULAWESI

Schon immer hatte ich eine besondere Faszination für Sulawesi , eine Insel, die wie eine skurrile Figur im Meer liegt, mit ihren verzweigten Küstenlinien und unerforschten Winkeln. Heute stehe ich endlich hier, und der erste Eindruck ist überwältigend.

Unser Schiff liegt an der Pier, und nur wenige Schritte entfernt erstreckt sich eine Stadt, die trotz ihrer Größe einen charmant heruntergekommenen Eindruck macht. Die Gebäude sind alt, viele davon baufällig, aber die Energie der Menschen füllt die Straßen mit Leben.

Ein Highlight ist die Rikscha, die hier ein alltägliches Transportmittel ist. Für nur einen Dollar werde ich durch die Stadt chauffiert – eine Erfahrung, die ebenso authentisch wie unterhaltsam ist. Mein Weg führt mich zu einem kleinen Modegeschäft, das sich stolz „Italian Fashion Store“ nennt. Und tatsächlich: Hier, am gefühlten Ende der Welt, finde ich wahre Schätze. Marken wie Armani, Diesel und Lacoste, die man sonst in eleganten Boutiquen sieht, werden hier für einen Bruchteil des Preises angeboten.

Ein Diesel-Jeanshemd von hervorragender Qualität wandert für gerade einmal 14 Dollar in meine Tasche – ein Schnäppchen, das mein Herz höherschlagen lässt. Es ist faszinierend zu sehen, wie diese renommierten Marken an Orten wie Sulawesi produzieren lassen, weit weg von den glamourösen Laufstegen der westlichen Welt.

Leider bleibt uns nur wenig Zeit, die Insel zu erkunden. Bereits um elf Uhr legen wir wieder ab und setzen unsere Reise fort. Sieben Stunden lang fahren wir entlang der Küste, und die Landschaft, die uns umgibt, erinnert an die maledivischen Atolle. Kristallklares Wasser, palmengesäumte Strände und eine Szenerie, die Ruhe und Frieden ausstrahlt.

In Pare Pare nehmen wir die restlichen 320 Gäste an Bord. Es ist ein geschäftiges Treiben, das jedoch von der Schönheit der Umgebung überstrahlt wird. Ein Sonnenuntergang, so atemberaubend, dass die Zeit für einen Moment stillzustehen scheint, verabschiedet uns von Sulawesi.

Ich stehe vorne am Deck, die salzige Brise weht mir ins Gesicht, und neben mir bewundert Gilda diese magische Szenerie. Es sind diese Augenblicke, die das Leben auf See so besonders machen – Momente, die sich in die Seele brennen und die Unermesslichkeit der Welt spürbar machen.

SULAWESI – DIE INSEL DER SEEFARER

Sulawesi, die elftgrößte Insel der Welt, ist Heimat von etwa 14 Millionen Menschen, die für ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten als Seefahrer bekannt sind. Ihre Expertise und Verbindung zum Meer sind tief in der Kultur verwurzelt.

Die Insel, deren Küstenlinie von Fjorden, Buchten und Lagunen geprägt ist, bietet eine Vielfalt an Landschaften, die vom dichten Dschungel bis hin zu weißen Sandstränden reichen. Es ist ein Ort, an dem Natur und Mensch in harmonischer Koexistenz leben – ein Paradies für jene, die die Ursprünglichkeit der Tropen suchen.

Auch wenn unsere Zeit auf Sulawesi kurz war, hinterlässt sie einen bleibenden Eindruck. Die Geschichten, die diese Insel erzählt, und die Bilder, die sie in meinem Geist hinterlässt, werden noch lange nachhallen.

18. März 1996 – ITALIA PRIMA auf See / Äquator

Ein wunderschöner Arbeitstag liegt hinter mir, doch meine Gedanken schweifen immer wieder ab, hin zu meinem neuen Job, der mir bevorsteht. Es ist ein seltsames Gefühl, zwischen Freude und Unsicherheit zu schwanken. Auf der einen Seite die Ehre, erneut Verantwortung für ein Schiff zu übernehmen, auf der anderen Seite die Abschiede und Veränderungen, die damit einhergehen.

Immer wieder freue ich mich, Gilda während der Arbeit zu begegnen. Es ist, als würde eine unsichtbare Verbindung zwischen uns bestehen, ein Draht, der stärker ist als bloße Sympathie. Am Nachmittag verbringen wir drei Stunden vorne am Bug. Die Äquatortaufe, die viele andere beschäftigt, lassen wir bewusst ausfallen. Stattdessen sprechen wir über das Arbeiten auf Schiffen, über das Leben und für mich überraschend auch über unsere früheren Leben.

Normalerweise meide ich dieses Thema, doch bei Gilda ist es anders. Es fühlt sich natürlich an, ihr gegenüber meine Überzeugung zu teilen, dass das Leben ein Kreislauf ist und Wiedergeburten dazugehören. Meine Reisen haben mir auf diesem Gebiet viele Einsichten gebracht. Unsere Gespräche fließen leicht und tief, die Zeit vergeht wie im Flug.

Am Abend fragt sie mich, ob wir nach meinem Dienst eine Flasche Wein trinken könnten. Um Mitternacht hole ich sie vom Achterdeck ab, und wir gehen zusammen in die Crewbar. Dort herrscht heute Nacht ein ausgelassenes Treiben, es wird getanzt und gefeiert, die Stimmung ist ausgelassen.

