Beworben hatte ich mich bei Zerbone International in Genua, dem damals größten Kreuzfahrtschiffbetreiber der Welt, für die Position des F&B-Managers. Doch meine Ankunft an Bord verlief alles andere als geplant: Mit gerissenem Seitenband und hohem Fieber trat ich meine neue Stelle an, nur um ein Schiff vorzufinden, das meilenweit von der Fertigstellung entfernt war. Die Szene, die sich mir bot, glich einer Totalbaustelle in der Werft – keine Spur von einem betriebsbereiten Kreuzfahrtschiff.
Die gesamte Crew, unabhängig vom Rang, wurde dazu verdonnert, nahezu Tag und Nacht zu schuften. Wasser und altes Brot waren unsere täglichen Begleiter, während wir verzweifelt versuchten, das als luxuriöse 5-Sterne-Schiff rechtzeitig zur Jungfernfahrt, fertigzustellen.
Bald wurde klar, dass dies ein aussichtsloses Unterfangen war. In einem letzten Versuch, die Situation zu retten, ließ man 100 Reinigungskräfte aus Rumänien kommen. Doch es gab ein Problem: Rumänien gehörte damals nicht zum Schengenraum. So mussten diese Frauen in einem Bus vor dem Schiff campieren, da sie erst „bei der Abfahrt“ offiziell an Bord gehen durften. Eine ähnliche Situation gab es mit einem Großteil der Restaurant- und Küchencrew, die aus der Ukraine und Russland stammten. Auch sie durften erst in letzter Minute an Bord kommen, um die letzten Spuren des Chaos zu beseitigen.
Ein Lichtblick in diesem Wahnsinn war der erfahrene Kapitän de la Rosa. Bekannt wurde er durch seine Rolle während der Entführung des Kreuzfahrtschiffs Achille Lauro, bei der ein Passagier durch Terroristen getötet wurde. Seine Ruhe und Expertise schienen ein kleiner Hoffnungsschimmer zu sein. Doch auch auf ihn werde ich später genauer eingehen.
Nach Tagen des unmöglichen Putzens und Improvisierens wurde ich schließlich zum Manager gerufen, der die Betreuung des Schiffes in der Werft zu verantworten hatte. Seine Botschaft war unmissverständlich: Ich sollte vor dem Auslaufen wieder heimfahren. Offenbar hatte die Firma für diese heikle Eröffnung zwei Personen mit gleichem Rang eingestellt, um für den Ausfall eines der beiden vorbereitet zu sein. Doch trotz meines gerissenen Seitenbandes und der Erschöpfung wollte ich nicht kampflos aufgeben.
Während dieser Unterredung betrat Harro das Büro, der Mann, der meinen Job übernehmen sollte. Er wurde herzlich begrüßt, was in mir nur noch mehr Trotz hervorrief. Harro erkannte mich sofort und war sichtlich mehr wie überrascht, mich hier zu sehen. Ursprünglich sollte er mich auf der Hanseatic, dem wohl besten Schiff der Welt, ablösen. Doch dort war man mit ihm unzufrieden und hatte ihn nach Hause geschickt.
In diesem Moment hatte ich nichts mehr zu verlieren. Meine Worte waren schroff, aber klar, auch das mit Harro und der Hanseatic sprach ich klar an. Und tatsächlich: Nach langem Hin und Her wurde mir eine Position als Headwaiter unter dem Maitre und seiner ukrainischen Assistentin angeboten, natürlich mit einem weitaus niedrigeren Gehalt als ursprünglich geplant. Überraschend für alle Anwesenden, sagte ich laut und deutlich: „Ja!“
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Das Leben auf See ist eine Welt für sich, voller Kontraste. Es ist hart, anstrengend und fordert alles von dir. Doch gleichzeitig verbindet es Menschen auf eine Weise, die du an Land nie erleben würdest. Man lernt hier mehr über sich selbst und die Menschen um einen herum, als es in einem gewöhnlichen Leben möglich wäre. Du siehst Dinge, die die meisten zu Hause nur aus dem Fernsehen kennen. Die Faszination für das Unbekannte und das Leben auf See zieht dich immer wieder in ihren Bann.
Die Seefahrt ist wie eine Droge, ein Rausch, der dich immer tiefer in diese spezielle Welt zieht. Sie ist eine Mischung aus überwältigenden Erfahrungen und momentanen Herausforderungen. Die Weite des Ozeans, die täglichen Erlebnisse, die Begegnungen mit verschiedenen Kulturen und das ständige Gefühl, sich selbst zu verlieren und wiederzufinden – all das macht das Leben auf See so einzigartig. Es gibt die wundervollen Seiten – die unbeschreibliche Freiheit und die intensiven Momente der Verbindung zu anderen. Aber ebenso gibt es die negativen Seiten, die Schwierigkeiten, die Verantwortung und die oft isolierte Atmosphäre an Bord. Manchmal ist es ein Leben zwischen zwei Welten: derjenigen, die du hinter dir gelassen hast, und derjenigen, in der du dich gerade befindest.
Doch trotz aller Höhen und Tiefen, trotz der Entbehrungen und des Schmerzes, den diese Welt mit sich bringen kann, möchte ich die Zeit an Bord nicht missen. Es ist eine Reise, die mich für immer geprägt hat. Sie hat mich verändert und mir gezeigt, wie stark ich in der Lage bin, unter extremen Bedingungen zu arbeiten und zu wachsen. Jeder Tag brachte neue Herausforderungen, neue Begegnungen, neue Tests – und so viel mehr, als ich je erwartet hätte.
Ich habe mich bemüht, in diesem Bericht diese Reise, dieses Leben auf See, mit Worten zu beschreiben. Und dennoch glaube ich, dass Worte niemals ganz einfangen können, was man auf einem Schiff erlebt. Aber vielleicht hilft es, einen kleinen Einblick in diese Welt zu bekommen, die mich so sehr in ihren Bann gezogen hat
1994 auf der Werft Chiappelo in Genua von Grund auf neu gestalltet;
in Betriebsetzung 1994;
Umbau, Vollcharter, Jungfernfahrt 1995.12.22;
Flagge: Italien;
Redeerei: NINA Spa;
Antrieb: 2 Wartsina Diesel - 14500kw;
Reisegeschw.: 18 Knoten;
Max. Geschw.: 22 Koten;
Passagiere: 500
Crew: International 280
Kapitaen: Gerado de Rosa
Unser neus Flaggschiff ITALIA PRIMA ist ideal fuer anspruchsvolle Gaeste. Sie werden von unseren freundlichen Servicepersonal zuvorkommend bedient und man ist immer fuer sie da.
Alles ist mit viel Liebe zum Detail gestaltet, die Atmosphaere ist elegant und doch warm und gemuetlich. Sie wohnen in hellen sehr geschmackvoll eingerichteten Kabinen. Das Restaurant Grand Italia biedet allen 500 Gaesten gleichzeitig Platz. Es gibt daher nur eine Tischzeit und sie koennen das hervorragende Essen in aller Ruhe geniessen, wobei selbst verwoehnte Gourmets von den kreativen, modernen italienischen Gerichten und den leichten internationalen Gaumenfreuden begeistert sind.
Spaeter trifft man sich in der Piano - Bar, mit ihrem elegant geschwungenen, weitlaeufigen Bartresen oder im Gemuetlichen
Pub, wo die Zeit bei netten Gespraechen ihre Bedeutung verliert. Und wer ein ruhiges Plaetzchen sucht - zum Schauen und Geniessen - der ist in der offenen Panorama Bar mit ihren grossen Fenstern gut aufgehoben. Den abend setzt das internationale Showprogamm funkelnde Glanzlichter auf - Variete, Kleinkunst und Revue machen den Musiksalon zum Mittelpunkt. In der Discothek werden dann Nachtschwaermer selbst zum Tanzstar. Im Kino werden ihnen die Orte vorgestellt die sie auf ihre Kreuzfahrt besuchen. In der Einkaufsstrasse finden sie vom Luxusschmuck bis zum nuetzlichen Alltagsdingen, alles was ihr Herz begehrt und wenn sie ihr Glueck herausfordern wollen, bietet ihnen das Casino mit Roulette und Black Jack gute Chancen.
AUSSTATTUNG:
8 Passagierdecks * 2 Lift * 2300qm zum Sonnen * offene Promenaden * 300m Jogging - Piste * Swimmingpool * Restaurant mit 500 Sitzplaetzen * Cafeteria mit 300 Sitzplaetzen * grosser Musiksalon mit Tanzflaeche * Piano - Bar * Panorama - Bar * gemuetliches Pub * Deck - Bar Maestrale * Discothek * Kino * Casino * Einkaufspassage * Fotoshop * Spielzimmer * Kapelle * Fitness - Center * Sauna * Friseur * Kosmeticsalon * Informationsbuero * Hospital * Waescherei
IN
128 TAGEN
UM DIE WELT
GENUA -
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GENUA
12. DEZ. 1995 - GENUA
Kaum war ich von der Karibikreise mit der Calypso zurück, brach ich auch schon wieder auf, diesmal in Richtung Genua auf die ITALIA PRIMA. Es war eine der Situationen, die man eigentlich lieber vermeiden möchte. Die Umstände, unter denen ich diese Reise antrat, waren katastrophal. Mein Knie hatte vor vier Tagen ein Seitenband eingerissen, und zusätzlich hatte mich eine Grippe mit 39,2°C Fieber niedergestreckt. Es war der perfekte Sturm aus körperlicher Erschöpfung und Krankheit, der mich in dieser Phase heimsuchte.
Gerade in diesen letzten Tagen, in denen ich mit meiner gesundheitlichen Verfassung kämpfte, hatte ich so viele Dinge zu erledigen. Erledigungen, die in den letzten Stunden liegen geblieben waren, einfach, weil ich keine Energie mehr hatte. Der Winter in Österreich hatte sich von seiner brutalsten Seite gezeigt, mit so viel Schnee wie schon lange nicht mehr. Jeder Schritt in der Kälte tat weh, und der Gedanke, dass ich nun wieder auf ein Schiff aufbrechen sollte, war alles andere als verlockend.
Doch wie so oft, blieb mir keine Wahl. Um sechs Uhr morgens ging es mit der Bahn nach Villach, und von dort holte mich, uns ein Bus der Reederei ab. In der Zwischenzeit waren immer mehr Crewmitglieder zugestiegen. Die Fahrt nach Genua, wo die ITALIA PRIMA auf mich wartete, sollte insgesamt 18 Stunden dauern. Es war eine lange, beschwerliche Reise, und ich konnte den Gedanken an den bevorstehenden Arbeitsbeginn kaum ertragen. Der Gedanke an die kommenden Herausforderungen an Bord, in meiner angeschlagenen Verfassung, ließ mich beinahe verzweifeln. Aber das Leben auf See hatte seine eigenen Regeln, und der Job rief.
Die Fahrt zog sich quälend langsam dahin, und ich konnte mir kaum vorstellen, wie ich all das durchstehen würde. Doch es war klar: In dieser Branche gab es keine Pausen, kein Nachdenken über die eigenen Bedürfnisse. Es ging immer weiter und irgendwo wusste ich auch, dass die ITALIA PRIMA mich wieder in eine völlig andere Welt katapultieren würde. Aber im Moment war alles nur eine unscharfe Vorstellung von Anstrengung, Müdigkeit und dem Gefühl, nie richtig zur Ruhe zu kommen.
13. DEZ. 1995 - GENUA / WERFT
Den ersten Anblick der ITALIA PRIMA in der Werft werde ich nie vergessen. Der Dampfer lag dort wie ein halbfertiger Kahn, der fast schon ausrangiert wirkte. Die Schiffsarbeiten waren noch in vollem Gange: Innen wurde betoniert, gehämmert, geschweißt – ein wildes Durcheinander von Stahl und rohen Strukturen, ohne jegliche Verkleidungen. Es sah aus wie ein riesiges Bauprojekt, das niemals fertig werden würde, und irgendwie fühlte sich auch die ganze Atmosphäre so an. Der Glanz einer luxuriösen Kreuzfahrt war noch weit entfernt, und ich fragte mich, ob es wirklich eine so gute Entscheidung gewesen war, auf diesem Schiff anzufangen.
In der ersten Nacht an Bord dachte ich ernsthaft, ich sei schon tot. Mein hohes Fieber brannte unaufhörlich, und in meiner Kabine herrschten gerade einmal 7 Grad plus. Kein Warmwasser, keine Heizung, nur eisige Kälte. Der Gedanke, dass dies mein Arbeitsumfeld für die kommenden Monate sein würde, schien beinahe unrealistisch. Ich hatte das Gefühl, in einer vollkommen fehlerhaften, kalten Welt gelandet zu sein, und der Gedanke, dass ich mich hier irgendwie durchschlagen sollte, war fast zu viel.
Jeder Atemzug in dieser Kälte ließ mich frösteln, und ich konnte kaum verstehen, wie das Schiff, das irgendwann als eines der Top-Schiffe der Flotte angesehen werden sollte, in diesem Zustand vor mir lag. Diese ersten Stunden in der Werft waren geprägt von einer Mischung aus körperlicher Erschöpfung, Krankheit und völliger Überforderung. Der Schock, in diesem unfertigen Zustand anzukommen, verstärkte mein Gefühl der Unsicherheit und ließ mich fragen, wie lange ich hier durchhalten würde.
Es war eine harte Einführung in das Leben an Bord der ITALIA PRIMA. Doch die Realität war, dass ich keine Wahl hatte. Der Weg war bereits eingeschlagen, und die Reise war nicht nur ein Job, sondern eine Herausforderung, der ich mich stellen musste – auch wenn es schien, als wäre sie in diesem Moment einfach zu groß für mich.
14. DEZ. 1995 - GENUA / WERFT
Heute endlich konnte ich das Schiff bei Tageslicht sehen – und der Anblick war ernüchternd. Es war eine einzige riesige Baustelle. Überall lagen Bauteile, Baustellenabfälle und Bauschutt, der Mist und das Durcheinander standen mir buchstäblich kniehoch. Jeder Schritt schien mich tiefer in dieses Chaos zu führen, das mehr einem Industriekomplex als einem Kreuzfahrtschiff glich.
Die Werft in Genua war ein Ort, der den Glanz der Kreuzfahrtwelt weit entfernt erscheinen ließ. Hier war nichts von der gewohnten Pracht zu sehen, die man normalerweise mit einem solchen Schiff verbindet. Stattdessen dominiert der scharfe Geruch von Öl, Metall und frischem Beton die Luft, und die Geräusche von Maschinen und Schweißbrennern hallten unaufhörlich wider. Jeder Moment schien von einer Art brachialer Kraft durchzogen zu sein, die das Schiff Stück für Stück zusammenfügte.
Doch es war nicht nur die Baustelle, die mir zusetzte, das Wetter in Genua trug ebenfalls zur Schwere des Tages bei. Es war unerträglich kalt, der eisige Wind schnitt durch meine Kleidung und ließ mich frösteln. Die Kälte war durchdringend, und selbst der hartnäckigste Versuch, sich irgendwie zu schützen, schien keinen Unterschied zu machen. Die Wände aus Stahl und Beton des Schiffes boten keinen Schutz vor der Kälte. Ich fror bis ins Mark und hatte das Gefühl, dass alles an Bord, sowohl das Schiff als auch ich, noch weit davon entfernt war, bereit für den großen Betrieb zu sein.
In diesem Moment wurde mir erneut bewusst, wie unglaublich hart und fordernd dieses Leben auf See war – von der körperlichen Kälte bis hin zu den Herausforderungen der Umgebung. Und während ich die Baustelle betrachtete, fragte ich mich, wie lange ich diese Bedingungen noch ertragen würde.
15. DEZ. 1995 - GENUA / WERFT
Der heutige Tag war eine wahre Zerreißprobe, sowohl körperlich als auch mental. Im Restaurant unterstehen mir 42 Mädchen, und ich verstehe mich mit allen ausgesprochen gut. Doch der Alltag auf der Werft stellt uns vor enorme Herausforderungen. Ich wusste, dass der Job auf einem Kreuzfahrtschiff nie einfach sein würde, aber was sich hier abspielte, war eine andere Liga.
Meine größte Sorge an diesem Tag war die Kälte in meiner Kabine. Sie war schlicht unerträglich. Selbst während der Nacht konnte ich meinen eigenen Atem sehen, der in der kalten Luft kondensierte. Wie sollte ich unter diesen Umständen nur schlafen? Eine dünne Decke und ein Leintuch als einzige „Wärmequelle“ – es war kaum auszuhalten. Die Kälte zog durch jedes Ritzen und jede Wand, als wäre das Schiff selbst von Eis durchzogen. Das Gefühl der Entfremdung von der Welt draußen nahm zu, und ich fragte mich, wie lange ich das noch ertragen würde.
Mit der Crew beschlossen wir, Putztrupps zu bilden und die gesamte Umgebung zu „säubern“. Es war eine mühsame Aufgabe, doch das war noch die einfachste Lösung, um wenigstens einen Hauch von Ordnung in das Chaos zu bringen, das uns umgab. Der Müll und die Bauschuttberge waren nicht nur eine Gefahr für die Sicherheit, sondern auch eine ständige Erinnerung an die schlechte Ausgangslage des Schiffs.
Das Essen war ein weiteres Problem. Zu trinken gab es lediglich Wasser und Rotwein – keine Auswahl, keine Abwechslung. Das Essen selbst bestand hauptsächlich aus Tomaten, Butter und altem Brot. Es war, als hätten wir uns in einer anderen Welt verirrt, fernab jeglicher Annehmlichkeiten, die man von einem Kreuzfahrtschiff erwarten würde. Es war kaum mehr als Notration, und ich konnte nicht umhin, die Missstände zu verfluchen. Die Moral war auf einem Tiefpunkt, und auch wenn ich es verstand, dass wir uns inmitten von Bauarbeiten befanden, fühlte es sich wie eine dauerhafte Prüfung meiner Geduld und Ausdauer an.
Trotzdem war es wichtig, dass wir zusammenhielten und als Crew funktionierten. Die Mädchen und ich standen gemeinsam durch diese harten Tage, aber ich wusste, dass es immer schwerer werden würde. Doch was blieb mir anderes übrig, als weiterzumachen? Jeder Tag war eine Herausforderung, aber genau diese Herausforderungen machten das Leben aus, hart aber auch voller Überraschungen und Lektionen, die man auf anderem Wege nie lernen würde.
16. DEZ. 1995 - GENUA / WERFT
Der heutige Tag war geprägt von ununterbrochenem Putzen. Es gab einfach keine Pause. Wir schrubbten und kehrten, bis unsere Hände wund waren und der Schweiß in der Kälte zu Eis gefror. Doch trotz der mühseligen Arbeit mussten wir uns auf eine neue Welle von Herausforderungen vorbereiten. Heute kam ein riesiger Materialtransport an Bord – 300 Tonnen Material, das war wirklich eine irre Menge. In der eisigen Kälte wurde es manuell eingeladen, was bedeutete, dass wir uns im Freien abmühten, mit schneidendem Wind und klammen Fingern. Es war wie ein schlechter Traum, und dennoch schafften wir es, gemeinsam diesen immensen Aufwand zu bewältigen.
Doch es war nicht nur die Kälte, die den Tag unangenehm machte. Wir erfuhren auch, dass unsere Mannschaftszahl nicht wie geplant aufgefüllt werden konnte. Die fehlenden 100 Mann – Filipinos und Russen – sollten erst am Tag unserer Abreise an Bord kommen. Politische Differenzen, hieß es, hatten den gesamten Ablauf verzögert. Und so standen wir da, inmitten von Baustellen und chaotischen Verhältnissen, ohne die nötige Unterstützung. Wir mussten improvisieren, was den Arbeitsdruck weiter erhöhte. Es war ein ständiges Jonglieren zwischen den Aufgaben und der Angst, dass uns die Zeit davonlief.
Der Tag endete nicht viel besser. In Genua fegten orkanartige Winde durch die engen Gassen, und zum Glück hatte ich mich mit warmer Kleidung ausgestattet. Aber auch das half wenig gegen den eisigen Sturm, der uns entgegenblies, als ich später in die Kneipe zum „Henker“ schlenderte. Es war ein richtig stinkiger Seemannsladen, und dennoch fühlte ich mich hier irgendwie zu Hause. Die Atmosphäre war rau und authentisch, das konnte ich spüren. Alte, abgewrackte Frauen und arbeitslose Seeleute hingen in den Ecken herum, und die italienische Live-Musik von Paolo Conte schallte durch den Raum. Es war ein ganz besonderer Charme, der diesen Ort ausmachte, und trotz des eher schäbigen Ambientes fühlte ich mich hier wohl. Die Leute schienen mich in meiner wilden Erscheinung zu respektieren.
An diesem Abend ließ ich mich ganz bewusst auf die raue Welt ein, die mich umgab. Hier, in dieser düsteren Ecke von Genua, gab es kein Verzücken über glamouröse Kreuzfahrten oder die glänzenden Fassaden eines luxuriösen Lebens. Es war das wahre Leben, mit seinen Schattenseiten und seiner Echtheit. Es war hart, ja, aber gleichzeitig war es auch irgendwie befreiend. Und obwohl die Umstände alles andere als ideal waren, hatte ich das Gefühl, dass ich an diesem Ort zu einer neuen Version von mir selbst fand. Ein Abenteuer, das mich immer mehr in seinen Bann zog, trotz allem.
17. DEZ. 1995 - GENUA / WERFT
Die Situation an Bord bessert sich langsam. Die Küche wird zunehmend besser, und zu meiner Erleichterung wird es in meiner Kabine endlich warm. Das war ein lang ersehnter Fortschritt, nach all den eisigen Nächten hatte ich endlich das Gefühl, dass der Komfort an Bord allmählich in den Bereich des Erträglichen rückt. Auch gesundheitlich geht es mir wieder gut. Die Grippe hat mich nun endgültig verlassen, und das hohe Fieber ist nur noch eine Erinnerung. So kann ich mich wieder voll und ganz auf das Leben an Bord konzentrieren.
Und das Leben hier in Genua ist definitiv wild. Es ist ein ständiger Kampf, um das Chaos der Werft zu bewältigen und irgendwie einen Sinn in all dem Durcheinander zu finden. Die Crew – naja, was soll man sagen – es fühlt sich an, als ob ich mitten in einem Amateurtheater gelandet bin. Die meisten Crewmitglieder haben keinen blassen Schimmer, was sie tun. Tägliche Probleme tauchen auf, und es gibt so viele Baustellen, dass man manchmal gar nicht weiß, wo man anfangen soll. Es ist eine enorme Herausforderung, alle an einem Strang ziehen zu lassen. Und dann ist da noch der Maitre, der unter der Last der Verantwortung zu zerbrechen droht. Harro – mein neuer Chef – ist genau in dieser Rolle gefangen.
Das Ganze ist schon ein wenig ironisch. Harro war früher bei Hanseatic Tours tätig und fuhr auf unserem kleineren Schwesterschiff. In Buenos Aires hatten sie ihm damals die Chance geben wollen, mich als Maitre auf der Hanseatic abzulösen. Doch aus irgendeinem Grund wurde das in letzter Sekunde von der Company verhindert, und ich blieb noch einige Monate auf der Hanseatic. Nun, Jahre später, betrete ich die Italia Prima, und er ist plötzlich mein Vorgesetzter. Das Leben spielt seine eigenen, manchmal merkwürdigen Spiele. Es fühlt sich fast wie eine Art Schicksalsfügung an – so, als ob der Kreis sich geschlossen hätte. Ich sehe ihm zu, wie er kämpft, um alles unter Kontrolle zu bringen, und irgendwie finde ich es fast amüsant, ihn in dieser neuen Rolle zu beobachten. Aber gleichzeitig erkenne ich auch, wie schwierig es für ihn sein muss, mit dieser trüben, halbgebildeten Crew zu arbeiten.
Doch egal wie chaotisch die Umstände sind, ich kann nicht anders, als mich von dieser verrückten Reise packen zu lassen. Wir kämpfen uns hier gemeinsam durch, und trotz all der Probleme entsteht eine Art Verbundenheit. Es ist eine verrückte, fordernde Welt – aber sie hat auch ihren eigenen Charme. Es bleibt spannend, wie sich die Dinge weiterentwickeln.
18. Dezember 1996 – Genua / Werft
Genua – eine Stadt, die ich mir in den letzten Wochen zu eigen gemacht habe. Besonders die Hafenregion mit ihren schmalen Gassen und das lebendige Zentrum sind zu meinem Rückzugsort geworden. Während draußen der Winter mit seinen kühlen Winden die Stadt umarmte, war ich auf der Suche nach warmer Wintermode. Mein Kleiderschrank war nicht vorbereitet auf die kalten Nächte, und Wäsche waschen? Ein Ding der Unmöglichkeit an Bord. Die kleinen Waschmuscheln in meiner Kabine mussten herhalten, um meine Kleidung zumindest oberflächlich vom Schweiß des Tages zu befreien. Der Luxus von frischen Kleidern blieb ein ferner Traum, während ich die Ärmel hochkrempelte und improvisierte.
Am Vormittag hatte ich ein seltenes Stück Normalität gefunden. Ein Besuch beim Schneider in Genua, ein Moment, in dem ich die Zeit beinahe vergessen konnte. Während ich wartete, bummelte ich durch die Straßen, gönnte mir einen starken italienischen Kaffee und beobachtete das geschäftige Treiben. Die Uniformen, die wir hier erhielten, waren immerhin von beeindruckender Qualität – ein kleiner Trost angesichts der bevorstehenden Herausforderungen.
Zurück an Bord wurde meine Hoffnung auf einen ruhigen Abend abrupt zerschlagen. „Alle Mann an Bord! Wir laufen in vier Stunden aus!“ Ich hielt es für einen schlechten Scherz. Doch als das Stahlgerüst des Schiffes, das kaum fertig erschien, sich in den Sturm des Mittelmeers wagte, begriff ich den Ernst der Lage. Und so sehr es mich schaudern ließ, das Schiff hielt sich überraschend gut im Wasser – ein kleiner Triumph inmitten des Chaos.
Als ich spät am Abend in meine Kabine zurückkehrte, begrüßte mich ein Inferno. Es fühlte sich an, als hätte ich den Maschinenraum betreten. Der ohrenbetäubende Lärm, das ständige Vibrieren – ich brauchte einen Moment, um zu verstehen: Die Schraube des Schiffes lag direkt unter meiner Kabine. Jedes Geräusch und jede Bewegung wurden unbarmherzig an meine Knochen weitergegeben. „Ich wollte immer wissen, wie es ist, ein Schiff aufzumachen“, dachte ich sarkastisch. „Jetzt weiß ich es.“
An Bord herrschte ein Durcheinander, wie ich es selten erlebt hatte. 240 Mann starke Besatzung – doch kaum jemand kannte den Namen seines Kollegen. Orientierungslosigkeit und Frustration lagen in der Luft. Die Führungsebene? Charakterschwach, unsicher, mit wenig Durchsetzungsvermögen. Es fehlte nicht nur an Erfahrung, sondern auch an Klarheit. Die Verträge mit dem Charterer Neckermann waren ein einziges Rätsel. Ich konnte es kaum glauben: Selbst Details wie die Frage, ob Butter am Tisch oder am Buffet serviert werden sollte, waren akribisch geregelt – während die fundamentalen Probleme des Betriebs unbeachtet blieben.
Das war der Beginn einer langen Reise, auf der ich bald erkennen sollte, dass wir nicht nur gegen die rauen Wellen des Mittelmeers kämpften, sondern auch gegen die Stürme innerhalb der Mannschaft und des Managements.
19. Dezember 1995 – Genua / Werft
Der Tag begann eigentlich unscheinbar, doch dann kamen einige der Mädchen aus der Crew auf mich zu. Sie meinten, ich wäre doch der geeignetere Maitre. Ein Satz, der mich innehalten ließ. Natürlich schmeicheln mir solche Worte, gerade in einer Umgebung, in der Lob und Anerkennung selten und Stress allgegenwärtig sind. Aber gleichzeitig nagte die Realität an mir: Solche Kommentare waren nicht nur Komplimente, sondern auch ein Spiegel der Unsicherheit, die sich in der Crew breitgemacht hatte. Es war, als suchten sie nach einer stabilen Figur, jemandem, der Struktur und Führung bieten konnte, inmitten dieses schwelenden Chaos.
20. Dezember 1995 – Genua / Werft
Heute war Hektik kein Ausdruck mehr für das, was an Bord herrschte. Das Chaos wuchs mit jeder Stunde, und jeder, der zwei Hände hatte, war unermüdlich am Putzen. Doch je mehr wir schrubbten, desto deutlicher wurde uns allen: Es würde nicht reichen. Die Zeit lief uns davon, und der Zustand des Schiffes blieb weit hinter den Erwartungen zurück.
Die Gäste würden bald an Bord kommen, und was sie vorfinden würden, war alles andere als das, was man auf einem Kreuzfahrtschiff erwarten sollte. Der Gedanke an den unvermeidbaren Moment, in dem die Türen für die Passagiere geöffnet werden, ließ einen bitteren Geschmack zurück. Die Realität, dass der Saustall trotz aller Bemühungen sichtbar bleiben würde, war eine Last, die auf uns allen lag. Es war ein kollektives Gefühl der Ohnmacht, das wie ein bleierner Nebel durch die Decks schlich.
21. Dezember 1995 – Genua / Werft
Es war, als würde das Chaos an Bord mit jeder Stunde neue Dimensionen erreichen. Die restlichen hundert Crewmitglieder durften erst an Bord kommen, nachdem die Gäste eingedeklariert waren – eine Entscheidung, die den Start dieser Reise unweigerlich in eine Katastrophe verwandelte. Es passierte dem Management an Land ein sehr großer Fehler, die 100 Mann Crew war aus dem NICHTSCHENGENRAUM und hatten keine Arbeitserlaubnis, daher der Kompromiss der Italienischen Behörden, die Crew steigt ein wenn das Schiff ablegt und Italien verlässt. Die 100 Frauen gehörten eigentlich zum Housekeeping, also zum Putztrupp und diese mussten die restlichen Nächte im Bus vor dem Schiff verbringen, es war unglaublich. Die Vorstellung, die ersten Stunden der Kreuzfahrt ohne eine vollständige Crew zu überstehen, war schlicht absurd.
Spät in der Nacht, als die Hektik kurz nachließ, nutzte ich die einzige und letzte Gelegenheit, um zu Hause anzurufen und wenigstens frohe Weihnachten zu wünschen. Es war ein fast absurder Aufwand: Sieben Kilometer im strömenden Regen bis zur nächsten Telefonzelle. Doch als ich endlich die vertraute Stimme meiner Mutter hörte, verflog der Ärger über den langen Weg. Diese paar Minuten waren wie ein kleines Weihnachtswunder – zu wissen, dass zu Hause alles in Ordnung war, gab mir eine Kraft, die ich dringend brauchte.
Der Job entpuppt sich immer mehr als einer der härtesten, die ich je hatte. Schlaf? Eine ferne Erinnerung. Momentan komme ich auf kaum zwei Stunden pro Nacht. Und dann diese endlosen Geschichten, die mich anscheinend auf die Probe stellen wollen: Vier Tage vor Abreise ein Bandeinriss im rechten Knöchel. 13 Tage später, gerade erst an Bord, der nächste Schock – ein Sturz über das Stiegenhaus und ein Einriss im linken Knöchel. Der Arzt verordnete mir Bettruhe, doch mit zwanzig Stunden Arbeit am Tag war das ein schlechter Witz. Als wäre das nicht genug, schaffte es ein Kollege in der Küche, mir einen schweren Eisenwagen genau auf die alte Verletzung zu donnern. Der Schmerz war unbeschreiblich – ich dachte, ich werde wahnsinnig.
Die körperliche Erschöpfung wurde durch die miserable Versorgung an Bord noch verstärkt. Seit fast 48 Stunden hatte ich keinen Bissen gegessen. Die Crewmesse glich einem Alptraum: kein Saft, kein Wasser, und selbst die Semmeln waren vom Vortag – trocken, hart, und kaum genießbar. Es fühlte sich an, als würde das Schiff, bevor es überhaupt den ersten Hafen erreicht hatte, uns alle brechen wollen.
22. Dezember 1995 – Erste Embarkation
Der Tag, vor dem wir uns alle gefürchtet hatten, war gekommen – die erste Embarkation. Die Realität: Nichts war fertig. Wirklich gar nichts. Nur eines war bereit – die Crew, und zwar fix und fertig.
Um 14 Uhr begann es. Die ersten Gäste setzten Fuß auf die Italia Prima. Ich war für die Tea Time eingeteilt, und überraschenderweise lief diese relativ reibungslos ab. Doch die Stimmung an Bord war angespannt, und das war jedem anzusehen. Die Strapazen der letzten Tage hatten sich tief in unsere Gesichter gegraben, und jeder von uns kämpfte mit seiner eigenen Erschöpfung.
Am Abend folgte die klassische Tischreservierung, ein vermeintlicher Höhepunkt des ersten Abends an Bord. Doch statt Eleganz herrschte Chaos. Die Gäste strömten in Scharen ins Restaurant, und unser Maitre Harro stand völlig überfordert vor seinem Tischplan. Nichts schien zu funktionieren, und sein Blick verriet eine Mischung aus Überlastung und Orientierungslosigkeit. Ich konnte es ihm nicht verübeln, niemand hätte in diesem Durcheinander einen klaren Kopf bewahrt.
Die Beschwerden der Gäste ließen nicht lange auf sich warten. Die Kabinen waren in einem desaströsen Zustand: Kabel hingen von den Decken, Steckdosen fehlten, und schmutzige Toiletten schockierten selbst die Geduldigsten. Die Gäste schimpften lautstark über alles und jeden, während wir uns bemühten, die Wogen zu glätten.
Trotz allem saßen schließlich alle Gäste irgendwie im Restaurant. Doch damit endeten die Probleme nicht. Mir fehlten sämtliche Commis auf meinen Stationen. Jede Aufgabe wurde zur Mammutaufgabe, jede Bestellung zur Geduldsprobe. Dann öffnete sich die Tür, und ein ganzer Trupp russischer Mädchen marschierte herein. Ihre Uniformen passten kaum, sie wirkten, als wären sie buchstäblich hineingeworfen worden.
Später erfuhr ich ihre Geschichte. Drei Tage hatten sie in einem Bus verbracht – bei eisiger Kälte, ohne vernünftige Verpflegung oder Ruhe. Als sie endlich ankamen, wurden sie hastig in Uniformen gesteckt und direkt ins Restaurant geschickt. Ihr Ausdruck, eine Mischung aus Verlorenheit und Überforderung, spiegelte das wider, was jeder von uns fühlte.
Dieser Tag war ein Desaster auf allen Ebenen, doch irgendwie hatten wir es geschafft, ihn zu überleben – wenn auch nur knapp. Die Reise hatte gerade erst begonnen, aber die Zeichen standen alles andere als gut.
23. Dezember 1995 – Auf See, Mittelmeer
Die erste volle Fahrt auf See – und mit ihr tausende Fragen, die an Bord laut wurden. Viele davon landeten direkt bei mir. Doch trotz des allgemeinen Chaos und der ständigen Hektik ließ ich mich nicht anstecken. Das war mein Weg, Ruhe zu bewahren inmitten des Wahnsinns. Meine Mädchen schätzen das an mir. Sie wissen inzwischen, dass sie mit ihren Sorgen immer zu mir kommen können, und ich versuche, für sie da zu sein, auch wenn die Last immer schwerer wird.
Am Abend im Restaurant schien die Welt endgültig aus den Fugen zu geraten. Die Hauptfrage der Gäste war überall dieselbe: „Wo ist unser Tisch?“ Die Menschen irrten unkoordiniert durch das Restaurant, manche wild schimpfend, andere ratlos. Es war, als würde sich die Verzweiflung des Tages in diesen Momenten entladen.
Und dann passierte es. Bingo! Harro, unser Maitre, brach zusammen. Ein Nervenzusammenbruch, wie ich später erfuhr. Angeblich war er sogar 20 Minuten bewusstlos. Plötzlich lastete alles auf meinen Schultern. Das Restaurant war in einem Zustand, wie ich ihn selbst in den chaotischsten Momenten meiner Karriere noch nie erlebt hatte. Ich versuchte, die Platzierungs-Misere irgendwie zu entschärfen. Doch was konnte man tun, wenn so vieles schiefging?
Aber das Restaurant war nur die Spitze des Eisbergs. Im Housekeeping tobte ein regelrechter Sturm. In den meisten Kabinen sah es aus, als wären wir immer noch mitten in den Werftarbeiten. Nichts war fertig, und die Gäste machten ihrem Ärger lautstark Luft, verständlicher Weise.
Die Küche? Ein einziges Desaster. Fast alle Geräte waren in den ersten 48 Stunden ausgefallen. Kaum ein Gericht kam pünktlich heraus, und die Wartezeiten wurden unerträglich. Die Folgen zeigten sich schnell: Zwei meiner Stewardessen rannten weinend aus dem Restaurant. Sie waren von wütenden Gästen beschimpft worden, die ihren Frust an ihnen ausließen. Es brach mir das Herz, sie so zu sehen. Die Mädchen nahmen sich jede Kritik viel zu sehr zu Herzen, doch in ihrem erschöpften Zustand war das kaum überraschend. Körperlich waren sie längst am Ende, und dieser psychische Druck brachte sie endgültig ins Wanken.
Es war ein Tag, der alle an ihre Grenzen brachte, ein Tag, an dem wir einfach nur versuchten, irgendwie durchzukommen. Doch trotz allem fühlte ich eine gewisse Verantwortung, ein Anker zu sein in diesem Chaos, so zerbrechlich dieser Anker auch war.
24. Dezember 1995 – Heiliger Abend, Auf See – Mittelmeer
Weihnachten an Bord eines Schiffes, eine Zeit, die man sich zumindest in der Vorstellung besinnlich und magisch ausmalen könnte. Doch an diesem Heiligen Abend schien sich alles, was ohnehin schon schwierig war, noch weiter zuzuspitzen – und zwar im negativen Sinn.
Harro lag immer noch im Hospital, sichtlich von den Strapazen der letzten Tage gezeichnet. Er behauptete, zusammen mit seiner Stellvertreterin Tatyana aus der Ukraine, er würde seinen Tischplan fertigstellen. Doch als ich am Abend im Restaurant stand, waren beide wie vom Erdboden verschluckt. Kein Harro, keine Tatyana, niemand. Es war offensichtlich: Sie hatten sich einfach zurückgezogen, überwältigt von einem Chaos, das ihnen keinen Ausweg mehr ließ.
Und so stand ich allein im Mittelpunkt des Sturms. Die Gäste stürzten sich auf mich, fragten mir Löcher in den Bauch, und ich tat mein Bestes, um zumindest den Anschein von Kontrolle zu wahren. Doch dann geschah etwas, das ich nicht erwartet hatte. Es war, als hätte sich ein Weihnachtswunder über uns gelegt. Trotz allem lief der Abend besser ab, als ich zu hoffen gewagt hatte. Es war nicht perfekt, aber in diesem Moment fühlte es sich wie ein Erfolg an.
Sogar mein Körper spielte plötzlich mit. Mein rechter Knöchel, der vor zwei Tagen noch schwarz gewesen war und mich mit jeder Bewegung gequält hatte, fühlte sich auf einmal erstaunlich besser an. Fast über Nacht schien die Heilung eingetreten zu sein – ein kleines Wunder, das mir Hoffnung gab.
Nach dem Abenddienst ging ich in die Crewbar, um den Tag hinter mir zu lassen. Sieben Gläser Sekt, drei Bacardi Cola – ich gönnte mir einen Moment, um die Strapazen für einen Augenblick zu vergessen. Um 3 Uhr fiel ich schließlich ins Bett, um 5:30 Uhr musste ich wieder aufstehen. Das waren meine Weihnachten: hektisch, chaotisch und alles andere als besinnlich.
Die wenigen Momente, in denen ich an meine Lieben zu Hause denken konnte, kamen und gingen flüchtig. Ich hatte kaum Zeit, mich in weihnachtliche Gedanken zu vertiefen. Dabei erinnerte ich mich an das Weihnachten vor einem Jahr, an Bord der Hanseatic. Wir feierten in Grytviken, bei der alten Walfangstation. Es war eine stille, friedliche Nacht, die von einer ganz eigenen Magie erfüllt war.
Ich dachte an Kapitän Harling von Hakling zurück, den alten Seemann, dessen Ausstrahlung uns damals so beeindruckt hatte. Seine laute aber selbstsichere Autorität und sein Nichtverständnis für die Besatzung machten ihn zu einer besonderen Persönlichkeit. Aber damals fühlte es sich trotzdem wirklich nach Weihnachten an – eine Wärme, die ich heute so schmerzlich vermisste.
25. Dezember 1995 – Auf See, Mittelmeer
Weihnachten war vorüber, doch der Alltag an Bord blieb unverändert chaotisch. Die grundlegenden Dinge, die eine reibungslose Organisation erfordern, funktionierten immer noch nicht. Es war ein Kampf um jedes Detail, und es schien, als würde sich nichts daran ändern.
Ein besonders frustrierendes Beispiel war die Tischwäsche. Sie zu bekommen war eine wahre Kunst – ein unerklärliches Hindernis in einem Betrieb, der doch auf Gastfreundschaft und Eleganz ausgelegt sein sollte. Von der Dienstkleidung ganz zu schweigen: Die wenigsten hatten genug dabei, und von Bordmaterialien war erst recht keine Rede.
Zum Glück hatte ich in weiser Voraussicht mehr als zwanzig weiße Hemden eingepackt. Diese kleine Vorbereitung war jetzt mein Rettungsanker. Ohne sie wäre ich hoffnungslos verloren gewesen. So konnte ich wenigstens über die Runden kommen, auch wenn es sich wie ein ständiger Überlebenskampf anfühlte.
Doch trotz all der Improvisation und der täglichen Kämpfe fehlte jegliches Gefühl von Stabilität. Es war, als ob das Schiff selbst sich noch nicht entschieden hatte, ein Kreuzfahrtschiff zu sein, ein Ort, an dem Gäste und Crew gleichermaßen Zuflucht finden sollten. Stattdessen fühlte es sich an wie ein schwimmendes Provisorium, das mit jeder Welle weiter ins Chaos driftete.
An Bord hatten wir natürlich auch die NECKERMANN CREW eigentlich sind sie und ihr KREUZFAHRTDIREKTOR für alles verantwortlich. Das Schiff wurde ja von Neckermann in Dienst gestellt und dann dieses Desaster bei der Abfahrt das bis jetzt noch anhält und uns wahrscheinlich noch ewig begleiten wird. Aber der Kreuzfahrtdirektor dessen Pflicht es wäre täglich 20 Stunden sich die Beschwerden der Gäste anzuhören war absolut NIE, wirklich NIE zusehen. Der gute Mann machte einen sehr traurigen Job, er sperrte sich einfach in seiner Kabine ein und niemand bekam ihn zu Gesicht. Eigentlich sollte er ja sogar täglich bei den Gästen essen aber auch da war er nie. Wir hatten neben der Offiziers Messe auch eine eigene Staff Messe, dort war er anzutreffen.
26. Dezember 1995 – Funchal, Madeira
Harro ist zurück. Gesund und bereit, sich wieder seiner Arbeit zu widmen. Sein Comeback brachte einen Hauch von Normalität in dieses schwimmende Chaos, auch wenn die Probleme dadurch keineswegs verschwanden. Vielleicht liegt ein gewisser Reiz im Arbeiten unter solchen Bedingungen. Es ist unkonventionell, unberechenbar – das genaue Gegenteil von Alltagstrott.
Doch das Chaos fordert seinen Preis. Heute hörte ich, dass Günther, der Butler, gemeinsam mit seiner Frau aussteigen wird. Beide hatten einen Nervenzusammenbruch, ebenso wie zwei weitere Crewmitglieder. Günther hat genug und will nicht mehr zurückkommen. Günther war ein sehr erfahrener deutscher Butler, auch er hatte auf der Hanseatic diesen Job getätigt und wenn er sagt es reicht, dass mag was heißen. Auch Gäste, die sich dem Ausnahmezustand nicht länger aussetzen wollten, verließen das Schiff. Madeira wurde für viele ein Zufluchtsort, ein Hafen, der sie von diesem schwimmenden Alptraum erlöst.
Kurz vor dem Auslaufen rannte ich noch zu einer Telefonzelle, um zu Hause nach dem Rechten zu sehen. Die Worte meiner Mutter trafen mich wie ein Schlag: Mein Vater hatte gestern einen Herzinfarkt. Er war plötzlich umgefallen und für einige Minuten „völlig weg“, wie sie sagte. Diese Vorstellung ließ mir die Haut prickeln, und ich konnte die Tränen nicht zurückhalten.
Ich war moralisch zerschmettert. Hätten meine Eltern es gewollt, wäre ich sofort nach Hause geflogen. Aber meine Mutter blieb stark und ermutigte mich, an Bord zu bleiben. So blieb mir nur zu beten – für meinen Vater, für die Crew und für jeden Tag, den wir hier überstehen. Es ist kaum zu beschreiben, wie hart diese Tage für uns alle sind. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass jemand zusammenbricht oder ein Mädchen weinend davonläuft.
Die Crew hat begonnen, auf meine Entscheidungen zu warten, als ob mein Bleiben oder Gehen ein Signal wäre. Doch für mich stand nie zur Debatte, das Schiff zu verlassen. Zu bleiben fühlt sich so selbstverständlich an wie das Atmen. Ich tue, was ich kann, um die Moral meiner Kollegen aufzubauen – Worte, kleine Gesten, ein Lächeln, wenn möglich.
Wir fuhren weiter. Das Atlantik-Crossing begann genau in dieser Stunde. Es ist das vierte Mal in diesem Jahr, dass ich über den Atlantik fahre. Doch diesmal fühlte es sich anders an, schwerer, trauriger.
Die Blumeninsel Madeira
Madeira, die Insel des ewigen Frühlings – ein Ort, an dem Sommer und Winter nahtlos ineinander übergehen. Als größte von fünf Inseln, die eine portugiesische Provinz bilden, liegt Madeira etwa 580 Kilometer von der afrikanischen Küste entfernt.
Funchal, die Hauptstadt, ist eine farbenprächtige Stadt voller schattiger Gassen, in denen überall Blumen blühen. Schon Captain Cook notierte 1768, dass diese Insel „von der Natur überaus reich beschenkt“ sei. Und das ist sie tatsächlich. Die Bewohner Madeiras haben in Jahrhunderten mühsamer Arbeit aus abschüssigen Hügeln beeindruckende Terrassenlandschaften geformt, die mit Liebe und Hingabe gepflegt werden.
Das Klima könnte kaum besser sein. Die Temperaturen liegen das ganze Jahr über um die 20 Grad – etwas niedriger im Winter, ein wenig höher im Sommer. Das kristallklare Meer lädt stets zum Baden ein.
Die Insulaner, die von Seefahrern, Glücksrittern und Soldaten abstammen, tragen in ihren stolzen Gesichtern oft die Züge maurischer Piraten oder englischer Soldaten. Doch unabhängig von ihren Wurzeln haben die Madeirenser eine enge Verbindung zur portugiesischen Kultur und Sprache bewahrt. Ihre höfliche, stolze Art und ihr tief verwurzelter Stolz auf ihre paradiesische Heimat machen sie zu außergewöhnlichen Menschen.
27. Dezember 1995 – Italia Prima auf See – Atlantiküberquerung
17:00 Uhr 30° 35' N, 23° 32' W Wassertiefe: 5400 m, Lufttemperatur: 22°C, Wassertemperatur: 23°C, Windstärke: 5 Beaufort
Von Funchal bis Antigua liegt eine Strecke von 2567 Seemeilen vor uns – eine Herausforderung, die wir in sechs Tagen meistern wollen. Heute startete ich voller Energie und machte mich daran, die Cafeteria auf Deck 5 zu organisieren. Es ist ein Kraftakt, aber ich finde, wir schlagen uns erstaunlich gut, obwohl die Bedingungen alles andere als ideal sind.
Die Cafeteria ist eigentlich für höchstens 250 Gäste ausgelegt, doch oft bedienen wir bis zu 400 Menschen. Alles muss täglich auf dieses Deck geschleppt werden, es gab hier keinen Aufzug: Essen, Getränke, Servietten, Besteck. Eine logistische Mammutaufgabe, die jeden Muskel fordert. Doch trotz der Anstrengung läuft es erstaunlich gut.
Generell muss ich erwähnen, dass dieses angebliche 5-Sterne-Schiff wohl von einem völligen Trottel entworfen wurde. Die Hauptküche lag vorne, direkt am Bug – genau an der Stelle, wo das Schiff bei rauem Wetter besonders stark schaukelt. Es war ein wahres Höllenwerk, die ganzen Mahlzeiten unter diesen Umständen zu koordinieren. Und als ob das nicht schon genug wäre, mussten wir das gesamte Essen ohne Aufzug durch das ganze Schiff transportieren, da die Restaurants sich am Heck befanden.
Die Restaurantcrew war praktisch nur mit dem ständigen Hin- und Herschleppen des Essens beschäftigt. Die Logistik war ein Albtraum, und es gab keinen Moment, an dem man wirklich durchatmen konnte. Alles dauerte unendlich lange, und die Gänge des Schiffes, die von vorne nach hinten führen, schienen endlos zu sein. Das ständige Hin und Her war nicht nur physisch anstrengend, sondern zermürbte auch den Geist.
Es war ein stetiger Kampf gegen die Uhr, und obwohl jeder versuchte, das Beste aus der Situation zu machen, war es praktisch unmöglich, mit der Geschwindigkeit und den Anforderungen Schritt zu halten. Die Arbeit an Bord hatte ihren Preis – und der war oft mehr als nur körperlich.
Gestern war ein besonderer Moment: Zum ersten Mal sah ich die Italia Prima von außen. Es war ein seltsames Gefühl, das Schiff, das unseren Alltag dominiert, aus der Distanz zu betrachten – ein schwimmendes Zuhause und gleichzeitig ein Quell unendlicher Herausforderungen. Heute gönnte ich mir einen weiteren besonderen Augenblick. Ich ging hinauf auf das Sonnendeck, ganz nach vorne, über den Bug.
Dort stand ich, hoch oben, mit nichts als dem unendlichen Ozean vor mir. Der Wind war so stark, dass er mich fast umwarf, und doch fühlte ich mich frei. Das ist es, die Essenz der Seefahrt: Abenteuer, Freiheit, das Gefühl, eins zu sein mit der Naturgewalt des Meeres.
Ich trug meine blaue Uniform, fast wie ein Star inmitten dieses Szenarios, doch mein Inneres war alles andere als glamourös. Gedanken übers Leben drängten sich auf. Was mache ich hier eigentlich? Bin ich ein Abenteurer, ein Träumer – oder vielleicht nur ein Narr, der vor irgendetwas davonläuft?
Die Antwort blieb aus. Doch genau in diesen Momenten der Einsamkeit, wenn nur das Rauschen des Meeres meine Gedanken begleitet, fühlt sich das Leben intensiv und echt an.
28. DEZ. 1995 – ITALIA PRIMA AT SEA Es scheint, als würde sich alles langsam wieder normalisieren. Jedenfalls in den Bereichen, in denen ich tätig bin, wird die Arbeit zwar immer noch hart, aber sie geht zunehmend schneller und besser voran. Es ist ein kleiner Fortschritt, den wir alle dringend brauchen. Dienstpläne? Noch immer Fehlanzeige. Der Maitre, Harro, ist meiner Meinung nach inzwischen ziemlich am Ende. Es scheint, als ob er einfach durchhält, ohne zu wissen, wie lange er das noch tun kann. Es ist schwer zu sagen, ob es einfach nur Erschöpfung ist oder ob auch die ständigen organisatorischen Probleme ihm das Genick brechen. Aber als Maitre hat er natürlich das Sagen, auch wenn er selbst nicht immer den Überblick hat.
29. DEZ. 1995 – ITALIA PRIMA AT SEA Ich fühle mich wieder relativ fit, auch wenn die Schmerzen in meinen Knöcheln immer noch anhalten. Doch insgesamt geht es mir gut – ich schaffe es, mich durchzubeißen. Heute haben wir wieder schlechtes Wetter, der vierte Tag in Folge auf See, und der Himmel bleibt den ganzen Tag über wolkenverhangen, mit starkem Regen und acht Beaufort Wind. Ich hatte die Gelegenheit, zum Friseur zu gehen, und habe mir eine schöne Kurzhaarfrisur verpassen lassen. Danach habe ich noch hundert Liegestütze gemacht, um mich zumindest körperlich ein wenig auszulasten und den Kopf frei zu bekommen.
Was mir jedoch wirklich Sorgen bereitet, ist Harro, mein Maitre. Er wirkt völlig erschöpft und ich frage mich, ob er noch durchhält oder bald zusammenklappt. Man merkt, dass er mit den Umständen nicht mehr wirklich zurechtkommt – es ist, als ob ihm die Kompetenz oder vielleicht die Energie fehlt, die er eigentlich bräuchte. Trotzdem respektiere ich ihn als meinen Vorgesetzten, auch wenn es manchmal schwer fällt, nicht auch mal einen Moment an seine eigenen Grenzen zu denken. Jetzt verstehe ich auch warum er damals die Hanseatic in letzter Minute nicht übernehmen durfte. Auch dort war die Situation zum Zeitpunkt seiner Übernahme sehr angespannt. Meine Ratings waren damals für alle extrem überraschend und das wollte man nicht in die Hände von Harro legen und nun ist er hier mein Vorgesetzter.
Der Umgang mit den Mädchen macht mir dagegen viel Freude. Ihre Sorgen sind einfach ein Teil des Lebens an Bord, sie lachen, weinen und finden trotzdem immer wieder ihre eigenen Wege, mit den ständigen Herausforderungen umzugehen. Es sind diese kleinen Momente, die mir helfen, das Chaos zu überstehen und mich an den menschlichen Aspekten der Arbeit zu erfreuen.
30. DEZ. 1995 – ITALIA PRIMA AT SEA Der Dienstbeginn war eigentlich für 10:30 angesetzt, aber ich war schon um 6:30 wach und entschloss mich, etwas Sport am Achterdeck zu machen, während die Sonne aufging. Es war eine willkommene Abwechslung, um den Kopf frei zu bekommen. Danach schrieb ich einige Seiten Fax an Freunde, eine kleine Verbindung zur Heimat. Überraschenderweise bekam ich am Abend schon eine Antwort von einer Bekannten. Ich war ziemlich aufgeregt, als ich mein erstes Fax zurückbekam. Es war ein kleiner Moment des Erfolgs inmitten des Chaos.
Der restliche Abend verlief überraschend ruhig. Nach dem Dienst verbrachte ich noch einige Zeit in der Crewbar und ließ die letzten Tage etwas Revue passieren. Nun waren wir alle gespannt, wie der Jahreswechsel wohl ablaufen würde, was uns noch bevorstand und wie das Ende dieses chaotischen, aber spannenden Jahres aussehen würde.
31. DEZ. 1995 – ITALIA PRIMA AT SEA Der letzte Tag des Jahres fühlte sich wie ein echter "Durchlauferhitzer" an – viele Stunden, viele Aufgaben, aber trotzdem kaum Struktur. Zum Glück sind beim Atlantiküberqueren die Tage aufgrund der Zeitverschiebung 25 Stunden lang, was die Zeit etwas dehnt. Doch das Wetter war miserabel – den ganzen Tag über war es bewölkt, und die Stimmung an Bord spiegelte das wider.
Das Frühstück in der Cafeteria war ein absolutes Chaos. Zuerst checkte die Crew nicht richtig ein, dann stürmten uns die Gäste, und als ob das nicht genug gewesen wäre, brach auch noch unsere Kaffeemaschine zusammen, gefolgt von der Teemaschine. In der Hauptküche passierte das Gleiche. Es war wirklich ein Witz, und ich dachte, die Gäste würden uns jetzt endgültig zur Strecke bringen. Wir haben mittlerweile so gut wie keine funktionierenden Geräte mehr an Bord. In den Bars gibt es nur eine einzige Gläserspülmaschine, was bedeutet, dass wir täglich 1.500 Gläser mit der Hand polieren müssen. Der Teppich im riesigen Speisesaal wird mit einigen Besen gereinigt die ich auf Funchal kaufte, da es keine funktionierenden Staubsauger gibt.
Durch die italienischen Bordtechniker erfuhr mit der Stromspannung für das Hotel etwas nicht stimmt, daher brannten sämtliche Geräte durch Überspannung step by step durch.
Gestern zerbrachen durch eine Welle auch noch 250 Sektgläser auf einen Schlag – einfach unglaublich.
Am Nachmittag, als ich am Achterdeck liege und auf das vergangene Jahr zurückblicke, wird mir klar, wie viel ich tatsächlich erlebt habe. Zuerst die Hanseatic mit Südamerika und der Antarktis, dann ein Urlaub in Südafrika. Zu Hause war ich zwar mit meiner neuen Superbar gescheitert, aber ich hatte dennoch wunderbare Monate in Leibnitz verbracht. Die Trennung von meiner Freundin war ein harter Brocken, doch sofort danach ging es auf die Attersee-Saison zu der wirklich verrückten Familie Fellner. Im Oktober dann die Karibikfahrt auf der MS Calypso, ein Job, der mir unglaublich viel Spaß gemacht hat obwohl das gesamte Kreuzfahrtschiff eigentlich nur mehr ein Seelenverkäufer war. Und jetzt sitze ich hier, im letzten Abschnitt des Jahres, auf der Ms Italia Prima, dem 5* Schiff von Neckermann. Sämtliche Nautiker und Seemänner sind hier Italiener. Capitano de la Rosa, ein toller Italiener, ein Vatertyp mit großem Herz und noch größeren Bauch.
1. JAN. 1996 – ITALIA PRIMA AT SEA Heute ist unser letzter Seetag, das Crossing neigt sich dem Ende zu. Es ist eine merkwürdige Mischung aus Erleichterung und Nervosität, mal sehen, ob wir pünktlich ankommen. Der letzte Tag auf See fühlt sich immer etwas surreal an. Alle bereiten sich vor, das Ende der Reise zu erleben, doch es gibt immer noch so viele kleine Aufgaben, die erledigt werden müssen.
2. JAN. 1996 – ST. JOHN / ANTIGUA In St. John, Antigua, liegen wir an einer Pier mitten in der Stadt. Es fühlt sich an, als wären wir direkt am Hauptplatz, umgeben von unzähligen Karibikständen, an denen Souvenirs verkauft werden. Der Tag war lang und anstrengend, aber es gelang mir dennoch, nachmittags für ein paar Stunden zum Strand zu gehen. Mit fünf russischen Mädchen ging es zum Traumstrand, ein Paradies aus unberührter Natur und kristallklarem Wasser. Es war genau das, was wir alle gebraucht haben, um uns zu erholen.
Am Abend hatten wir mit Harro ein längeres Meeting. Er stellte neue Spielregeln auf, erklärte uns, für welche Vergehen es Teatime gibt. Die Art, wie er es präsentierte, war etwas schroff, und sofort waren die Mädchen verärgert. Doch ich beruhigte sie und sagte: „Keine Sorge, es wird nie so heiß gegessen, wie es gekocht wird.“ Es war mein Versuch, die Situation etwas zu entschärfen und sicherzustellen, dass der Zusammenhalt in der Crew nicht gefährdet wird.
ANTIGUA STORY Antigua, die Insel zwischen dem Atlantik und dem Karibischen Meer, sieht aus der Luft oder auf der Karte aus wie eine Amoebe. Diese ungewöhnliche Form hat der Insel zu einer unglaublichen Anzahl an Stränden verholfen – einer schöner als der andere, und jeder Tag des Jahres könnte auf einem anderen verbracht werden.
Schon im 18. Jahrhundert war die Küste von Antigua von strategischer Bedeutung. Die um die Vorherrschaft in der Karibik kämpfenden Franzosen, Spanier und Briten versuchten, die Insel in ihren Besitz zu bringen, da der geschützte Hafen von British Harbour einer ganzen Kriegsmarine Unterschlupf bieten konnte. Heute schaukeln dort nur noch Luxusjachten, und jedes Jahr kommen weltbesten Skipper zur jährlichen Segelwoche Ende April.
Antigua ist auch trockener als viele andere Karibikinseln, was sich unter Sonnenanbetern längst herumgesprochen hat. Doch der Passatwind sorgt für eine ständige, erfrischende Brise. Die 66.000 Einwohner von Antigua leben nach einem einfachen Prinzip: Nichts wird eilig getan. Ruhe ist die oberste Pflicht hier.
Christopher Columbus entdeckte Antigua auf seiner zweiten Reise im Jahr 1493. Es ist faszinierend, wie die Geschichte der Insel so tief in die europäische Entdeckungsgeschichte eingreift und bis heute das Leben hier prägt.
3. JAN. 1996 – POINT AU PITRE / GUADELOUPE Schon um neun Uhr morgens zog ich von der Pier in die direkt angrenzende Stadt und schlenderte durch die engen Gassen. Die französische Atmosphäre ließ mich für einen Moment den Stress des Schiffsalltags vergessen. Ich verbrachte mehr als eine Stunde damit, eine Telefonkarte zu finden, und endlich hatte ich die Gelegenheit, mit Papa zu sprechen. Gott sei Dank geht es ihm wieder gut, er ist wohlauf. Mein alter Herr ist eben ein wahres Wunder.
Es war ein unbeschreibliches Vergnügen, im Cafe zu sitzen und das Hafentreiben zu beobachten. In den französischen Häfen geht es alles sehr gepflegt zu, die Leute laufen in weißen Uniformen herum – ganz anders als in Südamerika, wo man an der Pier manchmal nicht sicher ist. Es ist ein intensives Leben hier, und das gefällt mir.