Im Laufe der Nacht macht Gilda, deren eigentlicher Name Irene ist, mir ein Geständnis, das mich tief berührt. Sie gestand mir, dass sie in mich verliebt ist  und dass dieses Gefühl bereits auf der Calypso begann. Ich erinnere mich an die Menubriefings, bei denen sie stets an meiner Seite war. Diese Erinnerungen bringen ein Lächeln auf mein Gesicht.

Gilda, die auf den Weltmeeren seit sechs Jahren ein Star ist, beeindruckt mich mit ihrer Stimme und ihren Auftritten, wie dem gestrigen. Sie ist eine Frau von außergewöhnlicher Intelligenz, Weltgewandtheit und Natürlichkeit. Doch wenn ich mit ihr zusammen bin, sehe ich nicht die gefeierte Sängerin. Ich sehe Irene – meine kleine Göttin.

19. März 1996 – Sandakan / Malaysia / Borneo

Unsere Ankunft in Sandakan wird von beeindruckenden Landschaften begleitet. Der Hafen liegt etwa 15 Kilometer außerhalb der Stadt, und die Einfahrt bietet ein faszinierendes Panorama aus dichtem Urwald und steil abfallenden Berghängen. Es ist eine Szenerie, die sowohl Schönheit als auch Wildheit ausstrahlt.

Mit meinem gewohnten Outfit, einem Safarijacket, Guatemalashoes und einer auffälligen Sonnenbrille mache ich mich auf den Weg in die Stadt. Kaum angekommen, spüre ich, dass ich hier scheinbar auffalle. Die Menschen kommen aus ihren Geschäften, winken mir zu und folgen mir neugierig. Immer wieder werde ich freundlich angesprochen: „How are you?“ oder „Where are you going?“ Es scheint, als hätte ich einen starken Eindruck hinterlassen – vielleicht liegt es an meinem Auftreten, das die Einheimischen mit einem ihrer Helden aus den Auslagen, den Power Rangers, zu vergleichen scheinen.

Die Stadt selbst ist jedoch ein Kontrast zu ihrer spektakulären Umgebung. Sandakan wirkt wie ein vergessenes Dorf der dritten Welt – schmutzig, stinkend und in einem Zustand, der von Armut geprägt ist. Es ist ein Kaff, das auf den ersten Blick wenig zu bieten hat, doch die Freundlichkeit der Menschen macht den Aufenthalt trotzdem besonders.

SANDAKAN – EIN KAPITEL KOLONIALGESCHICHTE

Sandakan war einst der Dreh- und Angelpunkt der britischen Kolonialmacht auf Borneo. 1881 kaufte eine Gruppe britischer Geschäftsleute den nördlichen Teil der Insel von den Sultanen von Sulu und Brunei. Nur wenige Jahre später, 1884, wurde Sandakan zur Hauptstadt von British Nord-Borneo ernannt. Der Ort erlebte einen rasanten Aufschwung, und schon 1887 lebten hier 5.000 Menschen.

Doch der Glanz dieser Zeit ist längst verblasst. Heute ist Sandakan eine Stadt voller Widersprüche – ihre Vergangenheit zeugt von kolonialer Bedeutung, während ihr gegenwärtiger Zustand die Herausforderungen und Rückstände der Entwicklung deutlich macht.

20. März 1996 – Brunei / Das reichste Land der Welt

Gegen Mittag legten wir in Brunei an. Die Sonne brannte vom Himmel, und der Hafen empfing uns mit einer gewissen Erhabenheit. Etwa vierzig Autominuten von der Stadt entfernt befand sich die Pier, und schon bei der Einfahrt wurde uns klar, dass wir in einem der reichsten Länder der Welt angekommen waren. Hier, in Brunei, schien der Reichtum so selbstverständlich wie das tägliche Leben selbst. Es gab keine Taxis, da jeder hier alles zu Hause hatte, was er brauchte – auch die Autos. Alles wirkte so, als ob es an Komfort und Luxus nicht mangeln würde.

Als wir in den Hafen einfuhren, fuhren wir zunächst einen Kanal entlang. Das Wasser war von einem tiefen Türkis, fast magisch, und die Landschaft rundherum war von prächtigen Häusern gesäumt. Doch was wirklich den Atem raubte, waren die Jachten – riesige Luxusjachten, die an den Privatstegen vor Anker lagen. Diese Jachten kannte man sonst nur aus den Hochglanzmagazinen der Reichen und Schönen, in der hunderten-Meter-Größe. Hier, in Brunei, schien jeder seine eigene kleine Welt zu besitzen.

Mit Gilda, machte ich mich auf den Weg in die Hauptstadt. Es war ein heißer Tag, und sie fühlte sich nicht gut, der Kreislauf machte ihr zu schaffen. Die drückende Affenhitze des Hafens setzte uns beide ziemlich zu, aber endlich kam der Bus, und wir fuhren los.

Die Stadt, die uns erwartete, war eine Enttäuschung. Ich hatte mir etwas wie Dubai vorgestellt, aber hier war alles eher bescheiden. Zwar gab es einige prunkvolle Superpaläste und Dächer, die in Gold getaucht waren, aber irgendwie wirkte alles fast zu übertrieben. Der Sultan ließ seinen Reichtum überall zur Schau stellen – mit seiner Krönungskutsche aus den 80er Jahren, die uns fast wie ein Relikt aus einer anderen Zeit erschien.

Gemeinsam mit Gilda suchte ich Zuflucht vor der Hitze im Sheraton Hotel. Hier, in der kühleren Umgebung, konnte ich nach langer Zeit endlich wieder zu Hause anrufen. Es war wie ein Aufladen meiner Batterien – ein Moment des Friedens, als ich hörte, dass es meiner Familie gut ging. Es war wie eine kleine Oase inmitten der Hektik der Reise.

Abends ließ ich den Tag in der Crewbar ausklingen. Später kam Gilda dazu, und ich spürte, wie gut es mir tat, ihre Nähe zu haben. Es war wie ein unsichtbares Band, das uns verband, und ich genoss jeden Moment, den wir miteinander verbrachten. Nach einer Weile verabschiedete sie sich, um sich hinzulegen.

Gilda würde uns bald verlassen. In zwei Tagen würde sie in Bangkok von uns Abschied nehmen, und ich wusste, dass ich sie vermissen würde. Ich hoffe nur, dass ich sie irgendwann wiedersehe.

DAS GELD LIEGT NICHT AUF DER STRASSE Brunei, im Nordwesten von Borneo gelegen, ist das Land des Überflusses. Mit nur 250.000 Einwohnern und einem jährlichen Pro-Kopf-Einkommen von 22.000 Dollar ist es eines der reichsten Länder der Welt. Hier müssen die Bürger keine Steuern zahlen, und Arbeit ist für die meisten nur noch ein Hobby. Die Menschen leben in einem Wohlstand, den man sich in der westlichen Welt nur schwer vorstellen kann. Doch der Reichtum hat auch eine Schattenseite – er hat die Bewohner von der Welt der anderen entfernt. In Brunei gibt es keine Armut, aber auch wenig Zugang zu den Erfahrungen und Herausforderungen, die der Rest der Welt täglich durchlebt.

21. März 1996 – South China Sea / Gilda

Es war ein normaler Arbeitstag, der jedoch einige unerwartete Höhepunkte hatte. Die Routine an Bord war wie immer, aber dennoch war da dieses ganz besondere Gefühl, das mich begleitete. Ich war fast nur noch mit Irene zusammen. Ihre wahre Identität hatte ich längst erkannt, aber in der Öffentlichkeit waren wir sehr vorsichtig, verhielten uns distanziert und freundlich, ohne zu viel Nähe zu zeigen, ein notwendiges Spiel, das wir beherrschen mussten.

Aber heute, in einem ruhigen Moment, als wir uns alleine in einer Ecke des Schiffs unterhielten, gestand sie mir zum ersten Mal offen, was ich längst gespürt hatte: Sie war in mich verliebt. Die Worte, die sie sprach, waren für mich wie ein zarter, flüsternder Wind, der alles in mir durcheinanderwirbelte. Es war ein Moment der Ehrlichkeit, der zwischen uns lag, ein Vertrauen, das uns noch enger zusammenbrachte.

Obwohl wir in der Öffentlichkeit stets darauf achteten, unsere Gefühle zu verbergen, war dieser Moment für uns ein Schritt in eine tiefere Verbindung. Irgendwie war es so, als ob der ganze Ozean um uns herum stillstand, während wir in diesem Augenblick die Realität der Emotionen spürten.

22. MÄRZ 1996 – SOUTH CHINA SEA

Der Tag war von zwei Dingen geprägt: der Arbeit und der Zeit, die ich mit Irene verbrachte. Diese beiden Aspekte bestimmten meinen Rhythmus und meine Gedanken. Es war eine merkwürdige, aber zugleich wunderschöne Zeit, in der die Übergänge zwischen Arbeit und persönlichen Gefühlen immer mehr ineinanderflossen.

Am Abend trafen wir uns mit den beiden Mädchen aus dem Juwelierladen, die uns auf ihre ganz eigene Weise charmant unterhielten. Gemeinsam verbrachten wir den Abend an Deck, bei Käse und Wein, die Sonne neigte sich dem Horizont entgegen und malte den Himmel in ein spektakuläres Rot. Es war ein entspannter Moment, ein wenig abseits vom üblichen Trubel des Schiffslebens.

Doch später, als der Rest der Welt weit entfernt schien, verbrachten Irene und ich die Nacht miteinander – aber auf eine Art, die schwer in Worte zu fassen ist. Es war voller Zärtlichkeit, einer Harmonie, die ich so nicht erwartet hatte. Es war, als ob jede Berührung von mir eine stille Botschaft war, die sie tief in ihrem Inneren berührte. Ich hielt sie in meinen Armen, mal zart, mal fest, und spürte dabei eine Nähe, die über Worte hinausging. Es war eine Verbindung, die viel mehr bedeutete als bloße körperliche Nähe.

Und doch, in all dieser Zärtlichkeit, sagte sie mir immer wieder, dass sie noch zu sehr in ihrer Geschichte mit Mo verstrickt sei. Sie wollte, dass ich sie nicht anders ansah, dass ich respektierte, dass sie diese Verbindung noch nicht abgeschlossen hatte. Sie bat mich, zu warten, bis sie sich sicher war – bis sie sich selbst sicher war. Es war ihr Wunsch, und ich wollte ihm gerecht werden. Auch wenn ich wusste, dass dieser Moment der Nähe etwas anderes war, als was viele als gewöhnlichen "Schlaf" bezeichnen würden.

 

23. März 1996 – Bangkok

Der Tag begann mit einem sanften Aufwachen, als ich auf dem Amalfi Deck bei Irene schlief. Es war kurz nach neun Uhr morgens, und als ich aus dem Fenster sah, bemerkte ich, dass wir uns bereits im Fluss befanden und uns darauf vorbereiteten, anzulegen. Ein gewisses Gefühl der Vorfreude lag in der Luft, als die gewohnte Hektik der Stadt immer näher rückte.