Am Abend gab es wieder Probleme, diesmal mit T 139, einer älteren Dame, die erst mit 60 Jahren heiratete. Sie schickte dreimal die Hauptspeise zurück und beschwerte sich unentwegt. Die Nebentische begannen sich bereits zu beschweren, dass diese ständigen Reklamationen den Urlaub vermiesen würden. Harro wollte mit mir über neue Strukturen sprechen – wohl ein Befehl von oben. Im Laufe des Tages drohten fünf Mädchen beim Hotman auszusteigen, wenn das Chaos an Bord nicht bald ein Ende hätte.
Überraschender Weise hatten wir ja wirklich sehr viele italienisch sprechende Gäste an Bord! Es scheint, dass die italienischen Gäste eine viel entspannendere Haltung hatten, was die Kommunikation und den Service angeht. Ihre Freundlichkeit und Gelassenheit haben es euch ermöglicht, trotz der Sprachbarriere eine gute Beziehung zu ihnen aufzubauen und ihre Wünsche zu erfüllen. Im Gegensatz dazu scheint es bei den deutschen Gästen eine ganz andere Dynamik gegeben zu haben – möglicherweise haben sie höhere Erwartungen oder waren ungeduldiger, was mehr Stress verursacht hat.
Es ist faszinierend, wie unterschiedlich Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen in ähnlichen Situationen reagieren. Diese Erfahrung zeigt, wie wichtig es ist, Geduld und Flexibilität zu haben, besonders in einem internationalen Umfeld, und wie positiv sich eine freundliche und entspannte Mentalität auswirken kann.
SMARAGDINSEL Guadeloupe, das aussieht wie ein Schmetterling, besteht aus zwei Inseln, die durch eine Zugbrücke miteinander verbunden sind. Die größte Insel der Französischen Antillen liegt etwa in der Mitte der Kleinen Antillen. Columbus benannte sie nach dem spanischen Kloster Santa Maria de Guadeloupe in Estremedura. Für die karibischen Indianer, die hier lebten, war sie einfach „Karukera“ – „Insel der schönen Gewässer“.
Die beiden Inselteile sind deutlich unterschiedlich, und ihre Namen passen nicht wirklich zu ihnen. Grande Terre („Großes Land“) ist kleiner, trockener und flacher, während Basse Terre („Niedriges Land“) mit der gleichnamigen Hauptstadt und dem schlummernden Vulkan La Soufrière grüner und hügeliger ist.
Guadeloupe ist ein Stück Frankreich, doch der französische Käse und Wein sind von dem typischen würzigen Duft der Karibik umhüllt. Voodoo, Geisterglaube und Hahnenkämpfe – all das gehört zur kreolischen Kultur und zum Alltag, wie das französische Kleingeld.
Ein großes Problem der Insel ist die hohe Bevölkerungsdichte – rund 400.000 Menschen leben auf Guadeloupe. Trotz dieser Dichte strotzt die Insel vor Lebenslust und hat dennoch eine ganz eigene Ruhe. Man könnte sagen, es ist ein wahres Inselparadies.
4. JAN. 1996 PORT DE FRANCE / MARTINIQUE Ein großartiger Tag begann für mich bereits um 6 Uhr mit dem Frühstück. Um exakt 8 Uhr liefen wir in Port de France ein. Am Nachmittag, als ich früher als üblich vom Schiff kam, fuhr ich mit einigen Köchen zu einem Privatstrand. Nach einem kurzen Badegenuss fand ich mich völlig erschöpft in der Sonne liegend wieder und schlief ein. Als ich gegen 17 Uhr wieder aufwachte, war ich völlig desorientiert. Schnell sprang ich ins Taxi und fuhr zurück in die Stadt.
Ich bummelte durch Port de France, und ich muss sagen, dass mir diese Stadt in der Karibik besonders gut gefällt. Sie hat einen ganz eigenen Flair. Es war bereits mein dritter Besuch hier, und natürlich ging ich wieder in die Mayflower Bar.
Im Hafenbecken lagen die beiden Supergiganten, die Regal Princess und ihr Schwesterschiff, nebeneinander. Zusammen hatten sie mehr als 4000 Gäste an Bord. Der Anblick war wirklich überwältigend.
Perle der Antillen
Madina (Blumeninsel) nannten die Indianer früher treffend diese Insel, ein tropischer Garten voller Farben und Düfte. Als Kolumbus die Insel entdeckte, bezeichnete er sie als das fruchtbarste und lieblichste Fleckchen Erde und taufte sie nach dem heiligen Martin. Martinique, die südlichste der französischen Antillen, liegt zwischen Dominica und St. Lucia. Auf den 1.100 Quadratkilometern leben etwa 400.000 Menschen. Den Frauen der Insel wird eine besondere Schönheit nachgesagt, was ich nur bestätigen kann.
Martinique gehört zu Frankreich, seit 1946 nicht mehr als Kolonie, sondern als Department mit einem Abgeordneten im französischen Senat. Man fährt französische Autos, zahlt in Franc und sieht Gendarmen in französisch anmutenden Cafés und Boutiquen. Aber dennoch fühlt man sich hier nicht ganz wie in Frankreich. Auf dieser Insel geht es, wie auf allen anderen karibischen Inseln, sehr entspannt zu – lass dich davon anstecken
5. JAN. 1996 ST. LUCIA Bei bestem Karibikwetter machte ich mich schon sehr früh mit Astrid und Jacqui auf den Weg zu einem Strand. Es war eine schöne Fahrt von etwa anderthalb Stunden, und ich habe dort einige tolle Fotos gemacht. Danach ging es weiter nach Castries zum Markt.
Arbeitsmäßig läuft das Programm immer besser, und es macht richtig Spaß, wieder ins Arbeitsleben einzutauchen!
Juwel der Antillen
Die paradiesische Vulkaninsel St. Lucia, die zwischen Martinique und St. Vincent liegt, gehört zu den landschaftlich reizvollsten Inseln der Karibik. Hier gibt es wilden Dschungel, hügeliges Ackerland und hinreißende Strände. Besonders bemerkenswert ist der Vulkan, in dessen Krater man gefahrlos blicken kann.
Viele Menschen lieben diese Insel wegen ihrer französischen Atmosphäre. Zahlreiche Ortsnamen erinnern an Frankreich, von der Hauptstadt Castries bis zu Vieux Fort im Süden. Auch die meisten der 15.000 Einwohner sprechen ein französisches Patois, obwohl die Amtssprache Englisch ist.
6. JAN. 1996 PORT OF SPAIN / TOBAGO Es gibt Häfen, die einem immer aufs Neue interessant erscheinen, aber Port of Spain gehört definitiv nicht dazu! Es ist immer derselbe verrostete Hafen mit seinen versunkenen Schiffen. Das Wasser ist unglaublich voll mit Millionen von Quallen. Landschaftlich sind Tobago und Trinidad zwar sehr schön und perfekt in diese kleine Antillengruppe eingefügt, doch leider wird das Ganze von den Spaniern verwaltet, was dazu führt, dass es nicht so gepflegt abläuft wie auf französischen oder englischen Inseln.
Ich liege hier schon seit Stunden am Achterdeck und genieße das Leben mit einer Zigarre und Musik von Eric Clapton. An Bord hat sich die Struktur dank der Hilfe aller stark verbessert. Natürlich jammern meine Mädels immer, aber das scheint wohl in der Natur der Frauen zu liegen. Nachts veranstalteten sie ein Meeting und wollten den Maitre unter Druck setzen, aber daraus wurde nichts, da sie sich untereinander überhaupt nicht einig waren und nicht wussten, was sie eigentlich fordern sollten.
Trinidad und Tobago
Mit 4.827 Quadratkilometern ist Trinidad die mit Abstand größte Insel der Kleinen Antillen und liegt nur durch den maximal 27 Meter tiefen Golf von Paria von der venezolanischen Küste getrennt. Im Aufbau gehört die Insel zum südamerikanischen Subkontinent und wird durch drei parallele Gebirgsketten bestimmt, die in west-östlicher Richtung verlaufen.
1532 entdeckte Columbus bei seiner dritten Reise diese Insel.
7.JAN. 1996 BONAIRE Wir nähern uns immer mehr dem südamerikanischen Kontinent, und die Reise durch die Karibik führt uns heute nach Bonaire, die östlichste der ABC-Inseln. Die vergangenen Wochen waren ein einziges Chaos, das wir erstaunlicherweise überstanden haben. Ein Rückblick lässt einen oft staunen, wie weit wir bereits gesegelt sind – ein Gefühl, das in Momenten wie diesen besonders eindringlich wird.
Auf dem Schiff sind wir alle eine wilde Truppe geworden. Die Mädchen aus der Crew stehen den nautischen Offizieren in Sachen Abenteuerlust in nichts nach. Diese Mischung aus Freiheit, Stress und einem Hauch von Wahnsinn macht uns zu einer besonderen Gemeinschaft.
Bonaire selbst ist wie aus einer anderen Welt. Das Wasser im Hafenbecken ist so unglaublich sauber, dass man beinahe bis auf den Grund sehen kann, ein Anblick, der mich sofort an die Südsee erinnert. Nach meiner geliebten Tea Time sprang ich kurzerhand vom Schiff ins Wasser und drehte mit den Fischen eine Runde. Es war, als würde die Natur selbst einen Moment der Ruhe schenken.
Am Abend endete ich in der Crewbar, ein Ort, an dem Geschichten und Flaschen gleichermaßen geteilt werden. Eine Stunde Schlaf war alles, was mir blieb, bevor es um fünf Uhr morgens wieder losging.
Bonaire – Naturparadies der Karibik
Die Insel ist ein wahres Juwel. Ihre Saumriffe gehören zu den schönsten der Karibik und ziehen Taucher aus aller Welt an. Die farbenfrohen Flamingos, die in Scharen durch die Salzseen waten, übertreffen in ihrer Zahl sogar die Menschen auf der Insel. Vogelliebhaber könnten hier Tage verbringen, ohne jemals genug zu bekommen.
Bonaire liegt etwa 80 Kilometer vor der Küste Venezuelas und ist geprägt von seiner Trockenheit. Kakteen und stachelige Gewächse dominieren das Bild. Besonders im Süden verläuft die Landschaft in eine seltsam faszinierende Welt aus Salzteichen und Dünen, die an eine Mondlandschaft erinnert. Der Hauptort Kralendijk liegt geschützt in der zentralen Westbucht – eine kleine, ruhige Gemeinde, die den entspannten Charme der Insel verkörpert.
Wenn man hier steht und die glasklare See betrachtet, wird einem bewusst, wie klein der Mensch ist und wie groß die Welt. Und doch gibt es in solchen Momenten einen Hauch von Frieden, der das Chaos an Bord für kurze Zeit vergessen lässt.
8. JAN.1996 / CURACAO Trotz der üblichen Müdigkeit, eine Stunde Schlaf ist beinahe schon der Standard, zog es mich am Nachmittag an den Beach. Drei Stunden verbrachte ich am Sea Aquarium Beach, gemeinsam mit Britta und Astrid L. Es war ein herrlicher Tag, einer dieser seltenen Momente, in denen man die Strapazen des Bordalltags für kurze Zeit vergessen kann.
Curaçao ist für mich eine Insel zum Leben. Wenn ich die schönsten Orte der Welt auflisten müsste, wäre diese Insel ganz vorne dabei. Willemstad, die Hauptstadt, hat eine einzigartige Ausstrahlung, gepflegt, bunt und voller Charme. Die Häuser mit ihren niederländischen Giebeln wirken wie aus einem Bilderbuch, und die Straßen strahlen eine einladende, lebendige Atmosphäre aus. Dazu kommen die traumhaften Strände und ich gebe es offen zu die schönen Frauen.
In der Nacht, um 1:00 Uhr, hieß es wieder: „Leinen los.“ Wie immer sammelte sich die Crew am Achterdeck, um dem Ablegen beizuwohnen. Es ist ein ungeschriebenes Ritual, das uns zusammenschweißt. Wir standen da, bis die Lichter der Insel langsam am Horizont verschwanden und nur noch die Erinnerung an diesen perfekten Tag blieb.
Curaçao – Insel der Vielfalt
Willemstad, die Hauptstadt der Niederländischen Antillen und Curaçaos, ist das Herzstück dieser 60 Kilometer langen und 12 Kilometer breiten Insel. Mit rund 150.000 Einwohnern, die aus den verschiedensten Kulturen stammen, ist Curaçao ein wahres Mosaik der Nationalitäten.
Das Landesinnere hat seinen ganz eigenen Charme. Zwischen trockenen, windigen Landschaften erstrecken sich Kakteenfelder, und die ikonischen Divi-Divi-Bäume neigen sich wie Tänzer im Wind. Hier und da stehen vereinzelte Windmühlen und alte Kolonialsitze, Relikte der niederländischen Vergangenheit, die sich auch in der Architektur widerspiegelt.
An den Tagen, an denen Kreuzfahrtschiffe anlegen, erwacht die Insel früh zum Leben. Spielkasinos öffnen ihre Türen für die Passagiere, und die Geschäfte verzichten auf ihre sonst übliche Mittagspause. Das wirtschaftliche Herz der Insel schlägt dann schneller, aber trotzdem bleibt Curaçao entspannt und liebenswert.
Diese Mischung aus kultureller Vielfalt, natürlicher Schönheit und entspanntem Lebensstil macht Curaçao zu einem Ort, an den ich gerne zurückdenke – eine Insel, die ihren Platz in meinem Herzen gefunden hat.
9. JAN. 1996 ARUBA Hier, auf Aruba, geht eine total verrückte Kreuzfahrt zu Ende. Wochen voller Chaos, Abenteuer und schlafloser Nächte liegen hinter uns, doch im Gegensatz zu vielen anderen an Bord hatte ich nicht einmal ernsthaft daran gedacht, auszusteigen. Irgendwie war das alles auch ein Teil von mir geworden, das wilde Leben auf See, die unerwarteten Wendungen und die magischen Momente dazwischen.
Heute nahm ich mir fest vor, eine letzte schöne Overnight zu genießen. Tagsüber gönnte ich mir sieben Stunden Freizeit – ein Luxus, den man sich nach so einer Reise ruhig einmal nehmen darf.
Doch die Nacht gehörte mir allein. Um 22 Uhr verließ ich das Schiff und schlenderte durch die Stadt, ganz ohne Ziel, einfach nur, um die Atmosphäre Arubas aufzusaugen. Es war diese besondere Ruhe der karibischen Nächte, die das Herz beruhigt und den Kopf frei macht.
Gegen Mitternacht lief ich zufällig Biggi über den Weg. Sie hatte wohl denselben Gedanken wie ich: ein würdiger Abschied von dieser Reise, irgendwo zwischen Freiheit und Vergessen. Wir landeten in einer kleinen, legeren Bar und gönnten uns eine Flasche Blanc de Blanc. Der Abend war federleicht, kein Stress, kein Zeitdruck, einfach nur das Hier und Jetzt.
Irgendwann zog es uns weiter, und wir spazierten durch die nächtliche Stille, die nur vom Wind und dem leisen Rauschen des Meeres unterbrochen wurde. Irgendwo, ich könnte nicht einmal sagen, wie wir dorthin kamen, landeten wir an einem einsamen Privatstrand. Wir ließen uns im Sand nieder, während der Vollmond die Szenerie in ein silbriges Licht tauchte..
Fetzige Gespräche, Lachen, Schweigen alles hatte seinen Platz. Wir blieben bis in die frühen Morgenstunden, als die ersten Lichtstreifen am Horizont den neuen Tag ankündigten.
Aruba, du hast einen würdigen Abschluss für diese verrückte Reise geliefert. Ein letzter Moment der Freiheit, des Lebensgefühls, das man nur hier draußen auf See so intensiv spürt. Unvergesslich!
10. JAN. 1996 ARUBA Eine neue Reise beginnt, und was für ein Unterschied! Nach der anstrengenden und chaotischen letzten Tour ist es fast wie eine Belohnung, dass wir nun eine angenehme Gruppe von Passagieren an Bord haben. Schon am ersten Abend waren wir alle überrascht: Es geht mit Stil los, das Arbeiten macht Spaß, und die Atmosphäre an Bord ist nicht mit der vorherigen Reise zu vergleichen. Es fühlt sich an, als hätte das Schiff selbst einen Neuanfang gewagt.
Aruba – Insel der Vielfalt
Nur etwa 20 Kilometer vor der Küste Venezuelas gelegen, bietet Aruba viele Gründe für einen Besuch. Die Sandstrände sind typisch karibisch, endlos und strahlend weiß, und die Möglichkeiten für Wassersport sind nahezu unbegrenzt. Doch die Insel hat weit mehr zu bieten: Oranjestad, der Hauptort, lockt mit seinem farbenfrohen Markt und den pastellfarbenen Giebelhäusern, die dem niederländischen Kolonialstil entsprungen scheinen.
Aruba mag einst im Schatten der größeren Nachbarinsel Curaçao gestanden haben, doch ihre verborgenen Reize sind einzigartig. Die Freundlichkeit der Menschen und die reizvolle Landschaft verleihen der Insel eine warme, einladende Ausstrahlung.
11. JAN. 1996 CARTAGENA Cartagena, eine große, beeindruckende Stadt, die mich sofort fasziniert. Besonders die natürliche Einfahrt zum Hafen ist spektakulär: Kleine Inseln säumen den Weg, und das Hafenbecken wirkt wie ein verstecktes Juwel. Doch heute hängt eine Dunstglocke über der Stadt, die Schwüle mit fast 100 % Luftfeuchtigkeit ist erdrückend.
Der Arbeitstag ist lang, und es dauert bis zum Nachmittag, bevor ich endlich kurz aus dem Hafen komme. Schon der Weg hinaus ist ein Abenteuer: Viele Militärkontrollen säumen die Straßen, und jeder scheint nach Rauschgift zu suchen. Selbst die Taxifahrt wird zur Herausforderung, denn die Fahrer streiten fast darum, wer uns fahren darf.
Unser Ziel ist einfach: ein kühles Bier. Doch wo landen wir? In einer Seitengasse in einem Privatbordell. Die Umstände sind, gelinde gesagt, schlicht, aber immerhin ist es sauber. Kinder spielen im Hof und werden schnell weggeschickt, während eine Reihe von Mädchen uns freundlich begrüßt. Wir sind zu dritt, und jede von ihnen gesellt sich zu einem von uns. Doch bei dieser drückenden Hitze wird die Aufmerksamkeit der Mädchen bald lästig, obwohl sie durchaus hübsch sind. Nach zwei Bier zahlen wir schnell und machen uns aus dem Staub.
Cartagena – Die Stadt der Mauern
Die Mauern von Cartagena haben über vier Jahrhunderte hinweg eine der ältesten Städte Amerikas geschützt. Dieses Bollwerk der spanischen Kolonialzeit war einst der Umschlagplatz für die sagenhaften Schätze der Neuen Welt: Smaragde, Gold und andere Kostbarkeiten passierten diesen Hafen. Gegründet 1533 vom Konquistador Pedro de Heredia, wurde die Stadt zum Ziel englischer und französischer Angriffe, oft durch Piraten wie Sir Francis Drake.
Trotz aller Verteidigungsmaßnahmen vertrauten die Siedler am Ende oft nur noch der Virgen de Candelaria, ihrer Schutzpatronin. Heute verbindet Cartagena als modernes Hafen- und Industriezentrum seine lebendige Vergangenheit mit der Gegenwart. Besonders die Altstadt mit ihren malerischen Straßen und historischen Gebäuden bewahrt den Charme vergangener Zeiten.
Die Eindrücke dieses Tages – von der imposanten Einfahrt bis hin zu den flirrenden Straßen – werden mir noch lange in Erinnerung bleiben. Cartagena hat etwas Einzigartiges, das sich schwer in Worte fassen lässt. Ein Hauch von Abenteuer, Geschichte und lebendiger Gegenwart.
12. Jan. 1996 SAN BLAS ISLANDS Die San-Blas-Inseln vor der Küste Panamas sind ein wahrer Schatz. Sie erinnern an die Malediven, mit ihrem türkisfarbenen Wasser und den winzigen Inseln, die wie grüne Edelsteine im Ozean liegen. Doch hier ist alles anders, ursprünglich, wild und voller Geschichte.
Die Indianer, die hier leben, führen ein einfaches Leben. Ihre Dörfer bestehen aus Stroh- und Bambushütten, und sie ernähren sich hauptsächlich vom Fischfang. Berühmt sind sie für ihre Molas, diese farbenfrohen, handgewebten Stoffe mit faszinierenden Mustern. Natürlich konnte ich nicht widerstehen und habe drei dieser Kunstwerke gekauft – ein Stück dieser Inselgruppe, das ich mitnehmen kann.
Trotz ihrer Schönheit fordert die Natur hier alles ab. Die Luftfeuchtigkeit ist kaum zu ertragen, fast unerträglich sogar für mich. Nach fünf Minuten ist man komplett durchgeschwitzt, und das Atmen fällt schwer. Für unsere älteren Gäste ist es eine sichtliche Herausforderung, und manche mussten früher zurück aufs Schiff gebracht werden.
Im Hintergrund erhebt sich das mächtige mittelamerikanische Gebirge, das von dichtem, dunstigem Urwald überzogen ist. Diese Szenerie wirkt wie aus einer anderen Welt, ein Kontrast zwischen den sanften Stränden und der ungezähmten Wildnis des Festlands.
San Blas – Die Inseln der Cuna
Die Provinz San Blas besteht aus einem schmalen Küstenstreifen Panamas und etwa 100 Inseln, die wie Perlen im Karibischen Meer verstreut sind. Die hier lebenden Cuna-Indios sind der letzte verbliebene Stamm des Chibcha-Volkes, das einst auf einer kulturellen Ebene mit den Mayas stand, bevor die Spanier kamen.
Einzigartig an den Cuna ist, dass sie Vertreter in das panamaische Parlament entsenden, um die Interessen ihres Volkes zu wahren. Sie leben jedoch zurückgezogen, fast wie in einer anderen Zeit. Ihre Molas, die farbenprächtigen Stoffe, haben eine lange Tradition. Einst trugen die Frauen diese nur zu besonderen Zeremonien wie den Initiationstänzen der Mädchen, die den Übergang ins Erwachsenenalter markierten. Die Muster auf den Stoffen gehen auf die alte Hochkultur Amerikas zurück und erzählen Geschichten von Generationen.
Die meisten Inseln der San-Blas-Gruppe haben keine eigenen Trinkwasserquellen. Die Cuna holen ihr Wasser mit Kanus vom Festland, genau wie sie es seit Jahrhunderten getan haben. Ihre Bananen- und Zuckerrohrplantagen gedeihen mit dem Regenwasser, aber die Inseln bleiben eine Herausforderung für das tägliche Leben.
Die San-Blas-Inseln sind mehr als ein Reiseziel. Sie sind ein Blick in eine andere Welt – eine Welt, die sich gegen die Zeit stemmt und in ihrer Ursprünglichkeit einen Zauber bewahrt, der uns alle beeindruckt hat.
13. JAN. 1996 PANAMA KANAL Der Tag begann mit Regen – nein, nicht einfach Regen, sondern einem unaufhörlichen Sturzbach, der den Himmel zu einer einzigen grauen Wand verwandelte. Als ich gegen acht Uhr aus dem Fenster schaute, war die Landschaft kaum zu erkennen. Der dichte Urwald rund um den Panamakanal schien von der endlosen Flut beinahe erdrückt zu werden.
Trotz des Wetters versprach die Durchquerung des Kanals wieder ein faszinierendes Spektakel zu werden, und ich hätte gerne jede Minute davon genossen, wäre ich nicht so erschöpft gewesen. Riesige Frachter glitten neben uns her, ein amerikanisches Kriegsschiff zog vorbei, und über allem donnerte plötzlich eine Staffel F-15-Eagle-Jets hinweg. Die Präsenz der USA in dieser Region ist allgegenwärtig und unübersehbar.
Im Schiffsbetrieb lief es jedoch weniger glatt. Der Tag war ein Desaster. Die Stimmung in der Cafeteria war gereizt, die Mitarbeiterinnen ausgelaugt, und jede schien ihre eigene Vorstellung davon zu haben, wie die Arbeit zu laufen habe. Konflikte waren unvermeidlich, und ich musste durchgreifen, um den Betrieb am Laufen zu halten. Es war einer dieser Tage, an denen man das Gefühl hat, gegen Windmühlen zu kämpfen.
Am Nachmittag, nach acht Stunden Fahrt, legten wir unter der beeindruckenden Panamericana-Brücke an. Der Regen hörte nicht auf, und ich beschloss, mich im passenden Look auf einen kleinen Ausflug zu begeben. Mit einer Flasche Southern Comfort bewaffnet, zog ich im strömenden Regen los, eine Stunde durch Pfützen und Matsch, die Flasche fest in der Hand. Am Ende war ich klatschnass, aber irgendwie tat es gut, einfach rauszukommen und den Kopf frei zu bekommen.
Weltknotenpunkt: Der Panamakanal
Der Panamakanal ist ein Meisterwerk der Ingenieurskunst, das seit über 80 Jahren beinahe reibungslos funktioniert. Er erstreckt sich über 80 Kilometer und verbindet den Atlantik mit dem Pazifik, wodurch die wochenlange, gefährliche Umrundung von Kap Hoorn überflüssig wird. Die Fahrt durch den Kanal dauert nur acht bis neun Stunden – ein beeindruckender Kontrast zu den Monaten, die früher benötigt wurden.
Die Geschichte des Kanals ist jedoch von Tragödien und unermesslichen Anstrengungen geprägt. Bereits 1513, als Vasco Núñez de Balboa den Pazifik von der Landenge aus erreichte, träumte man von einem Durchgang zwischen den Ozeanen. Jahrhunderte später nahm die Vision Gestalt an, als Ferdinand de Lesseps, der Erbauer des Suezkanals, die ersten Arbeiten begann. Doch finanzielle Engpässe, technische Probleme und der Verlust unzähliger Menschenleben an Tropenkrankheiten führten zur Aufgabe des Projekts. Erst die Amerikaner schafften es, den Kanal zu vollenden, indem sie ein System aus Schleusen anstelle eines durchgehenden Kanals auf Seehöhe bauten.
Heute passieren jährlich rund 15.000 Schiffe den "großen Graben". Jedes von ihnen bringt der Kanalgesellschaft erhebliche Einnahmen, und trotz der hohen Gebühren bleibt die Durchfahrt günstiger und sicherer als die lange Reise um Südamerika.
Die Fahrt durch den Panamakanal
Die Durchquerung des Kanals ist ein Erlebnis voller Abwechslung. Vom Hafen Cristóbal am Atlantik führt die Strecke durch die Gatún-Schleusen, die die Schiffe 26 Meter auf das Niveau des Gatún-Sees anheben. Hier beginnt die eigentliche Kanalfahrt, die von tropischem Regenwald umgeben ist.
Ein Highlight ist der künstlich angelegte Gatún-See, dessen Wasser die Schleusen speist. Mitten im See liegt die Barro-Colorado-Insel, ein geschütztes Naturreservat und ein Relikt aus der Bauzeit des Kanals.
Ein weiterer markanter Abschnitt ist der Gaillard-Cut, ein schmaler Durchbruch durch die Kontinentalwasserscheide, der in mühseliger Arbeit in den Fels gesprengt wurde. Die Pedro-Miguel-Schleusen und die Miraflores-Schleusen senken die Schiffe schließlich wieder auf Meereshöhe ab, bevor sie unter der beeindruckenden Panamericana-Brücke in den Pazifik einfahren.
Diese achtstündige Reise ist eine Mischung aus technischer Brillanz und natürlicher Schönheit, ein einzigartiges Erlebnis, das man nicht so schnell vergisst – selbst wenn es, wie heute, in Strömen regnet.
14. JAN. 1996 Auf See Der Tag begann chaotisch, die verdammte Kaffeemaschine gab den Geist auf. Das bedeutete, dass wir das heiße Wasser und den Kaffee von einem anderen Deck, zwei Ebenen tiefer, heranschleppen mussten, und das für 300 Gäste im Al Gardino. Dieses Café wird langsam zu einer echten Last. Oder ist es einfach nur eine weitere Herausforderung, die bewältigt werden muss?
Ich wollte hier oben im Café eigentlich keine langfristigen Pläne schmieden, aber das Chaos war nicht mehr auszuhalten. Also griff ich zum Stift und entwarf Dienstpläne für die gesamte Reise. Kaum hatte jeder seine festen Aufgaben, lief der Rest des Tages reibungslos – hoffentlich bleibt das so.
Leider bereitet mir mein Fuß zunehmend Sorgen. Er ist seit Tagen geschwollen, schmerzt immer mehr, und ich habe keine Ahnung, was die Ursache sein könnte.
Nach der Durchquerung des Panamakanals gestern segeln wir nun entlang der Pazifikküste, vorbei an Nicaragua und Guatemala. Die Küstenlandschaft in Sichtweite ist atemberaubend.
15. JAN. 1996 COSTA RICA Der Maschinendonner des Schiffes weckte mich früh, immerhin ist meine Kabine direkt über der bescheuerten Schiffsschraube, wir laufen in Puerto Caldera ein. Vor uns erhob sich eine beeindruckende Naturkulisse: zerklüftete Berghänge und dichter Urwald, der bis zu den weißen Stränden hinabreicht. Hier liegen wir wirklich inmitten der Wildnis, denn bis zum nächsten Ort sind es gut 20 Autominuten.
Gegen halb zehn war ich bereits in Punta Arenas, einer kleinen, eher unscheinbaren Stadt. Doch zum Einkaufen entpuppte sich das „Nest“ als wahres Paradies. Ich ergatterte ein Paar originale Fallschirmspringerstiefel.
Am Nachmittag fuhr ich mit einem Taxi zum Strand. Der Strand war wild, schwarz und irgendwie beeindruckend. Spontan entschloss ich mich, ins Wasser zu gehen. Doch am Ufer fand ich eine zweilitergroße Flasche mit einer grünen Schlange darin, ein Anblick, der mich fast aus der Fassung brachte. Mit Schlangen habe ich es ohnehin nicht, und das war eindeutig nichts für schwache Nerven.
Costa Rica – Ein friedliches Land
Costa Rica, nur 290 Kilometer breit, erstreckt sich auf der schmalen Landbrücke zwischen der Karibik und dem Pazifik. Die sanften Sandstrände der Karibik stehen im Kontrast zur raueren, zerklüfteten Pazifikküste. Von den Gipfeln des Vulkans Irazú aus kann man beide Meere gleichzeitig sehen.
Im Norden grenzt das Land an den Nicaragua-See und den Río San Juan, während im Süden Panama die Grenze markiert. Zwei mächtige Gebirgsketten durchziehen Costa Rica und trennen die feuchten Urwälder der Karibikseite von der Pazifikküste.
Zwischen diesen Gebirgen liegt das zentrale Hochland, die Meseta Central, ein fruchtbares und dicht besiedeltes Gebiet mit Vulkanböden und einem idealen Klima: weder zu heiß noch zu kalt, weder zu feucht noch zu trocken. Hier, in diesem gemäßigten Klima, liegt auch die Hauptstadt San José – eine Stadt, die Costa Ricas Balance zwischen Natur und Kultur perfekt verkörpert
16. JAN. 1996 Auf See Ein gemütlicher Seetag, kaum zu glauben, wie ruhig es heute an Bord ist. Die Gäste scheinen alle in bester Laune und verhalten sich vorbildlich. Noch erfreulicher: Meine neuen Dienstpläne funktionieren einwandfrei! Die Arbeitsabläufe sind endlich strukturiert, und alle ziehen mit. Das macht den Tag umso angenehmer.
Der Abend jedoch war das absolute Highlight. Er entwickelte sich weiter mit viel zu viel Wein, einer großzügigen Portion Southern Comfort und diesen Zigarren aus Guatemala.
Diese Dinger setzen mir jedes Mal ordentlich zu, ich konnte nicht einmal mehr richtig die Zunge heben. Vielleicht liegt es an dem seltsamen Kraut in den Zigarren, das mich ein wenig high zu machen scheint. Trotzdem: Es war ein rundum schöner Abend, der nach den stressigen Tagen wie Balsam für die Seele wirkte.
17. Januar 1996 – Guatemala
In San José hatte ich fünf Stunden Zeit, doch außer Müll gab es dort für mich nichts zu sehen. Es war schmutzig und, möchte ich sagen, schlichtweg unnütz. Ich konnte nicht verstehen, warum wir hier überhaupt anlegten. Auf dem Markt bot man gebratene Hunde an, ein Anblick, der mich gleichermaßen schockierte wie abschreckte.
Am Abend erzählten mir jedoch unsere Gäste von einem faszinierenden Hinterland. Besonders die alten Maya-Kultstätten hatten sie tief beeindruckt und begeistert. Ihre Berichte bekräftigten erneut meinen alten Entschluss: Irgendwann werde ich die Panamericana mit dem Wagen bereisen. Bereits damals, während meiner Zeit auf der Hanseatic, hatte ich mir vorgenommen, dieses Abenteuer zu wagen. Fast zwei Monate lang war die Panamericana zu meiner Rechten – eine ständige Erinnerung an diesen Traum.
Das Land der Maya
Sobald man guatemaltekischen Boden betritt, spürt man die Spuren von Kämpfen und Wirren, die die Geschichte dieses Landes geprägt haben. Zunächst sind da die Naturgewalten: Die Sierra Madre mit ihren 33 Vulkanen, von denen viele noch aktiv sind. Doch auch menschliche Gewalt hat ihren Tribut gefordert.
Die Nachfahren der einst so mächtigen Mayazivilisation konnten den spanischen Konquistadoren nicht lange standhalten. Bereits vor der Kolonialisierung waren viele prächtige Werke der Mayakultur dem Zerfall preisgegeben. Städte und Tempel wurden vom üppigen Grün des Dschungels überwuchert, und zwischen 1524 und 1650 starben sechs von sieben Mayas an Kämpfen oder Krankheiten. Die Überlebenden wurden als Sklaven auf spanische Ländereien geschickt.
Dennoch gelang es den Maya, ihre kulturelle Identität zu bewahren. Die Gesichter der Einheimischen erinnern heute stark an die alten Reliefs von Tikal und Quiriguá. Eine der grundlegenden Gemeinsamkeiten bleibt der Mais, der nach wie vor das zentrale Nahrungsmittel ist.
Guatemala, eingebettet zwischen Karibik und Pazifik, hat heute mit 8,6 Millionen Einwohnern die höchste Bevölkerungsdichte aller zentralamerikanischen Staaten. Trotz der vielen Herausforderungen bleibt das Land mit seiner reichen Geschichte und den beeindruckenden Spuren der Mayakultur ein faszinierender Ort.
18. Januar 1996 – Prima Italia auf See
Ein typischer Tag im Pazifik – die See war so ruhig, wie man es nur vom "El Pacífico", dem Ruhigen Ozean, kennt. Im Laufe des Tages begleiteten uns zahlreiche Delfine, ein faszinierender Anblick, der die Gemüter an Bord erhellte. Einmal zählten wir sicher über dreihundert Tiere auf einmal, die verspielt an unserer Seite schwammen.
Der Abend brachte jedoch keine Ruhe. Es stand das Galabuffet an, und mit doppelter Sitzung bedeutete das vor allem eins: viel Arbeit.
19. Januar 1996 – Acapulco, Mexiko
Endlich sind wir da! Acapulco – allein der Name ließ die Vorfreude bei allen spürbar steigen. Besonders auf die Overnight, die uns eine Nacht in dieser lebendigen Stadt versprach, freuten sich alle an Bord.
Acapulco liegt in einer weitgezogenen, wunderschön geschwungenen Bucht. Die Stadt hat zwar einen deutlich amerikanisierten Touch, doch zugleich bewahrt sie sich ihr unverwechselbares mexikanisches Flair. Um 8 Uhr morgens machte ich mich auf den Weg, die Stadt zu erkunden. Einkaufen hier ist ein Vergnügen – die Preise sind angenehm, und das Angebot ist vielfältig. Zugegeben, ich gebe derzeit mehr Geld aus, als ich verdiene, aber es macht unheimlich viel Spaß. Ich genieße das Leben gerade in vollen Zügen.
Im Job habe ich mich inzwischen durchgebissen. Die Abläufe funktionieren, und alles läuft einigermaßen rund. Gerüchteweise wurde ich sogar schon als Maitre-Vertretung oder -Ablöse vorgeschlagen. Doch ehrlich gesagt, fühle ich mich in meiner Rolle als Headwaiter wohl da ich weniger Verantwortung hatte, auch wenn die Bezahlung noch optimiert werden könnte.
Die bevorstehende Overnight weckt meine Neugier. Was sie wohl noch an Überraschungen bereithält?
0. Januar 1996 – Acapulco, Mexiko
Ich hatte mir eine schöne Nacht an Land in einem netten Hotel vorgestellt. Doch wie so oft kam es anders: Von meinem Late-Night-Buffet konnte ich mich einfach nicht losreißen. Dabei hätte ich gern die Distanz der letzten Tage wieder überbrückt.
Ich zog mit Teilen der Crew mitten in die Stadt und wir fanden ein einladendes mexikanisches Restaurant direkt an der Beach Street. Dort saßen wir, in der Stadt und doch am Strand, mit einem wunderbaren Rundumblick über das Lichtermeer Acapulcos. Wir genossen frische Shrimps und tranken Corona, während sich im Laufe der lustigen Nacht auch das halbe Personal zu uns gesellte.
Wir plauderten über die Welt, unsere Arbeit. Es war eine ehrliche, schöne Nacht. Nach nur 20 Minuten Schlaf musste ich jedoch wieder zur Arbeit – aber diese Nacht war es wert.
Die Goldene Bucht
Acapulco ist wirklich ein Ort wie aus dem Bilderbuch. Eingebettet in eine Traumkulisse aus grünen Hügeln, leuchtenden Stränden und dem blauen Pazifik, hat dieser Ferienort kaum Konkurrenz zu befürchten. Hier liegen Kreuzfahrtschiffe neben Fischtrawlern, Segelbooten und luxuriösen Ozeanjachten vor Anker.
Die Strände sind ebenso vielseitig wie die Besucher. Surfer, junge Männer auf der Suche nach der schönsten Bikinischau und alle, die sich an kitschig-schönen Sonnenuntergängen erfreuen, finden hier ihren Platz. Der Hauptstreifen mit seinen großen Hotels bietet genug Raum für alle – so weitläufig und breit ist er.
Noch vor wenigen Jahrzehnten war Acapulco von der Hauptstadt Mexiko-Stadt durch schier unüberwindliche Distanzen getrennt. Erst 1926 wurde die erste befestigte Straße über die Berge eröffnet. Doch mit wachsender Popularität kamen auch die Herausforderungen: Hoteltürme und nervenaufreibende Staus sind der Preis, den Acapulco heute zahlt.
Trotzdem bleibt das Flair ungebrochen. Rund um die Bucht und zu jeder Tageszeit bietet Acapulco Unterhaltung: Mariachi-Kapellen, Stierkämpfe, Volkstänze, Discos, und kulinarische Genüsse von Enchiladas bis hin zu Schwertfischsteaks. Die berühmten Todesspringer, die sich von den Klippen stürzen, faszinieren noch immer. Und wenn Sie wollen, können Sie ein Strandkleid oder einen Tropenhelm kaufen, ohne dabei Ihren Liegestuhl zu verlassen.
Die größte Herausforderung in Acapulco bleibt, die Straßenverkäufer mit einem höflichen „No, gracias“ abzuwehren. Doch trotz all der Ablenkungen erinnert die überwältigende Schönheit der Berge und der Bucht immer wieder daran, dass Acapulco eines der großen Reiseziele dieses Planeten ist.
21. Januar 1996 – Prima Italia auf See
Während die ersten Sonnenstrahlen über das Meer ziehen, beginne ich meinen Tag mit Liegestützen auf dem Achterdeck, begleitet von lauter Technomusik. Wir segeln weiter nordwärts entlang der Pazifikküste, und heute befinden wir uns ungefähr auf der Höhe von Cabo San Lucas.
Diese Region ist ein absoluter Traum. Cabo San Lucas fehlt noch in meinem Reiseprogramm, aber allein der Gedanke daran weckt Vorfreude. Mexiko hat mich auf dieser Reise erneut in seinen Bann gezogen, und ich glaube, ich habe hier ein weiteres Domizil gefunden, an dem ich mir vorstellen könnte zu leben.
Interessanterweise denke ich das in letzter Zeit immer häufiger, dass ich an einem Ort leben könnte. Doch für mich gelten dabei sehr strenge persönliche Richtlinien. Nicht jeder Ort schafft es durch dieses Raster, aber Mexiko scheint alle Kriterien zu erfüllen.
22. Januar 1996 – Mazatlán, Mexiko
Mazatlán – eine weitere wundervolle, ruhige Region mit traumhaften Stränden, die einfach zum Verweilen einladen. Besonders das Shoppen hier hat es mir angetan. Ich habe einige schöne Dinge erstanden, darunter einen faszinierenden Inkagott als Souvenir.
ich unternahm eine Stadtrundfahrt, bei der ich unter anderem die berühmten Todesspringer bewunderten. Für nur fünf Dollar stürzte sich einer von ihnen in schwindelerregende Tiefen.
Die Preise in Mazatlán sind erstaunlich moderat: Steinfiguren gibt es ab 70 Österreichischen Schilling (OES), größere Exemplare kosten etwa 300 OES. Beeindruckende Schiffsmodelle, wahre Meisterwerke, bewegen sich zwischen 1.500 und 5.000 OES – allerdings handelt es sich hierbei um sehr große Stücke. Keramikvasen sind für etwa 800 OES zu haben, während handgewebte Inkateppiche nur 100 OES kosten.
Mazatlán – Die Perle des Pazifiks
Mazatlán hebt sich mit seiner ungezwungenen und authentischen Atmosphäre angenehm von den stärker touristisch geprägten Städten wie Acapulco ab. Hier findet man den Realismus einer Handelsstadt mit rund 250.000 Einwohnern, Mexikos größter Garnelenfangflotte und einem blühenden Industriezentrum.
Die "Perle des Pazifiks" besticht durch ihre atemberaubende Lage in der Bahía de las Olas Altas, am Meer von Cortés. In den umliegenden Gewässern tummeln sich Segelfische und Marlins – ein wahres Paradies für Hochseeangler. Doch auch sportliche Besucher kommen auf ihre Kosten. Die kilometerlangen Strände, die sich über 16 Kilometer erstrecken, laden zu ausgiebigen Spaziergängen ein, vorbei an lebhaften Märkten und zahllosen kleinen Läden.
Der Lebensstil in Mazatlán ist freundlich, entspannt und leger, eine erfrischende Abwechslung inmitten der atemberaubenden Kulisse dieser besonderen Stadt.
Die letzten 48 Stunden waren ungewöhnlich kalt. In Wintermode spazierte ich durch Ensenada, während der Nebel geheimnisvoll über dem Pazifik hing, ein wirklich beeindruckendes Bild.
Wie üblich an einem Einschiffungstag herrschte heute hausgemachte Hektik. Hinzu kam die bevorstehende Überprüfung durch das US Public Health Service (USPH), die immer für zusätzlichen Stress sorgt. Nachts putzte ich zusammen mit 16 Mädchen die Cafeteria. In der Pantry überzog ich alles literweise mit Chlor. Nach vier Stunden harter Arbeit war der Spuk endlich vorbei.
Ensenada – Ein Ferienparadies
Ensenada ist ein Badeort, der Kalifornier in Scharen anzieht – und das aus gutem Grund. Die herrliche Bucht an der Pazifikküste, nur 120 Kilometer von der US-Grenze entfernt, bietet ein breites Spektrum an Freizeitmöglichkeiten: Wassersport, Angelausflüge und ausgiebiges Sonnenbaden stehen hier hoch im Kurs.
Gelegen an der Nordwestküste von Baja California, einer schmalen Halbinsel zwischen dem Golf von Kalifornien und dem Pazifik, ist Ensenada ein Juwel inmitten einer kargen und weitgehend unbewohnten Landschaft. Die Region, geprägt von Wüsten und zerklüftetem Bergland, wird von malerischen, gischtumspritzten Buchten eingerahmt.
Trotz der Kargheit der Baja California gewinnt Ensenada zunehmend an Beliebtheit. Mit über 250.000 Einwohnern verfügt die Stadt über einen bedeutenden Fischerei- und Umschlaghafen.
Die Geschichte Ensenadas ist so wechselhaft wie ihre Lage. Ihre Abgeschiedenheit von Mexikos Festland hat zu einer gewissen Amerikanisierung der Region beigetragen. Die Spanier, die während der Zeit der Konquistadoren die Baja erkundeten, betrachteten das Land als wertlos und siedelten sich nicht an. Heute hingegen nutzen die Menschen die außergewöhnlichen Freizeitmöglichkeiten, die eine der schönsten Buchten Mexikos bietet.
26. Januar 1996 – Prima Italia auf See
Der heutige Tag stand unter einem einzigen Motto: Putzen. Vor der strengen Überprüfung durch das US Public Health Service (USPH) musste jede Ecke, jeder Spalt und jede Fuge in der Pantry makellos aussehen. Die Mädchen schrubbten mit Zahnbürsten, während ich unermüdlich von 5:30 Uhr morgens bis 3:00 Uhr in der Nacht durchschuftete. Mein Kabinenpartner Socrates, ebenfalls Headwaiter, war krank, sodass ich kaum einmal zum Sitzen kam.
27. Januar 1996 – San Francisco, USA
San Francisco ist anders – eine wundervolle Stadt, die mich sofort begeistert. Wir liegen fast genau unter der berühmten Golden Gate Bridge, an Pier 39, dem pulsierenden Zentrum der Stadt. Hier ist alles bunt, lebhaft und voller Souvenirgeschäfte, die selbst uns verwöhnte Europäer beeindrucken. Es ist typisch USA: ein Überfluss an allem, von Magnetstickern bis hin zu Jeans.
Während wir an Bord noch auf die angekündigten Hygieneprüfer warteten, passierte... nichts.
Die USPH Mannschaft, das sind sehr hohe Offiziere des Militärs betraten das Schiff, unser Captain de la Rosa hatte sie sehr herzlich empfangen, zur Rezeption begleitet, mit ihnen sehr leise gemauschelt und die Offiziere gingen wieder. Es ist mir bis heute ein Rätsel was hier abging. Sicher ist jedoch das es nicht das normale Vorgehen war, diese USPH Leute zerlegen normaler Weise jedes Schiff, doch hier, war Schmiergeld im Spiel, war es die Macht der italienischen Mafia, ich habe keine Idee. Also nutzte ich die Gelegenheit und ging wieder von Bord. Mein erstes Ziel: ein Computergeschäft, wo ich mir spontan mein erstes Notebook kaufte, ein Texas Instrument für stolze 3.500 US-Dollar. Damit schrieb ich diese Berichte.
Der Tag bot mir viel Freizeit. Natürlich besuchte ich die Golden Gate Bridge und Chinatown. Letzteres überraschte mich allerdings – Bars, Bordelle und Sexshops dominierten das Bild. Doch der Blick aus Chinatown auf das Bankenviertel war atemberaubend.
Ich hetzte an diesem Tag mindestens zehn Mal zum Pier 39, kaufte Souvenirs, Jeans und eine Unmenge Ansichtskarten. Mittlerweile sammle ich sie wie besessen.
Um 22 Uhr hieß es „Leinen los“. Ich stand am Bug, als die Prima Italia unter kräftigem Motorengeräusch auslief. Die Schlepper halfen bei der Drehung, und wir passierten Alcatraz, bevor wir unter der Golden Gate Bridge hindurchglitten. Langsam verschwand die Skyline von San Francisco im Dunkel der Nacht – ein beeindruckender Anblick, den ich nicht so schnell vergessen werde.
Fünf Seetage liegen nun vor uns, bevor wir Hawaii erreichen. Mein erstes Pazifiküberquerung hat begonnen. Diese Woche auf See möchte ich nutzen, um mein inneres Gleichgewicht wiederzufinden. Schlaf ist dringend nötig – in den letzten Tagen konnte ich die Stunden, die ich zur Ruhe kam, an zwei Händen abzählen.
Hawaii wird neue Energie erfordern, und ich freue mich darauf. Trotz des unkoordinierten Arbeitsstils an Bord, typisch italienisch, habe ich es geschafft, mir meine Vorteile und Privilegien zu sichern.
Die Straßen von San Francisco
San Francisco, liebevoll „Frisco“ genannt, ist die viertgrößte Stadt Kaliforniens. Sie liegt am Nordende einer 48 Kilometer langen und 10 Kilometer breiten hügeligen Halbinsel, die den Pazifik von der San Francisco Bay trennt – einem der besten natürlichen Häfen der Welt. Im Norden grenzt die Stadt an das „Golden Gate“, die 1,5 Kilometer breite und bis zu 116 Meter tiefe Einfahrt in die Bucht.
Die Landfläche von San Francisco erstreckt sich über 120 Quadratkilometer und beheimatet 700.000 Menschen, die regelmäßig kleine Mikrobeben erleben. Nach den schweren Erdbeben von 1906 und 1989 bleibt die Stadt in einem tektonisch aktiven Gebiet stets von weiteren Gefahren bedroht.
29. Januar 1996 – Italia Prima auf See
Der Alltag hat uns wieder. Ich begann den Tag damit, meine Kabine gründlich zu reinigen – es sah aus, als wäre gestern Weihnachten gewesen, so viel hatte ich in den letzten Tagen eingekauft. Socrates ist inzwischen wieder gesund, was mir erlaubt, meine Arbeitsstunden endlich etwas zu reduzieren. Ob er wirklich krank war? Ich habe da meine Zweifel. Wahrscheinlich hat ihn der Stress rund um die USPH-Prüfung ausgeknockt. Der Preis dafür: Er musste auf San Francisco verzichten.
30. Januar 1996 – Italia Prima auf See
Heute kreuzten wir auf unserer Route nach Hawaii die Ausläufer von gleich zwei Hurrikans. Die gesamte Nacht wurde unser Schiff durchgerüttelt, was nicht nur an den Nerven zerrte, sondern auch körperlich spürbare Spuren hinterließ. Besonders meine Mädchen sind schwer angeschlagen – die Kombination aus harter Arbeit und dem stürmischen Wetter ist einfach nicht ideal für sie.
31. Januar 1996 – Italia Prima auf See
Das miserable Wetter hält an. Mit unseren Instrumenten beobachten wir immer noch die Ausläufer der Hurrikans. Die Zentren der Wirbelstürme ziehen kreuz und quer durch den Pazifik, und wir hoffen weiterhin, dass wir nicht direkt in ihren Weg geraten. Wir haben bereits eine Kursänderung vorgenommen, was natürlich eine Verspätung auf Honolulu bedeutet. Am Abend hat der mächtige Wind das unter der Brücke montierte Motorboot aus seiner Verankerung gerissen und auf den Kopf gedreht, es liegt jetzt beschädigt unter der Brücke, auch ein Teil des Schiffmetalls das unter der Brücke war wurde eingebeult und hatte sogar ein Loch in der Mitte. Der Krach war jedenfalls unüberhörbar.
1. Februar 1996 – Italia Prima auf See
Nur ein kurzer Sonnenstrahl, und der Sturm zieht weiter. Im Gardino arbeiten wir unser Programm ab, doch für mich vergehen die Tage viel zu schnell. Seitdem ich meinen Computer habe, verfliegen die Stunden förmlich. Im Durchschnitt sitze ich täglich bis 2 Uhr nachts am Werk.
2. Februar 1996 – Italia Prima auf See
Viel Spaß in der Cafeteria mit den Mädels, besonders mit der wilden Marina. Am Nachmittag erzählen mir Astrid, Elfi und Simon, dass sie in Australien aussteigen werden. Ein Schock. Meine drei Lieblinge gehen, und mir fehlen die Worte. Ich versuche, sie zu überreden, aber was soll’s.
3. Februar 1996 – Honolulu, Hawaii
Mit strahlendem Sonnenschein und einem tiefblauen Himmel empfängt uns Honolulu, als wir wenn auch mit vier Stunden Verspätung, im Hafen einlaufen. Die Szenerie war so malerisch, dass sie den Stress der vergangenen Stunden fast vergessen ließ. Die Sorge vor einer strengen Kontrolle durch die US Public Health (USPH) war groß, doch wie schon zuvor erschien eigentlich keine Behörde an Bord zur Kontrolle und die Erleichterung an Bord war spürbar.
Kaum war die Gangway ausgelegt, zog es mich von Bord. Wohin? Natürlich in ein Shoppingcenter, wie sollte es anders sein. Die Auswahl war überwältigend: T-Shirts in allen Farben und Designs, Software, die man zu Hause kaum zu vernünftigen Preisen bekam, und dann die Surfklamotten, so verlockend, dass ich mich regelrecht zwingen musste, nicht zuzuschlagen. Der Gedanke an begrenzten Stauraum an Bord war mein einziger Schutz gegen den Kaufrausch.
Der Abend brachte neue Abenteuer: Gemeinsam mit Biggy und Astrid stürzte ich mich ins Nachtleben von Honolulu. Unser Ziel war das legendäre Hard Rock Café, ein Treffpunkt, der für seine besondere Atmosphäre bekannt war. Die Live-Musik, die lebhaften Gespräche und die freundliche Stimmung machten den Abend unvergesslich.
Das Auslaufen aus Honolulu hatte seinen eigenen Zauber. Die funkelnden Lichter der Stadt am Horizont, das sanfte Schaukeln des Schiffs und die Vorfreude auf den nächsten Hafen – Maui – ließen den Tag stimmungsvoll ausklingen.
4. Februar 1996 – Maui
Bereits um 6:30 Uhr legen wir in Maui an, und ich lasse mir das Spektakel vom Deck aus nicht entgehen. Die Insel liegt in einem blutroten Licht, das fast unwirklich und gespenstisch wirkt. Das Meer präsentiert sich glatt wie ein Spiegel, doch mit jedem Meter, den wir der Küste näherkommen, entsteht eine deutliche Dünung. Diese baut sich zu mächtigen Wellen auf, die sich tosend am Strand brechen – ein Naturschauspiel von atemberaubender Schönheit.
Die für Maui so typischen Wellenberge erzeugen in den frühen Morgenstunden eine mystische Nebelwand entlang der Strände. Der Nebel, kombiniert mit dem roten Schimmer des Lichts, verstärkt die dramatische Atmosphäre noch zusätzlich. Ein Anblick, den man so schnell nicht vergisst.
Noch am Vormittag fand ich mich am Strand wieder – vor mir türkisblaues Wasser, unter mir schneeweißer Sand, und hinter mir die imposante Vulkanlandschaft mit ihren steilen Hängen und dichtem, grünen Urwald. Es fühlte sich an wie ein Szenario direkt aus einem Bilderbuch. Zahlreiche Helikopter schwirrten über uns, denn Maui ist berühmt für seine spektakulären Rundflüge, allerdings keine günstige Angelegenheit.
Der Vormittag verging wie im Flug. Ich genoss die Gesellschaft einer Gruppe Mädels, und gemeinsam hatten wir eine Menge Spaß in der morgendlichen Sonne. Für mich sind Maui und Hawaii bisher die idealsten Orte, die ich auf dieser Reise besucht habe. Die perfekte Mischung aus einer sauberen, modernen Infrastruktur und einer überwältigenden Natur.
Natürlich darf man das Surfen auf Maui nicht vergessen, oder besser gesagt, man muss es in den Mittelpunkt stellen. Hier ist das Surfen so allgegenwärtig wie das Skifahren in Tirol. Leider war an diesem Tag Vollmond, und die dadurch verursachte lebensgefährliche Brandung sorgte dafür, dass keine Surfboards zum Verleih standen. Ein echtes Pech, denn ich hatte mich schon darauf gefreut.
Die Einheimischen, die Mauianer, führen einen beneidenswert entspannten Lebensstil. Sie kommen mit ihren aufwendig getunten Autos direkt zum Strand, feiern Partys, gehen surfen und scheinen das Leben in vollen Zügen zu genießen. Der Gedanke, mich hier auf einer Universität einzuschreiben, kam mir mehr als einmal – vielleicht die einzige Möglichkeit, tatsächlich auf Hawaii leben zu können. Sogar eine Barkeeper-Schule gibt es hier, die einen weiteren Traum wahr machen könnte.
Honolulu – Das Surferparadies
Die Insel Oahu, mit 700.000 Einwohnern und einer Fläche von 1.757 Quadratkilometern, ist die drittgrößte und bevölkerungsreichste Insel Hawaiis. Ihre Hauptstadt, Honolulu, ist eine moderne amerikanische Großstadt mit Wolkenkratzern, Einkaufszentren und einem natürlichen Hafen. Seit 1850 ist Honolulu die Hauptstadt des gesamten Archipels.
Oahu besteht aus zwei Bergrücken im Osten und Westen, zwischen denen große Ananas- und Zuckerrohrplantagen liegen. Rund ein Viertel der Insel wird vom US-Militär genutzt, was Oahu eine besondere militärische Bedeutung verleiht. Unser Liegeplatz im Hafen trägt den Namen „Diamond Head Terminal No. 40“.
Der Name „Oahu“ bedeutet auf Hawaiianisch „Versammlungsplatz“. Heute ist der Tourismus – wie auf allen hawaiianischen Inseln – der wichtigste Wirtschaftszweig. Seit 1975 gehört Oahu zum Königreich Hawaii.
Ein bedeutendes Kapitel in der Militärgeschichte ist der Luftangriff auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941, der den Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg markierte.
Der bekannteste Strand Oahus ist der 4 Kilometer lange Waikiki Beach, der schon vor 200 Jahren ein beliebter Erholungsort war. Mit der Eröffnung des ersten Hotels im Jahr 1901 begann der Aufstieg Waikikis zu einem der berühmtesten Strände der USA. Besonders Surfer und Wellenreiter zieht es an den Sunset Beach im Norden der Insel, der als Hotspot für perfekte Wellen bekannt ist.
5.–7. Februar 1996 – Pazifiküberquerung
Die Tage auf See vergehen wie im Flug, während wir uns langsam dem Äquator nähern. Jeden Morgen werde ich von den spektakulären Sonnenaufgängen der Südsee begrüßt – ein Farbenspiel, das mit jedem Tag aufs Neue fasziniert. Das Wetter ist einfach traumhaft: Selbst um 23:00 Uhr, wenn ich mit einer Zigarre in der Hand die warme Nacht genieße, zeigt das Thermometer noch über 30 Grad.
Die Seetage, so entspannt sie auf den ersten Blick erscheinen mögen, scheinen mir immer zu kurz. Die Arbeit an Bord ist intensiv, denn unsere Gäste lassen sich den ganzen Tag über kulinarisch verwöhnen, was auch im Tagesprogramm nicht zu übersehen ist. Doch trotz der Anforderungen bleibt mir abends noch Zeit für mich.
Meine Freizeit verbringe ich meistens an meinem Computer, der mich bis etwa zwei Uhr morgens in seinen Bann zieht. Es ist eine Mischung aus Neugierde und Durchhaltevermögen: Ich bringe mir selbst den Umgang mit diesem faszinierenden Gerät bei. Die Herausforderung dabei? Das gesamte Programm ist auf Englisch, und die originalen Windows-Disketten hat mir der schlitzohrige Verkäufer beim Kauf nicht mitgegeben. Aber ich lasse mich davon nicht entmutigen, jeder kleine Fortschritt fühlt sich wie ein Sieg an.
Die unendliche Weite des Pazifiks, das gleichmäßige Rauschen der Wellen und die wärmenden Strahlen der Sonne schaffen eine Kulisse, die all die Anstrengungen des Alltags überstrahlt. Diese Seetage, so arbeitsreich sie auch sein mögen, haben dennoch eine besondere Magie, die ich jedes Mal aufs Neue genieße.
8. Februar 1996 – Äquatorüberquerung
Ein farbenprächtiges Spektakel, wie es wohl nur auf hoher See möglich ist: Die Äquatortaufe, der traditionelle Besuch von Neptun und seiner Gefolgschaft, wurde mit viel Hingabe und Detailreichtum inszeniert. Neptun selbst erhob sich majestätisch aus den Tiefen des Meeres, begleitet von einer illustren Schar von Meereswesen. Mit seiner tiefen Stimme befragte er alle Anwesenden, ob sie würdig seien, den Äquator zu übertreten. Diejenigen, die seine Prüfungen bestanden, wurden feierlich getauft und in den Kreis der Äquatorüberquerer aufgenommen.
Dieser Tag war nicht nur wegen des Rituals besonders, wir nähern uns Westsamoa, dem Ziel, das für mich einer der Hauptgründe war, an Bord der Italia Prima zu gehen. Die Vorstellung, bald Fuß auf diese sagenumwobene Insel zu setzen, erfüllt mich mit Neugier und Vorfreude. Was mich dort wohl erwarten wird?
Der Abend bot einen krassen Kontrast zu den feierlichen Ritualen des Tages: In der Crewbar herrschte eine ausgelassene Stimmung, die ihresgleichen sucht. Unsere Mädels waren besonders in Feierlaune, eine Energie, die förmlich ansteckend war. Es wurde getanzt, gelacht und gefeiert, bis die Nacht tief über den Pazifik hereingebrochen war. Ein denkwürdiger Tag, der Tradition, Vorfreude und puren Lebensgenuss perfekt miteinander verband.
9. Februar 1996 – Pazifiküberquerung
Ein weiterer Tag auf dem endlosen Blau des Pazifiks, der es in sich hatte. Obwohl das Wetter mit strahlendem Sonnenschein und Temperaturen von 34 Grad außen und 29 Grad im Wasser beste Laune versprach, war der Arbeitstag alles andere als ruhig. Viel Theater mit Gästen und Crew hielt mich auf Trab, aber irgendwie gehört das ja auch dazu.
Trotz aller Herausforderungen hat der Pazifik eine nahezu magische Fähigkeit, die Seele zu beruhigen. Die sanften Wellen, die rhythmisch gegen den Schiffsrumpf schlagen, das warme Wasser, das selbst bei tropischer Hitze eine einladende Frische ausstrahlt, und die strahlende Sonne, die den Horizont in Gold und Azur taucht, machen das Leben hier draußen einzigartig. Es ist erstaunlich, wie selbst die anstrengendsten Tage durch solche Kulissen ihre Schwere verlieren.