Einige Zeit später fuhren Irene und ich gemeinsam in die Stadt, unser Ziel war das Oriental Hotel, für uns beide das beste Hotel der Welt. Doch wie immer war meine Zeit begrenzt, und so trennten sich unsere Wege bald. Ich begleitete den Ungarn Hr. Moesser zum Fluss, und wir entschieden uns, eine einstündige Klongfahrt zu unternehmen. Der Fluss, das lebendige Herz Bangkoks, war eine ganz andere Welt, die wir für kurze Zeit erlebten.

Nach der Fahrt wollten wir zurück zum Schiff. Wir nahmen ein Taxi und dachten, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis wir zurück sind. Doch was sich dann entfaltete, werde ich nie vergessen. In Asien sagt man oft „Ja“, auch wenn man etwas nicht weiß – und genau das geschah. Der Taxifahrer erklärte uns, er kenne den Weg zur Pier Nummer 14, doch nach einer halben Stunde Fahrzeit standen wir vor einem völlig falschen Hafen. Das war nur der Anfang einer langen Irrfahrt.

Es folgte noch eine weitere Stunde, und als wir endlich an einer anderen Pier ankamen, fragte ich den Hafenmeister nach der Italia Prima. Der hatte sie tatsächlich in seinen Unterlagen und erklärte dem Taxifahrer auf Thai, wie er uns zur richtigen Pier bringen könnte. Doch der Fahrer hatte noch immer keinen Plan und verfuhr sich erneut. Wir landeten an einer weiteren falschen Pier, und die Unruhe wuchs. Der Fahrer war mittlerweile vollkommen ratlos, seine Arme zuckten hilflos, und er versuchte, uns irgendwo in der Peripherie von Bangkok aussteigen zu lassen. Doch wir wollten das nicht, wir mussten irgendwie zurück zur Italia Prima!

Nach insgesamt sechs Stunden durch die Stadt, in denen sich die ganze Situation immer mehr zuspitzte, war das Glück auf unserer Seite. Irgendwie sahen wir durch Zufall den Schornstein der Italia Prima. Endlich, nach dieser endlosen Fahrt, waren wir „gerettet“. Als wir zum Schiff zurückkehrten, erfuhr ich, dass nicht nur wir dieses Schicksal erlitten hatten. Alle Gäste und ein großer Teil der Crew waren in der gleichen misslichen Lage. Zum Glück lagen wir über Nacht im Hafen, andernfalls wäre dies eine regelrechte Katastrophe geworden.

24. März 1996 – Bangkok

Ich war erschöpft, völlig ausgelaugt von einem langen Frühdienst mit einer 5:00 Uhr Wake-up-Time, die mich beinahe umbrachte. Doch am Nachmittag, als sich die Sonne begann, sanft zu neigen, konnte ich für drei Stunden auf das Deck gehen, um mich zu erholen und bei Irene zu sein. In ihrer Nähe verflog die Müdigkeit, und wir plauderten über unser Leben, unsere Vorstellungen und natürlich über die Liebe – das zentrale Thema unserer Gespräche.

Doch um 20:30 Uhr wurde es ernst. Irene musste abreisen. Der Zeitpunkt hätte nicht schlechter gewählt sein können, denn ich stand gerade kurz davor, den Dining Room zu betreten, als die Gäste stürmten. Und dann stand sie da, mit ihren Koffern, bereit, sich von mir zu verabschieden. Der Moment war seltsam still, fast wie eingefroren. Inmitten des geschäftigen Treibens des Schiffes hielt ich sie fest in meinen Armen, versuchte, ihr alles zu sagen, was in mir war, obwohl Worte zu flach erschienen für die Tiefe dieses Augenblicks. „Du bist eine wahrhaft große Frau“, sagte ich leise. Da ich wusste, dass Worte eine Bedeutung haben, fügte ich hinzu: „Auf Wiedersehen! Sawansee!“ Ich faltete die Hände im asiatischen Stil und verbeugte mich leicht. Sawansee – der Abschied, der nicht endgültig war.

Da ging sie nun, meine Traumfrau, mit all ihrem Esprit, Intellekt und dem einzigartigen Humor, der sie auszeichnete. Ich fragte mich, ob ich sie jemals wiedersehen würde. Aber tief in meinem Inneren wusste ich, dass es nicht das letzte Mal war. Ich war davon überzeugt, dass sich unsere Wege irgendwann wieder kreuzen würden.

25. März 1996 – Bangkok

Gilda ist weg. Heute Nacht hat mich die Einsamkeit überfallen. Meine Gedanken kreisten um sie, und mein Herz war in Bewegung – für einen Moment zumindest. Doch nicht lange. Eine solche Müdigkeit hatte ich selten gespürt. Ich war wie ausgelöscht.

Nach meinem Late-Night-Dienst meinte Iris, die mir tags zuvor noch versprochen hatte, mit mir in die Stadt zu fahren, um den Bing-Bong-Club zu besuchen, sie sei zu müde und wolle lieber an Bord bleiben. Welch ein Glück! Mir fiel ein Stein vom Herzen. So konnte auch ich einfach ins Bett verschwinden – und siehe da: Nach acht Stunden tiefem Schlaf fühlte ich mich wie neugeboren.

Mit Iris und Babsi ging es dann doch noch in die Stadt. Der Verkehr war jedoch derart chaotisch, dass wir nach einem sechs Stunden währenden Taxiabenteuer mitten im tosenden Verkehrsgewimmel aus dem Wagen sprangen und Zuflucht in einem einfachen Einkaufszentrum am Stadtrand suchten. Wir schlugen dort ein paar Stunden tot – nicht gerade das, was man sich unter einem Ausflug nach Bangkok vorstellt, aber immerhin.