Doch hinter dieser paradiesischen Fassade verbirgt sich die unermüdliche Arbeit, die an Bord nötig ist, um den Betrieb am Laufen zu halten. Unsere größte Herausforderung: Wir schleppen nach wie vor sämtliche Lebensmittel vom Bug auf eine andere Etage, um sie dann quer durch das gesamte Schiff bis zum Heck zu transportieren. Ein logistischer Kraftakt, der uns täglich fordert. Im Schnitt stehen wir hier ohne funktionierende Systeme 16 Stunden am Tag im Einsatz. Und dennoch – auf eine unbeschreibliche Art und Weise hat das Ganze auch seinen Reiz.
Meine Seitenbänder, die mich zuvor belastet hatten, sind inzwischen wieder in Ordnung – eine kleine Erleichterung im dichten Alltag. Und auch wenn die Arbeit nie zu enden scheint, ist es die Summe der Erlebnisse, die alles lohnenswert macht. Die Länder, die ich bisher gesehen habe, die unendlichen Weiten der Ozeane, die ich durchquert habe, und ein Teil der Crew – das alles ist einfach „schwer okay“, wie man so schön sagt. Es ist anders hier, nicht vergleichbar mit den Erfahrungen auf der Hanseatic.
Besonders beeindruckend finde ich die italienischen Nautiker und Seeleute. Sie strahlen eine Gelassenheit und Professionalität aus, die ihresgleichen sucht. Ihr Umgang miteinander ist geprägt von Herz und Leidenschaft – typisch italienisch eben. Und unser Kapitän? Ein echter Seebär, der in der besten Bedeutung des Wortes ein Vater für uns alle ist. Oft sitze ich mit ihm zusammen, und wir plaudern über alles Mögliche, nur nicht über Probleme. Es ist seine unaufgeregte, positive Art, die nicht nur Vertrauen, sondern auch Leichtigkeit verbreitet.
Ja, das Leben an Bord ist hart, manchmal sogar entmutigend. Aber die kleinen Momente, die unerwarteten Augenblicke der Verbundenheit und die unvergleichlichen Eindrücke machen es zu etwas Besonderem. Und so kämpft man sich durch, mit einem Lächeln auf den Lippen und dem Blick fest auf den Horizont gerichtet.
10. Februar 1996 – Apia, Westsamoa
Gegen Mittag erreichen wir Westsamoa und gleiten durch die atemberaubende Brandung, die sich mit tosender Kraft an den vulkanischen Küsten bricht. Die Erwartung, auf einer Südseeinsel ein wahres Paradies zu finden, schwingt in uns allen mit. Gemeinsam mit Biggy, Sonya, Mascha und Astrid starte ich zu einer Inselrundfahrt, um die schönsten Strände dieses tropischen Fleckens Erde zu entdecken. Doch die Suche entpuppt sich als enttäuschend: Im Umkreis von 30 Kilometern finden wir keinen Strand, der zum Träumen einlädt. Stattdessen prägen grobe Felsen und eine wilde Brandung die Küste, und das Wetter macht uns mit schweren, tiefhängenden Wolken einen weiteren Strich durch die Rechnung.
Die schwüle Hitze von 34 Grad, gepaart mit einer Luftfeuchtigkeit von 92 %, drückt zusätzlich auf die Stimmung. Ohne einen einladenden Strand entschließen wir uns, in ein Hotel nahe des Hafens auszuweichen. Dort finden wir Erlösung in einem Pool, in den wir uns alle begeistert stürzen. Das kühle Wasser ist eine wahre Wohltat, und die Atmosphäre ist unerwartet schön.
Im Pool stoße ich auf eine Rugby-Mannschaft aus Neuseeland. Die Spieler sind sichtlich beeindruckt, als ich ihnen von meinem Job erzähle. Besonders amüsiert sie die Tatsache, dass ich mit 42 Frauen meinen Dienst versehe – ein Detail, das für einige ungläubige Lacher sorgt. Zunächst hielten sie mich für einen Schauspieler, dessen Namen ich leider vergessen habe, aber unsere Gespräche verlaufen lebhaft und humorvoll.
Doch trotz dieses unerwartet entspannten Nachmittags bleibt Westsamoa für mich eine Enttäuschung. Die Insel, die ich mir als wahres Südseeparadies vorgestellt hatte, kann in vielerlei Hinsicht nicht mit meinen Erwartungen mithalten. Die Strände und die Sauberkeit lassen zu wünschen übrig, und insgesamt fehlt mir das gewisse Etwas, das ich an anderen Orten wie Sri Lanka oder Phuket so sehr schätze. Wer nur wegen Samoa in die Südsee reist, könnte diese Entscheidung bereuen.
Apia – Die Hauptstadt von Westsamoa
Apia liegt im Nordosten der Fidschi-Inseln und ist die Hauptstadt der Insel Upolu, die zu Westsamoa gehört. Die Inselgruppe der Samoa-Inseln, auch als Schifferinseln bekannt, bedeckt ein Gebiet von rund 3000 Quadratkilometern. Vulkanischen Ursprungs sind die Inseln von steilen Küsten und schützenden Korallenriffen umgeben.
Die Einwohner Samoas sprechen sowohl Samoanisch als auch Englisch und zählen zu den Polynesiern. Apia selbst hat einige sehenswerte koloniale Häuser, die noch aus der Zeit der deutschen Kolonialherrschaft stammen. Westsamoa wird oft als die „Wiege Polynesiens“ bezeichnet, da von hier aus andere Inselgruppen wie Hawai, Tonga und die Cookinseln besiedelt wurden.
Die historische Bedeutung der Inseln ist bemerkenswert: Nach der Besiedlung durch die Polynesier etwa 1000 v. Chr. wurde Westsamoa später deutsche Kolonie, dann Treuhandgebiet der UNO, und seit 1962 ist es der erste unabhängige Staat im polynesischen Raum. Doch trotz dieser reichen Geschichte konnte mich Westsamoa heute nicht ganz überzeugen.
11. Februar 1996 – Die Datumsgrenze
Heute ist ein außergewöhnlicher Tag – oder besser gesagt, es ist ein Tag, den es gar nicht gibt! Beim Überqueren der internationalen Datumsgrenze verlieren wir den 11. Februar vollständig. Es ist, als würde die Zeit selbst für einen Moment aussetzen und uns in einen Zustand des zeitlosen Daseins versetzen.
Ein seltsames Gefühl, sich bewusst zu machen, dass der Tag einfach „verschwindet“. Kein Sonnenaufgang, keine Routine, keine Erinnerungen – nur ein Sprung von gestern direkt in morgen. Die Datumsgrenze ist einer dieser faszinierenden Aspekte der Seefahrt, die einem die Größe und die Eigenheiten unseres Planeten vor Augen führen.
Während wir weiter durch den Pazifik gleiten, erinnert uns dieses Ereignis daran, wie relativ Zeit ist. Hier draußen, umgeben von nichts als Wasser und Himmel, scheint sie ohnehin oft ihre gewohnte Bedeutung zu verlieren. Heute jedoch geschieht das buchstäblich – ein Tag weniger auf der Reise, und doch geht die Zeit für uns alle weiter.
Es ist ein eigenartiges Erlebnis, das im Logbuch der Seele bleibt. Morgen jedoch erwartet uns ein neuer Tag, als hätte es diesen Lückenhaften nie gegeben.
12. Februar 1996 – Italia Prima auf See
Der heutige Tag verläuft in gewohnter Manier, voller Arbeit, von früh bis spät. Die Routine an Bord hält uns alle auf trab, doch die stetigen Herausforderungen schweißen die Crew immer mehr zusammen. Es ist beeindruckend, wie jeder seine Aufgaben mit Hingabe meistert, auch wenn die Tage lang und die Anforderungen hoch sind.
Am Abend jedoch wird die harte Arbeit mit einem besonderen Ereignis belohnt: ein Barbecue am Achterdeck. Die klare, milde Nacht bietet den perfekten Rahmen dafür. Der Geruch von gegrilltem Fleisch und frischen Beilagen mischt sich mit der salzigen Brise des Pazifiks. Unter dem Sternenhimmel versammelt sich die Crew, und für ein paar Stunden scheint die Zeit stillzustehen.
Das sanfte Schaukeln des Schiffes, die Gelassenheit der Gespräche und das Lachen der Kollegen machen den Abend zu etwas Besonderem. Es sind Momente wie diese, die den Alltag auf See erträglich und manchmal sogar schön machen. Trotz aller Mühen spürt man, dass die Gemeinschaft an Bord stark ist – ein Gefühl, das uns alle verbindet, selbst mitten im endlosen Blau des Pazifiks.
13. Februar 1996 – Kingdom Tonga
Was wir auf Samoa vergeblich suchten, fanden wir heute auf Tonga: das Bild einer paradiesischen Südseelandschaft, wie man es sich kaum schöner vorstellen könnte. Rund 80 Inseln sind um Tonga herum wie eine Perlenschnur aufgefädelt – ein Anblick, der uns alle ins Staunen versetzte.
Unsere Erkundung führte uns auf die andere Seite der Insel, durch dichte Buschlandschaften, die sich scheinbar endlos erstreckten. Der Weg schien kein Ende zu nehmen, bis wir schließlich den Höhepunkt des Tages erreichten: einen unberührten Strand, der direkt aus einem Traum zu stammen schien. Der Taxifahrer hatte nicht übertrieben, dieser Ort war wahrlich ein kleines Paradies. Der puderzuckerweiße Sand, das kristallklare Wasser und die sanften Wellen bildeten eine Kulisse, die nicht von dieser Welt zu sein schien. Die Fotos, die wir machten, sprechen Bände, Worte können die Schönheit dieses Strandes kaum beschreiben.
Natürlich zeigte sich auch die Sonne von ihrer intensiven Seite und hinterließ bei mir eine deutlich rote Spur. Trotz des leichten Sonnenbrands war es ein unvergesslicher Moment, an einem der schönsten Strände zu verweilen, die ich je gesehen habe.
Leider mussten wir uns schon am Nachmittag wieder verabschieden. Gegen 16 Uhr legten wir ab, ein seltener Besuch für die Einheimischen, denn wie wir erfuhren, war unser Schiff das erste seit vielen Monaten, das hier anlegte. Man spürte die Herzlichkeit der Menschen, die sich an der Pier versammelten, um uns zu verabschieden. Mit bunten Tüchern winkten sie uns zu, begleitet von traditionellem Gesang und Tanz. Da fiel mir ein, mit der Hanseatic war ich auf Tristhan da Cuhna, der einsamsten Insel der Welt, dort legt nur alle paar Jahre mal ein Schiff an, ausgenommen war 2 x im Jahr ein kleines Postschiff.
Wir spielten unsere klassische Auslaufmelodie in voller Lautstärke, während das Schiff langsam den Hafen verließ. Es war ein erhabenes Gefühl, dieses Land auf dem Seeweg zu verlassen. Der Klang der Musik, das Brummen der mächtigen Dieselaggregate und die leuchtenden Farben des Horizonts – ich rauchte eine Zigarre und genoss den Moment in vollen Zügen.
Goodbye, Tonga!
Nuku'alofa Der Tonga-Archipel umfasst 172 Inseln, von denen nur 45 dauerhaft bewohnt sind. Die Geschichte dieses Inselreiches reicht weit zurück: Bereits 6500 v. Chr. wurde Tonga besiedelt. Die Tonganer, reine Polynesier, waren einst gefürchtete Krieger und gelten heute noch als stolze Bewahrer ihrer Kultur und Traditionen.
14. Februar 1996 – Italia Prima auf See
Ein weiterer Tag auf dem offenen Meer. Die Routine an Bord geht weiter, aber trotz der ständigen Arbeit und den langen Stunden, die wir im Dienst verbringen, gibt es auch immer wieder Momente, in denen der weite Ozean und die unendliche Weite des Pazifiks zum Nachdenken einladen. Die täglichen Herausforderungen sind immer präsent, doch es gibt immer auch Zeit für kleine Pausen und den Blick auf den Horizont – wo der Himmel auf das Meer trifft.
15. Februar 1996 – Italia Prima auf See
Heute wieder ein Tag, der hauptsächlich von Arbeit geprägt war. Doch auch hier, mitten im Pazifik, gibt es diese Momente der Ruhe, die man nicht unterschätzen darf. Manchmal genügt es, für einen Augenblick an Deck zu stehen und den Wind in den Haaren zu spüren, um sich zu erinnern, dass auch die schwierigsten Tage ihren Wert haben. Der weite Ozean scheint fast unerschöpflich, aber auch wir an Bord sind Teil dieses riesigen, majestätischen Ganzen.
16. Februar 1996 – Auckland, Neuseeland
Der heutige Morgen gehört zu den dramatischsten, die ich bisher erlebt habe. Um sechs Uhr gleiten wir in die Bucht von Auckland, und der Anblick ist einfach atemberaubend. Der Pazifiküberquerung liegt nun hinter uns, eine Strecke voller Herausforderungen, Stürme und endloser Distanzen durch die Südsee. Doch mit der Ankunft in Neuseeland haben wir einen bedeutenden Teil unserer Reise erreicht. Es ist ein Moment der Erleichterung und zugleich ein stiller Triumph, eine Reise, die uns und das Schiff weitergebracht hat.
Die Bucht von Auckland ist ein wunderschöner Anlegeplatz, direkt vor dem Stadtzentrum, und der Vergleich mit den Anlegeplätzen in Südafrika kommt mir sofort in den Sinn. Hier herrscht ein ähnlicher Flair, eine Mischung aus Modernität und Tradition, und vor allem eine unglaubliche Eleganz, die die Menschen hier ausstrahlen. Die Damen in Auckland sind nicht nur extrem gepflegt, sondern auch in auffälliger Pariser Mode unterwegs, was der Stadt ein einzigartiges, fast mondänes Flair verleiht.
Am Abend, nach dem Abendessen, verließ ich das Schiff mit Socrates, er ist ein dunkelhäutiger, extrem lebensfroher Typ aus Namibia. Er hat aufgrund seiner lockeren Mentalität von Anfang bis jetzt durchgehalten. Wir beide motivierten uns immer gegenseitig nach der Arbeit, in unserer verrückten Kabine über der Schiffsschraube. Wir zwei eroberten heute die Stadt. Auckland bei Nacht ist wie ein riesiger Rummelplatz, ein Ort, an dem Musik, Tanz und Kunststücke an jeder Straßenecke zu finden sind. Die Zeit scheint keine Rolle zu spielen, und die jungen Leute sind überall, tanzen und genießen das Leben in vollen Zügen.
Wir besuchten sicher 15 verschiedene Lokale, und die Atmosphäre war einfach elektrisierend. Ich hatte mich schick gemacht, mit weißer Hose, blauen Schuhen und einem blauen Blazer – man weiß ja nie, vielleicht finde ich hier in Neuseeland eine gute Braut. Doch der wahre Höhepunkt des Abends war die Disco an der Waterfront, mit einer riesigen Panoramascheibe, die einen atemberaubenden Blick auf die Italia Prima bot. Das Schiff stand in stolzer Beleuchtung, und von der Disco aus hatte man einen direkten Blick auf das Schiff, das jetzt in den Farben der Nacht erstrahlte.
Es war eine unvergessliche Nacht, voller Eindrücke und Erlebnisse, und der Tag ging mit einem Gefühl von Freude und Zufriedenheit zu Ende. Ein schöner Tag, eine unvergessliche Nacht – und Neuseeland hat definitiv seine Spuren hinterlassen.
17. Februar 1996 – Auckland, Neuseeland
Der Tag begann für mich mit einer besonderen Herausforderung: Ich startete meinen Frühdienst ohne auch nur eine einzige Minute Schlaf. Der Schlafmangel nagte an mir, doch die Routine an Bord lässt einen oft keine Pause machen. Schnell unter die Dusche, dann ging es auch schon los, wieder ein Embarkationstag. Wie oft habe ich diesen Ablauf schon durchlaufen? Doch heute war alles anders. Trotz der Müdigkeit, die mich quälte, ließ ich mich nicht unterkriegen. Irgendwie muss man ja weitermachen, oder?
Am Nachmittag jedoch übermannte mich die Erschöpfung, und ich fand tatsächlich zwei Stunden Ruhe im Bett. Auch wenn ich in solchen Momenten oft überlege, ob ich nicht endlich aus meinen Fehlern lernen sollte, war es ein wahrer Segen, ein kleines Nickerchen zu machen. Diese Erholung half mir, die weiteren Stunden zu überstehen, aber morgen, so hoffe ich, wird ein Seetag folgen, an dem ich mir wenigstens etwas Ruhe gönnen kann.
Zwischendurch hatte ich die Gelegenheit, das faszinierende Seeaquarium zu besuchen. Die vielen Haifische, die lautlos durch das Wasser schwebten, beeindruckten mich enorm – ein unheimlicher, aber zugleich faszinierender Anblick. Ich erkundete auch das Marine Museum, das viele interessante Ausstellungen und Einblicke in die maritime Geschichte Neuseelands bot. Natürlich ließ ich es mir nicht nehmen, ein paar Souvenirs zu kaufen – kleine Erinnerungen an diesen Ort, die mich noch lange begleiten werden.
Trotz aller Anstrengung war es ein produktiver Tag, und ich bin froh, dass ich auch abseits der Arbeit noch die Gelegenheit hatte, ein wenig mehr von Auckland und seiner Umgebung zu entdecken.
18. Februar 1996 – Auckland, Neuseeland
Der heutige Tag ist ein kompletter Kontrast zu den vergangenen sonnigen Erlebnissen. Der Regen fällt in Strömen, der Himmel ist verhangen, und es fühlt sich an, als ob der Herbst Einzug gehalten hat – ein wenig wie zu Hause. Ich verlasse das Schiff kaum, sondern nutze die Gelegenheit, mich endlich zu regenerieren. Der ständige Wechsel zwischen Arbeit und den intensiven Eindrücken von neuen Orten verlangt nach einer Pause, und heute ist der perfekte Tag dafür.
Als wir uns schließlich von Auckland verabschieden, ist der Abschied genauso emotional wie immer. Viele der abgereisten Gäste stehen an der Pier und winken uns zu, begleitet von klassischer Musik, die in der Luft schwingt. Es ist, als würde die Stadt uns auf eine besondere Art und Weise verabschieden, und ich kann nicht anders, als zu spüren, dass Auckland einen bleibenden Eindruck hinterlässt.
Auckland war wirklich superlativ – eine Stadt, die in jeder Hinsicht beeindruckt und die einen immer wieder zurückdenken lässt.
Maori-Land
Neuseeland – ein Land, das heutzutage fast wie ein Märchen klingt. Ein sparsamer Inselstaat, dessen natürliche Schönheit unberührt und fast mystisch wirkt. Mit einer geringen Umweltverschmutzung, einem hohen Lebensstandard und einer vielfältigen Bevölkerung, die in einer gut funktionierenden Demokratie zusammenlebt, könnte man fast meinen, es sei ein Paradies.
Die alten Maoris nannten die Insel „Aotearoa“, was „Land der langen weißen Wolke“ bedeutet – ein romantischer Name, der deutlich mehr Charme versprüht als der von den holländischen Abenteurern im 17. Jahrhundert verliehene Name „New Zealand“, benannt nach der Provinz Zeeland.
Geografisch gesehen liegt Neuseeland rund 2100 km südöstlich von Australien, und auf der Landkarte erinnern die beiden Hauptinseln an einen kopfstehenden Stiefel. Die Landschaft Neuseelands ist so vielfältig wie faszinierend: Von schneebedeckten Gipfeln wie dem höchsten Berg, dem Mt. Cook, über immergrünen Regenwald bis hin zu tiefblauen Fjorden, steilen Klippen und Vulkanen, die aus dem Erdinneren Gase spucken. Sanfte Hügel wechseln sich mit weiten Ebenen ab, die von weidenden Schafen und Viehherden bedeckt sind. Und das alles unter einem idealen Klima – nicht zu kalt und nicht zu heiß, mit vielen sonnigen Tagen.
Die Bewohner Neuseelands, hauptsächlich schottischer Herkunft, sind freundlich und offen, wobei die Maoris etwa ein Zehntel der Bevölkerung ausmachen. Diese ursprünglichen Polynesier waren die ersten Siedler und kamen wahrscheinlich im 10. Jahrhundert von Tahiti. Das Land ist ein Sportlerparadies: Hier können Angler, Fischer, Jäger und Skifahrer gleichermaßen ihre Leidenschaften ausleben. Kilometerlange, unberührte Strände laden zum Schwimmen, Segeln und Schnorcheln ein.
Die Neuseeländer sind genauso vielfältig wie ihre Landschaft. Die Schuluniformen der Kinder erinnern an britische Schulen, aber die maorische Kultur ist stärker vertreten als je zuvor. Und der Tourismus blüht, denn wer könnte dem Charme dieses Landes mit seinen atemberaubenden Berglandschaften, menschenleeren Stränden und unzähligen Sportmöglichkeiten widerstehen? Es ist ein Land, das in seiner ruhigen Lebensweise und durch seine freundlichen, bescheidenen Einwohner besticht – ein wahres Juwel auf der Weltkarte.
19. Februar 1996 – Italia Prima at Sea
Heute segeln wir die neuseeländische Küste hinauf Richtung Süden. Die Temperaturen sinken merklich, und die frische, kühlere Brise erinnert uns daran, dass wir uns dem Ende des Sommerhalbjahres nähern. Es ist ein faszinierendes Gefühl, mit dem Schiff in Richtung eines unbekannten, aber unheimlich schönen Teils der Welt zu steuern.
An der Steuerbordseite wird uns eine dramatische Landschaft geboten. Die steilen, zerklüfteten Berge ragen majestätisch aus dem Meer, von nebelverhangenen Gipfeln bis zu den schroffen Klippen, die von den Wellen umspült werden. Diese Szenerie erinnert stark an die chilenischen Fjorde – ein Anblick, der sowohl beeindruckend als auch ein wenig unheimlich ist, als ob das Land hier mit der See im ewigen Wettstreit steht.
Die Weite und Unberührtheit der Natur lässt mich über die unaufhörliche Bewegung des Schiffes nachdenken, während wir langsam und ruhig unseren Kurs fortsetzen. Diese Momente, wenn sich die Natur so imposant zeigt, machen diese Reisen zu etwas ganz Besonderem.
20. Februar 1996 – Wellington / Neuseeland
Die Hauptstadt von Neuseeland begrüßt uns bei der Einfahrt mit eher trüben Wetter. Die Wolken hängen tief und fast greifbar über der Stadt, und ein leichter Regen begleitet uns, während wir den Hafen ansteuern. Wellington präsentiert sich als eine moderne Stadt mit einer manierlichen Skyline entlang der Hafenfront, aber sie beeindruckt nicht auf den ersten Blick. Der erste Eindruck bleibt verhalten – eine gepflegte, sehr britische Stadt, aber ohne große Überraschungen.
Zwei Stunden später, als ich durch die Straßen von Wellington schlendere, bestätigt sich dieser Eindruck. Die Stadt ist nett, ordentlich und gut gepflegt, doch sie hat nicht die aufregende Energie oder das Flair, das manche andere Großstädte ausstrahlen. Es ist eine Stadt, die ruhig und fast ein wenig zurückhaltend wirkt.
Dennoch, auch wenn Wellington keine stürmischen Eindrücke hinterlässt, ist sie ein sehr charmanter Ort. Mit ihren 350.000 Einwohnern mag sie im Vergleich zu vielen anderen Hauptstädten eher klein erscheinen, doch sie trägt ihren Titel mit Selbstbewusstsein. Von der Hafeneinfahrt aus betrachtet, erinnert die Stadt mich ein wenig an kleinere Ausblicke von Hongkong oder San Francisco. Der Hafen von Port Nicholson, einer der bedeutendsten weltweit, spielt eine zentrale Rolle als internationaler Warenumschlagplatz und als Endstation für die Fähren von der Südinsel. Trotz der eher unscheinbaren Erscheinung ist dies eine Stadt, die im internationalen Verkehr einen wichtigen Platz einnimmt.
21. Februar 1996 – Christchurch / Neuseeland
Wir liegen in einem Hafen, der wenig zu bieten hat, um uns nur Schrott, Fischerboote und den gewohnten Alltag der Industrie. Überraschenderweise liegt jedoch direkt an unserer Steuerbordseite die Endeavour, das Schiff, mit dem Captain Cook den Pazifik überquerte und später Neuseeland sowie Australien entdeckte. Es ist ein faszinierender Anblick, dieses historische Schiff zu sehen, das so viele Geschichten in sich trägt, auch wenn der Hafen hier nicht gerade einladend wirkt.
Der Tag verlief dennoch nicht ganz ohne Herausforderungen für mich. Trotz meines verletzten Beins arbeitete ich den ganzen Tag. Soci, mein Kollege, war mit einem Mädchen auf Landausflug und so übernahm ich seine Aufgaben. Leider hatte ich mir am Vortag bei einem unglücklichen Zwischenfall das Knie verletzt. Beim Laufen rannte ich gegen eine Eisentür und prallte so heftig auf, dass sich ein Teil der Tür in mein Knie rammte. Der Schmerz war so stark, dass ich mich beinahe übergeben musste. Das Knie schwoll sofort an, und ich konnte mich kaum bewegen. Aber trotz der Schmerzen und der Schwellung zog ich es vor, weiterzuarbeiten. Der Tag war lang, aber der Gedanke an die Arbeit hielt mich auf den Beinen, auch wenn ich mir gewünscht hätte, einfach eine Pause einlegen zu können.
22. Februar 1996 – Dunedin / Neuseeland
Auch heute liegen wir nicht direkt in der Stadt, sondern etwa 13 Kilometer entfernt, und wieder arbeite ich den ganzen Tag durch, nur mit kurzen Pausen dazwischen. Während ich kurz aus der Routine auftauche, finde ich mich in einer kleinen Ansiedlung zwischen unscheinbaren Häusern wieder. Doch das entschädigt der Ausblick beim Auslaufen später: Die Landschaft, die sich vor meinen Augen entfaltet, ist einfach atemberaubend. Weiße Sandstrände, dichte Nadelbäume, die bis ans Wasser wachsen, und zahllose Vögel, die fröhlich über den Himmel fliegen. Die untergehende Sonne malt alles in ein dramatisches, goldenes Licht. Im Hintergrund erheben sich weite, majestätische Berge – ein Anblick von unglaublicher Schönheit.
Herbe Schönheit Wenn man in den tiefsten Süden Neuseelands ist, nur wenige tausend Kilometer von der Antarktis entfernt, erwartet man vielleicht Pinguine, aber nicht die landschaftliche Schönheit dieser Region: Seen und Wasserfälle, Fjorde und Wälder – oft noch unberührt. Die Südinsel Neuseelands ist größer als die erschlossene Nordinsel und bietet reichlich Raum für Aussteiger, Abenteurer und Touristen gleichermaßen. Das Fjordland, der größte Nationalpark des Landes, ist eine Welt aus wilden Tälern, klaren Bächen, tiefblauen Gewässern und nahezu unberührter Natur. Die Luft hier ist so rein wie selten anderswo. Manchmal kann man sogar von der Steward Island aus das Aurora Australis, das südliche Polarlicht, am Himmel tanzen sehen. Wegen dieses Naturschauspiels gaben die Maoris der Insel den Namen „Rakiura“ – Himmelsglühen.
23. Februar 1996 – Milford Sound / Neuseeland
Nach langer Zeit erleben wir heute wieder schwere See. Ich muss alles ordentlich sichern, und meine Mädels haben sich schon vor Dienstbeginn vor lauter Übelkeit fast zu Tode gekotzt. Der Morgen ist ein harter Kampf gegen die Müdigkeit. Ich selbst erreiche heute den absoluten Höhepunkt der Erschöpfung, ich schlafe fast im Stehen. Deshalb hätte ich beinahe den Milford Sound verpasst. Zum Glück ist meine Kabine so laut, dass ich beim Umkehrmanöver am Ende des Sounds fast aus dem Bett gefallen wäre. Ich stürmte nach oben und wurde mit einem strahlend blauen Himmel empfangen. Der Sound ist tiefgrün und die Berge, majestätisch und mächtig, leuchten im Sonnenlicht. Es ist unglaublich schön, aber ehrlich gesagt kommt es mir vor wie vieles, dass ich bereits in den subantarktischen Regionen oder in Patagonien gesehen habe. Bei meinen vielen Reisen habe ich schon längst festgestellt, dass diese Landschaften sich überall wiederholen. So sieht es genauso aus wie in Norwegen oder Chile, und hier in Neuseeland wiederholt sich das Bild erneut.
24. Februar 1996 – Italia Prima at Sea
24. Februar 1996 – Italia Prima at Sea
Der heutige Tag markiert die Halbzeit unserer Weltreise, ein Moment, der für viele an Bord ein Anlass zur Feier ist. Ein großes Bergfest wird organisiert, das gesamte Capri Deck erstrahlt in aufwendiger Dekoration, die festliche Atmosphäre dringt durch jede Kabine und sorgt für eine gewisse Aufregung, die man in den Lichtern und dem Gelächter spürt. Es ist der Höhepunkt der Reise, der für die Gäste ein Fest der Freude, der Entspannung und des Wohlstands ist. Doch für mich ist dieser Moment weit entfernt von dem, was man als „Höhepunkt“ bezeichnen würde.
Ich habe keinerlei Lust auf diese Feierlichkeiten. Es ist, als ob eine unsichtbare Mauer zwischen mir und all dem steht, was die anderen so begeistert. Vielleicht liegt es daran, dass die Leichtigkeit, mit der die Gäste ihre Zeit auf dem Schiff genießen, in krassem Gegensatz zu dem Gefühl der Erschöpfung und inneren Leere ist, das mich immer stärker ergreift. Ich sehne mich nach einer Pause, nach einem Moment, in dem ich für mich selbst sein kann und nicht in einem Raum voller Menschen, die ich zu oft als oberflächlich empfinde. Ich bleibe wahrscheinlich als einziges Crewmitglied in meiner Kabine, inmitten der Stille und der vertrauten Einsamkeit, die sich wie ein schützender Mantel um mich legt.
Ich verbringe die Stunden mit meinem Computer, in einer Welt, die nur für mich existiert. Es ist nicht nur Ablenkung, sondern ein Versuch, in dieser überladenen, lauten Welt einen Moment der Klarheit zu finden. Der Stress, der sich im täglichen Dienst ansammelt, die ständige Anspannung, den Erwartungen gerecht zu werden, all das ist erdrückend. Mein Körper fühlt sich wie eine leere Hülle an, die nur noch durch die Automatismen des Arbeitsalltags funktioniert.
Kurz betrat ich das Deck, aber als ich die Menschenmengen sah, die sich tanzend und feiernd umherbewegten, wurde mir fast übel. Ihr Lächeln, ihre Freude, alles schien so weit entfernt von dem, was in mir vorgeht. Die Gespräche, die oberflächlichen Worte, die oberflächlichen Blicke – sie spiegeln die Leere wider, die in mir wächst. Ich konnte mich nicht hineinfinden, nicht mitmachen. In meinen Augen sind die Gäste einfach nur nervig, und es fällt mir schwer, ihre Freude nachzuvollziehen. Sie fliehen in diese Illusion des Glücks, während ich in dieser blassen, künstlichen Welt keinen Platz mehr für mich selbst finde. Warum sollte ich mich in meiner Freizeit noch dorthin setzen und so tun, als ob ich ein Teil davon wäre?