Den Nachmittag verbrachte ich schließlich auf einem fast leeren Deck. Ich schrieb viel – Briefe, Gedanken, auch mein Tagebuch holte ich endlich nach. Es war ruhig, der Himmel dunstig, mein Kopf langsam wieder klar.

BANGKOK / DIE STADT UNTER DER DUNSTWOLKE

Wir liegen bei der verdammten Poon Ppat Wharf 14, die jeden zum Verhaengniss wurde.

Gerade 200 Jahre alt ist die lebendige 6 mio. Stadt mit einem Ballungsgebiet von 9 mio. Menschen. In kaum einer anderen Stadt treten Gegensaetze deutlicher hervor, die sich im Spannungsfeld zwischen einer traditionellen asiatischen und westlich modernen Gesellschaft aufbauen.Dicht beieinander liegen Armut und Reichtum, Hektik und Ruhe, Glanz und Elend. In den Strassen pulsiert das Leben: mitten im Verkehrsgewimmel wird gekauft und verkauft, Buergersteige werden zu Maerkten, Menschenmassen stroemen zu den Bussen und in die Geschaefte, waehrend in den schmalen Gassen nebenbei Kinder unbeheligt Drachen steigen lassen. Nur noch begrenzt dringt der Verkehrslaerm in die von Mauern umgrenzden Tempelanlagen, deren prunkvoll dekorierte Bauten im Schatten weit ausladender Baeume Oasen der Ruhe sind. Die Stadt scheint endlos, es gibt viele andere Zentren, hier das Touristenzentrum, dort das historische Zentrum, in einem ganz anderen Gebiet die Einkaufs,- und Verwaltungszentren. Eine unuebersichtliche Stadt, in der die meisten Ziele nicht zu Fuss zu erreichen sind. Entsprechend waelzen sich laut hupende Taxis, knatternde Tuk Tuks, qualmende Busse durch die notorisch verstopfen Strassen.

Allein 400 Tempel gibt es in der Stadt, viele Maerkte und ein interessantes Nationalmuseum. Die Restaurants sind international, und nach Sonnenuntergang wird sich niemand langweilen - selbst wenn man keine Hostessen sucht.

26. März 1996 – Italia Prima auf See

Ein weiterer Tag auf See. Der Horizont scheint sich nicht zu verändern, nur Wasser, so weit das Auge reicht – endlos, beruhigend und zugleich ein bisschen melancholisch. Die Routine an Bord gibt mir Struktur, doch meine Gedanken schweifen immer wieder ab. Viel Zeit zum Nachdenken, zum Fühlen – und auch zum Vermissen.

27. März 1996 – Kuantan / Malaysia / Südchinesisches Meer

Wieder einmal liegen wir weit außerhalb – 25 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, irgendwo in der Einöde. Direkt neben uns ragt eine wenig einladende Ölraffinerie in den Himmel. Der Ausblick ist trist, die Luft schwer. Ich bleibe den ganzen Tag an Bord. Keine Lust auf Menschen, kein Drang nach Stadt. Stattdessen widme ich mich meinem Privatleben – soweit das eben möglich ist, inmitten von Maschinenlärm, salziger Luft und flüchtigen Begegnungen.

Ich sortiere Gedanken, schreibe, reflektiere. Es tut gut, auch wenn es schwerfällt. Manchmal ist Stillstand notwendig, um sich innerlich zu bewegen.

Kuantan

Kuantan – größte Stadt an der Ostküste Malaysias. Kein Touristenparadies, sondern ein nüchternes Wirtschaftszentrum. Kein Ort zum Träumen, eher zum Funktionieren. Aber vielleicht braucht es genau solche Orte, damit man das Schöne, das Besondere wieder erkennen kann, wenn es einem begegnet.

28. März 1996 – Singapur

Um sieben Uhr früh liefen wir in Singapur ein. Unser Liegeplatz war direkt neben der Sentosa-Halbinsel, beim World Trade Centre. Ich war schon einige Male an diesem wunderschönen Ort, aber es ist jedes Mal aufs Neue ein besonderes Gefühl, wenn man mit einem Schiff in eine solche Megastadt hineingleitet. Irgendetwas daran wirkt immer edel – ein leiser Stolz, Teil dieses Spektakels zu sein.

Ich nahm mir sofort bis vier Uhr nachmittags frei. Kaum war ich vom Schiff, zog es mich hinaus – Shopping stand auf dem Plan. Glücklicherweise sind die Taxis hier recht günstig: mit dem Bus kostet die Fahrt in die City etwa fünf Schilling, mit dem Taxi rund 35. Ich ließ mich durch die Orchard Road treiben, ohne großen Plan, einfach nur treiben lassen.

Irgendwann beschloss ich, mir heute mal keinen Einkaufsstress zu machen. Stattdessen wollte ich gut essen gehen – allein, in Ruhe – und sehen, wohin der Tag mich führt. Ich schlenderte durch das Princess Crown Hotel, in dem ich früher gemeinsam mit Ulli ein paar unbeschwerte Tage verbracht hatte. Es war eine schöne Zeit, leicht und voller Lachen. Jetzt, Jahre später, sitze ich wieder hier – allein, mit einem Kaffee – und frage mich, warum alles so gekommen ist. Wer war der Sieger in diesem ewigen Hin und Her zwischen uns? Oder waren wir beide die Verlierer? Am Ende, denke ich, war es alles für die Fische. Schade, dass es so enden musste.