Der Rest der Crew hat sichtlich Spaß. Ihre Lachen hallt durch die Gänge, sie feiern, sie sind aufgeschlossen, sie leben im Moment. Ich, hingegen, fühle mich mehr und mehr isoliert. Die Freude, die sie empfinden, scheint sich immer weiter von mir zu entfernen. Und vielleicht ist es genau das: Ich bin einfach anders. Diese Feier, die für viele eine Flucht aus der Welt darstellt, fühlt sich für mich wie eine weitere Last an.
25. Februar 1996 – Italia Prima at Sea
Wir durchqueren derzeit die Tasmanische See, auf dem Weg von Neuseeland nach Australien. Es fühlt sich an, als ob ich durch die Jahreszeiten reise, fast wie ein Zeitsprung. Vom Spätherbst in Neuseeland geht es langsam wieder Richtung Sommer, immer näher dem Äquator. Der Übergang ist spürbar, vor allem als ich heute mit meiner warmen Lederjacke am Bug stehe und die intensiven Sonnenstrahlen genieße. Ein Moment der Ruhe, wenn auch nur für eine Stunde, in der die Sonne mir die kalte Frische der See vertreibt.
Es ist erstaunlich, wie sehr eine Weltreise nicht nur eine Reise durch Länder, sondern auch eine Reise durch die Jahreszeiten ist. Manchmal, gerade für erfahrene Reisende, überrascht einen der plötzliche Wechsel. Die Witterung ändert sich je nach Breitengrad – ein unsichtbares Band, das uns von einer Welt in die nächste führt. Es ist fast unheimlich, wie präzise dieser Übergang funktioniert. Ich erinnere mich noch genau, wie wir in Mexiko die Hitze der tropischen Sonne erlebten, nur um dann zwei Tage später in San Francisco in Kälte fast zu erstarren. Dieser ständige Wechsel der Temperaturen macht die Weltreise zu einem noch intensiveren Erlebnis, man ist ständig in Bewegung, nicht nur auf den Straßen der Städte, sondern auch durch die jahreszeitlichen Zyklen.
Und dann die Südsee, der Inbegriff von paradiesischem Wetter, wo die Sonne unaufhörlich scheint und die Luft den Duft des Ozeans trägt. Doch kaum haben wir die sanfte Brise der tropischen Inseln hinter uns gelassen, stehen wir in Neuseeland, wo der Herbst uns mit kühlem Wind und grauen Wolken empfängt. Dieser ständige Wechsel, der so abrupt und doch so natürlich ist, ist fast ein Spiegelbild meines eigenen Gefühlszustands. Manchmal weiß man nicht, wo man sich eigentlich befindet, körperlich wie emotional. Es ist, als ob man in diesen verschiedenen Jahreszeiten auch etwas über sich selbst entdeckt. Die Kälte der Südsee, die Hitze von Mexiko, all das wird zu einem Mosaik von Eindrücken, das man kaum fassen kann.
Morgen erreichen wir Tasmanien, und ich frage mich, was mich dort erwartet. Wird es wieder eine Überraschung geben, ein neues Bild der Welt, das ich noch nicht kenne? Diese Reise hat mir immer wieder gezeigt, wie wenig man eigentlich weiß, wie unvorhersehbar und weit die Welt ist – nicht nur geografisch, sondern auch in dem, was sie einem an Erfahrungen und Gefühlen bietet.
26. Februar 1996 – Hobart, Tasmanien
Ich hatte immer gedacht, Tasmanien sei nur ein wildes Buschland, weit entfernt von jeglicher Zivilisation. Doch die Realität hat mich eines Besseren belehrt. Hobart, die zweitgrößte Stadt Australiens, ist keineswegs das, was ich erwartet hatte. Wir liegen an einer hübschen Pier, direkt im Stadtzentrum, und von hier aus zeigt sich Hobart in seiner vollen Pracht. Die Stadt hat viel in die Erhaltung ihrer alten Gebäude investiert, und das Ergebnis ist beeindruckend. Die Architektur, so gepflegt und stilvoll, vermittelt eine Atmosphäre, die mich an zu Hause erinnert. Es ist einfach zum Wohlfühlen – die sauberen Straßen, das angenehme Herbstwetter, das hier langsam Einzug hält, und die Menschen, die mit einem entspannten Lächeln an einem vorbeigehen.
Ich sitze in einem Straßencafé und schreibe einen Brief an Sabine. Die frechen Spatzen fliegen hier ebenso zwischen den Tischen umher, wie ich es aus den heimischen Cafés kenne. Die Leichtigkeit, mit der ich mich hier in Hobart bewege, hat etwas Beruhigendes. Diese Stadt ist klein genug, um sie schnell zu durchstreifen, aber sie hat gleichzeitig diesen besonderen Charme, der einem das Gefühl gibt, willkommen zu sein. Früh am Morgen verlasse ich das Schiff und mache eine Fototour durch die Hafenregion. Die frische Luft und die Schönheit der Stadt wecken in mir eine tiefe Zufriedenheit. Ich kann mir vorstellen, hier zu leben, mich niederzulassen und den Alltag mit dieser idyllischen Kulisse zu verbinden.
Hobart und Tasmanien
Tasmanien, der kleinste Bundesstaat Australiens, liegt im Südosten des Kontinents und ist von einer atemberaubenden Natur umgeben. Die Insel erstreckt sich über 296 km von Norden nach Süden und 315 km von Osten nach Westen. Umgeben von einer Vielzahl kleinerer Inseln und dem weiten Ozean, fühlt man sich hier fast wie auf einer anderen Welt, weit entfernt vom Trubel des Festlandes. Im Norden trennt die Bass Strait Tasmanien vom australischen Festland, während im Osten die Tasman Sea und im Westen der Pazifik die Insel umschließen.
Hobart, mit seinen 130.000 Einwohnern, ist die Hauptstadt dieser außergewöhnlichen Insel. Sie liegt am Fuße des imposanten Mount Wellington (1.270 Meter) und vor der Mündung des Derwent River. Der Naturhafen, in dem wir liegen, zählt zu den schönsten der Welt – seine tiefen Wasserstraßen, die durch die Flussarbeit des Derwent Rivers geformt wurden, bieten eine spektakuläre Kulisse. Der Hafen ist nicht nur ein funktionaler Verkehrsknotenpunkt, sondern auch ein malerisches Highlight der Stadt, das den Charakter von Hobart widerspiegelt: ein Ort, an dem Natur und Zivilisation in harmonischem Einklang stehen.
27. Februar 1996 – Italia Prima at Sea
Heute war einer dieser Tage, die einem alles abverlangen. Der Wecker klingelte früh, und von 5:30 Uhr morgens bis Mitternacht hatte ich praktisch keinen Moment zum Verschnaufen. Es war ein Tag, der mich körperlich und mental an meine Grenzen brachte, keine Pausen, kein Sitzen, keine Zeit für einen Moment der Ruhe. Die Aufgaben stapelten sich, und ich rannte von einer zu nächsten, als ob der Tag nie enden würde. Ich hatte das Gefühl, ständig in Bewegung zu sein, ohne je wirklich irgendwo anzukommen.
Es ist schwer zu beschreiben, was es mit einem macht, wenn man so durch einen Tag hetzt, die Stunden verschmelzen zu einem einzigen, endlosen Strang von Arbeit. Der Körper wird müde, der Geist ausgelaugt, aber es gibt keine Zeit, sich davon zu erholen. Ich fühlte mich fast wie ein Schatten meiner selbst, immer in Bewegung, aber ohne wirklich etwas zu spüren. Solche Tage zehren nicht nur an der körperlichen Energie, sondern auch an der inneren Balance.
Als der Tag endlich zu Ende ging und ich in meiner Kabine saß, war es ein merkwürdiges Gefühl. Die Müdigkeit hatte sich tief in meine Knochen gegraben, aber der Tag war noch lange nicht vergangen. Es war ein Gefühl der Erschöpfung, die sich wie eine schwere Decke über alles legte, was ich tat. Ein weiterer Tag auf dieser Reise, und ich hatte das Gefühl, dass es immer noch viele solcher Tage geben würde.
28. Februar 1996 – Melbourne, Australien
Heute betrete ich zum ersten Mal das australische Festland, und Melbourne empfängt mich mit einem eher trüben Wetter. Schon vor acht Uhr gehe ich an Land, doch der Regen peitscht mir ins Gesicht, die Wolken hängen tief und der Wind ist beißend kalt. Ich bin froh, meine warme Lederjacke zu haben, denn ohne sie hätte ich mich hier draußen sicher nicht wohlgefühlt. Wir liegen nicht direkt im Stadtzentrum, was mich ein wenig enttäuscht, da ich für den Weg in die City noch etwa 20 Minuten mit dem Zug fahren muss. Ich hatte mir mehr erwartet.
Die Stadt selbst hinterlässt einen eher nüchternen Eindruck. Zwar ist sie modern und sauber, aber irgendwie fehlt ihr die besondere Magie. Es gibt keine beeindruckenden Sehenswürdigkeiten, keine Architektur, die mich zum Staunen bringt. Melbourne scheint eine dieser Städte zu sein, die von vielen als „sehr normal“ bezeichnet werden würden – ordentlich, funktional, aber ohne großen Charme. Hobart, das ich vor kurzem besucht habe, war viel angenehmer und eindrucksvoller. Auch San Francisco bleibt für mich immer noch ungeschlagen unter den besten Städten, die ich je gesehen habe, und Honolulu steht ebenfalls immer noch ganz oben auf meiner Liste.
Trotzdem bin ich gespannt, wie sich meine Wahrnehmung der Städte am Ende dieser Reise entwickeln wird. Bis jetzt hat Melbourne mich eher enttäuscht. Die Frage bleibt: Gibt es noch eine Stadt, die all meine bisherigen Eindrücke übertrifft?
Australien
Der kleinste Kontinent der Welt erstreckt sich zwischen dem Indischen Ozean im Westen und dem Pazifik im Osten. Mit einer Fläche von 7.683.300 Quadratkilometern ist Australien etwa so groß wie die USA, jedoch ohne Alaska und Hawaii. Dieser Kontinent bietet eine unerschöpfliche Vielfalt an Möglichkeiten für Entdeckungen und Abenteuer – eine riesige Landschaft, die sich in tropische Regenwälder, Wüsten, Steppen und das weite Outback aufteilt. Die Flora und Fauna Australiens ist einzigartig, und die landschaftlichen Wunder sind nahezu unübertroffen: der gewaltige Monolith Ayers Rock, das Great Barrier Reef, und das berühmte Sydney Opera House – all diese Sehenswürdigkeiten sind weltbekannt und bieten einen ganz eigenen Zauber.
Melbourne, mit etwa drei Millionen Einwohnern, ist die zweitgrößte Stadt Australiens und zieht viele Besucher an. Dennoch bleibt sie für mich bislang in der Kategorie „sehr gewöhnlich“. Es ist, als ob die Stadt ihre eigene Geschichte und das Flair, das man von einer der bekanntesten Städte erwartet, nicht ganz offenbart.
29. Februar 1996 – Italia Prima at Sea
Die letzten Tage waren von den ständigen Veränderungen der Landschaft und der Reise selbst geprägt. Heute ist es ruhig, und die Weite des Meeres lässt mich immer wieder nachdenken, über die Zeit, die vergangen ist, und all das, was ich noch vor mir habe.
1. März 1996 – Sydney, Australien
Heute betrete ich das, was ich als einen der Höhepunkte dieser Reise bezeichnen kann: Sydney. Wie immer bei großen Einläufen stehe ich bereits früh um sechs Uhr an Deck, bereit, den ersten Blick auf die Stadt zu werfen. Doch wie so oft verzögern sich die Dinge, und wir kommen erst gegen 9:30 Uhr in den Hafen.
Sydney liegt in einer beeindruckenden Bucht, fast wie ein Fjord. Umgeben von vorgelagerten Inseln, die ein faszinierendes Landschaftsspiel bieten, fühle ich mich fast wie in einem anderen Land. Die Skyline von Sydney, so markant und einzigartig, erscheint vor mir. Im Laufe der nächsten halben Stunde kommt die Sonne endlich durch, die dicken Wolken lockern sich auf und setzen den ganzen Blick in dramatisches Licht. Die Segelform der Oper, die gewaltige Sydney Harbour Bridge, und die Glasskylines, die an Hongkong erinnern, alles fügt sich zu einem spektakulären Anblick.
Wir legen an Pier 9 an, direkt neben der „MS Europa“. Der Hafen von Sydney wirkt majestätisch und riesig, während wir ankommen. Nachdem wir angelegt haben, nehme ich zwei Gäste mit zum Radiotower – 300 Meter hoch, und von hier oben hat man den ultimativen Überblick über die Stadt. Die Sonne ist mir gnädig, und ich schieße einige atemberaubende Fotos, auf denen die drei Kriegsschiffe, die gerade in den Hafen einlaufen, im Hintergrund zu sehen sind. Ihr Erscheinen ist immer ein eindrucksvolles Schauspiel: Majestätisch und lautlos gleiten sie durch das Wasser, fast wie Schatten, die über den Hafen huschen.
Als ich weiter durch die Stadt bummle, komme ich an der Oper und all den bekannten Sehenswürdigkeiten vorbei. Sydney wirkt so lebendig, so voller Energie und Möglichkeiten. Am Abend beschließe ich, noch alleine weiterzuziehen. Zuerst an der Waterfront, dann durch die Straßen in Richtung Chinatown. Dabei erfahre ich, dass heute hier das größte Treffen der Schwulen und Lesben der Welt stattfindet, angeblich in der Oxford Street. Natürlich will ich mir das nicht entgehen lassen und mache mich auf den Weg.
Als ich die Oxford Street erreiche, offenbart sich mir ein völlig anderes Sydney. Die Straße ist in den Farben der Regenbogenflagge beleuchtet – rot, grün, gelb, orange – und die Menschenmenge ist riesig. Es ist fast, als wäre ich auf einem anderen Planeten. Männer, meist über 40, gepflegt, mit glänzenden Gesichtern und in Ledertangas, laufen zwischen den Lichtern umher. Die Atmosphäre ist so einzigartig und zugleich surreal. Ich zünde mir eine dicke Zigarre an, um sicherzugehen, dass mich niemand anrempelt und tatsächlich, auf jedem Quadratmeter stehen Leute, die miteinander sprechen. Die Straßen sind überfüllt, und in einigen Bars bilden sich Menschentrauben, die bis auf die Straße hinausreichen.
Es ist eine faszinierende, fast erschütternde Erfahrung, wenn man sieht, wie Männer sich öffentlich küssen, sich zärtlich die Köpfe streicheln und in dieser Umgebung ihre Gefühle offen zeigen. Es ist eine andere Welt, die ich in dieser Form noch nie erlebt habe und irgendwie muss man es einfach gesehen haben aber nicht verstehen.
Sydney hat mir heute viele Eindrücke geliefert, und auch wenn diese nicht immer nur positiv sind, kann ich nicht leugnen, dass sie mich zum Nachdenken gebracht haben.
2. März 1996 – Sydney, Australien
Ich habe selten so eine Erschöpfung erlebt wie gestern Abend. Von früh bis spät, kaum 30 Minuten Ruhe, nur Arbeit und Hektik. Doch auch wenn mein Körper müde ist, hat mein Geist die Stadt Sydney vollkommen aufgenommen.
Sydney hat sich in mein Herz geschlichen. Ich erlaube mir, den Begriff „die beste Stadt der Welt“ zu verwenden, und das nicht ohne Grund. Die Lebensqualität hier ist außergewöhnlich. Es gibt so viel Grün, die Natur ist atemberaubend, und das urbane Leben verbindet Modernität mit einer fast greifbaren Entspannung. Die Stadt ist sauber, gut durchdacht und von einer unaufdringlichen Eleganz geprägt. Was ich hier besonders mag, ist der innovative Geist, der die Architektur durchzieht – von der Schwebebahn bis hin zu den futuristischen Bauten, die Sydney von anderen Städten abheben. Zwar gibt es auch Wolkenkratzer wie in vielen großen Metropolen, doch in Sydney ist alles durchdacht und scheint einen eigenen Charakter zu besitzen.
Was mich noch mehr beeindruckt, ist die Atmosphäre. Die Menschen hier sind unglaublich locker, entspannt, aber zugleich spürt man den europäischen Einfluss, eine spannende Mischung, die Sydney so einzigartig macht.
Am Abend, als wir gegen 22:00 Uhr von Pier 9 ablegen, stehe ich wieder an Deck, wie so oft in den letzten Tagen. Es ist ein Moment, den ich immer wieder gerne erlebe. Die Taue werden ins Wasser geworfen und eingezogen, die Maschinen heulen auf, und dann ertönt „Conquest of Paradise“ von Vangelis, unsere Auslaufmelodie. Immer wenn ich diese Musik höre, spüre ich eine Gänsehaut. Sie hat eine so kraftvolle Wirkung, dass sie mich jedes Mal tief berührt – und besonders in diesen Momenten.
Vor uns liegt der mächtige Hafen von Sydney, und die Schlepper helfen uns dabei, das Schiff behutsam aus der Bucht zu steuern. Die Skyline der Stadt verschmilzt mit einem Meer aus Lichtern, die sich im Wasser spiegeln. Es ist ein faszinierendes Schauspiel. Langsam gleiten wir am Museum vorbei, an dem russischen U-Boot, auf dem ich einst war, und am australischen Kriegsschiff. Die „Sydney Harbour Bridge“ und das unvergessliche Opernhaus erscheinen vor uns, und selbst wenn ich es schon so oft gesehen habe, bleibt es immer wieder beeindruckend.
Der Blick auf die Oper ist besonders – ihre segelförmige Architektur sticht mit einer gewagten Eleganz hervor. Auch heute noch, wenn wir unter der Brücke hindurchfahren, ist es ein unvergesslicher Moment. Alle Passagiere auf Deck stehen still, als das Schiff langsam durch den Hafen gleitet, und der Wind trägt die Melodie von Vangelis weiter über das Wasser. Es ist wie ein Zauber, der die ganze Crew und die Gäste erfasst.
Manche Städte berühren einen auf eine besondere Weise. Sydney ist für mich eine dieser Städte. Wenn man hier ankommt, fühlt man sich sofort zu Hause, als ob alles miteinander in Einklang steht. Wenn man dann geht, hat man das Gefühl, eine neue Heimat zurückzulassen, eine Stadt, die man immer wieder besuchen möchte.
In diesem Moment, während wir langsam aus dem Hafen gleiten, wird das Lichtermeer immer kleiner und verschwindet schließlich am Horizont. Doch unsere Musik bleibt laut und kraftvoll, und ich kann nur hoffen, dass ich bald wieder zurückkehren werde – sei es privat, um diesen wunderbaren Kontinent zu bereisen, oder im nächsten Jahr wieder mit der Italia Prima. Im kommenden Jahr haben wir vier Übernachtungen in Sydney geplant, was die Vorfreude noch verstärkt.
Es ist vielleicht schwer zu verstehen, aber ich merke, dass ich es liebe, beruflich zu reisen. Ich habe privat schon so viele Orte gesehen, aber hier, auf einem Schiff, in dieser besonderen Gemeinschaft, mit dem stetigen Druck und dem ständigen Aufsaugen neuer Eindrücke, finde ich etwas, das mich erfüllt. Es ist mehr als nur Arbeit, es ist eine Leidenschaft.
3. März 1996 – Sydney, Australien
Heute hatten wir PAXEXCHANGE, also den Wechsel der Passagiere. Einige der alten Gäste blieben in Australien oder flogen direkt zurück nach Europa, während andere neu auf die Italia Prima stiegen. Es war ein typischer Tag mit den damit verbundenen organisatorischen Aufgaben. Das bedeutete auch unser berühmtes General Cleaning, das mittlerweile zur Routine gehörte. Obwohl es immer noch ein riesiger Aufwand war, war es bei weitem nicht so extrem anstrengend wie auf der Hanseatic. Bei den Italienern gab es keine unrealistischen Erwartungen wie die, die ich auf der Hanseatic erlebt hatte, wo ein nahezu perfektes Ergebnis mit einer Punktzahl von 100 gefordert wurde. Hier ging es lediglich darum, die Reinigung zu bewältigen und sicherzustellen, dass alles in Ordnung war um die USPH Prüfung zu bestehen, die hier übrigends APH heißt.
Doch heute habe ich auch eine neue Seite von Australien kennengelernt, die Behörden. Die australischen Behörden traten überraschend kompliziert und strenger auf als erwartet. Sie prüften alles sehr genau und machten ihre Anforderungen deutlich, was die gesamte Prozedur etwas erschwerte. Trotzdem gelang es uns, alles zu bewältigen, und wir setzten die Reise fort.
Es war ein anstrengender, aber dennoch interessanter Tag, der Wechsel der Gäste und die Pflichtaufgaben an Bord gehörten einfach dazu, aber trotzdem gab es immer wieder neue Aspekte, die mich überraschten und die Reise weiterhin spannend hielten.
Die beste Stadt der Welt!
Sydney, mit über drei Millionen Einwohnern, ist Australiens älteste und größte Stadt. Sie ist ein Tor zu allem, was dieser riesige Kontinent zu bieten hat. Der Hafen, den die weltberühmte „Kleiderbügel“-Brücke überspannt, ist oft als der schönste Ankerplatz der Erde beschrieben worden. Kapitän Cook, der im 18. Jahrhundert hier vorbeifuhr, ignorierte den wunderschönen Hafen zunächst und landete stattdessen in der sumpfigen Botany Bay.
Heute ist Sydney eine schicke, moderne Stadt, die die perfekte Mischung aus Seehafen- und Industriestadt verkörpert, umgeben von üppigen Grünflächen und charmanten Wohngegenden. Mit einer Fläche von über 4000 Quadratkilometern bietet Sydney alles, was man sich von einer Weltstadt erhofft – erstklassige Einkaufsmöglichkeiten, hochkarätige Restaurants und sogar eine sündige Meile, die an San Francisco erinnert.
Doch was Sydney wirklich ausmacht, sind die Menschen. Freundlich, zuvorkommend und voller Humor. Ihre Begeisterung für Sport und ihre Liebe zu einer einzigartigen Natur machen die Stadt zu einem idealen Ort, um zu leben – oder sie als Tor zu den vielen anderen
Das über der Landzunge Bennelong Point aufragende Opernhaus ist zweifellos das bekannteste und aufsehenerregendste Bauwerk von Sydney. Es ist nicht nur ein architektonisches Meisterwerk, sondern auch ein den Künsten geweihter Komplex, der ein Theater, eine Oper und einen Konzertsaal beherbergt. Der Bau des Opernhauses wurde 1959 nach den Plänen des dänischen Architekten Jørn Utzon begonnen. Die ursprünglichen Kosten waren auf etwa 7 Millionen Dollar veranschlagt, doch durch eine unglaubliche Kostenexplosion und technische Herausforderungen musste der ursprüngliche Plan überarbeitet werden. Als sich die Kosten auf mehr als 102 Millionen Dollar summierten, gab Utzon 1962 die Verantwortung für das Projekt auf. Die Fertigstellung übernahm daraufhin ein Team australischer Architekten, doch viele von Utzons revolutionären Ideen blieben im Endergebnis erhalten.
Die markanten weißen „Segel“ des Gebäudes, die so charakteristisch für das Opernhaus sind, sind nach wie vor ein unverwechselbares Symbol von Sydney. Die beeindruckende Architektur des Opernhauses zieht weltweit Besucher an und spiegelt sowohl die Küstentradition als auch die Moderne wider.
Die luxuriöse Innenausstattung des Opernhauses ist ganz auf hervorragende Akustik ausgelegt und verwendet einheimische Hölzer sowie Wollstoffe, die nicht nur ästhetisch ansprechend, sondern auch funktional sind. Im Foyer des Opernhauses befindet sich ein faszinierendes Wandgemälde, das ein eindrucksvolles, düsteres Bild eines Mannes zeigt, der im Hafen von Sydney ertrinkt – eine markante Erinnerung an die Herausforderungen der Bauzeit und an das Risiko, das mit solch einem ambitionierten Projekt verbunden war.
Das Opernhaus von Sydney bleibt eines der bemerkenswertesten und ikonischsten Gebäude der Welt, das sowohl wegen seiner Architektur als auch wegen seiner kulturellen Bedeutung tief in das kollektive Gedächtnis der Stadt und ihrer Besucher eingebrannt ist.
04. März 1996 – Brisbane / Australien
In Brisbane liegen wir sehr ungünstig, da wir eine Flussmündung eine Stunde lang hinauffahren mussten, um schließlich irgendwo im Nichts vor der Stadt vor Anker zu gehen. Es war alles andere als ideal. Doch nachmittags besuchte ich eine Koala- und Kängurufarm. Es war ein wunderschöner, unvergesslicher Moment, als ich Koalas hautnah erlebte, die ihre typischen, gemütlichen Bewegungen machten. Nach diesem Besuch ging es noch rasch in die Innenstadt von Brisbane. Die Atmosphäre dort war viel entspannter und weniger überwältigend als in den größeren Städten, die wir zuvor besucht hatten. Trotzdem war die Innenstadt sehr charmant, mit eleganten Geschäften und einer insgesamt angenehmen Stimmung.
Lone Pine / Koala Park
Im Bundesstaat Queensland, dessen Banner ein Koala ziert, gehört ein Besuch bei den berühmten Tieren natürlich dazu. Das Lone Pine Sanctuary in Fig Tree, das 1927 gegründet wurde, war das erste Freigehege dieser Art im Land und umfasst heute rund 40 Hektar. Es ist bekannt für seine Koalas, aber auch für viele andere faszinierende Tiere wie die seltsamen Schnabeltiere. Dennoch stiehlt der Koala allen die Show. Mit seinen drolligen Bewegungen frisst er täglich bis zu zwei Pfund Eukalyptusblätter und zieht damit die Besucher in seinen Bann. Die Koalas wirken einfach immer zu niedlich und sind ein Highlight für jeden, der Australiens Tierwelt hautnah erleben möchte.
Brisbane – Die Gold Coast und Sunshine Coast
Brisbane ist ein Magnet für Einheimische und Touristen gleichermaßen, die sich in den subtropischen Freuden des Bundesstaates Queensland verlieren wollen. Queensland, das fast siebenmal so groß ist wie die Bundesrepublik Deutschland, bietet eine unglaubliche Vielfalt und Schönheit. Tropische Regenwälder, endloses Buschland, steile Berghänge und die Schätze des berühmtesten Korallenriffs der Welt, des Great Barrier Reefs, machen den Staat zu einem einzigartigen Reiseziel.
Im Winter zieht es viele Menschen an die Gold Coast südlich von Brisbane. Dieser schmale Streifen am Meer, eingerahmt von malerischen Berghängen, wird oft mit Miami verglichen: Neonlichter glitzern, T-Bone-Steaks werden in riesigen Portionen serviert, und hohe Hotelgebäude säumen den Strand. Hübsche Parkwächterinnen in goldfarbenen Bikinis stehen an den Rändern der breiten Straßen. Kein Wunder, dass dieser Ort so beliebt ist und jeder das Leben dort in vollen Zügen genießt.
Etwas ruhiger ist die Sunshine Coast, die sich etwas nördlicher befindet. Die Strände hier gehören zu den besten Surfrevieren Australiens, sind jedoch weniger erschlossen und bieten eine entspannendere Atmosphäre für diejenigen, die die Natur und das Meer in Ruhe genießen möchten.
05. März 1996 – Italia Prima at Sea
Ein weiterer Tag auf See, der im Zeichen der Arbeit und Routine stand. Es gibt Tage, an denen die Zeit stillzustehen scheint, und dieser gehörte definitiv dazu.
06. März 1996 – Italia Prima at Sea
Der gleiche Rhythmus setzte sich fort, noch ein Tag auf See. Die Stimmung an Bord war entspannt, aber auch gespannt, da alle sich auf Cairns freuten. Der Horizont blieb unverändert, das gleiche Blau, das uns umgab, aber genau deshalb wollten alle am Heck ihr Essen einnehmen. Und das bedeutete natürlich, dass wir wieder einmal sämtliche Speisen von der Küche vorne nach hinten schleppen mussten. Es war ein regelrechtes Hantieren, bis das Buffet gedeckt war.
Schnell waren sämtliche Speisen am Buffet vergriffen, und alles sah recht leer aus. Also mussten die Mädchen und das Team so viel wie nur möglich nachliefern, damit die Passagiere weiterhin satt werden konnten. Es war ein wenig hektisch, aber auch wieder eine dieser Routinen, die sich an Bord wie selbstverständlich einfügten. Doch trotz der Arbeit gab es eine lockere Atmosphäre, da alle auf den bevorstehenden Landgang in Cairns gespannt waren und sich schon auf das Abenteuer im tropischen Australien freuten.
07. März 1996 – Cairns / Queensland / Australien
Heute hatte ich mir endlich einmal einen ganzen freien Tag organisiert – ein Luxus, den ich seit Genua nicht mehr genossen hatte. Die Vorfreude war riesig, doch dann kam die große Enttäuschung: schwarzer Himmel, Regen ohne Ende. Die Zeitung bezeichnete den Regen als „Desaster“. Am Strand gab es Feuerquallen, und Surfboards waren ausverkauft. Statt Sonne und Abenteuer fand ich mich also in den Geschäften von Cairns wieder. Acht Stunden verbrachte ich beim Einkaufen, in denen ich mir sogar eine neue „Legende“ Brille zulegte, die noch immer ein Erinnerungsstück an diesen eher trüben Tag ist.
Der Regen ließ nicht nach, und beim Wechseln zwischen den Shoppingzentren war ich immer wieder bis auf die Haut durchnässt.
Am Abend fand ich ein bluesiges Lokal mit Live-Musik, in dem ich den restlichen Abend verbrachte. Bis drei Uhr früh genoss ich die Musik und die Atmosphäre, bis ich einfach zu müde war und zurück zum Schiff musste. Am nächsten Morgen war Socrates der „irre Vogel“ der Gruppe, wie immer etwas chaotisch. Ich machte mir Sorgen, dass ihm etwas passiert sei, doch es stellte sich heraus, dass er einfach bei einer netten Spanierin übernachtet hatte. Ein bisschen Scherereien gab es, aber am Ende war alles gut.
8.März 1996 Cairns / Queensland / Australien
Heute arbeitete ich den ganzen Tag über auf klassische Art, natürlich schien auch die Sonne. In Russland feiert man heute den Tag der Frau, also kauften Socrates und ich unseren Mädels 42 kleine Muschelfiguren als Erinnerung.
CAIRNS / DIE STADT AM REEF
Wer beneidet die Leute von Cairns nicht! Sie leben in einer paradiesischen Welt unberührter Schönheit bei idealen Klimaverhältnissen. Denn Cairns ist die nördlichste Stadt von Queensland, dem Sonnenstaat Australiens.