Später ging ich in ein benachbartes Restaurant zum Essen und lernte dort den sehr freundlichen Restaurantmanager kennen. Er war sympathisch, sprach sofort davon, mich mit seiner Frau am Schiff zu besuchen – aber letztlich kam er doch nicht. Trotzdem schenkte er mir eine tolle Adresse für Computerkram, und ich verbrachte Stunden in den von ihm empfohlenen Shops. Es war riesig – eine ganze Etage nur für Technik, mindestens so groß wie drei Decks auf unserem Schiff. Ich kaufte eine Menge Software und fuhr schließlich bei strömendem Regen viel zu spät zurück zum Schiff.

Nachts bereitete ich noch das Mitternachtsbuffet vor und wollte mich dann in der Kabine nur schnell umziehen, um später noch ins Westin Stamford aufzubrechen. Doch kaum war ich in der Kabine, fiel ich in Uniform aufs Bett – und wachte erst wieder um vier Uhr früh auf. Totmüde. Anders kann man es nicht nennen.

29. März 1996 – Singapur

Ein letzter freier Tag in Singapur – wenn man das überhaupt so nennen konnte. Ich gönnte mir eine große Runde mit der Sentosa-Seilbahn, die majestätisch über den Hafen hinwegführte. Dabei schwebte ich direkt über „mein“ Schiff, die Italia Prima, und genoss diesen einzigartigen Blick aus der Vogelperspektive. Der Hafen von Singapur lag mir zu Füßen wie ein perfekt inszeniertes Miniaturmodell – pulsierend, geordnet, effizient.

Leider blieb mir heute kaum mehr Zeit, an Land zu gehen. Vielleicht war das auch gut so. Ich hatte mit dem Gedanken gespielt, meinen Laptop auf 32 MB RAM aufrüsten zu lassen – damals eine kleine Revolution. Der Preis dafür? Stolze 8.000 Österreichische Schilling. Ich schüttelte innerlich den Kopf. Keine Zeit – kein Geldverlust. Manchmal trifft einen das Schicksal in Form eines engen Zeitplans, und vielleicht war genau das mein Glück an diesem Tag.

Gegen 17 Uhr hieß es dann endgültig Abschied nehmen. Langsam lösten wir die Leinen in der Sentosa-Bucht. Wie immer war ich beeindruckt vom geschäftigen Treiben rund um die Insel. Rundherum lagen unzählige Frachtschiffe in Warteposition – ein beeindruckendes Bild maritimer Disziplin. Neben uns lief gerade ein Megaliner der malaysischen Star Line ein, vollbepackt mit vermutlich mehr als 2.000 Passagieren. Ein schwimmender Koloss – imposant und elegant zugleich.

Der Hafen von Singapur Der größte Hafen der Welt. Zehn Kilometer erstreckt er sich entlang der Küste. Alle drei Minuten legt hier ein Schiff an oder ab. Über 2.000 Schiffe werden jährlich in den hiesigen Werften repariert, und der Containerterminal – vollautomatisch und computergesteuert – funktioniert mit einer Präzision, die ihresgleichen sucht. Alles ist unglaublich sauber, akkurat organisiert, ein Paradebeispiel asiatischer Effizienz.

Löwenstaat Singapur – der Stadtstaat mit dem klingenden Namen und der diszipliniertesten Gesellschaft, die ich je kennengelernt habe. Vorgelagert zur malaiischen Halbinsel besteht Singapur aus der Hauptinsel sowie 57 kleineren Inseln. Auf gerade einmal 570 Quadratkilometern leben hier Millionen Menschen in bemerkenswerter Ordnung. Der Lebensstandard ist der höchste Asiens, die Stadt gilt als die sauberste der Welt. Kaugummi kauen? Verboten. Essen oder Trinken in der U-Bahn? Streng untersagt. Wer mit einem schmutzigen Auto in die City will, darf gleich wieder umdrehen. Alles läuft über Computer, alles ist geregelt, geplant, durchdacht. Und trotzdem – oder gerade deshalb – fühlte ich mich hier immer wohl.

Singapur war für mich stets mehr als nur ein Hafen. Es war ein kurzer Ausflug in eine andere Welt, in der Disziplin, Technologie und Sauberkeit das Bild bestimmten – und gleichzeitig eine faszinierende, moderne Seele mitschwang, die einen stillen Eindruck hinterließ.

30. März 1996 – Kuala Lumpur, Malaysia

Noch vor Sonnenaufgang laufen wir bei strömendem Regen in Port Kelang ein. Das Wetter war wieder einmal typisch tropisch – der Himmel schwarz, das Wasser prasselte in Strömen vom Himmel, als hätte sich eine Schleuse geöffnet. An Land zu gehen schien zunächst wenig verlockend, doch gegen Ende meines Frühdienstes klarte es langsam auf. Als der Regen nachließ, stand dem geplanten Ausflug nichts mehr im Weg.

Gemeinsam mit Elfi, Mascha und Edith organisierte ich ein Taxi in die Hauptstadt. Unser Fahrer war ein freundlicher und umsichtiger Mann, der uns für 15 Dollar pro Person die 35 Kilometer lange Strecke nach Kuala Lumpur brachte – und uns dort sechs Stunden lang geduldig erwartete, um uns auch sicher wieder zurück zum Hafen zu bringen.