Vor seiner Tür liegt eines der phänomenalsten Naturwunder der Erde – das Great Barrier Reef. Diese etwa 2000 km lange Palette in allen Blau- und Grüntönen, übersät mit Koralleninseln und von weiß schäumender Brandung gesäumt, schützt ein uraltes Reich versteinerter Gärten, die von unglaublich vielen verschiedenen Lebewesen bewohnt sind.
Im Hinterland breitet sich ein Hochland mit stillen tropischen Wäldern und fruchtbaren Ebenen aus, auf denen fette Kühe und Mastrinder grasen. Wasserfälle und Flüsse bewässern Avokadohaine und Felder mit Zuckerrohr, Tabak, Erdnüssen und Mais. Es ist eine Welt, die man nur erleben kann, wenn man die Schönheit der Natur und die Vielfalt der Flora und Fauna mit eigenen Augen sieht. Cairns scheint ein Ort zu sein, an dem das Paradies fast
9. März 1996 ITALIA PRIMA beim Barrier Reef
25 Millionen Jahre alt, 1930 km lang und 207.000 km² Fläche bedeckt es – das Great Barrier Reef. Wir fahren den ganzen Tag bereits entlang des Riffs. Am Vormittag warf ich meine Fishline aus, mit einer Hundertkiloschnur und einem zehn Meter langen Stahlvorfach – ein Riesenfisch biss darauf an und riss es mit einem kräftigen Ruck ab. So etwas sah ich noch nie!
Die Landschaft hier in unmittelbarer Küstennähe ist atemberaubend schön, das Wasser schimmert in allen Blau- und Türkistönen. Leider regnet es den ganzen Tag, wir fahren durch Nebel und Regenwände, die Sicht beträgt maximal 250 Meter.
GREAT BARRIER REEF
Es bedurfte der Skelette von Abermillionen winziger Meeresorganismen, sogenannten Korallentierchen, und einer Zeitspanne von etwa 25 Millionen Jahren, um die tausenden von Riffen entstehen zu lassen, aus denen sich diese gewaltige Barriere zusammensetzt. Das Riff erstreckt sich über 1930 km von der Nordspitze Australiens bis nach Brisbane und bedeckt eine Fläche von 207.000 km². Das Riff wächst unaufhaltsam weiter, da jedes tote Korallentierchen mit seinem Skelett zu diesem Wassergebilde von unglaublicher Formvielfalt und Schönheit beiträgt.
Das Riff ist die Heimat hunderter Fischarten und Meereslebewesen, deren Namen fast ebenso exotisch wie ihre Farben und Formen sind: Pullers, Humbugs, Footballers, Demosiellenfische, Halterfische und Nashornfische. Trotz seiner Größe und seines Alters befindet sich das Riff ökologisch im Gleichgewicht, das jedoch einmal bedroht war, als sich einer seiner eigenen Bewohner, die korallenfressende Dornenkrone (eine Seesternart), plötzlich stark vermehrte. Heute ist das Riff durch geplante Probebohrungen nach Erdöl gefährdet.
10. März 1996 ITALIA PRIMA beim Barrier Reef
Seit unserem Aufenthalt in Cairns ist eine besonders liebenswerte Freundin an Bord: Gilda. Sie ist eine talentierte Sängerin, und ich kenne sie schon von unserer Zeit auf der CALYPSO. Damals saß sie stets beim Menübriefing neben mir, fasziniert von der Gastronomie und den Menschen, die in dieser Branche arbeiten. Ihre Begeisterung für die Feinheiten des kulinarischen Handwerks war ansteckend. Ich erinnere mich noch sehr lebhaft an ihre Geburtstagsparty, die von einer unbeschwerten Leichtigkeit und einem charmanten Flair geprägt war – es war eine dieser Nächte, die man nicht vergisst.
Nun ist sie wieder an Bord, doch der Glanz, den sie einst ausstrahlte, scheint etwas verblasst zu sein. Gilda ist in Mo verliebt – einen Mann, der eigentlich schon in einem fortgeschrittenen Alter ist, aber in ihrem Herzen hatte er einen besonderen Platz. Leider, so flüstern die Gerüchte, hat Mo ihr den Laufpass gegeben, was sie tief getroffen hat. Man sieht es ihr an, wie sie mit den Emotionen kämpft. Es tut mir leid, sie so zu sehen, denn sie war immer so lebenslustig und voller Energie.
In den späten Stunden des Abends, als das Schiff still in den Wellen schaukelte und der nächtliche Himmel über uns erstrahlte, saßen wir zusammen am Pool. Es war eine dieser Nächte, in denen die Gespräche tiefgründiger werden, als man es erwarten würde. Wir tauschten Weisheiten aus, sprachen über das Leben.
11. März 1996 – ITALIA PRIMA auf See
In den letzten zwei Tagen hat die Italia Prima eine neue Klimazone durchquert. Hier, an der Nordspitze Australiens, ist die Luft eine glühende Wand: 39 Grad im Schatten und 93 % Luftfeuchtigkeit. Innerhalb weniger Minuten im Freien, besonders mit Krawatte und Jackett, verwandelt man sich in ein schweißnasses Abbild von Tropenerschöpfung.
Die Weite dieses Landes wird mir hier besonders bewusst. Seit Tagen segeln wir entlang der australischen Küste Richtung Süden. Die See ist ungewöhnlich flach – kaum mehr als 60 Meter tief –, wodurch das Wasser in atemberaubenden Blautönen schimmert, die mit jedem Sonnenstrahl intensiver leuchten. Es ist ein Anblick, der das Herz eines jeden Seemanns höherschlagen lässt.
Doch die Schönheit trügt, denn die Natur in diesen Gewässern ist erbarmungslos. Kein Strand lädt hier zum Baden ein. Gefährliche Unterwasserströmungen ziehen selbst geübte Schwimmer unaufhaltsam hinaus aufs Meer. Haie wagen sich bis auf wenige Meter an die Küste heran, als ob sie die Grenzen der menschlichen Sicherheit testen wollten. Doch die tödlichste Gefahr lauert in unscheinbarer Gestalt: Quallen, deren Kontakt in wenigen Minuten tödlich enden kann. Die Gefahren dieser See verleihen ihrer Schönheit eine unvergleichliche Ehrfurcht.
12. März 1996 – Darwin, Australien - Hellifly
Es scheint, als hätten wir das schlechte Wetter der letzten Wochen endgültig hinter uns gelassen. Drei Wochen voller durchwachsener Tage liegen hinter uns – keine Katastrophe, aber auch keine paradiesische Reise. Doch heute brennt die Sonne wieder mit einer Kraft, die einem die Luft zum Atmen nimmt. Das ist Australien in seiner intensivsten Form.
Der Nachmittag sollte ein Abenteuer werden, das mir lange in Erinnerung bleibt. Gemeinsam mit Conny aus der Bar wagte ich mich in einen Minihubschrauber. Ein faszinierendes Gerät: Der Pilot sitzt vorne, während die zwei Passagiere hinter ihm, fast rückwärts, Platz nehmen. Anschnallen? Ja, natürlich, um die Füße, der Rest ist dem Fahrtwind ausgeliefert. Alles ist offen, und meine rechte Körperhälfte findet kaum Platz im engen Cockpit. Stattdessen balanciere ich meinen Fuß auf der Außenschiene, was die Sache nicht unbedingt bequemer macht.
Die Motoren laufen warm, langsam bauen sie Touren auf. Acht Minuten lang brummt und vibriert die Maschine, bis wir schließlich abheben. Der Pilot bringt uns zunächst nur wenige Meter über den Boden. Doch plötzlich kippt der Helikopter in eine Schräglage – und los geht’s. Wir schießen förmlich über das Meer, über die goldenen Strände von Darwin, der nördlichsten Stadt Australiens. Die Hitze ist glühend, aber die Aussicht überwältigt alles.
Die Landschaft unter uns scheint wie aus einem Traum: tiefblaues Wasser, endlose Küstenlinien und das glitzernde Weiß der Sandstrände. Die Italia Prima kommt in Sicht. Der Pilot kreist über dem Schiff, und ich halte diese Momente mit der Kamera fest. Die Bilder zeigen nicht nur die atemberaubende Schönheit der Umgebung, sondern auch ein Stück von meinem persönlichen Triumph – inmitten von Chaos und Herausforderungen solche Momente für mich zu erkämpfen.
Dieser Flug war mehr als nur ein Erlebnis. Es war ein Triumph über die Umstände, ein Beweis dafür, dass ich inmitten aller Anstrengungen, die diese Reise mit sich brachte, immer wieder nach den Sternen greifen konnte, auch wenn sie diesmal direkt unter dem glühenden Himmel Australiens lagen.
März 1996 – ITALIA PRIMA auf See
Ein weiterer Tag auf der Italia Prima. Das Meer scheint grenzenlos, ein endloses Blau, das den Horizont verschluckt. Die Hitze presst sich unerbittlich auf das Schiff und seine Crew, doch wir bewegen uns mit unaufhaltsamer Beständigkeit vorwärts. Die Wellen schlagen gegen den Bug, als würden sie uns testen wollen, doch das Schiff bleibt standhaft.
Es gibt Momente, in denen die Routine des Bordlebens beruhigend wirkt, fast wie ein Gleichgewicht inmitten des Chaos. Doch heute bin ich in Gedanken woanders. Die ständige Wiederholung der Abläufe lässt Raum für etwas Größere, für Überlegungen, wie es weitergehen wird. Der Kampf, den ich hier ausfechte, ist noch nicht vorbei, doch ich spüre, dass sich etwas verändert.
14. März 1996 – ITALIA PRIMA auf See / Das Angebot
Heute war ein Tag, der in die Geschichte meines Lebens eingehen könnte. Mit Herrn Punz, dem Personal & Operations Manager von Zerbone, führte ich ein Gespräch, das die kommenden Wochen und vielleicht sogar Jahre prägen wird. Seine Worte waren klar und doch so bedeutungsschwer, dass ich sie im Stillen immer wieder durchdachte.
Die Nachricht: Meine Zeit auf der Italia Prima wird früher enden, als ich es erwartet habe. Ich werde die Weltreise nicht zu Ende fahren, ein eigenes Schiff wartet auf mich. Die Astor,
das TV Traumschiff, ein stolzes Schiff mit Platz für über 600 Passagiere, soll meine neue Bühne werden. In zwei bis drei Wochen werde ich wechseln und die Verantwortung übernehmen.
Das Angebot ist überwältigend, eine Bestätigung dafür, dass die Kämpfe der letzten Monate nicht umsonst waren. Doch es ist auch eine neue Prüfung. Die Italia Prima war eine Herausforderung, die mich geformt hat, eine Arena, in der ich mich bewähren musste. Und jetzt? Die Astor bringt neue Möglichkeiten, aber auch neue Unsicherheiten.
Während ich an Deck stehe und auf das Meer hinausblicke, wird mir die Bedeutung dieses Augenblicks bewusst. Das Meer bleibt das gleiche, doch mein Kurs ändert sich. Der Wind, die Wellen und die unendliche Weite erinnern mich daran, dass jede Reise eine Chance ist – eine Chance, zu wachsen, stärker zu werden und den eigenen Weg zu finden.
WELCOME TO ASIA
15. MÄRZ 1996 – PADANG BAY / BALI
Die Landschaft von Bali begrüßte uns heute Morgen mit einer Kulisse, die wie aus einem Bilderbuch wirkte. Trotz der dichten Wolken, die fast greifbar schienen, strahlte die Umgebung eine dramatische Schönheit aus. Der indonesische Busch, satt und voller Feuchtigkeit, schien mit jeder Pore zu leben. Es war eine Szenerie, die in ihrer Intensität beinahe unwirklich erschien.
Da ich fast den gesamten Tag frei hatte, nutzte ich die Gelegenheit, die Insel zu erkunden. Mein Ziel: der Vulkan, der majestätisch in der Ferne aufragte. Für nur 10 Dollar heuerte ich ein Taxi an und begab mich auf eine zweistündige Fahrt über die engen Straßen, die von dichten, tiefgrünen Landschaften gesäumt waren. Bali erinnerte mich an Sri Lanka – dieselben engen Straßen, dieselbe allumfassende Natur und Menschen, die zugleich freundlich und geschäftstüchtig sind.
Der Tag entwickelte sich zu einem kleinen Abenteuer. Ich schlenderte über lokale Märkte und feilschte um Souvenirs: eine beeindruckende Holzfigur für 20 DM, farbenfrohe Sarongs für gerade einmal 4 Dollar das Stück. Selbst Rolex-Imitate wurden hier für 6 Dollar angeboten – ein Preis, den ich in meiner bisherigen Laufbahn noch nie gesehen hatte.
Am Nachmittag wagte ich mich in den Busch, erklomm einen Hügel und kämpfte mich durch die feuchte Hitze. Mein Hemd war binnen Minuten durchgeschwitzt, aber der Lohn war überwältigend: ein makelloser, weißer Strand mit türkisblauem Wasser. Es war, als hätte die Natur diesen Platz eigens für mich erschaffen. Hier traf ich zwei junge Frauen, die mir Gesellschaft leisteten. Wir plauderten kurz, und obwohl ich weiterreisen musste, spürte ich den bittersüßen Hauch einer verpassten Gelegenheit.
WILLKOMMEN IN ASIEN – INDONESIEN / BALI
Bali, nur zwei Kilometer vor der Ostspitze Javas gelegen, ist die wohl schönste Insel Asiens – ein Ort, der den Traum von paradiesischer Schönheit Wirklichkeit werden lässt. Jenseits der goldenen Strände erhebt sich eine Landschaft voller Kontraste: tiefe Schluchten, reißende Flüsse und kunstvoll angelegte Reisterrassen, die sich bis hinauf zum imposanten Vulkanmassiv des Gunung Agung erstrecken.
Für die Balinesen ist der Agung nicht nur ein Berg, sondern der Sitz der Götter, die sie mit Tänzen, Musik und Ritualen ehren. Die rund drei Millionen Einwohner dieser 5561 km² großen Insel leben ein Leben, das von Religion, Kunst und dem Glauben an die Wiedergeburt geprägt ist. Die Hindu-Dharma-Religion, eine faszinierende Mischung aus Hinduismus, Buddhismus und Ahnenverehrung, durchzieht jeden Lebensabschnitt.
Besonders beeindruckend ist die Verbindung zwischen Kunst und Alltag. Die Balinesen gestalten ihr Leben wie ein Kunstwerk – sei es in Form von Tanz, Handwerk oder Festen, die das Leben zelebrieren. Überall auf der Insel sieht man schlanke Frauen in eleganten Sarongs, die mit Opfergaben auf den Köpfen zu Tempeln pilgern.
Trotz des Einflusses des Tourismus haben sich viele Traditionen behauptet. Die großen Hotels im Süden mögen auf Besucher ausgelegt sein, doch in den Dörfern spürt man die Seele Balis. Hier lebt der Glaube, dass das Gute und das Böse stets im Gleichgewicht bleiben müssen – eine Philosophie, die im schwarz-weiß karierten Sarong symbolisiert wird.
Als die Besatzung des ersten holländischen Schiffes, das Bali anlief, die Insel betrat, sollen sie sofort von ihrem Zauber überwältigt gewesen sein. Kein Wunder, dass sie desertierten – das Paradies hatte sie in seinen Bann gezogen.
Heute, an einem Tag wie diesem, verstehe ich sie nur zu gut. Bali ist ein Ort, der die Seele berührt und zugleich einen Hauch von Abenteuer und Magie in jede Begegnung bringt.
16. März 1996 – Kleine Sundainseln / Lemar / Lombok
GEDANKEN
Warum ist es so, dass ich immer dann gehen muss, wenn ich endlich einen Ort gefunden habe, an dem ich mich wohlfühle? Es scheint fast, als wäre ich dazu bestimmt, dorthin zu gehen, wo Chaos herrscht, um Strukturen zu schaffen, Crews zu formen, und Ordnung in das Unvorhersehbare zu bringen – nur um dann weiterzuziehen.
Ich frage mich oft, ob ich wirklich zu dieser seltenen Spezies gehöre, die mit Enthusiasmus neue Projekte angeht, Dinge aufbaut und Menschen inspiriert. Vielleicht ist das meine Stärke: Crews zu „biegen“, wie man so schön sagt, sie zusammenzuschweißen – und dabei manchmal auch mit eiserner Faust durchzugreifen. Doch auch wenn meine Methoden hart sein mögen, scheint es, als würde man mich dafür respektieren, vielleicht sogar schätzen.
Es ist ein Muster, das sich immer wiederholt: Bei Hanseatic war es mein Job, die Crew komplett umzukrempeln. Der Druck war so hoch, dass ich mir ein Magengeschwür zuzog. Auf der Calypso hatte ich die Dienstleistungsbereiche komplett umgedreht, und hier, auf der Italia Prima, habe ich den herausfordernden Prozess des Ship Openings durchlaufen. Jetzt, wo alles läuft, heißt es wieder: „Hanspeter, Schluss mit dem Hobby, jetzt wird weitergearbeitet.“ Mein Chef erwartet von mir, auf ein neues Schiff zu gehen, und die Astor wartet bereits auf mich.
Aber warum ist das so? Liegt es daran, dass ich komme, das Chaos ordne, und dann schnell wieder verschwinde? Bin ich dadurch unnahbar? Oder ist es diese Kombination aus Härte und schneller Abwesenheit, die mich in den Augen meiner Mitarbeiter interessant oder sogar geheimnisvoll macht?
Diese Gedanken begleiten mich heute besonders stark, während ich über die Reling blicke und das leuchtende Blau der Kleinen Sunda-Inseln bewundere. Es ist ein Moment, der mich innehalten lässt – ein kurzer Augenblick des Zweifels, aber auch des Stolzes.
INDONESIEN – DIE KLEINEN SUNDA-INSELN
Indonesien ist ein Archipel der Vielfalt, ein Kaleidoskop aus Menschen, Landschaften und Bräuchen. Besonders bezaubernd sind die Kleinen Sunda-Inseln, die sich wie eine Perlenkette östlich von Bali erstrecken.
Lombok, mit seinem Hafen Lembar, ist ein Ort, der sich von der Nachbarinsel Bali deutlich unterscheidet. Hier wirkt alles ein wenig ruhiger, ursprünglicher. Die Menschen leben in Einklang mit ihrer Umgebung, und die Natur zeigt sich in ihrer ganzen Pracht: tropische Wälder, schimmernde Strände und die majestätische Präsenz des Vulkans Rinjani.
Die Kleinen Sunda-Inseln sind ein Geheimtipp für jene, die das Unberührte suchen. Während die größeren Inseln Indonesiens vom Tourismus geprägt sind, bewahren die Sundas ihren ursprünglichen Charme. Es ist ein Ort, der dazu einlädt, innezuhalten, sich mit der Natur zu verbinden und die Schönheit des Einfachen zu genießen.
Doch so sehr ich mich nach dem Verweilen sehne, das Leben auf See lässt keinen Raum für Stillstand. Die Reise geht weiter – immer weiter.
17. MÄRZ 1996 – SULAWESI
Schon immer hatte ich eine besondere Faszination für Sulawesi , eine Insel, die wie eine skurrile Figur im Meer liegt, mit ihren verzweigten Küstenlinien und unerforschten Winkeln. Heute stehe ich endlich hier, und der erste Eindruck ist überwältigend.
Unser Schiff liegt an der Pier, und nur wenige Schritte entfernt erstreckt sich eine Stadt, die trotz ihrer Größe einen charmant heruntergekommenen Eindruck macht. Die Gebäude sind alt, viele davon baufällig, aber die Energie der Menschen füllt die Straßen mit Leben.
Ein Highlight ist die Rikscha, die hier ein alltägliches Transportmittel ist. Für nur einen Dollar werde ich durch die Stadt chauffiert – eine Erfahrung, die ebenso authentisch wie unterhaltsam ist. Mein Weg führt mich zu einem kleinen Modegeschäft, das sich stolz „Italian Fashion Store“ nennt. Und tatsächlich: Hier, am gefühlten Ende der Welt, finde ich wahre Schätze. Marken wie Armani, Diesel und Lacoste, die man sonst in eleganten Boutiquen sieht, werden hier für einen Bruchteil des Preises angeboten.
Ein Diesel-Jeanshemd von hervorragender Qualität wandert für gerade einmal 14 Dollar in meine Tasche – ein Schnäppchen, das mein Herz höherschlagen lässt. Es ist faszinierend zu sehen, wie diese renommierten Marken an Orten wie Sulawesi produzieren lassen, weit weg von den glamourösen Laufstegen der westlichen Welt.
Leider bleibt uns nur wenig Zeit, die Insel zu erkunden. Bereits um elf Uhr legen wir wieder ab und setzen unsere Reise fort. Sieben Stunden lang fahren wir entlang der Küste, und die Landschaft, die uns umgibt, erinnert an die maledivischen Atolle. Kristallklares Wasser, palmengesäumte Strände und eine Szenerie, die Ruhe und Frieden ausstrahlt.
In Pare Pare nehmen wir die restlichen 320 Gäste an Bord. Es ist ein geschäftiges Treiben, das jedoch von der Schönheit der Umgebung überstrahlt wird. Ein Sonnenuntergang, so atemberaubend, dass die Zeit für einen Moment stillzustehen scheint, verabschiedet uns von Sulawesi.
Ich stehe vorne am Deck, die salzige Brise weht mir ins Gesicht, und neben mir bewundert Gilda diese magische Szenerie. Es sind diese Augenblicke, die das Leben auf See so besonders machen – Momente, die sich in die Seele brennen und die Unermesslichkeit der Welt spürbar machen.
SULAWESI – DIE INSEL DER SEEFARER
Sulawesi, die elftgrößte Insel der Welt, ist Heimat von etwa 14 Millionen Menschen, die für ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten als Seefahrer bekannt sind. Ihre Expertise und Verbindung zum Meer sind tief in der Kultur verwurzelt.
Die Insel, deren Küstenlinie von Fjorden, Buchten und Lagunen geprägt ist, bietet eine Vielfalt an Landschaften, die vom dichten Dschungel bis hin zu weißen Sandstränden reichen. Es ist ein Ort, an dem Natur und Mensch in harmonischer Koexistenz leben – ein Paradies für jene, die die Ursprünglichkeit der Tropen suchen.
Auch wenn unsere Zeit auf Sulawesi kurz war, hinterlässt sie einen bleibenden Eindruck. Die Geschichten, die diese Insel erzählt, und die Bilder, die sie in meinem Geist hinterlässt, werden noch lange nachhallen.
18. März 1996 – ITALIA PRIMA auf See / Äquator
Ein wunderschöner Arbeitstag liegt hinter mir, doch meine Gedanken schweifen immer wieder ab, hin zu meinem neuen Job, der mir bevorsteht. Es ist ein seltsames Gefühl, zwischen Freude und Unsicherheit zu schwanken. Auf der einen Seite die Ehre, erneut Verantwortung für ein Schiff zu übernehmen, auf der anderen Seite die Abschiede und Veränderungen, die damit einhergehen.
Immer wieder freue ich mich, Gilda während der Arbeit zu begegnen. Es ist, als würde eine unsichtbare Verbindung zwischen uns bestehen, ein Draht, der stärker ist als bloße Sympathie. Am Nachmittag verbringen wir drei Stunden vorne am Bug. Die Äquatortaufe, die viele andere beschäftigt, lassen wir bewusst ausfallen. Stattdessen sprechen wir über das Arbeiten auf Schiffen, über das Leben und für mich überraschend auch über unsere früheren Leben.
Normalerweise meide ich dieses Thema, doch bei Gilda ist es anders. Es fühlt sich natürlich an, ihr gegenüber meine Überzeugung zu teilen, dass das Leben ein Kreislauf ist und Wiedergeburten dazugehören. Meine Reisen haben mir auf diesem Gebiet viele Einsichten gebracht. Unsere Gespräche fließen leicht und tief, die Zeit vergeht wie im Flug.
Am Abend fragt sie mich, ob wir nach meinem Dienst eine Flasche Wein trinken könnten. Um Mitternacht hole ich sie vom Achterdeck ab, und wir gehen zusammen in die Crewbar. Dort herrscht heute Nacht ein ausgelassenes Treiben, es wird getanzt und gefeiert, die Stimmung ist ausgelassen.
Im Laufe der Nacht macht Gilda, deren eigentlicher Name Irene ist, mir ein Geständnis, das mich tief berührt. Sie gestand mir, dass sie in mich verliebt ist und dass dieses Gefühl bereits auf der Calypso begann. Ich erinnere mich an die Menubriefings, bei denen sie stets an meiner Seite war. Diese Erinnerungen bringen ein Lächeln auf mein Gesicht.
Gilda, die auf den Weltmeeren seit sechs Jahren ein Star ist, beeindruckt mich mit ihrer Stimme und ihren Auftritten, wie dem gestrigen. Sie ist eine Frau von außergewöhnlicher Intelligenz, Weltgewandtheit und Natürlichkeit. Doch wenn ich mit ihr zusammen bin, sehe ich nicht die gefeierte Sängerin. Ich sehe Irene – meine kleine Göttin.
19. März 1996 – Sandakan / Malaysia / Borneo
Unsere Ankunft in Sandakan wird von beeindruckenden Landschaften begleitet. Der Hafen liegt etwa 15 Kilometer außerhalb der Stadt, und die Einfahrt bietet ein faszinierendes Panorama aus dichtem Urwald und steil abfallenden Berghängen. Es ist eine Szenerie, die sowohl Schönheit als auch Wildheit ausstrahlt.
Mit meinem gewohnten Outfit, einem Safarijacket, Guatemalashoes und einer auffälligen Sonnenbrille mache ich mich auf den Weg in die Stadt. Kaum angekommen, spüre ich, dass ich hier scheinbar auffalle. Die Menschen kommen aus ihren Geschäften, winken mir zu und folgen mir neugierig. Immer wieder werde ich freundlich angesprochen: „How are you?“ oder „Where are you going?“ Es scheint, als hätte ich einen starken Eindruck hinterlassen – vielleicht liegt es an meinem Auftreten, das die Einheimischen mit einem ihrer Helden aus den Auslagen, den Power Rangers, zu vergleichen scheinen.
Die Stadt selbst ist jedoch ein Kontrast zu ihrer spektakulären Umgebung. Sandakan wirkt wie ein vergessenes Dorf der dritten Welt – schmutzig, stinkend und in einem Zustand, der von Armut geprägt ist. Es ist ein Kaff, das auf den ersten Blick wenig zu bieten hat, doch die Freundlichkeit der Menschen macht den Aufenthalt trotzdem besonders.
SANDAKAN – EIN KAPITEL KOLONIALGESCHICHTE
Sandakan war einst der Dreh- und Angelpunkt der britischen Kolonialmacht auf Borneo. 1881 kaufte eine Gruppe britischer Geschäftsleute den nördlichen Teil der Insel von den Sultanen von Sulu und Brunei. Nur wenige Jahre später, 1884, wurde Sandakan zur Hauptstadt von British Nord-Borneo ernannt. Der Ort erlebte einen rasanten Aufschwung, und schon 1887 lebten hier 5.000 Menschen.
Doch der Glanz dieser Zeit ist längst verblasst. Heute ist Sandakan eine Stadt voller Widersprüche – ihre Vergangenheit zeugt von kolonialer Bedeutung, während ihr gegenwärtiger Zustand die Herausforderungen und Rückstände der Entwicklung deutlich macht.
20. März 1996 – Brunei / Das reichste Land der Welt
Gegen Mittag legten wir in Brunei an. Die Sonne brannte vom Himmel, und der Hafen empfing uns mit einer gewissen Erhabenheit. Etwa vierzig Autominuten von der Stadt entfernt befand sich die Pier, und schon bei der Einfahrt wurde uns klar, dass wir in einem der reichsten Länder der Welt angekommen waren. Hier, in Brunei, schien der Reichtum so selbstverständlich wie das tägliche Leben selbst. Es gab keine Taxis, da jeder hier alles zu Hause hatte, was er brauchte – auch die Autos. Alles wirkte so, als ob es an Komfort und Luxus nicht mangeln würde.
Als wir in den Hafen einfuhren, fuhren wir zunächst einen Kanal entlang. Das Wasser war von einem tiefen Türkis, fast magisch, und die Landschaft rundherum war von prächtigen Häusern gesäumt. Doch was wirklich den Atem raubte, waren die Jachten – riesige Luxusjachten, die an den Privatstegen vor Anker lagen. Diese Jachten kannte man sonst nur aus den Hochglanzmagazinen der Reichen und Schönen, in der hunderten-Meter-Größe. Hier, in Brunei, schien jeder seine eigene kleine Welt zu besitzen.
Mit Gilda, machte ich mich auf den Weg in die Hauptstadt. Es war ein heißer Tag, und sie fühlte sich nicht gut, der Kreislauf machte ihr zu schaffen. Die drückende Affenhitze des Hafens setzte uns beide ziemlich zu, aber endlich kam der Bus, und wir fuhren los.
Die Stadt, die uns erwartete, war eine Enttäuschung. Ich hatte mir etwas wie Dubai vorgestellt, aber hier war alles eher bescheiden. Zwar gab es einige prunkvolle Superpaläste und Dächer, die in Gold getaucht waren, aber irgendwie wirkte alles fast zu übertrieben. Der Sultan ließ seinen Reichtum überall zur Schau stellen – mit seiner Krönungskutsche aus den 80er Jahren, die uns fast wie ein Relikt aus einer anderen Zeit erschien.
Gemeinsam mit Gilda suchte ich Zuflucht vor der Hitze im Sheraton Hotel. Hier, in der kühleren Umgebung, konnte ich nach langer Zeit endlich wieder zu Hause anrufen. Es war wie ein Aufladen meiner Batterien – ein Moment des Friedens, als ich hörte, dass es meiner Familie gut ging. Es war wie eine kleine Oase inmitten der Hektik der Reise.
Abends ließ ich den Tag in der Crewbar ausklingen. Später kam Gilda dazu, und ich spürte, wie gut es mir tat, ihre Nähe zu haben. Es war wie ein unsichtbares Band, das uns verband, und ich genoss jeden Moment, den wir miteinander verbrachten. Nach einer Weile verabschiedete sie sich, um sich hinzulegen.
Gilda würde uns bald verlassen. In zwei Tagen würde sie in Bangkok von uns Abschied nehmen, und ich wusste, dass ich sie vermissen würde. Ich hoffe nur, dass ich sie irgendwann wiedersehe.
DAS GELD LIEGT NICHT AUF DER STRASSE Brunei, im Nordwesten von Borneo gelegen, ist das Land des Überflusses. Mit nur 250.000 Einwohnern und einem jährlichen Pro-Kopf-Einkommen von 22.000 Dollar ist es eines der reichsten Länder der Welt. Hier müssen die Bürger keine Steuern zahlen, und Arbeit ist für die meisten nur noch ein Hobby. Die Menschen leben in einem Wohlstand, den man sich in der westlichen Welt nur schwer vorstellen kann. Doch der Reichtum hat auch eine Schattenseite – er hat die Bewohner von der Welt der anderen entfernt. In Brunei gibt es keine Armut, aber auch wenig Zugang zu den Erfahrungen und Herausforderungen, die der Rest der Welt täglich durchlebt.