Doch Kuala Lumpur empfing mich heute in völlig anderem Licht als damals während meines Urlaubs. Es fühlte sich fremder an, weniger vertraut. Vielleicht lag es am ständigen Wandel dieser asiatischen Metropolen, vielleicht auch an meiner eigenen Perspektive. Wir stiegen beim Central Market aus und tauchten direkt ins pulsierende Chinatown ein. Der Markt war ein Labyrinth aus Gassen, Gerüchen und Stimmen – ein Kaleidoskop des Lebens. Ich war wie besessen auf der Suche nach einem Computergeschäft. Vergeblich. Nicht einmal die berühmten Piraten-CD-ROMs, nach denen ich vorsichtig fragte, konnte oder wollte man mir verkaufen. Die Blicke, die ich daraufhin erntete, sprachen Bände – als hätte ich nach Sprengstoff gefragt.

Meine Erscheinung – groß, kräftig gebaut, ein wenig wild – sorgte allerdings auch hier wieder für Aufsehen. Ich war es gewohnt: In Asien zog ich häufig Blicke auf mich. Immer wieder kamen Menschen von der anderen Straßenseite herübergelaufen, um mich neugierig auszufragen. Woher ich kam, wie es mir ging, was ich hier tat. Die Menschen begegneten mir mit einer Mischung aus Ehrfurcht, Neugier und Herzlichkeit. Manchmal war ich fast so etwas wie eine Sehenswürdigkeit auf zwei Beinen.

Zum Abschluss notierte ich mir die Adresse unseres Taxifahrers – man weiß ja nie: Selram Vachivelo 10187 Jalan Buleit Kelang 41300 Selangor / Malaysia

1. April 1996 – Penang, Malaysia – Jagd nach Software im Schatten der Gassen

Penang. Wieder ein Ort, an dem ich es irgendwie geschafft hatte, mich fast den gesamten Tag freizuspielen – ein Kunststück, das auf See beinahe unmöglich scheint. Doch auf der Italia Prima war manches anders. Das kluge Zusammenspiel zwischen dem Soci und mir – und zugegeben auch die Schwäche von Harro – machten’s möglich. So viel Freizeit hat man auf keinem anderen Schiff der Welt, zumindest nicht in dieser Position.

Ich hatte für diesen Tag eine Mission: Ich wollte meine Piraten-CD finden. Wieder einmal zog es mich in die dunklen Gassen von Chinatown, wo ich insgesamt sieben Stunden verbrachte. Ich durchkämmte zwielichtige Hinterhöfe, fragte in düsteren Läden nach – immer dort, wo ich „Freaks“ vermutete, die von illegaler Software mehr verstanden als von Luft und Liebe.

Im größten Shopping-Center der Stadt traf ich schließlich auf einen Verkäufer, der mir verschwörerisch zuflüsterte, dass er „vielleicht jemanden kenne“. Mein Herz schlug schneller. Ich wusste: Jetzt wird’s ernst. Drei Stunden lang wurde ich weitergereicht, mal durch Läden, mal durch Treppenhäuser – bis ich schließlich, tief hinter den Toiletten, in einer versteckten Kammer stand.

Und dann – wie im digitalen Paradies: Stapelweise Black-Market-Ware, die Regale voll mit CDs, Softwareschätzen, raubkopierten Zukunftsträumen. Ich war angekommen. Ich erstand stolz die Master Install Vol. 2, etliche High-Tech-Programme, die auf dem regulären Markt noch gar nicht erhältlich waren – echte Schmankerl für Computernerds. Dazu noch einige besonders raffinierte Spiele. Der Preis? 220 Dollar. Der Wert zu Hause? Umgerechnet fast 280.000 Schilling. Was für ein Fang!

Doch die größte Überraschung wartete nicht in einer schummrigen Hinterkammer, sondern in meiner Kabine.

Der Einsatzbefehl ist da.

Noch während ich meine digitalen Schätze sortierte, erreichte mich mein neuer Einsatzbefehl. Ich sollte in nur zwei Tagen Hals über Kopf nach Wien fliegen – ein Kurzurlaub von drei Tagen war mir gegönnt, bevor es direkt weiterging. Nächstes Ziel: Balboa. Dort würde ich die Kazakhstan II übernehmen.

Ein Neuanfang. Wieder einmal.

Die Route klang verheißungsvoll: von Panama durch den berühmten Kanal, weiter nach Jamaika, dann über die Großen Antillen nach Boston, Philadelphia und hoch nach New York. Und weiter – bis nach Montreal. Am 12. Mai würde ich in Bremerhaven wieder europäischen Boden betreten.

Ein neuer Abschnitt meiner Reise – spannend, ungewiss, voller Möglichkeiten.

Wann diese Reise endet? Nun, das wissen wohl nur die Götter. Vielleicht endet sie nicht einmal mit dem Tod – denn selbst danach, da bin ich mir sicher, geht’s weiter.

2. April 1996 – Langkawi, Malaysia – Abschied in 120 Kilogramm

Langkawi. Für mich fühlt sich dieser Ort beinahe wie Heimkommen an. Vor drei Jahren verbrachte ich hier einen großartigen Urlaub – damals war die Insel noch weitgehend unberührt, fast wie ein verstecktes Paradies, das nur Eingeweihte kannten.

Heute hat sich einiges verändert. Die Malaysier haben in der Zwischenzeit ordentlich Gas gegeben. Neue Hotelanlagen sprießen aus dem Boden, der Flughafen wurde erweitert – man merkt, dass der Tourismus hier längst angekommen ist. Und trotzdem hat Langkawi nichts von seiner Magie verloren: Die wilden, bizarren Kalksteinfelsen, das türkise Wasser, die sanften Buchten… Es ist und bleibt ein kleines Paradies auf Erden.

Für mich allerdings ist der Tag geprägt von Chaos – ich bin im Abreisemodus. In wenigen Stunden soll ich das Schiff verlassen, und mein Gepäck bringt es auf stolze 120 Kilogramm. Ich werde also nicht nur emotional schwer bepackt aussteigen…

3. April 1996 – Phuket, Thailand – Ein letzter Tanz, ein letzter Blick

Mein vorletzter Arbeitstag auf der Italia Prima. Es ist spürbar, dass der Abschied naht – nicht nur für mich, auch für meine Crew. Besonders die Mädels nehmen es sich zu Herzen. Jede halbe Stunde kommt eine andere zu mir, mit ernsten Blicken, traurigem Lächeln: „Bitte bleib doch… pfeif auf die Company…“ Ich weiß, es kommt von Herzen, und das berührt mich mehr, als ich zugeben will.

Aber wie es so oft ist, wenn ein Kapitel zu Ende geht, will man den Abschied auch noch einmal ordentlich feiern – und das tun wir.

Nach dem Late-Night-Snack ziehe ich gegen Mitternacht mit Babsi, der Friseurin, Iris, der Boutique-Tante, und wie könnte es anders sein, auch Soci war natürlich dabei, hinaus nach Patong.

Und wie immer herrscht dort der ganz normale Wahnsinn: Musik, Lichter, Gerüche, Leben. Erst ziehen wir durch ein paar Straßenlokale, dann finden wir uns – wie es Phuket eben verlangt – in einer der sündigen Meilen wieder.

Letztlich landen wir, ganz klischeegerecht, in einem dieser typisch thailändischen Animier-Tanzlokale, in denen an der Stange getanzt wird, jedes Mädchen mit einer Nummer. Wer will, kann sich eine Begleitung für die Nacht „aussuchen“. Ich muss sagen: Die jungen Frauen dort sind von außergewöhnlicher Schönheit, und es wundert keinen, wenn man(n) zu später Stunde plötzlich schwach wird. Sie wissen um ihre Wirkung – und sie wissen auch, wie sie sie einsetzen.

Zum Glück sind wir in Begleitung. Ohne Babsi und Iris wären wir wohl hoffnungslos versumpft – und hätten uns am nächsten Tag mächtig geärgert.

Gegen fünf Uhr früh kommen wir zurück zum Schiff. Müde. Angeheitert. Ein wenig melancholisch. Ich glaube, es war ein schöner Abschiedsabend, einer, den man nicht vergisst.

Aber trotz all der bunten Eindrücke, der Musik, der Lichter – meine Gedanken waren den ganzen Tag über woanders.

Bei Irene.

4. April 1996 – Phuket, Thailand – Auszug aus dem Paradies

Die Ereignisse überschlagen sich. Seit gestern feststeht, dass ich die Italia Prima verlasse, geht alles rasend schnell. Heute Abend um 21:00 Uhr hebt mein Flieger ab – von Phuket über Bangkok nach Frankfurt, via München und dann weiter nach Wien.

Ich sitze jetzt spätabends hier am Flughafen von Phuket – allein, müde, innerlich aufgewühlt. Mit Tränen in den Augen schreibe ich diese letzten Zeilen aus Südostasien.

Heute musste ich nicht mehr arbeiten – Soci, mein treuer Freund, hat für mich den letzten Dienst übernommen. Am Vormittag sprang ich noch ein letztes Mal in ein knatterndes Tuk-Tuk, fuhr nach Phuket Town, um beim Schneider meine bestellten Jackets abzuholen. Er hatte sie perfekt genäht – echte Maßarbeit.

Trotz herrlichstem Wetter konnte ich mich dann kaum mehr vom Schiff lösen. Ich blieb fast den ganzen Tag an Bord, packte meine Koffer, verabschiedete mich von der Crew. Jeder Einzelne kam vorbei – ehrlich, herzlich. Der Kapitän mochte mich besonders. Ihm fiel der Abschied sichtlich schwer. Selbst unten im Maschinenraum hatten die Jungs feuchte Augen. Ich dachte, ich spinne – gestandene Männer, die ihre Gefühle zeigen. Aber genau das liebe ich. Wahre Männer mit Teamgeist, Emotion und einem großen Herz. Ich werde sie vermissen – diese verrückten Italiener mit ihrer charmant lockeren Lebenseinstellung.

Am späten Nachmittag saß ich noch eine Stunde allein oben auf dem Sonnendeck, ließ das Meer auf mich wirken, sog alles auf. Dann ging ich duschen. Und kurz vor der Abreise kamen Soci, Elfi – mein Liebling – und Britta noch vorbei. Sie hatten eine Flasche Sekt dabei. Soci spielte mir zu Ehren auf seiner neuen Wahnsinns-Stereoanlage noch einmal unseren Song: "The Show Must Go On." Und wie er das tat.

Dann ging alles ganz schnell. Der Agent stand bereit, das Taxi wartete. Ich verschwand in der Dunkelheit. Oben an Deck standen einige meiner alten Gäste – sie winkten mir zum Abschied noch einmal zu. Herzlich. Ehrlich. Bewegend.

Am Flughafen dann der bürokratische Wahnsinn. Mein Ticket gilt nur bis Bangkok – dort muss ich neu einchecken. Dazu kommt das Übergepäck. 20.000 Baht extra. Ein halbes Vermögen.

Als das Taxi langsam entlang der Start- und Landebahn rollt, geschieht etwas Magisches: Die Sonne versinkt in einem spektakulären Finale, blutrot am Horizont, eingerahmt von dramatischen Wolkenformationen. Als wollte auch die Natur Südostasiens mir noch einmal Auf Wiedersehen sagen.

Eine Ära geht zu Ende. Mal sehen, wie die neverending Story weitergeht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Weniger…

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