21. März 1996 – South China Sea / Gilda
Es war ein normaler Arbeitstag, der jedoch einige unerwartete Höhepunkte hatte. Die Routine an Bord war wie immer, aber dennoch war da dieses ganz besondere Gefühl, das mich begleitete. Ich war fast nur noch mit Irene zusammen. Ihre wahre Identität hatte ich längst erkannt, aber in der Öffentlichkeit waren wir sehr vorsichtig, verhielten uns distanziert und freundlich, ohne zu viel Nähe zu zeigen, ein notwendiges Spiel, das wir beherrschen mussten.
Aber heute, in einem ruhigen Moment, als wir uns alleine in einer Ecke des Schiffs unterhielten, gestand sie mir zum ersten Mal offen, was ich längst gespürt hatte: Sie war in mich verliebt. Die Worte, die sie sprach, waren für mich wie ein zarter, flüsternder Wind, der alles in mir durcheinanderwirbelte. Es war ein Moment der Ehrlichkeit, der zwischen uns lag, ein Vertrauen, das uns noch enger zusammenbrachte.
Obwohl wir in der Öffentlichkeit stets darauf achteten, unsere Gefühle zu verbergen, war dieser Moment für uns ein Schritt in eine tiefere Verbindung. Irgendwie war es so, als ob der ganze Ozean um uns herum stillstand, während wir in diesem Augenblick die Realität der Emotionen spürten.
22. MÄRZ 1996 – SOUTH CHINA SEA
Der Tag war von zwei Dingen geprägt: der Arbeit und der Zeit, die ich mit Irene verbrachte. Diese beiden Aspekte bestimmten meinen Rhythmus und meine Gedanken. Es war eine merkwürdige, aber zugleich wunderschöne Zeit, in der die Übergänge zwischen Arbeit und persönlichen Gefühlen immer mehr ineinanderflossen.
Am Abend trafen wir uns mit den beiden Mädchen aus dem Juwelierladen, die uns auf ihre ganz eigene Weise charmant unterhielten. Gemeinsam verbrachten wir den Abend an Deck, bei Käse und Wein, die Sonne neigte sich dem Horizont entgegen und malte den Himmel in ein spektakuläres Rot. Es war ein entspannter Moment, ein wenig abseits vom üblichen Trubel des Schiffslebens.
Doch später, als der Rest der Welt weit entfernt schien, verbrachten Irene und ich die Nacht miteinander – aber auf eine Art, die schwer in Worte zu fassen ist. Es war voller Zärtlichkeit, einer Harmonie, die ich so nicht erwartet hatte. Es war, als ob jede Berührung von mir eine stille Botschaft war, die sie tief in ihrem Inneren berührte. Ich hielt sie in meinen Armen, mal zart, mal fest, und spürte dabei eine Nähe, die über Worte hinausging. Es war eine Verbindung, die viel mehr bedeutete als bloße körperliche Nähe.
Und doch, in all dieser Zärtlichkeit, sagte sie mir immer wieder, dass sie noch zu sehr in ihrer Geschichte mit Mo verstrickt sei. Sie wollte, dass ich sie nicht anders ansah, dass ich respektierte, dass sie diese Verbindung noch nicht abgeschlossen hatte. Sie bat mich, zu warten, bis sie sich sicher war – bis sie sich selbst sicher war. Es war ihr Wunsch, und ich wollte ihm gerecht werden. Auch wenn ich wusste, dass dieser Moment der Nähe etwas anderes war, als was viele als gewöhnlichen "Schlaf" bezeichnen würden.
23. März 1996 – Bangkok
Der Tag begann mit einem sanften Aufwachen, als ich auf dem Amalfi Deck bei Irene schlief. Es war kurz nach neun Uhr morgens, und als ich aus dem Fenster sah, bemerkte ich, dass wir uns bereits im Fluss befanden und uns darauf vorbereiteten, anzulegen. Ein gewisses Gefühl der Vorfreude lag in der Luft, als die gewohnte Hektik der Stadt immer näher rückte.
Einige Zeit später fuhren Irene und ich gemeinsam in die Stadt, unser Ziel war das Oriental Hotel, für uns beide das beste Hotel der Welt. Doch wie immer war meine Zeit begrenzt, und so trennten sich unsere Wege bald. Ich begleitete den Ungarn Hr. Moesser zum Fluss, und wir entschieden uns, eine einstündige Klongfahrt zu unternehmen. Der Fluss, das lebendige Herz Bangkoks, war eine ganz andere Welt, die wir für kurze Zeit erlebten.
Nach der Fahrt wollten wir zurück zum Schiff. Wir nahmen ein Taxi und dachten, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis wir zurück sind. Doch was sich dann entfaltete, werde ich nie vergessen. In Asien sagt man oft „Ja“, auch wenn man etwas nicht weiß – und genau das geschah. Der Taxifahrer erklärte uns, er kenne den Weg zur Pier Nummer 14, doch nach einer halben Stunde Fahrzeit standen wir vor einem völlig falschen Hafen. Das war nur der Anfang einer langen Irrfahrt.
Es folgte noch eine weitere Stunde, und als wir endlich an einer anderen Pier ankamen, fragte ich den Hafenmeister nach der Italia Prima. Der hatte sie tatsächlich in seinen Unterlagen und erklärte dem Taxifahrer auf Thai, wie er uns zur richtigen Pier bringen könnte. Doch der Fahrer hatte noch immer keinen Plan und verfuhr sich erneut. Wir landeten an einer weiteren falschen Pier, und die Unruhe wuchs. Der Fahrer war mittlerweile vollkommen ratlos, seine Arme zuckten hilflos, und er versuchte, uns irgendwo in der Peripherie von Bangkok aussteigen zu lassen. Doch wir wollten das nicht, wir mussten irgendwie zurück zur Italia Prima!
Nach insgesamt sechs Stunden durch die Stadt, in denen sich die ganze Situation immer mehr zuspitzte, war das Glück auf unserer Seite. Irgendwie sahen wir durch Zufall den Schornstein der Italia Prima. Endlich, nach dieser endlosen Fahrt, waren wir „gerettet“. Als wir zum Schiff zurückkehrten, erfuhr ich, dass nicht nur wir dieses Schicksal erlitten hatten. Alle Gäste und ein großer Teil der Crew waren in der gleichen misslichen Lage. Zum Glück lagen wir über Nacht im Hafen, andernfalls wäre dies eine regelrechte Katastrophe geworden.
24. März 1996 – Bangkok
Ich war erschöpft, völlig ausgelaugt von einem langen Frühdienst mit einer 5:00 Uhr Wake-up-Time, die mich beinahe umbrachte. Doch am Nachmittag, als sich die Sonne begann, sanft zu neigen, konnte ich für drei Stunden auf das Deck gehen, um mich zu erholen und bei Irene zu sein. In ihrer Nähe verflog die Müdigkeit, und wir plauderten über unser Leben, unsere Vorstellungen und natürlich über die Liebe – das zentrale Thema unserer Gespräche.
Doch um 20:30 Uhr wurde es ernst. Irene musste abreisen. Der Zeitpunkt hätte nicht schlechter gewählt sein können, denn ich stand gerade kurz davor, den Dining Room zu betreten, als die Gäste stürmten. Und dann stand sie da, mit ihren Koffern, bereit, sich von mir zu verabschieden. Der Moment war seltsam still, fast wie eingefroren. Inmitten des geschäftigen Treibens des Schiffes hielt ich sie fest in meinen Armen, versuchte, ihr alles zu sagen, was in mir war, obwohl Worte zu flach erschienen für die Tiefe dieses Augenblicks. „Du bist eine wahrhaft große Frau“, sagte ich leise. Da ich wusste, dass Worte eine Bedeutung haben, fügte ich hinzu: „Auf Wiedersehen! Sawansee!“ Ich faltete die Hände im asiatischen Stil und verbeugte mich leicht. Sawansee – der Abschied, der nicht endgültig war.
Da ging sie nun, meine Traumfrau, mit all ihrem Esprit, Intellekt und dem einzigartigen Humor, der sie auszeichnete. Ich fragte mich, ob ich sie jemals wiedersehen würde. Aber tief in meinem Inneren wusste ich, dass es nicht das letzte Mal war. Ich war davon überzeugt, dass sich unsere Wege irgendwann wieder kreuzen würden.
25. März 1996 – Bangkok
Gilda ist weg. Heute Nacht hat mich die Einsamkeit überfallen. Meine Gedanken kreisten um sie, und mein Herz war in Bewegung – für einen Moment zumindest. Doch nicht lange. Eine solche Müdigkeit hatte ich selten gespürt. Ich war wie ausgelöscht.
Nach meinem Late-Night-Dienst meinte Iris, die mir tags zuvor noch versprochen hatte, mit mir in die Stadt zu fahren, um den Bing-Bong-Club zu besuchen, sie sei zu müde und wolle lieber an Bord bleiben. Welch ein Glück! Mir fiel ein Stein vom Herzen. So konnte auch ich einfach ins Bett verschwinden – und siehe da: Nach acht Stunden tiefem Schlaf fühlte ich mich wie neugeboren.
Mit Iris und Babsi ging es dann doch noch in die Stadt. Der Verkehr war jedoch derart chaotisch, dass wir nach einem sechs Stunden währenden Taxiabenteuer mitten im tosenden Verkehrsgewimmel aus dem Wagen sprangen und Zuflucht in einem einfachen Einkaufszentrum am Stadtrand suchten. Wir schlugen dort ein paar Stunden tot – nicht gerade das, was man sich unter einem Ausflug nach Bangkok vorstellt, aber immerhin.
Den Nachmittag verbrachte ich schließlich auf einem fast leeren Deck. Ich schrieb viel – Briefe, Gedanken, auch mein Tagebuch holte ich endlich nach. Es war ruhig, der Himmel dunstig, mein Kopf langsam wieder klar.
BANGKOK / DIE STADT UNTER DER DUNSTWOLKE
Wir liegen bei der verdammten Poon Ppat Wharf 14, die jeden zum Verhaengniss wurde.
Gerade 200 Jahre alt ist die lebendige 6 mio. Stadt mit einem Ballungsgebiet von 9 mio. Menschen. In kaum einer anderen Stadt treten Gegensaetze deutlicher hervor, die sich im Spannungsfeld zwischen einer traditionellen asiatischen und westlich modernen Gesellschaft aufbauen.Dicht beieinander liegen Armut und Reichtum, Hektik und Ruhe, Glanz und Elend. In den Strassen pulsiert das Leben: mitten im Verkehrsgewimmel wird gekauft und verkauft, Buergersteige werden zu Maerkten, Menschenmassen stroemen zu den Bussen und in die Geschaefte, waehrend in den schmalen Gassen nebenbei Kinder unbeheligt Drachen steigen lassen. Nur noch begrenzt dringt der Verkehrslaerm in die von Mauern umgrenzden Tempelanlagen, deren prunkvoll dekorierte Bauten im Schatten weit ausladender Baeume Oasen der Ruhe sind. Die Stadt scheint endlos, es gibt viele andere Zentren, hier das Touristenzentrum, dort das historische Zentrum, in einem ganz anderen Gebiet die Einkaufs,- und Verwaltungszentren. Eine unuebersichtliche Stadt, in der die meisten Ziele nicht zu Fuss zu erreichen sind. Entsprechend waelzen sich laut hupende Taxis, knatternde Tuk Tuks, qualmende Busse durch die notorisch verstopfen Strassen.
Allein 400 Tempel gibt es in der Stadt, viele Maerkte und ein interessantes Nationalmuseum. Die Restaurants sind international, und nach Sonnenuntergang wird sich niemand langweilen - selbst wenn man keine Hostessen sucht.
26. März 1996 – Italia Prima auf See
Ein weiterer Tag auf See. Der Horizont scheint sich nicht zu verändern, nur Wasser, so weit das Auge reicht – endlos, beruhigend und zugleich ein bisschen melancholisch. Die Routine an Bord gibt mir Struktur, doch meine Gedanken schweifen immer wieder ab. Viel Zeit zum Nachdenken, zum Fühlen – und auch zum Vermissen.
27. März 1996 – Kuantan / Malaysia / Südchinesisches Meer
Wieder einmal liegen wir weit außerhalb – 25 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, irgendwo in der Einöde. Direkt neben uns ragt eine wenig einladende Ölraffinerie in den Himmel. Der Ausblick ist trist, die Luft schwer. Ich bleibe den ganzen Tag an Bord. Keine Lust auf Menschen, kein Drang nach Stadt. Stattdessen widme ich mich meinem Privatleben – soweit das eben möglich ist, inmitten von Maschinenlärm, salziger Luft und flüchtigen Begegnungen.
Ich sortiere Gedanken, schreibe, reflektiere. Es tut gut, auch wenn es schwerfällt. Manchmal ist Stillstand notwendig, um sich innerlich zu bewegen.
Kuantan
Kuantan – größte Stadt an der Ostküste Malaysias. Kein Touristenparadies, sondern ein nüchternes Wirtschaftszentrum. Kein Ort zum Träumen, eher zum Funktionieren. Aber vielleicht braucht es genau solche Orte, damit man das Schöne, das Besondere wieder erkennen kann, wenn es einem begegnet.
28. März 1996 – Singapur
Um sieben Uhr früh liefen wir in Singapur ein. Unser Liegeplatz war direkt neben der Sentosa-Halbinsel, beim World Trade Centre. Ich war schon einige Male an diesem wunderschönen Ort, aber es ist jedes Mal aufs Neue ein besonderes Gefühl, wenn man mit einem Schiff in eine solche Megastadt hineingleitet. Irgendetwas daran wirkt immer edel – ein leiser Stolz, Teil dieses Spektakels zu sein.
Ich nahm mir sofort bis vier Uhr nachmittags frei. Kaum war ich vom Schiff, zog es mich hinaus – Shopping stand auf dem Plan. Glücklicherweise sind die Taxis hier recht günstig: mit dem Bus kostet die Fahrt in die City etwa fünf Schilling, mit dem Taxi rund 35. Ich ließ mich durch die Orchard Road treiben, ohne großen Plan, einfach nur treiben lassen.
Irgendwann beschloss ich, mir heute mal keinen Einkaufsstress zu machen. Stattdessen wollte ich gut essen gehen – allein, in Ruhe – und sehen, wohin der Tag mich führt. Ich schlenderte durch das Princess Crown Hotel, in dem ich früher gemeinsam mit Ulli ein paar unbeschwerte Tage verbracht hatte. Es war eine schöne Zeit, leicht und voller Lachen. Jetzt, Jahre später, sitze ich wieder hier – allein, mit einem Kaffee – und frage mich, warum alles so gekommen ist. Wer war der Sieger in diesem ewigen Hin und Her zwischen uns? Oder waren wir beide die Verlierer? Am Ende, denke ich, war es alles für die Fische. Schade, dass es so enden musste.
Später ging ich in ein benachbartes Restaurant zum Essen und lernte dort den sehr freundlichen Restaurantmanager kennen. Er war sympathisch, sprach sofort davon, mich mit seiner Frau am Schiff zu besuchen – aber letztlich kam er doch nicht. Trotzdem schenkte er mir eine tolle Adresse für Computerkram, und ich verbrachte Stunden in den von ihm empfohlenen Shops. Es war riesig – eine ganze Etage nur für Technik, mindestens so groß wie drei Decks auf unserem Schiff. Ich kaufte eine Menge Software und fuhr schließlich bei strömendem Regen viel zu spät zurück zum Schiff.
Nachts bereitete ich noch das Mitternachtsbuffet vor und wollte mich dann in der Kabine nur schnell umziehen, um später noch ins Westin Stamford aufzubrechen. Doch kaum war ich in der Kabine, fiel ich in Uniform aufs Bett – und wachte erst wieder um vier Uhr früh auf. Totmüde. Anders kann man es nicht nennen.
29. März 1996 – Singapur
Ein letzter freier Tag in Singapur – wenn man das überhaupt so nennen konnte. Ich gönnte mir eine große Runde mit der Sentosa-Seilbahn, die majestätisch über den Hafen hinwegführte. Dabei schwebte ich direkt über „mein“ Schiff, die Italia Prima, und genoss diesen einzigartigen Blick aus der Vogelperspektive. Der Hafen von Singapur lag mir zu Füßen wie ein perfekt inszeniertes Miniaturmodell – pulsierend, geordnet, effizient.
Leider blieb mir heute kaum mehr Zeit, an Land zu gehen. Vielleicht war das auch gut so. Ich hatte mit dem Gedanken gespielt, meinen Laptop auf 32 MB RAM aufrüsten zu lassen – damals eine kleine Revolution. Der Preis dafür? Stolze 8.000 Österreichische Schilling. Ich schüttelte innerlich den Kopf. Keine Zeit – kein Geldverlust. Manchmal trifft einen das Schicksal in Form eines engen Zeitplans, und vielleicht war genau das mein Glück an diesem Tag.
Gegen 17 Uhr hieß es dann endgültig Abschied nehmen. Langsam lösten wir die Leinen in der Sentosa-Bucht. Wie immer war ich beeindruckt vom geschäftigen Treiben rund um die Insel. Rundherum lagen unzählige Frachtschiffe in Warteposition – ein beeindruckendes Bild maritimer Disziplin. Neben uns lief gerade ein Megaliner der malaysischen Star Line ein, vollbepackt mit vermutlich mehr als 2.000 Passagieren. Ein schwimmender Koloss – imposant und elegant zugleich.
Der Hafen von Singapur Der größte Hafen der Welt. Zehn Kilometer erstreckt er sich entlang der Küste. Alle drei Minuten legt hier ein Schiff an oder ab. Über 2.000 Schiffe werden jährlich in den hiesigen Werften repariert, und der Containerterminal – vollautomatisch und computergesteuert – funktioniert mit einer Präzision, die ihresgleichen sucht. Alles ist unglaublich sauber, akkurat organisiert, ein Paradebeispiel asiatischer Effizienz.
Löwenstaat Singapur – der Stadtstaat mit dem klingenden Namen und der diszipliniertesten Gesellschaft, die ich je kennengelernt habe. Vorgelagert zur malaiischen Halbinsel besteht Singapur aus der Hauptinsel sowie 57 kleineren Inseln. Auf gerade einmal 570 Quadratkilometern leben hier Millionen Menschen in bemerkenswerter Ordnung. Der Lebensstandard ist der höchste Asiens, die Stadt gilt als die sauberste der Welt. Kaugummi kauen? Verboten. Essen oder Trinken in der U-Bahn? Streng untersagt. Wer mit einem schmutzigen Auto in die City will, darf gleich wieder umdrehen. Alles läuft über Computer, alles ist geregelt, geplant, durchdacht. Und trotzdem – oder gerade deshalb – fühlte ich mich hier immer wohl.
Singapur war für mich stets mehr als nur ein Hafen. Es war ein kurzer Ausflug in eine andere Welt, in der Disziplin, Technologie und Sauberkeit das Bild bestimmten – und gleichzeitig eine faszinierende, moderne Seele mitschwang, die einen stillen Eindruck hinterließ.
30. März 1996 – Kuala Lumpur, Malaysia
Noch vor Sonnenaufgang laufen wir bei strömendem Regen in Port Kelang ein. Das Wetter war wieder einmal typisch tropisch – der Himmel schwarz, das Wasser prasselte in Strömen vom Himmel, als hätte sich eine Schleuse geöffnet. An Land zu gehen schien zunächst wenig verlockend, doch gegen Ende meines Frühdienstes klarte es langsam auf. Als der Regen nachließ, stand dem geplanten Ausflug nichts mehr im Weg.
Gemeinsam mit Elfi, Mascha und Edith organisierte ich ein Taxi in die Hauptstadt. Unser Fahrer war ein freundlicher und umsichtiger Mann, der uns für 15 Dollar pro Person die 35 Kilometer lange Strecke nach Kuala Lumpur brachte – und uns dort sechs Stunden lang geduldig erwartete, um uns auch sicher wieder zurück zum Hafen zu bringen.
Doch Kuala Lumpur empfing mich heute in völlig anderem Licht als damals während meines Urlaubs. Es fühlte sich fremder an, weniger vertraut. Vielleicht lag es am ständigen Wandel dieser asiatischen Metropolen, vielleicht auch an meiner eigenen Perspektive. Wir stiegen beim Central Market aus und tauchten direkt ins pulsierende Chinatown ein. Der Markt war ein Labyrinth aus Gassen, Gerüchen und Stimmen – ein Kaleidoskop des Lebens. Ich war wie besessen auf der Suche nach einem Computergeschäft. Vergeblich. Nicht einmal die berühmten Piraten-CD-ROMs, nach denen ich vorsichtig fragte, konnte oder wollte man mir verkaufen. Die Blicke, die ich daraufhin erntete, sprachen Bände – als hätte ich nach Sprengstoff gefragt.
Meine Erscheinung – groß, kräftig gebaut, ein wenig wild – sorgte allerdings auch hier wieder für Aufsehen. Ich war es gewohnt: In Asien zog ich häufig Blicke auf mich. Immer wieder kamen Menschen von der anderen Straßenseite herübergelaufen, um mich neugierig auszufragen. Woher ich kam, wie es mir ging, was ich hier tat. Die Menschen begegneten mir mit einer Mischung aus Ehrfurcht, Neugier und Herzlichkeit. Manchmal war ich fast so etwas wie eine Sehenswürdigkeit auf zwei Beinen.
Zum Abschluss notierte ich mir die Adresse unseres Taxifahrers – man weiß ja nie: Selram Vachivelo 10187 Jalan Buleit Kelang 41300 Selangor / Malaysia
1. April 1996 – Penang, Malaysia – Jagd nach Software im Schatten der Gassen
Penang. Wieder ein Ort, an dem ich es irgendwie geschafft hatte, mich fast den gesamten Tag freizuspielen – ein Kunststück, das auf See beinahe unmöglich scheint. Doch auf der Italia Prima war manches anders. Das kluge Zusammenspiel zwischen dem Soci und mir – und zugegeben auch die Schwäche von Harro – machten’s möglich. So viel Freizeit hat man auf keinem anderen Schiff der Welt, zumindest nicht in dieser Position.
Ich hatte für diesen Tag eine Mission: Ich wollte meine Piraten-CD finden. Wieder einmal zog es mich in die dunklen Gassen von Chinatown, wo ich insgesamt sieben Stunden verbrachte. Ich durchkämmte zwielichtige Hinterhöfe, fragte in düsteren Läden nach – immer dort, wo ich „Freaks“ vermutete, die von illegaler Software mehr verstanden als von Luft und Liebe.
Im größten Shopping-Center der Stadt traf ich schließlich auf einen Verkäufer, der mir verschwörerisch zuflüsterte, dass er „vielleicht jemanden kenne“. Mein Herz schlug schneller. Ich wusste: Jetzt wird’s ernst. Drei Stunden lang wurde ich weitergereicht, mal durch Läden, mal durch Treppenhäuser – bis ich schließlich, tief hinter den Toiletten, in einer versteckten Kammer stand.
Und dann – wie im digitalen Paradies: Stapelweise Black-Market-Ware, die Regale voll mit CDs, Softwareschätzen, raubkopierten Zukunftsträumen. Ich war angekommen. Ich erstand stolz die Master Install Vol. 2, etliche High-Tech-Programme, die auf dem regulären Markt noch gar nicht erhältlich waren – echte Schmankerl für Computernerds. Dazu noch einige besonders raffinierte Spiele. Der Preis? 220 Dollar. Der Wert zu Hause? Umgerechnet fast 280.000 Schilling. Was für ein Fang!
Doch die größte Überraschung wartete nicht in einer schummrigen Hinterkammer, sondern in meiner Kabine.
Der Einsatzbefehl ist da.
Noch während ich meine digitalen Schätze sortierte, erreichte mich mein neuer Einsatzbefehl. Ich sollte in nur zwei Tagen Hals über Kopf nach Wien fliegen – ein Kurzurlaub von drei Tagen war mir gegönnt, bevor es direkt weiterging. Nächstes Ziel: Balboa. Dort würde ich die Kazakhstan II übernehmen.
Ein Neuanfang. Wieder einmal.
Die Route klang verheißungsvoll: von Panama durch den berühmten Kanal, weiter nach Jamaika, dann über die Großen Antillen nach Boston, Philadelphia und hoch nach New York. Und weiter – bis nach Montreal. Am 12. Mai würde ich in Bremerhaven wieder europäischen Boden betreten.
Ein neuer Abschnitt meiner Reise – spannend, ungewiss, voller Möglichkeiten.
Wann diese Reise endet? Nun, das wissen wohl nur die Götter. Vielleicht endet sie nicht einmal mit dem Tod – denn selbst danach, da bin ich mir sicher, geht’s weiter.
2. April 1996 – Langkawi, Malaysia – Abschied in 120 Kilogramm
Langkawi. Für mich fühlt sich dieser Ort beinahe wie Heimkommen an. Vor drei Jahren verbrachte ich hier einen großartigen Urlaub – damals war die Insel noch weitgehend unberührt, fast wie ein verstecktes Paradies, das nur Eingeweihte kannten.
Heute hat sich einiges verändert. Die Malaysier haben in der Zwischenzeit ordentlich Gas gegeben. Neue Hotelanlagen sprießen aus dem Boden, der Flughafen wurde erweitert – man merkt, dass der Tourismus hier längst angekommen ist. Und trotzdem hat Langkawi nichts von seiner Magie verloren: Die wilden, bizarren Kalksteinfelsen, das türkise Wasser, die sanften Buchten… Es ist und bleibt ein kleines Paradies auf Erden.
Für mich allerdings ist der Tag geprägt von Chaos – ich bin im Abreisemodus. In wenigen Stunden soll ich das Schiff verlassen, und mein Gepäck bringt es auf stolze 120 Kilogramm. Ich werde also nicht nur emotional schwer bepackt aussteigen…
3. April 1996 – Phuket, Thailand – Ein letzter Tanz, ein letzter Blick
Mein vorletzter Arbeitstag auf der Italia Prima. Es ist spürbar, dass der Abschied naht – nicht nur für mich, auch für meine Crew. Besonders die Mädels nehmen es sich zu Herzen. Jede halbe Stunde kommt eine andere zu mir, mit ernsten Blicken, traurigem Lächeln: „Bitte bleib doch… pfeif auf die Company…“ Ich weiß, es kommt von Herzen, und das berührt mich mehr, als ich zugeben will.
Aber wie es so oft ist, wenn ein Kapitel zu Ende geht, will man den Abschied auch noch einmal ordentlich feiern – und das tun wir.
Nach dem Late-Night-Snack ziehe ich gegen Mitternacht mit Babsi, der Friseurin, Iris, der Boutique-Tante, und wie könnte es anders sein, auch Soci war natürlich dabei, hinaus nach Patong.
Und wie immer herrscht dort der ganz normale Wahnsinn: Musik, Lichter, Gerüche, Leben. Erst ziehen wir durch ein paar Straßenlokale, dann finden wir uns – wie es Phuket eben verlangt – in einer der sündigen Meilen wieder.
Letztlich landen wir, ganz klischeegerecht, in einem dieser typisch thailändischen Animier-Tanzlokale, in denen an der Stange getanzt wird, jedes Mädchen mit einer Nummer. Wer will, kann sich eine Begleitung für die Nacht „aussuchen“. Ich muss sagen: Die jungen Frauen dort sind von außergewöhnlicher Schönheit, und es wundert keinen, wenn man(n) zu später Stunde plötzlich schwach wird. Sie wissen um ihre Wirkung – und sie wissen auch, wie sie sie einsetzen.
Zum Glück sind wir in Begleitung. Ohne Babsi und Iris wären wir wohl hoffnungslos versumpft – und hätten uns am nächsten Tag mächtig geärgert.
Gegen fünf Uhr früh kommen wir zurück zum Schiff. Müde. Angeheitert. Ein wenig melancholisch. Ich glaube, es war ein schöner Abschiedsabend, einer, den man nicht vergisst.
Aber trotz all der bunten Eindrücke, der Musik, der Lichter – meine Gedanken waren den ganzen Tag über woanders.
Bei Irene.
4. April 1996 – Phuket, Thailand – Auszug aus dem Paradies
Die Ereignisse überschlagen sich. Seit gestern feststeht, dass ich die Italia Prima verlasse, geht alles rasend schnell. Heute Abend um 21:00 Uhr hebt mein Flieger ab – von Phuket über Bangkok nach Frankfurt, via München und dann weiter nach Wien.
Ich sitze jetzt spätabends hier am Flughafen von Phuket – allein, müde, innerlich aufgewühlt. Mit Tränen in den Augen schreibe ich diese letzten Zeilen aus Südostasien.
Heute musste ich nicht mehr arbeiten – Soci, mein treuer Freund, hat für mich den letzten Dienst übernommen. Am Vormittag sprang ich noch ein letztes Mal in ein knatterndes Tuk-Tuk, fuhr nach Phuket Town, um beim Schneider meine bestellten Jackets abzuholen. Er hatte sie perfekt genäht – echte Maßarbeit.
Trotz herrlichstem Wetter konnte ich mich dann kaum mehr vom Schiff lösen. Ich blieb fast den ganzen Tag an Bord, packte meine Koffer, verabschiedete mich von der Crew. Jeder Einzelne kam vorbei – ehrlich, herzlich. Der Kapitän mochte mich besonders. Ihm fiel der Abschied sichtlich schwer. Selbst unten im Maschinenraum hatten die Jungs feuchte Augen. Ich dachte, ich spinne – gestandene Männer, die ihre Gefühle zeigen. Aber genau das liebe ich. Wahre Männer mit Teamgeist, Emotion und einem großen Herz. Ich werde sie vermissen – diese verrückten Italiener mit ihrer charmant lockeren Lebenseinstellung.
Am späten Nachmittag saß ich noch eine Stunde allein oben auf dem Sonnendeck, ließ das Meer auf mich wirken, sog alles auf. Dann ging ich duschen. Und kurz vor der Abreise kamen Soci, Elfi – mein Liebling – und Britta noch vorbei. Sie hatten eine Flasche Sekt dabei. Soci spielte mir zu Ehren auf seiner neuen Wahnsinns-Stereoanlage noch einmal unseren Song: "The Show Must Go On." Und wie er das tat.
Dann ging alles ganz schnell. Der Agent stand bereit, das Taxi wartete. Ich verschwand in der Dunkelheit. Oben an Deck standen einige meiner alten Gäste – sie winkten mir zum Abschied noch einmal zu. Herzlich. Ehrlich. Bewegend.
Am Flughafen dann der bürokratische Wahnsinn. Mein Ticket gilt nur bis Bangkok – dort muss ich neu einchecken. Dazu kommt das Übergepäck. 20.000 Baht extra. Ein halbes Vermögen.
Als das Taxi langsam entlang der Start- und Landebahn rollt, geschieht etwas Magisches: Die Sonne versinkt in einem spektakulären Finale, blutrot am Horizont, eingerahmt von dramatischen Wolkenformationen. Als wollte auch die Natur Südostasiens mir noch einmal Auf Wiedersehen sagen.
Eine Ära geht zu Ende. Mal sehen, wie die neverending Story weitergeht.